Unternehmen Wenn Vorreiter baden gehen

Eine Plattform von Bard in der Nordsee.

Eine Plattform von Bard in der Nordsee.© Bard-Gruppe

Bard wagte sich als kommerzieller Offshore-Pionier Deutschlands in die 40 Meter tiefe Nordsee. 2008 fiel der Startschuss, fünf Jahre später ist die Bilanz ernüchternd. Trotz wegweisender Vorarbeit ist Bard vor allem eins: Paradebeispiel für die Tücken der Energiewende.

Mit dem Blick zurück relativiert sich bekanntlich vieles. Etwa beim Emder Windkraft-Pionier Bard. Vor gut fünf Jahren standen für ihn noch alle Zeichen auf volle Kraft voraus: Das junge Unternehmen drehte im strukturschwachen Ostfriesland das große Rad und plante den ersten kommerziellen Offshore-Windpark weit draußen vor der deutschen Nordseeküste. Zum Start der Prototypen im Mai 2008 sagte Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) Sätze wie: „Wir sind heute an einem für Deutschland wichtigen Schritt beteiligt“. Im Festzelt auf dem Rysumer Nacken bei Emden war alles vom Feinsten. Heute, fünf Jahre später, herrscht Ernüchterung.

Noch in 2010, so hieß es im Ursprungsplan, sollten die 80 Anlagen im Park Bard Offshore 1 weit vor Borkum Strom gen Festland liefern. Doch erhebliche technische Probleme sorgten für gut zweieinhalb Jahre Verzögerung. Auch der Auftritt von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) am Montag zur Eröffnung des fertigen Parks vermag wenig von den massiven Problemen des Offshore-Pioniers abzulenken. Erst vor wenigen Tagen kündigte Bard an, noch im August rund 120 Mitarbeitern zu kündigen. Denn längst stockt die Energiewende auf See. Auch für viele der übrigen 540 Mitarbeiter werde es eng, teilte Bard mit. Das Unternehmen hat laut jüngster Bilanz gut 800 Millionen Euro Schulden.

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Der einst so stolze Offshore-Pionier, der vor gut fünf Jahren an Land seine Prototypen feierte, spiegelt inzwischen eine Realität für Teile der Branche, die weit entfernt ist vom großen Sprung ins Wasser – und damit auch das politische Ziel Energiewende gefährdet. Sie wird von einem breiten politischen Konsens getragen. In Wahlkampfzeiten ist es da eine unliebsame Wahrheit, dass sich zu wenig Mühlen drehen.

Riesigen Hürden auf dem Weg zu regenerativem Strom

Das Ziel: 10 000 Megawatt aus Parks wie Bard Offshore 1 sorgen bis 2020 dafür, dass der Atomausstieg kein klimapolitisches Fiasko wird. Denn scheitert der Plan, könnten ausgerechnet die Kohlekraftwerke das gewollte Abschalten der Atommeiler auffangen. Gaskraft rechnet sich kaum und Sonne wie Wind an Land liefern zu unbeständig. Ohne Offshore vor der Küste könnte die Energiewende also den Anteil des Kohlestroms treiben – und der lag 2012 schon bei 45 Prozent. Experten rechneten jüngst vor, dass das Ziel 10 000 Megawatt bis 2020 völlig unrealistisch sei. Nur für 2900 Megawatt stehe derzeit überhaupt eine Finanzierung, davon seien bisher 2300 Megawatt im Bau. Der auf die Branche spezialisierte Berater Michael Erler hält bis zum Jahr 2023 selbst im optimistischen Szenario maximal 5900 Megawatt für machbar.

Doch auf Offshore ruhen weiter große Hoffnungen. Ein Desaster sind vor diesem Hintergrund Meldungen wie die wenige Tage alte, wonach der Offshore-Windpark Riffgat vom Oldenburger Energieunternehmen EWE mit seinen 30 Mühlen fertig ist, aber keinen Kabelanschluss hat. Er muss deswegen vorerst tatsächlich mit Diesel laufen, damit die Räder nicht rosten. 22 000 Liter Sprit pro Monat sind es, CO2-Ausstoß inklusive.

Die zwei Projekte Bard Offshore 1 und Riffgat verdeutlichen die riesigen Hürden auf dem Weg zu regenerativem Strom. Bei Bard waren es vor allem technische Schwierigkeiten: Vom Dreibeinfundament über das Errichterschiff bis zu den Rotoren baute der Pionier praktisch alles selber – und zahlte viel Lehrgeld. Riffgat dagegen steht, aber ohne Anbindung zum Land fließt kein Strom. Netzbetreiber Tennet sprach von Schwierigkeiten mit Munitionsresten. Gerne wandert der Schwarze Peter an dieser Stelle auch zur Politik. Kritiker vermissen Konzepte aus einem Guss. Inzwischen wechseln Negativ-Szenarien, wonach wahlweise fertige Anlagen ohne Anschlüsse Geld kosten oder eben andersherum demnächst zu viele Anschlüsse für zu wenige Windparks entstehen.

Nach der Bundestagswahl drohen bittere Wahrheiten

Auch aus Sicht der Verbraucher liegt Sprengstoff in dem Thema. Die Ökostromumlage als Hilfe für die Erneuerbaren verteuert schon seit Jahren die Stromrechnung, zum Jahresanfang kam eine Umlage dazu, die Finanzrisiken der Anschlussquerelen auf die Verbraucher abwälzt. Bei einer Stromerzeugung von mehr als 4000 Volllaststunden und einer Anfangsvergütung von 19 Cent die Kilowattstunde dürfte Offshore in den nächsten Jahren die Stromrechnungen noch stärker belasten.

Nach der Wahl könnte das 10 000-Megawatt-Ziel für den Ausbau bei Offshore korrigiert werden, wie aus dem Berliner Regierungsapparat von Schwarz-Gelb zu hören ist. Dann, im Herbst, drohen auch andere bittere Wahrheiten: In der Offshore-Industrie ist nach Einschätzung der Arbeitsagentur mehr als jeder vierte Job in Gefahr. Es gehe um 5000 Arbeitsplätze – fast 30 Prozent der bundesweit 18 000 Stellen. Als Grund dafür werden die unsicheren Rahmenbedingungen mit Debatten um Strompreisbremsen und Vergütungskürzungen genannt – und viel zu optimistische Kostenannahmen sowie Probleme mit Munition im Meer.

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