Unternehmen Weihnachten made in Germany

Das Weihnachtsfest als Geschäftsmodell ist eine Erfindung des deutschen Mittelstands. Zwar wächst die Konkurrenz aus China, aber die Zentren des Geschäfts liegen weiterhin in Regionen wie dem Erzgebirge oder dem Hamburger Umland. Von dort aus lenken Familienbetriebe das Weihnachtsbusiness - und das nicht nur zur stillen Zeit.

Das Weihnachtsfest als Geschäftsmodell ist eine Erfindung des deutschen Mittelstands. Zwar verkaufen heute auch die Dänen viele Christbäume, produzieren Chinesen Billiglametta und blasen Mexikaner Kugeln, aber die Zentren des Geschäfts liegen weiterhin im Erzgebirge, im Thüringer Wald, in Hessen, im Schwarzwald und im Hamburger Umland. Von dort aus lenken Familienbetriebe das Weihnachtsbusiness, und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

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Christbaumkugeln

Armut war aller Arbeit Anfang. Weil Äpfel, Orangen, Gebäck als Hängeschmuck den Glasbläsern im Thüringer Wald zu teuer waren, bliesen sie sich Glaskugeln. Die wurden Trend. Heute produziert Krebs Glas Lauscha, Familienbetrieb der vierten Generation, in Rumänien, Mexiko, USA, China für den Weltmassenmarkt. Edle Stücke stellt der Weltmarktführer in Lauscha her, zum Beispiel für Harrods in London. Der Siegeszug der Christbaumkugel begann 1901, als Franklin Woolworth in seinen US-Kaufhäusern erstmals Kugeln in Lauscha bestellte, für das Big Christmas Business.

Nordmanntannen

Der Brauch, sich zu Weihnachten einen Baum ins Zimmer zu stellen, ging von Deutschland aus in die Welt. Der am wenigsten nadelnde Weihnachtsbaum, fanden Experten heraus, ist die Nordmanntanne aus dem Kaukasus. Deren Jungpflanzen bekommen die rund 50 deutschen Weihnachtsbaumpflanzer mit mehr als 20 Hektar Anbaufläche von Henning Pein. Der hatte schon zu UdSSR-Zeiten Setzlinge importiert für seine Baumschule in Appen bei Hamburg.

Ab 1996 untersuchte Pein mit Jürgen Matschke, Professor der Pflanzenphysiologie, Tannenbestände im Kaukasus bis ins letzte Gen, bestimmte die besten Gebiete mit den besten Zapfen und damit den besten Samen. Gerade hat seine Firma für 3 Mio. Euro die Rechte ersteigert, Zapfen in Wipfelhöhe der ausgewählten Gebiete in Georgien weitere fünf Jahre zu pflücken.

Aus dem Kaukasus kommen die Samen nach Nagold im Schwarzwald zu Peins Firma Plusbaum, sie werden untersucht, sortiert und in Säcken zur Henning-Pein-Baumschule nach Appen gebracht. Dort gesät wachsen sie drei bis vier Jahre und werden als Setzlinge an die Baumproduzenten weiterverkauft. Die lassen sie sechs bis sieben Jahre wachsen, dann sind es Bäume für den Markt. Die Nordmanntanne ist der teuerste Christbaum, aber dennoch Bestseller im Markt, auf dem jährlich etwa 800 Mio. Euro nur in Deutschland umgesetzt werden. Außerdem nadeln die deutschen Pflanzer gemeinsam mit den Dänen auch den Rest Europas voll.

Samen für Nordmanntannen gibt es auch billiger. Aber: „Weil man erst nach sieben Jahren sieht, ob es gute Samen waren, ist es ein extremes Risiko“, sagt Pein. „Produzenten können 1000 Euro sparen, mit etwas Pech aber 100.000 Euro Verlust machen.“

Lametta

Über die Produktion des glitzernden Baumschmucks spricht niemand bei Eppstein Foils. Dabei ist die Firma im Taunus-Städtchen mit S-Bahn-Anschluss nach Frankfurt die einzige weltweit, die noch echtes Lametta herstellt.

Ab 1905 verkaufte die 1860 gegründete Fabrik Engelshaar aus plattgewalzter Zinnfolie mit und ohne beigemischtem Blei, war damit wohl auch der weltweit erste Hersteller von Lametta. Heute bauen Chinesen Lametta billiger aus Aluminium oder Plastik, und Eppstein Foils gibt keine Informationen zu Lametta mehr. Aus Imagesorgen:

Das Unternehmen produziert besondere Metallschichten für Solarmodulhersteller, Medizintechnikfirmen, Leuchtdiodenbauer, Materialprüfer und Raumschiffbauer – ein Hightech- Player also, der weltweit unterwegs ist, ein Management- Buyout erlebte und von Chief Executive Officers gelenkt wird. Lametta ist für so einen modernen Betrieb nur noch schnuckelig-kleines Nebengeschäft, betriebswirtschaftlich kaum von Bedeutung. Aber herzergreifend.

Weshalb die Firma, der Tradition wegen, nicht aufhört, im Sommer nebenbei Lametta für den Winter herzustellen.

Räuchermännchen

Nein, Justin Bieber als Räuchermännchen wird es dieses Jahr nicht geben, sagt Andreas Bilz, Geschäftsführer der Seiffener Volkskunst, einem der größeren Räuchermännchenhersteller im Erzgebirge. Er sagt: „Noch nicht.“ Dass Bilz nur vorsichtig Nein sagt, liegt daran, „dass es auch moderne Räuchermännchen geben muss, der Geschmack ändert sich ständig. Wir gehen mit der Zeit, müssen neue Kunden finden.“

400 verschiedene Produkte aus Holz stellt der 30-Mann- Betrieb her, Nussknacker, Engel, vor allem aber Räuchermännchen. Für 20 bis 80 Euro gibt es die zu kaufen, bestehend aus mindestens zwei Teilen, damit man sie öffnen und eine Räucherkugel drin anzünden kann. „Wir gehen nicht mehr mit der Axt in den Wald. Wir verarbeiten gekaufte Birke, Ahorn, Eiche, Buche, Lärche.

Aber für ein Räuchermännchen brauchen wir noch 80 Arbeitsschritte.“ Die Firma wurde 1948 von acht Handwerkern gegründet und produziert seitdem das ganze Jahr für das Weihnachtsgeschäft, nicht mit Endkunden, nur für Händler bundesweit, amerikaweit, chinaweit, japanweit. Und, pssst, gerade lässt Bilz die Designer über Justin Bieber in Buche nachdenken.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 12/2011.

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