Unternehmen „Wir haben das Allermeiste verloren“

Lars und Meike Schlecker wenden sich mit einer emotionalen Erklärung an die Öffentlichkeit. Die Kinder des insolventen Drogeriemarktgründers Anton Schlecker wehren sich gegen den Vorwurf, weiter über ein Millionenvermögen zu verfügen. Zudem thematisieren sie die Rolle der Gewerkschaft Verdi und die Umstände der Pleite.

impulse.de dokumentiert im Nachfolgenden die Erklärung:

Wir werden immer wieder gefragt, wie es uns als Familie geht und ehrlicherweise können wir dazu nur sagen: Es ist ein Schock, eine Tragödie und ein Desaster. Für unseren Vater und auch für unsere Mutter, die beide gemeinsam das Unternehmen aufgebaut und geführt haben, ist ihr Lebenswerk komplett zusammengebrochen. Aber auch wir Kinder liegen oft wach und grübeln. Da gibt es kein Zurück in die Normalität, denn die Firma war für uns alle Lebensinhalt -und da ist jetzt erst einmal ein großes Nichts.

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Was uns alle ganz besonders schmerzt, ist, das Schicksal der vielen Schlecker-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern hier in Deutschland, in der Fläche, in der Zentrale und in allen Ländern.
Schlecker hat über viele Jahre einer großen Zahl von Menschen sichere Arbeitsplätze, im Vergleich mit dem Wettbewerb überdurchschnittlich viele Vollzeitstellen, seit 2010 die weitreichendsten Tarifverträge der Branche und damit ein gutes Auskommen geboten. Das ist uns zuletzt nicht mehr gelungen und das tut uns am meisten leid.

Vermögensverhältnisse

Bei den Vermögensverhältnissen muss man einige Dinge auseinanderhalten. Der Satz „Es ist nichts mehr da“, ausgesprochen auf der ersten Schlecker-Pressekonferenz zu Beginn der Insolvenz, war und ist absolut richtig. Unser Vater, Anton Schlecker, und die Anton Schlecker e.K. sind berechtigterweise in die Insolvenz gegangen. Ein signifikantes Vermögen, das dies hätte verhindern oder die Restrukturierung sichern können, hat es nicht gegeben, was auch der Insolvenzverwalter inzwischen mehrfach bestätigt hat.

Es ist schade, dass in der Berichterstattung oft unterschlagen wird, dass im selben Kontext noch ein anderer Satz fiel. Da hieß es: „Wir werden als Familie zurechtkommen und wir wollen nicht jammern.“ Unsere Mutter hat mit unserem Vater Gütertrennung vereinbart und auch wir, die Kinder Meike und Lars Schlecker, verfügen über ein eigenes Vermögen.

Wir helfen unserem Vater und werden ihn selbstverständlich auch in dieser Situation nicht im Stich lassen. Er selbst besitzt kein Vermögen mehr. Vom Sportwagen bis zur schönen Uhr hat er alles als Teil der Insolvenzmasse abgeben müssen. Wir unterstützen ihn mit unseren eigenen Mitteln, die wir rechtmäßig besitzen, denn Sippenhaft gibt es im deutschen Recht nicht.
Fakt ist aber auch, dass wir als Familienmitglieder in den vergangenen Jahren massiv Gelder in die Firma eingebracht haben. Dies sieht man beispielsweise an der Tatsache, dass wir deutliche Millionenbeträge als private Einlagen (jeweils rund 49 Mio. Euro) sowie über unsere Dienstleistungsgesellschaft (rund 64 Mio. Euro) in die Firma haben einfließen lassen.

Mit diesem Geld gehen wir genauso wie alle anderen nicht vorrangigen Gläubiger in die vermutlich recht magere Quote ein und werden es sicherlich nicht zurückbekommen. Außerdem wurde auch die von uns betriebene Dienstleistungsgesellschaft in den Strudel der Insolvenz gezogen und musste Insolvenz anmelden. Auch dieses Vermögen haben wir verloren.
Zudem kooperieren wir genauso wie unser Vater selbstverständlich offen und transparent mit dem Insolvenzverwalter. Dies bedeutet: Übertragungen insbesondere in den letzten vier, aber auch in den letzten zehn Jahren, die im Sinne des Insolvenzrechtes rückübertragen werden müssen, werden selbstverständlich diskutiert und ggf. auch rückübervergütet.

Was die gesamte Darstellung unserer Vermögenslage angeht, so möchten wir richtigstellen, dass wir in den vergangenen Jahren und durch die Insolvenz ebenfalls das Allermeiste verloren haben und die kursierenden Angaben merklich über der Wirklichkeit liegen. Wir werden jedoch nicht tiefer unser Vermögen in den Medien offenlegen, da dies immer noch unsere Privatsache ist.

Umstände der Insolvenz

Die Insolvenz selbst ist sicher auch das Ergebnis unternehmerischer Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre. Wir haben zu spät begonnen, konsequent und mit allem Nachdruck gegenzusteuern. Das Wachstumsmodell der Vergangenheit wurde zum Wackelstein für das laufende Geschäft und die Zukunftsfähigkeit der Unternehmung. Die Sortimente, Preise sowie die Ladengestaltung und das Marketing konnten nicht schnell genug angepasst werden.

Die eigentliche Insolvenz hingegen hat sich aus unserer Sicht innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums zugespitzt und letztlich auch zur Insolvenzanmeldung geführt. Hier ging es um restliche Lieferantenkredite und wir hatten auf eine Fortsetzung der entsprechenden Linie gesetzt.

Verkaufsprozess

Wir sind der festen Überzeugung, dass die Transfergesellschaft ein sehr guter Ansatz gewesen wäre – ganz im Sinne der Schlecker-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter und auch ganz im Sinne der Fortsetzung der Unternehmung mit möglichst vielen zu erhaltenden Arbeitsplätzen. Es ist schade, dass die Verhandlungen mit den hoch und ernsthaft interessierten Investoren schließlich vor allem wegen der nicht vorhandenen Möglichkeit, die Personalkosten signifikant zu senken und dann am nicht Zustandekommen der Transfergesellschaft gescheitert sind.
Aus unserer Sicht hat der Insolvenzverwalter sehr engagiert gekämpft.

Rolle der Gewerkschaft Ver.di

Bekanntermaßen hat Schlecker in den vergangenen Jahren eine ganze Vielzahl von Diskussionen und auch Konflikten mit der Gewerkschaft gehabt. Wir haben in der Vergangenheit sehr viel daran gesetzt, hier ein neues Kapitel aufzuschlagen. So hat Schlecker schon in der zweiten Hälfte 2010 die weitreichendsten Tarifverträge im Deutschen LEH eingeführt.
Insgesamt hatten wir den Eindruck, in 2011 auf einem allgemein guten Weg zu mehr gemeinsamem Verständnis zu sein. In der Insolvenz selber war ver.di aus unserer Sicht in der Rolle des Verteidigers des Flächentarifvertrags gefangen.

Zukunft

Wir werden sicherlich noch einige Zeit brauchen, um auch als Familie das Gesamte aufzuarbeiten und wieder Zukunftspläne zu machen. Das ist sicherlich ein Einschnitt, den man nur äußerst schwer verarbeiten kann. Aber nochmals: Wir wollen nicht jammern und es sind die vielen ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, denen unser Dank für die vergangenen Jahre und unser Mitgefühl in dieser schwierigen Phase gehört.

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