Unternehmen Wie Vaude auf Nachhaltigkeit getrimmt wird

impulse-Netzwerktreffen beim Outdoor-Ausrüster in Tettnang: Wie Chefin Antje von Dewitz das Familienunternehmen konsequent auf Nachhaltigkeit trimmt - ein Kulturwandel.

Eine Spielwiese, ein Baumhaus, ein Sandkasten und 30 Unternehmer. Es dauert nicht lang, bis einer die Kinderrutsche entdeckt und seinen Anzug einem Stresstest unterzieht. Die Firmenkita von Vaude dient an diesem Nachmittag zwar nur als Kulisse für ein Gruppenfoto des vierten impulse-Netzwerktreffens. Sonst ist die Kinderoase aber viel mehr: Symbol dafür, dass zu einem nachhaltig aufgestellten Unternehmen mehr gehört als Umweltschutz, soziale Verantwortung zum Beispiel. So kümmert sich Vaude nicht nur um Kinderbetreuung. Mitarbeiter am Stammsitz in Tettnang retteten auch das öffentliche Freibad Obereisenbach vor der Schließung. Jetzt betreiben sie es in Eigenregie.

„Take care“ steht auf dem T-Shirt von Antje von Dewitz. Das ist nicht nur ein Spruch, das meint sie auch so. Ihr Vater hat das Unternehmen aufgebaut, das nicht nur Bergsteiger mit Wind-und-Wetter-Klamotten ausstattet, sondern auch Rucksäcke und Fahrradtaschen herstellt. Die Tochter führt Vaude nun in eine grüne Zukunft – was nicht ganz leicht ist in dieser Branche: Outdoor-Produkte stehen wegen ihrer umweltbelastenden Materialien seit Jahren in der Kritik. „Für wasserfeste Stoffe braucht es Chemie“, sagt von Dewitz. „Dem müssen wir uns stellen.“ Und zwar nicht nur in der Produktion, sondern überall im Unternehmen.

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Die impulse-Abonnenten ahnen es bereits beim Rundgang durch die Firmenzentrale: Ein ganzes Unternehmen nachhaltig aufzustellen ist Sisyphusarbeit. Es gibt Fahrgemeinschaftsparkplätze, Elektrobikes und einen Automaten, der Fahrradschläuche ausspuckt. Ein Shuttlebus soll es den Mitarbeitern erleichtern, auf das Auto zu verzichten – und das auf dem platten Land, wo der öffentliche Nahverkehr so lückenhaft ist wie der Handyempfang.

In der riesigen Lagerhalle berichtet ein Mitarbeiter, wie der Einzelhandel dazu gebracht werden soll, größere Mengen zu bestellen. Das spart nicht nur Verpackungsmaterial, sondern auch Lkw-Sprit. In der „Made in Germany“-­Manufaktur dürfen die Gäste Hand anlegen an die ersten Taschen, die völlig ohne umweltschädliche PVC-Stoffe entstehen. Das ist aufwendig: Die Kosten sind um 15 Prozent ge­stiegen, seit Vaude die Herstellung Schritt für Schritt umweltfreundlicher gestaltet. Die Formel ist einfach: Je weniger Chemie drin ist, desto teurer werden die Produkte. Trotzdem rennen die Kunden nicht weg, im Gegenteil. Der Umsatz steigt, gerade weil sich Vaude erfolgreich im etwas teureren Ökosegment positioniert. Das geht allerdings nur Schritt für Schritt. Hinauf bis auf den Gipfel soll es gehen, Vaude nennt es den „Sustainability Summit“.

Antje von Dewitz steht im „Abteilungsleiter-Meetingraum“, umgeben von bunten Taschen, Rucksäcken, Regenjacken und Schlafsäcken. Auf einer Powerpoint-Folie ist der Gipfel schon zu sehen. Ein Berg symbolisiert den Weg, den Vaude mit seinen 1600 Mitarbeitern eingeschlagen hat. 2008 ging es im Basislager los, mit der Gründung eines Teams für Nachhaltigkeit, das seitdem jeden Stein in der Firma umdreht. Inzwischen gibt es ein eigenes Nachhaltigkeitscontrolling, das Umweltmanagement wurde zertifiziert, der strenge Bluesign-Standard für Ökotextilprodukte eingeführt.

Für all das sammelte Vaude bereits einen „Haufen Preise“, wie Antje von Dewitz sagt, zuletzt den B.A.U.M-Umweltpreis, Empfang bei Joachim Gauck inklusive. Solche Auszeichnungen sind ein wichtiges Werbemittel für das Familienunternehmen, das mit den Riesenbudgets von The North Face oder Jack Wolfskin nicht mithalten kann. Dafür hängt Vaude die Rivalen ab, wenn es um Umweltschutz geht, wie die Vergleichsplattform Rank a Brand ermittelte.

„Und wie nehmen Sie die Mitarbeiter mit bei so einem Kulturwandel?“, fragt ein Unternehmer bei einer Tasse Fair-Trade-Kaffee. „Wir haben viele Outdoor-Fans hier. Die sind leicht zu überzeugen.“ Wer viel in der Natur unterwegs ist, wisse, was es zu schützen gilt. Trotzdem dauere es, bis jeder Einzelne in seinem Aufgabenfeld nach Stellschrauben suche, an denen sich drehen lässt. „Green IT“ oder „Green Logis­tics“ sind die Stichworte. Selbst die Finanzleute sollen sich umstellen: Vaude plant, künftig auch mit einer nachhaltig aufgestellten Bank zusammenzuarbeiten.

Bis 2015 will von Dewitz den ersten Sustainability Summit erreicht haben. Von dort geht es dann zum nächsten, höheren Gipfel.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 07/2012.

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