Unternehmen Warum es deutsche Unternehmer jetzt nach Myanmar zieht

Das "Goldene Land" Myanmar erlebt seine kapitalistische Wiedergeburt. Nach jahrelanger Abschottung öffnet sich der einst reichste Staat Südostasiens erstmals für westliche Unternehmer.

„Wir treffen uns um 15 Uhr an der Bofunggyaw Street“, ruft Tim Scheffmann in sein Handy. Es rauscht, nur Wortfetzen dringen durch die Leitung, im Hintergrund Hupen, laut ratternde Dieselmotoren, Schreie. Was für eine Street? Scheffmann ruft: „Wenn sie mich nicht finden, dann rufen sie mich einfach von einer der alten Frauen aus an.“

Die alten Myanmarinnen am Straßenrand sind manchmal die letzte Rettung. Sie sitzen auf den Gehwegen Ranguns, hinter ihnen rauscht der Verkehr vorüber, vor ihnen steht ein kleiner Tisch mit einem Telefon. In einem Land, in dem SIM-Karten noch eine Kostbarkeit sind, bleiben die Telefone am Straßenrand unverzichtbar.

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Die „Bofunggyaw Street“ entpuppt sich als Bo Aung Kyaw Street, Tim Scheffmann taucht pünktlich aus dem Gewusel auf. Er trägt einen Longyi, den landesüblichen Wickelrock für Männer, und ist auf dem Weg zu einem Kunden. Die Tracht eigne sich hervorragend, um das Eis zu brechen und Vertrauen aufzubauen, sagt Scheffmann. Jahrelang arbeitete der Finanzfachmann bei der Credit Suisse, zuletzt in Singapur. Dann wurde es dem Banker in seinem Büroturm zu fade. Er zog nach Rangun, machte sich selbstständig. Nun berät der Deutsche burmesische Banken und hilft Firmen beim Markteintritt. Was den 39-Jährigen herlockte, ist nicht nur ein Abenteuer, sondern etwas völlig Neues.

Myanmar ist der momentan aufregendste Markt in Asien, manche sagen sogar: der ganzen Welt. Tim Scheffmann ist nur ein Einzelner im großen Strom aus Geschäftsmännern und Glücksrittern, der das bis vor Kurzem verschlafene Land gerade ins 21. Jahrhundert reißt. Irgendwann im Laufe dieser Entwicklung werden auch die alten Frauen mit ihren Telefonen am Straßenrand verschwinden. Die Zahl der Handys im Land wächst jedenfalls rasant.

50 Jahre lang beherrschte eine Militärjunta das frühere Burma, die das Land vom Rest der Welt abschottete. Während ringsherum ein asiatischer Staat nach dem anderen seinen Platz in der Weltwirtschaft fand, blieb Myanmar ein weißer Fleck auf dem Atlas der Globalisierung. Vor zwei Jahren änderte sich das auf einmal.

Goldgräberstimmung

Die Generäle zogen sich in den Hintergrund zurück, eine zivile Regierung begann mit Reformen, hob den Hausarrest der oppositionellen Volksheldin Aung San Suu Kyi auf und ließ erstmals freie Wahlen zu. Der Westen beeilte sich, das Land wieder in die Weltgemeinschaft aufzunehmen und lockerte die Sanktionen.

Seitdem herrscht Goldgräberstimmung. „In den letzten Monaten haben sich mehr Menschen bei mir über Myanmar erkundigt als in den vergangenen 25 Jahren“, sagt Jerzy Wilk.Von seinem Büro aus kann der Geschäftsführer des deutschen Schiffsmanagers Uniteam Marine täglich die Fortschritte eines Neubaus betrachten, für Tagungsräume und eine große Übungskombüse. Uniteam bildet Matrosen und Offiziere aus, um sie auf die Schiffe ihrer Kunden zu schicken, allein am Standort Myanmar sind 4500 Menschen beschäftigt. Im neuen Hightech-Simulator mit 360-Grad-Rundumblick können die Offiziere bald komplizierte Hafeneinfahrten trainieren. Uniteam investiert viel in den Standort, trotz einiger Risiken, denn Wilk glaubt an das Land.

Seit Monaten geben sich die deutschen Wirtschaftsdelegationen in Rangun die Klinke in die Hand. Gerade war der Ostasiatische Verein mit einer Gruppe Unternehmer da, im Januar kommt die Exportagentur des Landes Baden-Württemberg mit Mittelständlern. Manche Maschinen- und Anlagenbauer spüren schon jetzt einen Myanmar-Effekt: Die Investitionsgüter im Land sind so alt, dass so gut wie alles modernisiert werden muss. „Es gibt Bedarf in allen Bereichen“, sagt Jürgen Oswald, Chef von Baden-Württemberg International. Neben den klassischen Industriezweigen wie Maschinenbau und Produktionstechnik sehe er Chancen für die Energie- und Bauwirtschaft. So soll an der Küste ein 250 Quadratkilometer großer Mega-Industriepark entstehen. Der dort geplante Tiefwasserhafen könnte die Logistikströme der ganzen Region verschieben.

60 Millionen potenzielle Konsumenten

Myanmar mit seinen mehr als 60 Millionen potenziellen Konsumenten liegt genau zwischen den Wirtschaftsmächten China und Indien. Im Boden lagern riesige Rohstoffvorkommen: Für den Abbau von Öl, Gas, Zinn und Wolfram wird ebenfalls neue Technik benötigt. Die Wirtschaftsleistung könnte sich durch die Modernisierung bis 2030 vervierfachen, sagt eine McKinsey-Studie voraus.

„Rising Star“ nennt die sonst eher nüchterne Deutsche Außenhandelskammer begeistert das Land – wohl in dem Wissen, dass der deutsche Mittelstand trotz allem nur schwer dazu zu bewegen ist, in derart unbekanntes Terrain aufzubrechen. Während asiatische Unternehmen längst mit der Markterschließung beginnen, schauen viele deutsche Firmen zu. Sie wollen abwarten, ob sich das Land nach den Wahlen 2015 weiter öffnet oder ob es Rückschläge gibt. Auch die Nachrichten von ethnischen Konflikten auf dem Land schüren Unsicherheit. Im Oktober explodierte im Zentrum von Rangun eine Bombe, dabei wurde eine Touristin verletzt. Unternehmer, die bereits im Land sind, fühlen sich trotzdem sicher. „Insgesamt halte ich das Land für politisch stabil, auch wenn ab und zu mal ein Bömbchen hochgeht“, sagt Bert Morsbach.

Der 76-Jährige lebt seit 20 Jahren in Myanmar, hat hier das erste Weingut aufgebaut und fühlt sich auch auf dem Land sicher. Mit seinen 100 Mitarbeitern nutzt der Pionier nun die branchenübergreifende Aufbruchstimmung zur Expansion. Neben eigenem Wein vermarktet der Unternehmer jetzt zusätzlich eine aus Südafrika importierte Sorte. Auch der nicht gerade zu Harakiri neigende Medizintechnikhersteller B.Braun aus Melsungen hat eine eigene Repräsentanz in Rangun eröffnet, um früh Marktanteile zu erobern.

Etwas Gelassenheit braucht man ohnehin, wenn man in Myanmar Geschäfte machen will. Die Bank, die Tim Scheffmann heute besucht, sieht innen so aus wie eine alte deutsche Bahnhofshalle. Es gibt kaum Computer, die Angestellten machen die Einträge in die Sparbücher noch von Hand. Berater Scheffmann will der Bank helfen, sich besser für die neue Zeit aufzustellen, durch besseres Marketing etwa. Er zieht den Flyer einer Konkurrenz-Bank hervor. „Schon mal nicht schlecht“, sagt er. Nicht nur Text, sondern auch Bilder. Daran könne man sich doch orientieren. „In Myanmar musst du immer ganz von vorn anfangen“, sagt Scheffmann, „wenn die Leute ein Haus kaufen, zahlen sie meistens in bar. Die Scheine werden hier nicht gezählt, sondern in Reissäcken gewogen.“ Doch auch das ändert sich langsam. Uniteam etwa zahlt seine Matrosen seit ein paar Monaten über ein Konto aus.

Für die meisten ausländischen Unternehmer ist Myanmar noch eine Black Box. Sie wissen gar nicht, was auf dem Markt ankommt. Marita Schimpl macht sich für sie schlau. Seit eineinhalb Jahren arbeitet die deutsche Marktforscherin bei Myanmar Survey Research. Schimpl besucht Familien, die zu neunt in einem kleinen Zimmer leben, und sie interviewt Frauen der Oberschicht in Luxusvillen. Der Lebensstil ändere sich, beobachtet Schimpl, das Interesse an westlichen Konsumgütern steige. „Vor zwei Jahren gab es hier fast nur schlechte Qualität aus China, noch immer gibt es viel Schrott. Das haben die Burmesen satt“, sagt sie.

Doch die Änderungen kommen nicht über Nacht. Die Mieten für Wohnungen und Häuser haben sich zwar vervielfacht, westliche Standards erreichen sie trotzdem selten. Statt Wasser kommt manchmal nur braune Brühe aus dem Hahn. Und wer ins Internet will, braucht innere Ruhe wie ein buddhistischer Mönch.

Konkurrenzlos im Goldenen Land

Richard Schlicht hat das Abenteuer Myanmar gerade hinter sich gebracht. Vorerst, denn er wird wiederkommen. Heute Morgen ist der Unternehmer nach Bangkok geflogen. Jetzt sitzt er auf der Dachterrasse eines Hotels, genießt die Brise und nippt an einem Cocktail. Vor etwa zwei Jahren bekam Schlicht eine E-Mail von seinem jetzigen burmesischen Partner Than Aye. Sie kannten sich nicht. Schlicht war damals Geschäftsführer eines Solarplaners in Berlin. Aye fragte, ob man vielleicht koope­rieren könne. Schlichts Arbeitgeber sagte Nein, viel zu riskant. Schlicht sagte Ja. Nachdem er sich mehrmals mit Aye getroffen hatte und von den Chancen überzeugt war, kündigte der 48-Jährige seinen Job. Das alles erzählt Schlicht so, als wäre es selbstverständlich, sich in einem der ärmsten Länder der Welt das erste Mal selbstständig zu machen.

Schlicht ist keiner, der das Risiko sucht. Aber er glaubt, dass er hier viel bewirken kann. Seine Drei-Mann-Firma Relitec konzipiert Solaranlagen für Unternehmen, die nicht an das Stromnetz angeschlossen sind. Der Bedarf ist groß: Nur rund ein Drittel der Haushalte ist elektrifiziert, der Ausbau erfolgt nur langsam. Wer nicht am Netz ist, muss seinen Strom aus teuren und lauten Dieselgeneratoren beziehen.

Schlicht zückt sein Smartphone und rechnet vor, wie viele Tonnen Diesel ein Betrieb sparen könnte. „In der Regel amortisieren sich die Anlagen schon nach vier bis acht Jahren“, sagt er. Schwierig sei die Finanzierung – „und die Burmesen von der Zuverlässigkeit unserer Technik zu überzeugen, die für sie neu ist.“

Schlicht hat so gut wie keine Konkurrenz. Das Interesse der großen Solarunternehmen sei noch gering, sagt er. Trotzdem ist es ein täglicher Kampf: Er klettert bei tropischen Temperaturen auf Dächern herum, um die Anlagen zu montieren, führt stundenlange Diskussionen mit dem Zoll, so lange, bis ein Paket nach mehreren Monaten endlich herausgegeben wird. Die meisten von Schlichts Kunden sprechen kein Englisch, technisch komplexe Sachverhalte muss er von einem Übersetzer erklären lassen. Abends fällt er todmüde ins Bett. Wenn er in Rangun ist, wohnt er im Haus seines Partners. Weil es keinen Fernseher gibt, hat er wieder angefangen zu lesen.

Es gab Momente, da überlegte Schlicht, aufzugeben. Er hätte nicht gedacht, dass es so schwierig würde. Derzeit ist seine Hoffnung ein Fischerei- und Holzbetrieb mit 1000 Mitarbeitern. Mögliches Auftragsvolumen: 1,5 Millionen Euro. Es könnte das Leuchtturmprojekt werden, das sie für den Durchbruch brauchen.

„Vermutlich sind wir ein bisschen verrückt“, sagt Schlicht. „Aber so eine Chance wie jetzt hier in Myanmar, die gibt es nur ein einziges Mal im Leben.“

 
 

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cover-dezember-abbinderAus dem impulse-Magazin 12/2013

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