Unternehmen Zuverlässige Kleidung

  • Serie
Olivier Wöhrl, Chef des Modeunternehmens "Wöhrl"

Olivier Wöhrl, Chef des Modeunternehmens "Wöhrl"© Stephan Minx

Ein Maschinenbauer an der Spitze eines Modekonzerns? Das geht. Wenn er die nötige Gelassenheit mitbringt.

Es gibt Fleisch, Fleisch und – Fleisch. Nur dass es immer anders heißt. Vorspeise: italienische Bratwurst. Hauptgericht: großes Stück aus der Rippe (700 bis 900 Gramm). Für den kleinen Hunger: Steaksalat. Hauptsache vom Tier.

Als Olivier Wöhrl das Hunger & Durst in der Nürnberger Nordstadt betritt, legt er seine Jacke über die Stuhllehne und fasst, als eine Art Begrüßung, das Offensichtliche noch einmal in Worte: „Hier gibt es einfach gutes Fleisch.“

Anzeige

Und er wohnt nur ein paar Hundert Meter weiter. Direkt an einer der Hauptverkehrsstraßen, auf der morgens ein Heer von Autos mit Siemens-Ingenieuren nach Erlangen zur Arbeit rollt. Darunter ist Wöhrls Freundin. Deswegen sei die neue Wohnung dort so praktisch, sagt er.

Immerhin das. Ansonsten lief Olivier Wöhrls Leben zuletzt nicht wirklich nach Plan. Seit einem Jahr steht der 32-Jährige an der Spitze des gleichnamigen Modeunternehmens. 2400 Mitarbeiter. 38 Filialen. Im Nordwesten der Republik kennt man den Namen Wöhrl kaum. Aus bayerischen Innenstädten hingegen ist das Kaufhaus mit dem Knopflogo nicht mehr wegzudenken. Um die 320 Mio. Euro Umsatz soll die Firma im vergangenen Geschäftsjahr gemacht haben. Offiziell sagt Wöhrl dazu nichts.

Sein Großvater Rudolf Wöhrl hatte es 1933 gegründet. Damals unter dem Namen Zetka, wie Z und K, das stand für „Zuverlässige Kleidung“. 1970 übergibt er es seinen beiden Söhnen Hans Rudolf und Gerhard. Zwei Alpha­tiere, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie machen das ­Geschäft groß, sind aber ein schwieriges Gespann. „Da sind zwei Natur­gewalten aufein­andergeprallt“, erzählt Olivier Wöhrl. Sein Vater Gerhard übernimmt schließlich die gesamten Firmenanteile. Der Onkel Hans Rudolf gründet eine Fluggesellschaft.

Wöhrl bestellt das Filet vom Bio-Rind mit Spinat und Salbeistampf. Davor ein paar Kartoffelchips mit Aioli. Die werden wenig später in einer Pommestüte serviert, wie im Schwimmbad, nur dass noch ein edler Porzellanteller drunterliegt. Wöhrl ordert Bier einer kleinen Brauerei im Umland. Zirndorfer. Aber das Pyraser – etwas weiter aus dem Süden – findet er auch klasse, wegen des Schraubverschlusses, der sei mal wirklich sinnvoll.

Wöhrl mag es, wenn Dinge funktionieren, ­erklär- und berechenbar sind. Deshalb hat er ­Maschinenbau studiert. Eine Modekette zu führen liegt ihm damals fern. Nach der Uni zieht er nach Stuttgart, fängt beim Autozulieferer Mahle an, beobachtet das Geschehen bei Wöhrl nur aus dem Aufsichtsrat.

Als der Vater sich aus dem Vorstand zurückzieht, holt er von Peek & Cloppenburg den ­Manager Marcus Kossendey. Er soll das Unternehmen in die Zukunft führen. Also räumt ­Kossendey auf, kategorisiert, zentralisiert und kontrolliert. Tut, was wohl jeder Manager in solchen Situationen tut, nur nicht das, was sich Familie und Mitarbeiter vorstellen. Letztere fühlen sich ihrer Eigenständigkeit beraubt, übergangen, nicht gesehen.

Die Leute machen lassen

Es dauert nicht lange, bis Olivier Wöhrl seinen eigentlichen Beruf an den Nagel hängt, um als „Vollzeit-Aufsichtsrat“ nach Nürnberg zu ziehen – ein Familienmitglied muss die Wogen glätten. Anfang 2012 übernimmt Wöhrl den Job des Managers: „Bei den weichen Faktoren waren Kossendey und ich unterschiedlicher Auffassung“, sagt Wöhrl. Er selbst sei kein ­Kontrollierer, vertraue, lasse die Leute machen. „Da bin ich ganz gelassen.“ Neben „praktisch“ ist „gelassen“ eines der Wörter, die er an diesem Abend am häufigsten verwendet.

Das Rind wird serviert, und plötzlich sieht Wöhrl sehr zufrieden aus. Dann schreibt er ­eine SMS an seine Freundin. Ob sie nicht mit seinem Pressechef etwas essen wolle, der sitze sonst ganz allein im Nebenraum. Wöhrl mag es, wenn alle glücklich sind.

Deshalb soll Kommunikation eines seiner großen Themen sein. Deshalb will er den einzelnen Standorten wieder mehr Kompetenzen einräumen. Denn während das Gros der Modebranche in die Metropolen der Welt schielt, um dann den Menschen in der Provinz klarzu­machen, was chic ist, geht Wöhrl den umgekehrten Weg: Er guckt, was die Kunden in den Standorten am liebsten kaufen, und das sollen sie dort auch bekommen. „Der Kunde sagt uns jeden Tag deutlich, was er braucht“, sagt Wöhrl. Und zur Bedienung, dass ein Nachtisch eigentlich nicht mehr reinpasst. Die guckt enttäuscht. Na gut, eine halbe Portion.

Es gibt Malvenpudding, und selbst der sieht nach Fleisch aus: zwei rotbraune Scheibchen im tiefen Teller. Dazu Vanilleeis: „Schön durchkaramellisiert“, sagt Wöhrl. „Eine Bombe!“

Man habe einige Hausaufgaben zu machen, fährt Wöhrl fort. Das schon. Auf konkrete Ziele will er sich aber nicht festlegen. „Wir expan­dieren mit Augenmaß“, sagt er. Will heißen: im Zweifel lieber den Gewinn als den Umsatz steigern. Die Strategie eines Gelassenen.

Trotzdem: Will er, der schon als Kind sein ferngesteuertes Auto immer wieder ausein­ander- und zusammengebaut hat, der über iPhones spricht, als wären sie süße Kätzchen, nun sein Leben lang Blusen, Blazer, Jeans und T-Shirts verkaufen? Wöhrl windet sich ein wenig, sagt schließlich: „Ich will das Unternehmen sehr lange prägen.“ Und dann: „Aus der Nummer komme ich nicht mehr raus.“

Hunger & Durst
Fleisch ist mein Gemüse, lautet das inoffizielle Motto dieses Grillrestaurants in der Nürnberger Nordstadt. Selbst der Salat besteht aus Steak, ist aber durchaus empfehlenswert. Dazu eine feine Weinauswahl und ­natürlich fränkisches Bier.
Wöhrl
Das 1933 von Rudolf Wöhrl in Nürnberg gegründete Modehaus umfasst heute 38 Standorte und beschäftigt mehr als 2400 Mitarbeiter. Seit einem Jahr steht Gründerenkel Olivier Wöhrl dem Familienunternehmen vor.
Aus dem Magazin
Mehr dazu erfahren Sie in der impulse-Ausgabe 01/2013.

Abonnenten erhalten die neueste Ausgabe jeden Monat frisch nach Hause geliefert. Und über die impulse-App für iOS- und Android-Geräte können Sie die neuen Ausgaben im PDF-Format herunterladen und bequem auf Tablet oder Smartphone lesen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...