Unternehmen Warum viele Paare kinderlos bleiben

Geld, Karriere - und dann vielleicht Nachwuchs, in dieser Reihenfolge planen viele Deutsche ihren Lebensweg. Doch warum entscheiden sich so viele ganz gegen Kinder? Die Zeitschrift "Eltern" gab dazu eine Studie in Auftrag. Hier die Ergebnisse im Überblick.

Eine Tanne, oben spitz, unten schön ausladend, mit festem Stamm und jungen frischen
Ästen – das wünschen sich die Demografen, wenn sie ihre Schaubilder
malen, wie eine gleichmäßige Pyramide. Doch unser Land bietet schon länger
keinen guten Mutterboden für Bäume dieser Art. Viel mehr macht sich ein demografischer
Mutant breit: eine Tanne, unten mit lichtem Geäst, in der Mitte und oben wird
sie immer breiter und schwerer. So ein Baum steht nicht gut. Und deswegen sind die Demografen
unglücklich. „Wir brauchen mehr Babys“, sagen sie, „damit der Baum nicht
umkippt.“ Und dann appellieren sie an die jungen Leute: „Macht mehr Kinder!“

„Wollen wir ja“, sagen die: Nach einer repräsentativen Studie, die „Eltern“ und „Eltern family“ jetzt zusammen mit dem Meinungsforschungsinstitut Forsa durchführte,
wünschen sich 86 Prozent der 25- bis 29-Jährigen „auf jeden Fall“ oder
„vielleicht“ Kinder. Bei den 30- bis 34-Jährigen sind es noch 74 Prozent.
Wer diese Zahlen liest, fragt sich sofort: Was ist da los? Warum stehen viele junge Leute
in Deutschland Kindern durchaus positiv gegenüber, kriegen dann aber oft keine?
„In kaum einem europäischen Land gibt es mehr Frauen, die lebenslang kinderlos
bleiben“, sagt Kerstin Ruckdeschel vom Wiesbadener Institut für Bevölkerungsforschung.
Und bei den Männern sieht es nicht viel besser aus. Genau darüber wollte „Eltern“ mehr wissen: In einer Umfrage befragte das Magazin insgesamt 1012 Männer und
Frauen zwischen 25 und 45 Jahren, allesamt kinderlos, zu ihrer Lebenssituation,
ihren Motiven und Wünschen rund um die Familienplanung.

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Warum Kinderwunsch und Praktikantenstelle nicht gut zusammenpassen

Auf die Frage „Wollen Sie Kinder?“
sagen bei den unter 30-Jährigen 58 Prozent „ja, auf jeden Fall“
und führen damit das Feld der von uns
untersuchten Altersgruppen mit großem
Abstand an. Die meistgenannten Gründe
dafür: weil es schön sein muss, Kinder
aufwachsen zu sehen (glauben 95 Prozent
der unter 30-Jährigen),
weil eine
eigene Familie Halt gibt (87 Prozent),
weil Kinder zu einem erfüllten Leben
gehören (85 Prozent).

Gleichzeitig ist aber bei den jungen
Leuten auch noch ein anderer Wunsch
besonders groß: 79 Prozent der unter 30-Jährigen gaben an, dass sie sich erst eine
solide finanzielle Basis aufbauen wollen,
bevor sie ein Kind in die Welt setzen. In
jungen Jahren werden Kinderwünsche
offenbar zurückgedrängt, weil die Existenz
nicht gesichert ist. Man verharrt in langen Aus- und Weiterbildungen und
hat keine Reserven auf der Bank.
„Mein Beruf hat jetzt Vorrang“ geben
zwei Drittel der Befragten unter 30 an. 55
Prozent der Frauen sagen, das berufliche
Fortkommen sei ihnen wichtig – bei den
Männern sind es nur 44 Prozent. Und das
ist nicht verwunderlich. Denn einen guten
Job, eigenes Geld, das haben sich gerade
junge Frauen hart erkämpfen müssen.
Jetzt wollen sie die Früchte ernten
und sich nicht wegen eines Kindes gleich
wieder mit schlecht bezahlten Teilzeitjobs
herumschlagen. Oder als Alleinerziehende
in die Armutsfalle tappen.

Welche Rolle die finanzielle Sicherheit wirklich spielt

Mit zunehmendem Alter verschiebt
sich das Bild: Bei den 30-bis 34-Jährigen meinen
noch 45 Prozent, bei den
über 35-Jährigen meint
nur noch ein Fünftel,
dass der Beruf Vorrang
hat. Offenbar sitzen viele
jetzt bereits fester im Sattel, haben ein finanzielles
Polster. Das Fatale: Der abnehmende
berufliche Druck führt nicht
dazu, dass der Kinderwunsch wächst.
Sondern im Gegenteil: Bei den 35- bis
39-Jährigen möchten nur noch 28 Prozent
auf jeden Fall Kinder.
Verglichen
mit den Jungen ist das weniger als die
Hälfte. Das Fenster, in der die prinzipielle
Bereitschaft zum Kinderkriegen groß ist
(und die Fruchtbarkeit hoch), scheint
sich hier also schon wieder zu schließen
– obwohl der ökonomische Druck immer
mehr abnimmt.

Das schlechte Timing zwischen emotionaler
Offenheit und Existenzsicherung
führt also vermutlich zu einer Art
Verschleppung des Kinderwunsches. In
vielen Fällen offenbar so lange, bis es zu
spät ist. Oder bis aus dem „Vielleicht“
ein „Nein“ geworden ist.

Warum Kinder schön sind – keine Kinder aber auch!

Neben denen, die nie den richtigen
Zeitpunkt finden, gibt es
eine weitere Gruppe: Kinderlose, die „eher
kein“ oder „auf keinen Fall“ ein Kind wollen,
also gar keinen Kinderwunsch haben.
Insgesamt sagen das 22 Prozent, bei den
unter 30-Jährigen allerdings mit 8 Prozent
deutlich weniger als bei den 35- bis
39-jährigen (28 Prozent).

Als wichtigsten Grund gegen Kinder
gaben 81 Prozent in dieser Gruppe an,
sie seien auch ohne Kind mit ihrem Leben
zufrieden. „Eine Familie zu gründen
ist heute eben nur eine Lebensform von
vielen“, sagt Kerstin Ruckdeschel. „Vor
50 Jahren war es in Deutschland beinahe
selbstverständlich, Kinder zu bekommen,
heute nicht mehr. Anders als zum Beispiel
in Frankreich ist Kinderlosigkeit bei uns
nichts Ungewöhnliches.
Und das moderne Leben
bietet dank Beruf, Reisen
und Hobbys heute
ja auch viele interessante
Alternativen.“

Als Grund für eine Entscheidung gegen
Kinder liegt so auch an zweiter Stelle (54
Prozent) die Aussage, man wolle gern
unabhängig sein und nicht an ein Kind
gebunden. Dieser Wert ist mit 76 Prozent
bei den 25- bis 34-Jährigen deutlich
höher als bei den Befragten ab 35
(45 Prozent). Ebenfalls größer ist die
Angst der Jüngeren vor wachsendem
Stress: 53 Prozent der 25- bis 34-Jährigen
sagen, dass andere Eltern auf sie
gestresst wirken und sie so nicht leben
möchten,
aber nur 32 Prozent der
Befragten ab 35 Jahre sind der gleichen
Meinung. Geht man davon aus, dass das
Durchschnittsalter für das erste Kind in
Deutschland bei gut 29 Jahren liegt, so
haben die Befragten mit Ende 20, Anfang
30 wahrscheinlich am meisten Kontakt
zu Baby- und Kleinkindeltern – und das,
was sie dabei beobachten, gefällt ihnen
offenbar nicht: Da ist der schwierige
Spagat zwischen Job und Familie, die
nervige Suche nach einem Betreuungsplatz,
Gehetze, Überforderung.

Dabei haben die Kinderlosen im Westen
mit insgesamt 39 Prozent deutlich
häufiger das Bild der gestressten Eltern
vor Augen als im Osten (25 Prozent).
Grundsätzlich danach gefragt, warum
in Deutschland die Geburtenrate
so niedrig ist, sagen übrigens überraschende
79 Prozent, für viele Menschen
sei der Alltag auch ohne Kinder schon
sehr anstrengend. Nicht umsonst nennen
Soziologen jene Jahre zwischen 25
und 35 auch die Rushhour des Lebens
und meinen das kurze Zeitfenster, in
dem wir alles gleichzeitig schaffen sollen:
unsere Ausbildungen, den Jobeinstieg,
Partnersuche, Hausbau, Altersvorsorge,
Kinder. Eine Zeit auch, in der uns
oft noch die Souveränität fehlt, um die
vielen Anforderungen zu bewältigen.
Tatsächlich nimmt das Stressempfinden
mit zunehmendem Alter wieder ab, das
zeigt auch unsere Studie: Bei den über
40-Jährigen haben nur noch 25 Prozent
den Stress junger Eltern vor Augen,
wenn sie nach Gründen für die eigene
Kinderlosigkeit gefragt werden. Möglicherweise
würden manche aus dieser
Altersgruppe die Mühe schlafloser
Nächte jetzt auf sich nehmen, wenn
es denn mit einem Kind noch klappte.

Warum es ein Problem ist, dass zum Kinderkriegen immer zwei gehören

Die Partnerfrage bereitet ab Mitte
30 immer häufiger Schwierigkeiten:
57 Prozent der 35- bis 39-Jährigen
sagen, ihnen fehle der passende
Partner für ein gemeinsames Kind.
Bei
den über 40-Jährigen sind es sogar 61
Prozent. Männer nennen diesen Punkt
deutlich häufiger als Frauen (50 versus
33 Prozent). Dies steht im Gegensatz zur
weitverbreiteten Annahme, es seien heute
vor allem die Frauen, die zwar Kinder
wollten, aber keinen Mann fänden.

Besteht bereits eine Partnerschaft, und
ist die Beziehung dennoch kinderlos,
so liegt dies nicht daran, dass das Paar
glaubt, den Alltag mit Kind nicht hinzubekommen
– 87 Prozent haben in dieser
Hinsicht keine Sorge.
Auch die Rollenverteilung
ist kein Hemmschuh:
Nur zwölf Prozent
haben Angst, ein
Kind könnte zu einer
nicht gleichberechtigten Rollenverteilung
führen. Dies ist im realen Familienalltag
oft anders: Viele Paare rutschen nach der
Geburt eines Kindes von einer gleichberechtigten
in eine traditionelle Partnerschaft.
Er verdient das Geld, sie bleibt erst
mal beim Kind. Und ist damit oft unzufrieden.
Offenbar wird das Rollenproblem
aber erst ein Thema, wenn das Kind
bereits da ist – und nicht vorher.

Allerdings sagt immerhin jeder fünfte
Mann, der in einer Partnerschaft lebt,
dass er nicht sicher ist, ob die Beziehung
hält. Jeder sechste Mann und jede achte
Frau gibt an, dass die Beziehung deshalb
kinderlos ist, weil der Partner (noch)
keine Kinder möchte. Es sind also auch
hier öfter die Frauen, die bremsen. Das
überrascht. Denn bisher konnte man davon
ausgehen, dass ihr Kinderwunsch
eher größer war als seiner. Und wenn sie
wollte und er zögerte, kam das Kind.
Doch der Nachdruck der Frauen
scheint weniger geworden zu sein. Und
so gilt immer häufiger: Im Zweifelsfall,
und wenn einer nicht will, lässt man es
eben lieber mit dem Kinderkriegen.

Warum Entscheidungen Druck erzeugen

Man lässt es, weil man es lassen
kann, weil Verhüten heute
normaler ist als Nicht-Verhüten und
Kinder nicht mehr einfach kommen.
Im Gegenteil: Wer sich für ein Kind entscheidet,
gerät heute unter Druck. Denn
für eine bewusste Entscheidung gibt es
keine Ausreden. Man hat es schließlich
so gewollt. Also darf man nicht jammern,
kann nicht mit übermäßig viel
Unterstützung rechnen. Und: Man
muss es gut machen, sehr gut sogar!
So sagen immerhin 36 Prozent der
Befragten, ein Grund für die niedrige
Geburtenrate sei, dass viele Menschen
an sich zu hohe Ansprüche als Eltern
haben und alles perfekt machen wollen.

Besonders stark scheinen die über
40-Jährigen den Perfektions- und Entscheidungsdruck
zu empfinden – und
die ganz Jungen. Gefragt, wie sie reagieren
würden, wenn sie plötzlichungeplant schwanger würden, sagten
51 Prozent der 25- bis 29-Jährigen
Frauen und 55 Prozent der Männer:
Ich will zwar im Moment kein Kind,
wäre aber froh, wenn das Schicksal
mir die Entscheidung abnimmt
– auch
dies stützt die anfängliche These, dass
bei jungen Leuten eine große emotionale
Bereitschaft für Kinder vorhanden
ist, die Vernunft aber dagegen spricht.

Warum Kinder Beständigkeit brauchen – und Eltern auch

Also weg mit der Pille? Nein!
Aber was können wir tun, damit
die Entscheidung leichter wird und
sich vor allem mehr junge Leute trauen,
ihre Wünsche nach einem Kind zu
leben? Auf die Frage, welche Bedingungen
eintreffen müssten, damit
sie sich doch für eigene Kinder entscheiden,
gaben bei den Befragten
ohne Kinderwunsch mit 42 Prozent
die meisten das Fehlen finanzieller
Sorgen an.
Etwa ein Drittel würde sich
von einer verlässlichen Kinderbetreuung
umstimmen lassen und ebenso
viele von einem sicheren Arbeitsplatz.
„Beständigkeit, Berechenbarkeit, strukturelle
Verlässlichkeit, das ist es, was
Leute zum Kinderkriegen brauchen“,
meint Kerstin Ruckdeschel. Und das ist
es offenbar, was fehlt, in einer Zeit, da
wir alle schnell, flexibel, mobil sein sollen.

Da jede zweite bis dritte Ehe scheitert,
die Großeltern weit weg wohnen
und Arbeitgeber ihre Mitarbeiter mit
befristeten Arbeitsverträgen hinhalten.
In Berlin versucht man seit einigen
Jahren, gegenzusteuern: Um Eltern
mehr Planungssicherheit zu geben,
führte die Bundesregierung
das Elterngeld
ein und begann mit
dem Ausbau der Kitas.

Und tatsächlich meldete
das Statistische
Bundesamt – wenn auch vorläufig –
zur Jahreswende: Die Geburtenrate ist
2010 deutlich gestiegen!
Ob das daran liegt, dass die Frauen
der Babyboomer-Generation ihren Kinderwunsch
nun nicht länger aufschieben
können und manche sich doch
noch zu einem „Ja“ entschlossen haben
– oder daran, dass die Familienpolitik
der letzten Jahre zu wirken beginnt, ist
ungewiss. Klar ist nur: Eine demografische
Wende ist das noch nicht. Aber
vielleicht ein Anfang. Genau wissen
werden wir das erst in 15 bis 20 Jahren:
So lange brauchen Kinder und Tannen,
um ordentlich zu wachsen.

Alle Ergebnisse finden Sie
auch online unter www.eltern.de/zum-glueck-familie

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