Unternehmen Wo Handys zu Smartphones werden, die Computer sein wollen

Sie werden schneller, haben mehr Schnittstellen und bessere Displays - die große Leistungsschau der Handybranche in Barcelona macht deutlich: Moderne Telefone stehen Laptops in nichts mehr nach. Aber noch immer sind die Smartphones nicht smart genug, bemängeln Kritiker.

„Eigentlich brauchen wir einen neuen Namen für Smartphones“, doziert Claude Zellweger auf einer Podiumsdiskussion in München zum Thema Handydesign. „Erstens sollte das Wort Telefon nicht mehr vorkommen, zweitens ist smart nicht der richtige Begriff. Sie haben eine gewisse Intelligenz, aber smart sind sie gewiss noch nicht“, mäkelt er. Zellweger gestaltet mit seiner Firma One & Co in San Francisco das Design für Handys des taiwanischen Herstellers HTC. Die Taiwaner haben einen rasanten Aufstieg hinter sich, inzwischen gehört das Unternehmen zu den fünf größten Smartphone-Herstellern weltweit.

Die inzwischen zum Kleincomputer mutierten Handys sind der Verkaufsschlager. Der Marktforscher Gartner rechnet bis 2014 mit knapp 800 Millionen verkauften Smartphones, 2010 waren es schon 297Millionen. Die neue Handyelite integriert immer mehr Funktionalitäten und wird zum Schweizer Taschenmesser der mobilen Geräte. Telefonieren ist schon fast zur Nebensache geworden. Wer ein Smartphone kauft, will in erster Linie online sein, aber auch Fotografieren, Musik hören oder Videos anschauen oder es als Navigationsgerät nutzen. Sony Ericsson bringt demnächst ein Handy auf den Markt, das nebenbei auch eine mobile Spielekonsole ist. Und Zellweger sieht das Feld noch längst nicht ausgereizt. „In nächster Zeit werden noch weitere Funktionen dazukommen. Banales wie das Messen der Temperatur oder der Luftfeuchtigkeit etwa, aber auch die Erfassung biometrischer Daten mit der Kamera“, prophezeit er. Bis es irgendwann nur noch ein Gerät für alles geben wird.

Anzeige

Möglich wird das auch dank des Vormarsches des sogenannten Cloud-Computings. Die Idee dahinter: Nutzer greifen über das Internet auf Daten und Anwendungen zu, die auf weit entfernten Rechenzentren liegen. „Cloud-Computing wird immer wichtiger, dadurch brauchen wir weniger Rechenleistung auf dem Gerät. Handys brauchen weniger Batterien und können dadurch kleiner werden“, sagt Zellweger. „Die generelle Richtung bleibt: Handys werden immer kleiner, Displays immer größer“, sagt Zellweger. Die letzte Grenze setzt der Mensch selbst, dessen Augen oder Finger nicht mehr mit den Geräten zurechtkommen. Ansonsten wird es bunter: „In der Krise sind eher heimelige, warme Farben gewünscht. Angenehme Braun- oder Grautöne, nichts zu Schrilles“, sagt Designer Claude Zellweger. „Jetzt mit dem Aufschwung in 2011 kommt der gedämpfte Optimismus – also keine Neonfarben wie in den 80er Jahren, aber trotzdem wieder mehr Farbe.“

Doch so wichtig vielen Handykäufern das Design noch ist – immer entscheidender wird, welche Software dem Ganzen zugrunde liegt. HTC schwimmt auf der Erfolgswelle des Google-Betriebssystems Android mit, das sich anschickt, Marktführer zu werden. Die Taiwaner arbeiten aber auch mit Microsoft zusammen. Eine rein auf Android basierte Strategie kann für Hersteller gefährlich sein: Da alle Android-Handys dieselbe Software haben, laufen sie Gefahr, sich selbst zum reinen Hardwarelieferanten für Google zu degradieren. Hersteller müssten sich in Zukunft vor allem mit gutem Design, dem Aufbau einer stabilen Marke und einer gelungenen Benutzeroberfläche von der Konkurrenz abheben, findet Zellweger.

Das schafft nicht jeder, wie der Schweizer feststellt: „Firmen wie Nokia haben ein bisschen den Anschluss verpasst, aber auch Blackberry wird es in Zukunft schwer haben.“ Dann räumt er aber doch ein: „Weil der Markt extrem schnell wächst, werden viele Konkurrenten noch eine Weile Platz haben.“ Selbst für Apple sieht der HTC-Designer aber schwerere Zeiten aufziehen. „Es gibt eine gewisse Apple-Müdigkeit“, findet er. „Das Unternehmen kontrolliert das Umfeld seiner Geräte sehr stark – das nervt viele Leute.“ Bislang besticht Apple noch viele Käufer mit seinem Design und seiner Bedienfreundlichkeit, die Konkurrenz holt aber auf.

Bis jedoch Smartphones endlich ihr Versprechen einlösen und wirklich smart werden, wird es nach Meinung von Zellweger noch Jahre dauern: „Handys werden dann dem Computer ,HAL‘ in Kubricks Film ,2001‘ ähneln. Wenn du aus der U-Bahn steigst, weiß das Gerät bereits, was du willst, und versorgt dich unaufgefordert mit den für dich relevanten Informationen.“ Ob man das wirklich will, ist eine andere Frage. Der Computers „HAL“ entschied irgendwann, dass seine Mission ohne die störenden Menschen die höchste Erfolgsaussicht hätte – und dass es deswegen eine plausible Lösung sei, diese einfach zu töten.

Doppelherz

Was die Rechenleistung angeht, nehmen es Smartphones inzwischen mit echten PC oder Laptops auf. Das müssen sie auch, denn die Nutzer packen immer mehr Anwendungen in ihre Telefone: Mailprogramme, über den Browser gestartete Webanwendungen oder Filme und Videos sind selbstverständlich geworden. Um die Datenvolumen zu meistern, beginnen die großen Hersteller jetzt, sogenannte Dual-Core-Prozessoren mit zwei Rechenkernen in Smartphones einzubauen und diese mit bis zu einem Gigahertz zu takten.

Ganz vorn spielt dabei der Chipdesigner ARM mit, der wegen seiner Strom sparenden und damit akkuschonenden Technologie bei den Handyherstellern beliebt ist. Selbst der langjährige Intel-Partner Microsoft arbeitet künftig mit ARM zusammen. Und auch der Handybauer Nokia hält den Briten nach wie vor die Treue, obwohl der finnische Konzern gemeinsam mit Intel das Betriebssystem Meego entwickelt hat. Intels Atomprozessor gilt aber als immer noch zu stromhungrig.

Anschluss gesucht

Smartphones leben auch vom Zubehör – und das muss irgendwie angeschlossen werden. Die kleinen Micro-USB-Anschlüsse gehören bald zum Standard, HDMI-Ports zum Anschließen von Bildschirmen sind ebenfalls schon in einigen Geräten integriert. Um Platz zu sparen, haben sich Hersteller nun etwas Neues überlegt: Noch in diesem Jahr soll es Micro-USB- und HDMI-Anschlüsse in einem geben. Das Industriekonsortium MHL, dem Nokia, Samsung und Sony angehören, stellte kürzlich ein entsprechendes Kabel vor, das Fernseher über den USB-Port mit dem Handy verbindet und sogar Videos in HD-Qualität übertragen soll. Samsung bietet ein solches Kabel bereits an.

Noch einen Schritt weiter geht Motorola: Der Handyhersteller präsentierte Anfang des Jahres sein neues Smartphone Artix 4G, das sich mit einem Handgriff in ein Notebook verwandeln lässt. Dafür wird es in eine Art Dockingstation gesteckt, das aus Bildschirm und Tastatur besteht und zusammengeklappt wie ein flaches Notebook aussieht.

Handyshopping

Der scheidende Google-Chef Eric Schmidt hat das Handy schon als Ersatz für die Kreditkarte bezeichnet. Die Basis dafür könnte die NFC-Technologie (Near Field Communication) liefern, die immer mehr Hersteller unterstützen. NFC soll aus dem Handy ein physisches Bezahlmedium machen.

Die Handhabe ist einfach: Wird ein Gerät mit NFC-Chip vor einen entsprechenden Sensor gehalten, wird der Nutzer identifiziert. Auf diese Weise könnte nicht nur in Geschäften oder Restaurants bezahlt werden, die Deutsche Bahn testet die Technologie zum Beispiel auch für den Fahrkartenverkauf.

Zwar stehen die Chancen für NFC nicht schlecht, sich als Standard durchzusetzen – einige neue Smartphones sind bereits mit entsprechenden Chips ausgestattet, auch das nächste iPhone soll Gerüchten zufolge NFC unterstützen. Doch bislang ist die Technologie noch Zukunftsmusik. Die Analysten des Marktforschers Gartner erwarten, dass sie sich nicht vor 2015 flächendeckend durchsetzen wird.

Display as usual

In der Welt der Handydisplays bleiben Flüssigkristallbildschirme (LCDs) mit Dünnfilmtransistoren (TFTs) der Standard. Eine Alternative bieten organische Leuchtdioden, sogenannte Amoleds beziehungsweise Super-Amoleds – doch der Hauptproduzent Samsung kommt nicht mit der Lieferung hinterher. Laut der US-Marktforschungsfirma Gartner werden sich die Lieferengpässe bis in die zweite Jahreshälfte ziehen. Der Technologiekonzern produziert Amoleds bislang zum Großteil für den Eigenbedarf.

Diese Bildschirme erzeugen ein klareres Bild mit kräftigeren Farben und verbrauchen weniger Strom als vergleichbare Modelle auf TFT-LCD-Basis. Damit kann es bisher nur Apples sogenanntes Retinadisplay aufnehmen, dass auf einer verfeinerten Version der Flüssigkristalltechnologie basiert. Andere Hersteller versuchen sich jetzt mit 3-D-Displays abzusetzen. LG Electronics enthüllt heute das nach eigenen Angaben erste 3-D-Smartphone – setzt dafür aber notgedrungen ebenfalls nur LCD ein.

Fixe Datenleitung

Die ersten Mobilfunknetze mit dem UMTS-Nachfolger Long Term Evolution (LTE) sind bereits gebaut: Der Mobilfunkanbieter Verizon hat sein Netz mit dem neuen Standard in den USA vergangenes Jahr angeschaltet. Jetzt kommen dort die ersten LTE-fähigen Handys auf den Markt.

Hierzulande, wo der neue Mobilfunkstandard als DSL-Ersatz gerade erst in ländlichen Regionen aufgebaut wird, dürfte es zunächst LTE-Router und -Surfsticks geben. Die Smartphones aus den USA funktionieren hier nicht unbedingt, weil dort andere Frequenzen für das Netz genutzt werden als in Deutschland. Bei der Telekom rechnet man für 2012 mit ersten LTE-Smartphones.

Der Standard soll Downloads mit der Geschwindigkeiten von Glasfaseranschlüssen ermöglichen. Allerdings läuft der Betrieb noch nicht reibungslos: Verizon räumte jüngst Probleme ein, wenn ein Nutzer sich von einer LTE-Funkzelle in eine Funkzelle mit dem älteren Funkstandard UMTS bewegt.

Laden ohne Grenzen

Die Suche nach dem passenden Handyladegerät dürfte bald nur noch in Anekdoten eine Rolle spielen: Zum Jahreswechsel versprach die EU-Kommission, das lang ersehnte Allzweckgerät mit Micro-USB-Stecker werde in den kommenden Monaten in den Geschäften liegen. Die nötigen Standards sind bestimmt, die Produktion kann anlaufen. Schon 2009 hatten sich die führenden Handyhersteller mit Brüssel auf einheitliche Stecker geeinigt.

Doch die zuständigen Behörden brauchten zwei Jahre, um die Vorgaben anzupassen. Jetzt kommt das Standardladegerät rund ein Jahr später als ursprünglich geplant. Die EU-Kommission geht davon aus, dass die meisten Mobiltelefone im Lauf des Jahres entsprechend ausgestattet sein werden.

Einige Hersteller haben bereits Geräte mit Micro-USB-Ladesteckern im Programm. Natürlich muss das Handy dafür überhaupt einen USB-Anschluss haben. Apple zum Beispiel spart sich die Mühe und will seine iPhone-Kunden mit einem Adapter ausstatten.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...