Unternehmen Vom Sprungbrett auf den Laufsteg

Acht junge Modedesigner treten auf der Fashion Week in Berlin an, um den Nachwuchspreis "Designer for Tomorrow" zu gewinnen. Der Sieger wird eine Saison lang unterstützt - bis zur ersten eigenen Show.

Parsival Cserer riskiert gerade sein Leben. Er steht an diesem Junitag auf dem Dreimeterbrett im Stattbad in Berlin-Wedding und hält seine Lieblingsentwürfe in die Kamera. Unter ihm sieben Meter Nichts, dann kalte Fliesen. Das Becken ist leer, tief senkt sich der grüne Boden unter den Sprungtürmen. Seit Jahren steht das Schwimmbad unbenutzt, nicht mal mehr nach Chlor riecht es. Stattdessen Staub und Muff, düsteres Gemäuer.

Leuchtende Farben, Spiral- und Pixelmuster kommen da gut ins Bild. Die selbstgestrickten Kleider und Jacken leben vom Kontrast. „Deshalb hab ich auch schwarze Models für den Katalog ausgewählt“, sagt Cserer. Das passt zum Namen seiner Kollektion, „Good Morning, Miss Obama“. Understatement ist nicht sein Ding, der junge Designer macht unmissverständlich klar, was sein Ziel ist, wen er mit seiner Arbeit anspricht: First Ladys, Business-Frauen ab vierzig.

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Wer die gewinnen will, darf nicht zaudern. Ein Shooting auf dem Dreier, Interviewmarathon, Nachwuchswettbewerb – alles Möglichkeiten, Aufsehen zu erregen, Unterstützung zu finden, eine Chance zu haben als junges Talent zwischen den vielen, die nach oben wollen. An die 200 Absolventen verlassen jährlich allein Berlins Modeschulen, geschätzte 600 bis 800 arbeiten in der Hauptstadt, haupt- oder nebenberuflich.

Cserer hat schon einen guten Schritt vorwärts gemacht. Nach seinem Studium an der Berliner Kunsthochschule Weißensee hat der 28-Jährige es mit seiner Meisterschülerkollektion unter die Finalisten des Wettbewerbs „Designer for Tomorrow“ (DfT) geschafft. Ausrichter ist Peek & Cloppenburg (P&C) Düsseldorf. Für den Textileinzelhändler eine Chance, sich als designaffin zu präsentieren.

Nach dem Preis ein Förderprogramm

Acht junge Designer treten beim DfT-Award gegeneinander an. Während der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin zeigen sie am Freitag, 9. Juli, in einer gemeinsamen Show jeweils fünf Looks. Die meisten haben ihr Studium gerade hinter sich, schicken ihre Diplomarbeit ins Rennen, feilen bis zum Schluss an ihren Favoriten.

Wer die Jury überzeugt – zehn Leute aus der Branche: Journalisten, Wissenschaftler, Designer -, wird nicht nur zum Star des Abends. Nach der Auszeichnung arbeitet er eine Saison lang mit P&C zusammen. Das soll dem Gewinner helfen, auch wirtschaftlich in der Branche Fuß zu fassen. Jüngstes Vorzeigebeispiel ist Sam Frenzel, der Sieger vom Sommer 2009.

Statt mit einer Kollektion hatte der sich nur mit ein paar gezeichneten Entwurfskizzen beworben. Doch die waren so ausdrucksvoll, dass er unter den Finalisten landete. Es folgten Wettbewerb, Sieg, Preisgeld, gesponsertes Atelier und Mitarbeiter für ein halbes Jahr, eine gefeierte eigene Show zur Fashion Week im Januar. „Das Schöne ist“, sagt Frenzel, „dass P&C einem bei den Entwürfen alle Freiheiten lässt.“ Heute gilt er als Shootingstar unter den jungen deutschen Designern.

Plastikschläuche, Stahlleisten und Armbänder aus Bast

Ein solcher Durchbruch scheint noch weit entfernt in der alten Umkleide des Weddinger Stattbads. An den Wänden graue Kacheln, rostige Rohre. Spinde gibt es nicht mehr, nur die Holzbänke ringsum zeugen von der Vergangenheit. Die acht Wettbewerber stehen müde beisammen nach einem langen Tag mit Stylisten und DJs. Welche Accessoires zu welchem Kleid? Zu welcher Musik passt meine Kollektion?

„Aufmerksamkeit – die wollen wir alle hier. Bekannt werden“, sagt Anna Zwick. Die Wochen der Vorbereitung nutzen, die wenigen Teile optimal präsentieren. An Kleiderstangen hängen ihre Werke, formlos, unscheinbar, weit entfernt vom Glamour einer Modenschau. Der Reiz erschließt sich erst allmählich. Wenn etwa Zwick erklärt, was sie sich dachte bei den wulstig gefütterten rosa Jacken und stoffreichen Teilen: „zusätzliche Hautschichten, die das Gefühl vermitteln, wie es ist, im eigenen Körper gefangen zu sein“.

Inspirieren ließ sich die 26-Jährige von dem Film „Schmetterling und Taucherglocke“ des Regisseurs und Malers Julian Schnabel. Dessen Hauptfigur, gelähmt durch einen Schlaganfall, kann nur noch ein Auge bewegen. Die Erkenntnis, dass dennoch die Gedanken frei sind, setzt Zwick in ihrer Arbeit um: „Ich möchte das Schöne im Traurigen zeigen“, sagt sie. Nicht alles aus ihrer Kollektion würde sie draußen tragen, zu einzelnen Stücken aber habe sie schon begeisterte Kommentare gehört.

Schneller Weg in den Markt

Wie Zwick arbeiten auch andere Wettbewerber ohne kommerzielle Erwägungen, nutzen dagegen ihre gesamte künstlerische Bandbreite. Die Rummelplatzkollektion von Magdalena Stark zum Beispiel, in der sie Plastikschläuche, Bügelperlen und eine Unmenge von Glitzerkram und Tüll verarbeitet hat. „Eigentlich ist ein Rummel etwas Schönes, das uns lockt“, sagt Stark. „Aber wenn man näher kommt, ist alles zu bunt, zu grell.“ Ein Effekt, den auch der cremeweiße Rock auslöst: vom Weitem wie eine Dahlienblüte, beim näheren Hinsehen ein Gebilde aus Hunderten von Latexhandschuhen. Den Widerstreit von Spaß und Beklommenheit wolle sie ausloten, sagt Stark.

Zum ungewöhnlichen Material greift auch Thomas Behrens, wenn er in seiner Kollektion „Wartesaal“ Stahlleisten in zarten Organzastoff einnäht. „Ich bin vernarrt in gute Verarbeitung, in kleine Details“, sagt er. Behrens, Absolvent der Universität der Künste, spielt mit Makeln, Abweichungen von der Norm, näht Ballonseide in Anzugjacketts. Seine Konkurrentin Cora Isabel David sucht selbst im Baumarkt nach Bast für die Armbänder zu ihrer Kollektion.

Konventioneller ging es jetzt Vorjahressieger Sam Frenzel an, zumindest in der kleinen Handtaschen-Serie, die er für P&C entworfen hat. Dafür nimmt er Kunstleder, „hochwertiges PVC“, betont er, „nichts anderes benutzt Louis Vuitton auch.“ Nach dem Studium hat Frenzel sechs Jahre in Paris gearbeitet, unter anderem bei Dior. Heute versteht er sich als Couturier, entwirft opulente Kleider und Accessoires, eine Strickjacke für 4000 Euro zum Beispiel. Der Ausflug ins Kaufhaussegment reizt ihn dennoch: „Ich möchte beweisen, dass Design und Geschmack nichts mit dem Preis zu tun haben. Und dass es Spaß machen kann, als Designer in engeren Grenzen zu arbeiten.“

Die steckt in diesem Fall das Kaufhaus, das die Verkaufpreise vorgibt: rund 65 Euro kosten die Taschen. Von der Hochschule in den Handel – dank des Wettbewerbs ein schneller Weg, der auch lehrt, welche Zugeständnisse der Massenmarkt fordert.

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