Unternehmen Wir brauchen Zuwanderung!

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Viele Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften

Viele Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften© JiSign - Fotolia.com

Ohne Zuwanderung wird Deutschland an Wohlstand und wirtschaftlicher Stärke verlieren, warnt Unternehmerin Marie-Christine Ostermann. Deshalb müsse die Bundesrepublik für Fachkräfte aus dem Ausland attraktiver werden - und die Regierung schnell pragmatische Lösungen anbieten. Ohne umständliche Bürokratie.

Durch die nun volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU und den aktuellen Volksentscheid in der Schweiz wird das Thema Zuwanderung momentan stark und kontrovers diskutiert. Einige Bedenken und Sorgen sind dabei in der Bevölkerung präsent. Ich bin aber davon überzeugt, dass die Vorteile der Arbeitnehmerfreizügigkeit und Zuwanderung die Risiken weit überwiegen.

In unserem Unternehmen Rullko haben wir in den vergangenen Jahren sehr positive Erfahrungen mit zugewanderten Mitarbeitern gemacht. Wir beschäftigen in der Verwaltung, in der Logistik und im C+C-Markt nicht nur deutsche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern zum Beispiel auch Menschen aus osteuropäischen Ländern, Italien, Spanien, Portugal, Türkei oder England. Dass Temperament, Mentalität, Kultur, Ansichten und Lebensweisen somit in unserem Team sehr vielfältig und unterschiedlich sind, sehe ich positiv und vorteilhaft. Durch ein vielfältiges Team entstehen am besten gute Diskussionen und neue, kreative Ideen, die das Unternehmen nach vorne bringen.

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Die ausländischen Menschen in unser Unternehmen zu integrieren war bisher nie ein großes Problem. In den meisten Fällen konnten die Mitarbeiter von Anfang an gut Deutsch sprechen. Aber nicht in allen Unternehmensbereichen sind perfekte Deutschkenntnisse nötig. Als Fachkraft Lagerlogistik zum Beispiel ist es in unserem Betrieb ausreichend, wenn ein Mitarbeiter Deutsch verstehen und lesen kann. Er oder sie muss aber selbst nicht komplett fehlerfrei und fließend Deutsch sprechen können. Auch bei manchen Auszubildenden waren die Deutschkenntnisse zu Beginn ihrer Ausbildung noch nicht sehr gut. In unserer 3-jährigen Ausbildung zum Kaufmann oder Kauffrau im Groß- und Außenhandel ist aber Zeit genug da, die Sprache zu perfektionieren. Zwischen Vorstellungsgesprächen im Herbst und Winter und Ausbildungsbeginn im darauffolgenden Sommer liegen auch noch einige Monate, in denen bei Bedarf ein Deutschkurs gemacht werden kann. Ein ehemaliger Azubi, der nur fehlerhaft deutsch sprach, als er bei uns im Vorstellungsgespräch saß, ist nun schon seit vielen Jahren in unserem Unternehmen tätig und macht sehr gute und wertvolle Arbeit in unserer Verwaltung.

Jedes Jahr weniger Ausbildungsbewerber/-innen
Rullko steht vor dem Problem, dass sich jedes Jahr immer weniger Menschen vor allem für unsere Ausbildung, aber auch für andere Stellen, bewerben, obwohl wir immer mehr Werbung für unsere Ausbildung machen, Schulkooperationen pflegen, Praktika anbieten und in Hamm und der Umgebung gut bekannt sind. Ich bin mir sicher, dass diese Entwicklung zum Großteil mit dem demographischen Wandel zusammenhängt, denn es gibt in Deutschland immer weniger jüngere Menschen. Noch dazu wollen viele Menschen anstelle einer Ausbildung lieber studieren. Viele zieht es auch eher in die Großstädte statt in ländlichere Regionen. In Hamm gibt es immer weniger junge Menschen, welche die Schule gerade abgeschlossen haben und dann eine Ausbildung machen möchten. Wenn unser Standort somit so attraktiv wäre, dass noch mehr Inländer und auch Ausländer sich gerne hier niederlassen und hier arbeiten möchten, wäre das Problem des Fachkräftemangels für unser Unternehmen sicherlich schon einmal kleiner.

Natürlich ist es wichtig, alles zu tun, um das bestehende Mitarbeiterpotential vor Ort auch besser zu nutzen. Hier gilt es, durch Verbesserungen am Schulsystem die Schulabbrecherquoten zu verringern. Langzeitarbeitslose müssen durch flexible Arbeitsmärkte weiter Chancen erhalten, eine Anstellung zu erlangen, in der sie sich weiterentwickeln können. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexible Unternehmen und genügend Betreuungsmöglichkeiten kann erreichen, dass Eltern weiterarbeiten und kürzer in die Babypause gehen. Und Ältere sollten durch einen späteren Renteneintritt und flexible Betriebe länger arbeiten, sofern sie fit und gesund sind. Nichtsdestotrotz brauchen wir auch mehr Zuwanderung im alternden Deutschland, um unsere Produktivität und unseren Wohlstand zu halten.

Nötig ist eine bessere Willkommenskultur
Dringend notwendig ist hierfür eine bessere Willkommenskultur. In Hamm gibt es ganz aktuell große Bedenken aufgrund des Zuzugs von Rumänen, die für ein Unternehmen aus der Region zu tariflich vereinbarten Mindestlohnbedingungen arbeiten sollen. Die Ansiedlung aller Rumänen an einem einzigen Standort wurde von der Stadt verhindert und die Zuwanderer sollen nun auf mehrere verschiedene Orte aufgeteilt werden, damit kein sozialer Brennpunkt entsteht. Die Sorge bezüglich der Risiken ist verständlich, allerdings gibt es anscheinend aber auch keine ansässigen deutschen Arbeitskräfte, welche für diese spezielle Arbeit zur Verfügung stehen. Insofern ist es sehr gut, wenn ausländische Mitarbeiter dafür gewonnen werden können.

Richtig ist aber sicherlich, dass diese Menschen, die unser Land bisher nicht gut kennen und wenig bis keine Deutschkenntnisse haben, gut integriert werden müssen. Die Integration kostet Geld, bringt bei Erfolg unserem alternden Land aber auch den Vorteil, dass wir mehr leistungsfähige Arbeitskräfte haben. Hierfür ist das Erlernen der deutschen Sprache unerlässlich. Allerdings ist es andererseits auch wichtig, dass auch in Deutschland mehr Fremdsprachenkenntnisse vorhanden sind. Ich persönlich würde es sehr begrüßen, wenn zum Beispiel mehr Kinofilme in Originalsprache mit deutschen Untertiteln gezeigt würden. Das Interesse für Fremdsprachen wäre dann vielleicht noch deutlich höher.

Für eine erfolgreiche Integration wichtig ist auf jeden Fall das Gefühl, in dem Land willkommen zu sein und geschätzt zu werden. Das gilt natürlich genauso für hochqualifizierte Fachkräfte. Ich bin überzeugt, dass hochqualifizierte Fachkräfte den ansässigen Menschen in der Regel keine Arbeitsplätze wegnehmen werden, sondern durch innovative Ideen und gute Leistungen mehr zusätzliche Arbeitsplätze schaffen können. Auch unser anfangs erwähnter ausländischer Mitarbeiter hat dazu beigetragen, dass unsere Problemlösungskonzepte für unsere Kunden nun so gut sind, dass wir dadurch viele Kunden langfristig binden und weitere Kunden neu gewinnen können. Dadurch können wir weiter wachsen und neue Arbeitsplätze schaffen. Das Land mit den besten Fachkräften wird die leistungsfähigsten, innovativsten Unternehmen und den meisten Wohlstand mit vielen sicheren Arbeitsplätzen für seine Bürger haben.

Im Wettbewerb um die besten Fachkräfte
Der hohe Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitnehmern, insbesondere Ingenieuren, Computerspezialisten und medizinischem Personal, muss auch von außen gedeckt werden. Sonst können deutsche Unternehmen nicht mehr alle Aufträge annehmen und abarbeiten. Hier muss die Bundesregierung schnell pragmatische Lösungen anbieten: um mehr Hochqualifizierte aus dem Ausland zu bekommen, brauchen wir eine noch einfachere und breitere Anerkennung von Ausbildungs- und Studienabschlüssen und noch weniger umständliche Bürokratie. Deutsche Universitäten sollten für internationale Studenten attraktiver ausgerichtet werden und ausländische Akademiker mehr Zeit bekommen, nach dem Studium eine Anstellung in Deutschland zu finden. Außerdem nötig ist ein Punktesystem für den Zuzug hochqualifizierter Fachkräfte, so wie es in Kanada oder Neuseeland erfolgreich etabliert ist. Und wichtig für mehr Akzeptanz von Zuwanderern bei der ansässigen Bevölkerung sind auch klare, eindeutige Regelungen, die eine offensichtliche Ausnutzung unserer Sozialsysteme verhindern.

Dennoch dürfen wir nicht bequem denken, dass Deutschland als Zuwanderungsland überall heiß begehrt wäre. Wir stehen in Konkurrenz mit vielen anderen Ländern um die besten Fachkräfte. Es gibt viele Menschen, die andere Länder vorziehen. Zum Beispiel haben ausländische Freunde von mir, die nach unserem Studium in St Gallen zum Arbeiten mit nach Deutschland gekommen sind, schnell wieder ihre Sachen gepackt und sind zurück in die Schweiz oder in ein anderes Land gegangen. Die Steuern, Sozialabgaben und Energiekosten in Deutschland seien zu hoch, die Straßen zu marode und viele Abläufe zu bürokratisch. Fest steht aber: ohne Zuwanderung wird Deutschland an Wohlstand und wirtschaftlicher Stärke längerfristig viel verlieren. Dies gilt es zu verhindern. Daher müssen wir alles tun, um unser Land auch für leistungswillige Zuwanderer attraktiver zu machen.

1 Kommentar
  • Joe 3. März 2014 18:01

    FALSCH, FALSCH und nochmals FALSCH! Ich kann diesen Mist nicht mehr hören. Niemand braucht Zuwanderer, aber Deutschland benötigt ein gescheites Bildungssystem. D.h. nicht jedes Jahr etwas anderes, in jedem Bundesland anders und in 3 Jahren wieder zurück zu dem was vorher war.
    Der ganze Quatsch von wegen Fachkräftemangel dient einzig und allein den Großkonzernen, die mehr Wettbewerb wünschen unter den Bewerbern, um die Lohnkosten drücken zu können.

    Der Grund übrigens, warum ich selbständig bin ist der dass mich niemand nach meiner sehr erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung einstellen wollte. Meine praktischen Erfahrungen beschränkten sich also auf die Ausbildungszeit. Den Rest bringe ich mir selbst on the job und in meiner Freizeit bei.

    Schönen Dank an die Deutsche Wirtschaft!!

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