Unternehmen Wie ein Werber Oberbürgermeister werden will

Kaum einen Unternehmer zieht es in die Politik. Eine Ausnahme ist Sebastian Turner, der Gründer der Werbeagentur Scholz & Friends. Er will Oberbürgermeister werden und das Stuttgarter Rathaus erobern. Porträt eines ewig Werbenden.

Es ist Mittag, als er dem ersten Wutbürger begegnet. Später sagt Sebastian Turner, er habe schon wütendere Wutbürger erlebt in dieser Stadt, die er bald regieren will. Er, der Werber, der Unternehmer, der Quereinsteiger in der Stadt mit dem Bahnhof und der Wut.

Turner sitzt am Tischende im Café des Stadtteilmuseums von Stuttgart-Ost, an den Stühlen stehen auf Messingschildern die Namen ihrer Stifter. Der Wutbürger ist vom Tisch aufgestanden, er hat den Rücken durchgedrückt, so groß hat er sich gemacht, dass er nun beim Reden streng über die eigene Brille blicken kann. Er spricht über Bäume. „Der Planungsfeststellungsabschnitt Einspunktfünf sieht die Abholzung von Bäumen im Rosensteinpark vor. Ich möchte von Ihnen wissen, ob Sie sich uneingeschränkt gegen das Fällen dieser Bäume einsetzen werden.“ Sehr streng blickt er. „Davon hängt ab, ob Sie meine Stimme bekommen.“

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Turner lächelt nicht, Turner blickt nicht grimmig. Es ist schwer, aus seinem Gesicht mit den weichen Zügen zu lesen. Man kann manchmal nur an seinen Augen hinter der randlosen Brille erkennen, dass er lacht.

Um kurz nach 10 Uhr kam er angestapft zu seiner Tour durch den Wahlbezirk, leicht verspätet. Er schüttelte Hände, ohne dabei grüßen zu können, da er noch auf dem letzten Bissen eines Brötchens kaute, fast sympathisch wirkte das, weil so natürlich. Man glaubt Politikern allerdings nicht, dass ihre Natürlichkeit natürlich sei. Andererseits: Turner ist ja kein Politiker. Turner ist ja Bürger.

„Ein Bürger als Oberbürgermeister“ steht zumindest auf den Zetteln, die er verteilt. Sebastian Turner, parteilos, tritt für die CDU als Kandidat an, unterstützt von der FDP und den Freien Wählern. Er möchte Oberbürgermeister von Stuttgart werden. Ins Rathaus einziehen. Turner wirbt wieder.

Er war Chef von Scholz & Friends, einer von Europas größten Werbeagenturen. Vor vier Jahren stieg er aus der Firma aus, arbeitete als Honorarprofessor, gründete ein Wissenschaftsforum. Turner ist 46, ein Mann, der nichts mehr beweisen muss, als ihn im vergangenen Herbst der Stuttgarter CDU-Chef Stefan Kaufmann anspricht: „Können Sie sich vorstellen, Oberbürgermeister von Stuttgart zu werden?“

Turners Beste
Ob er Bürgermeister wird oder nicht – mit seinen Kampagnen hat sich der Werber einen Namen gemacht
Deutschland – Land der Ideen Die erfolgreiche Imagekampagne zur Fußballweltmeisterschaft entstand 2006 unter Turners und Heilmanns Führung bei Scholz & Friends.
Dahinter steckt immer ein kluger Kopf Zum Beispiel der des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Das Foto entstand allerdings noch vor dessen Amtszeit. Deshalb freut sich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ heute umso mehr über ihr berühmtes Testimonial. Turner selbst sitzt übrigens auch mit im Bild. Kleines Suchspiel.
Wir können alles. Außer Hochdeutsch Anfangs gab es bei Scholz & Friends erboste Anrufe aus dem Ländle: „Mir kennet do Hochdeutsch.“ Heute sind die Baden-Württemberger froh und die anderen Länder neidisch auf den coolen Spruch.

Der EnBW-Skandal um den Ex-Ministerpräsidenten Stefan Mappus war noch nicht aufgeflogen. Trotzdem hatte die CDU schon reihenweise Wahlkämpfe in Großstädten verloren. Und in Stuttgart hatte die inzwischen abgewählte CDU-Landesregierung auch noch das Projekt „Stuttgart 21“ zu verantworten. So kam man auf die Idee, einen von außen zu holen. Turner.

Turner, der in Stuttgart aufwuchs, sagt heute: „Die eigene Heimatstadt zu entwickeln – nennen Sie mir eine Aufgabe, die spannender ist?“ Die Vielfalt, nicht nur auf das Geschäftsfeld eines Unternehmens beschränkt zu sein, unterschiedlichste Aufgaben, von der Stadtplanung bis zu Seniorenfragen, auch das habe ihn gereizt. Seine Begeisterung klingt fast naiv. Er wäre nicht der erste Unternehmer, der die neue Berufung hinwirft, genervt vom ewigen Hin und Her der Politik, wo Chefs nicht schnell entscheiden können, sondern mühsam Kompromisse aushandeln müssen.

Aber Turner weiß, was auf ihn zukommt. Sein Vater war für die CDU Wissenschaftssenator in Berlin, damals stellten Studenten auf dem Ernst-Reuter-Platz eine Badewanne auf, in Anspielung auf den Tod von Uwe Barschel, „für Turner“ stand darauf, als sähe man den neuen Senator auch am liebsten tot. „Ich weiß schon, was da kommen kann“, sagt Turner heute. Er schlug ein. Neben dem Grünen-Kandidaten Fritz Kuhn galt Turner lange als Favorit, jetzt hat auch SPD-Kandidatin Bettina Wilhelm aufgeholt.

Quereinsteiger ohne Erfahrung

Der Wutbürger im Café bebt, er spricht in den Saal, rund 20 Leute sind gekommen, die meisten CDU-Anhänger. Bäume, Bahnhof, Stuttgart – es könnte eskalieren. Turner sagt: „Ich bin da nicht bis ins Detail informiert. Schicken Sie mir Ihre Frage bitte per E-Mail. Ich möchte sie gern öffentlich beantworten.“ Die CDUler am Tisch hätten ein paar Antworten, einige schnappen bereits nach Luft. Doch Turner fragt den Mann nach seinem Beruf und wie es so ist in der Klinik, in der er als Physiotherapeut arbeitet. Der Mann antwortet, lässt langsam die Schultern fallen und setzt sich.

Berufspolitiker sind unauthentisch, unglaubwürdig, so geht das Klischee. Deshalb greifen Parteien immer wieder zu Quereinsteigern. Aber will der Bürger auch einen, der mal zugibt: keine Ahnung? Und wie authentisch kann einer bleiben, wenn er einen Wahlkampf gewinnen will? Fritz Kuhn, Turners schärfster Konkurrent, sagt: „Das fröhliche Lied vom Quereinsteiger aus der Wirtschaft ist schnell und schön gesungen. Aber der Erfolg bleibt oft aus, weil die politische Erfahrung fehlt.“

Ein paar Tage nach seiner Tour unterläuft Turner ein Fehltritt. Er hat sich eine große Plakatwand in der Stadt kostenfrei für Wahlwerbung zur Verfügung stellen lassen, nun wird diskutiert, ob ein potenzieller Oberbürgermeister unabhängig sein kann, wenn er sich von Unternehmen die Wahlwerbung spendieren lässt.

Turner ist ein Mann, den man auf den ersten Blick schnell unterschätzen kann. Auf seiner Tour durch Stuttgart-Ost wirkt er manchmal wie der Begleiter seines eigenen Trosses, steht mit seinem etwas ausdruckslosen Gesicht abseits, hört zu.

„Wissen Sie, in unserer Branche sind die meisten Mitarbeiter sehr jung“, erklärt der Leiter einer kleinen Agentur Turner die wundersame Welt der Werbung. Vielleicht ist er aufgeregt, vielleicht weiß er aber auch nicht, dass der OB-Kandidat früher Chef von Scholz & Friends war. Turner jedenfalls hört im Großraumbüro der Agentur in Ruhe zu, dann erzählt er von Kitas und günstigem Wohnraum und dass es bald vorbei ist mit dem schönen Unternehmenswachstum, wenn aus wichtigen Mitarbeiterinnen Mütter werden und keine Kinderbetreuung und Wohnungen in der Nähe sind. Da weiß wieder jeder, dass der Kandidat Ahnung hat von der Welt außerhalb der Rathaus- und Parlamentsmauern.

Firmensitz im Kinderzimmer

18 Jahre war Turner alt, als er 1985 eine Zeitschrift gründete, das „Medium Magazin“, ein Blatt für Journalisten. Er studierte Politik in Berlin und den USA, mit 24 Jahren machte er rüber, nach Dresden, kurz nach dem Mauerfall, aber noch vor dem Ende der DDR. Er gründete mit seinem Freund Thomas Heilmann und dem Dresdener Grafiker Olaf Schumann die Werbeagentur Delta Design, mit erstem Firmensitz in Schumanns Kinderzimmer in der Wohnung seiner Eltern. 1991 ging die Firma in Scholz & Friends auf, neun Jahre später hatten Turner und Heilmann Scholz & Friends übernommen und standen als Vorstandschefs bis 2008 an der Spitze der gesamten Agentur.

„Sebastian Turner gräbt so lange, bis er ein Problem verstanden hat“, sagt sein ehemaliger Weggefährte Olaf Schumann, das habe ihn so erfolgreich gemacht. Und er habe ein Gespür für seine Umgebung. Früher in der DDR habe sich Turner nie als einer aus dem Westen zu erkennen gegeben, wenn ein Wessi in der Runde stand und den Ossis die Welt erklären wollte, er sei dagestanden wie ein Ossi unter Ossis, ja, das hätten sie ihm hoch angerechnet, damals.

„Schon als Unternehmer konnte Sebastian Turner sehr gut widerstreitende Interessen ausgleichen – oft durch überraschende Ideen, auf die niemand sonst gekommen ist. Das können nur wenige, ob in Politik oder Wirtschaft“, sagt Thomas Heilmann. Und die Erfahrung als Unternehmer helfe sehr, wenn man ein Ministerium oder eine Stadtverwaltung führe.

Am Ende seiner Stuttgart-Ost-Tour sitzt Turner im Garten des Muse-o. Eine Wespe hat sich seiner Kaffeetasse genähert, und es offenbart sich eine überraschende Mischung aus Aggression und Risikofreude, als Turner versucht, das Tier mit der flachen Hand zu eliminieren. Dann spricht er vom Problemlösen: „Als guter Kommunikator suchen Sie nicht nur einen Spruch. Sie machen sich die gesamte Unternehmenssituation zu eigen, verstehen die Fragen der Kunden und leiten daraus die Strategie ab.“

„Stuttgart 21“ schnell durchziehen

Die Stärke eines guten Werbers liegt nicht selten darin, aus der Not eine Tugend zu machen. Bei der Unternehmensführung sei es ähnlich, fährt Turner fort: „Wenn man eine Unternehmensstrategie entwickelt, fragt man sich: Wohin entwickelt sich der Markt, in dem wir uns befinden, in den nächsten zehn Jahren? Und wie sind wir schneller dort?“

Man nehme „Stuttgart 21“: Der Bahnhof ist nicht mehr abzuwenden. Turner betont, dass er immer für den Bau war. „Also lasst uns das Projekt schnell durchziehen. Da wird eine riesige Fläche mitten in der Stadt frei, die wir neu gestalten können“, sagt er den Zuhörern im Stadtteilmuseum. Und wenn sich die Bürger mit derselben Energie, mit der sie um den Bahnhof stritten, für die Gestaltung der Stadt einsetzten: Welche Ideen könnten freigesetzt werden!

„Schon heute leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land.“ Darin läge das Potenzial: Städteplaner profilieren sich unter Einbeziehung der Bürger an der Herausforderung „S?21“, werden dadurch zum Exportgut in die wachsenden Städte der Welt und nehmen Stuttgarter Bauunternehmer mit. So spricht Turner, auf einmal ist im Muse-o die lokale Milliardenposse mit der Entwicklung der Menschheit verknüpft: Urbanisierung, Rio, Tokio, Schanghai, der Bahnhof im Weltstädtle Stuttgart, der Zorn der Wutbürger, die CDU und ihr OB-Kandidat. Die Gäste im Saal hören es sich an, ein paar nicken, ein paar stochern in ihrem Kartoffelsalat. Ob sie ihn verstanden haben?

Turners Gegner Fritz Kuhn lässt gern fallen, dass sein CDU-Kontrahent sich etwas kompliziert ausdrücke. „Die Wähler wollen klare Botschaften“, sagt Kuhn, der sich in diesem Wahlkampf als „alter Hase“ positioniert. Dort, wo Turner von Problemen und Lösungen spricht, redet Kuhn von Idealen. Natürlich sei er nach all den Jahren noch immer Idealist, sagt Kuhn, aber auch Realist. Und Turner? „Zumindest ist er ehrgeizig.“

Sollte der Werber Turner am Ende scheitern, könnte die Ironie darin liegen, dass es ihm nicht gelungen ist, sich selbst gut zu verkaufen.

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