Unternehmen Zwei Werke in einer Brust

Jahrzentelang firmierten sie unter feindlicher Flagge, der Mauerfall führte Ost-Zeiss und West-Zeiss wieder zusammen. Die Fusion brachte das Unternehmen zunächst in Schieflage. 20 Jahre später spielen die Zeissianer weltweit oben mit.

Im Februar des Jahres 1971 kam es im Saal 19 des High Court in London zu einer merkwürdigen Gerichtsverhandlung. Kläger ist der VEB Carl Zeiss aus Jena, auf der anderen Seite sitzen die Anwälte des Unternehmens Carl Zeiss aus Oberkochen, Baden-Württemberg. Beide Firmen stellen das Gleiche her, beide tragen den gleichen Namen, das gleiche Emblem.

Beide wollen, dass „der Andere“ Firmenlogo sowie den Namen „Carl Zeiss“ nicht mehr verwendet. Sie sind Konkurrenten – und das obwohl sie einst ein Unternehmen waren. Seit 16 Jahren tobt dieser Streit zwischen Ost und West bereits auf britischem Terrain – es ist der längste Prozess, den die DDR bis dahin gegen ein Westunternehmen führte.
Wer diesen Stellvertreterkrieg auf Unternehmensebene verstehen will, muss tiefer in der Firmengeschichte von Carl Zeiss graben.

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Also ganz von vorn: Am Anfang der Geschichte steht der Mechanikmeister Carl Zeiss, der hatte1846 in der Neugasse 7 in Jena eine Werkstatt für Feinmechanik gegründet. Noch im gleichen Jahr stellt der Tüftler hier die ersten Mikroskope her. Nach dem Tod des Unternehmers ruft sein Kompagnon Ernst Abbe, ein Optiker aus Eisenach, eine Stiftung ins Leben, die den Namen des Verstorbenen trägt. 1891 wird die Stiftung alleinige Inhaberin des Zeiss-Werkes, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Hier beginnt das zweite Leben des Unternehmens Carl Zeiss, ein Doppelleben, geprägt von dem Streit um die Rechtsnachfolge und dem Blick durch die ideologische Brille.

Zeiss in Ost, Zeiss in West

In Jena demontierten die Russen einen Teil der Werke und schafften ganze Fertigungsanlagen nach Kiew und Moskau. Dennoch lief die Produktion in Jena fort, schnell wird der VEB Carl Zeiss mit seinen über 30 000 Mitarbeitern zu einem der wichtigsten Kombinate in der DDR.

Die Führungsriege des Unternehmens gründete jedoch eine neue Firma in Oberkochen. Kurz nach dem Krieg war Jena zeitweise in amerikanischer Hand. Die USA wussten um das Potenzial der Optik-Industrie und brachten deshalb rund 76 Führungskräfte sowie Wissenschaftler von Carl Zeiss in die westliche Besatzungszone. Insgesamt waren es rund 120, zählt man die Mitarbeiter der Firma Schott dazu. Beide Betriebe gehörten damals wie heute zur Carl-Zeiss-Stiftung. 1947 gründeten diese Jenaer die Zeiss-Opton Optische Werke Oberkochen GmbH.

Auch der Sitz der Stiftung wurde ein Jahr später nach Baden-Württemberg, Heidenheim, verlegt. Im Osten war sie enteignet worden, der Rechtsanspruch auf Nachfolge fiel so von selbst in die Hände der Westdeutschen, dachten sie. Im Osten gründeten die Genossen jedoch eine neue Carl-Zeiss-Stiftung. Beide sahen sich als Nachfolger der von Abbe gegründeten Stiftung.

Eine Zeitlang kooperierten die Unternehmen, tauschten Wissen und Technologien aus. 1953 brach der Osten den Kontakt ab, verhängte ein Embargo gegen West-Lieferungen. Beide Zeiss-Firmen wurden zu Konkurrenten und führten einen Rechtsstreit um die Verwendung des Markennamens und des Logos. Der Gerichtsentscheid fiel erst 1971 und wurde mit dem Londoner Abkommen besiegelt: Beide Betriebe durften von nun an den Namen verwenden.
Bedingung: Exportierten sie in die jeweils andere Hemisphäre, mussten sie einen anderen Namen verwenden. Die Heidenheimer nannten sich dann Opton, die Jenenser fügten dem Carl-Zeiss „aus Jena“ hinzu.

Ob in Oberkochen oder Jena: Trotz der Streitigkeiten florierte das Geschäft. Zunächst spielten die Optik-Unternehmen auf Augenhöhe. In West wie in Ost stellten sie Mikroskope, Optiken für die Astronomie, etwa Teleskope, Objektive für Kameras sowie Brillengläser her. Jena hatte Weltruf. Oberkochen auch. Die Lücken zwischen den Wirtschaftssystemen wuchsen jedoch. West-Zeiss konnte die internationalen Entwicklungen nutzen und kooperierte weltweit. Als Neil Armstrong über die Mondoberfläche stolzierte, prangte das Logo von Carl Zeiss, made in Westdeutschland, auf dem Objektiv seiner Mess-Kamera.

Verlust von 15.000 Arbeitsplätzen

Ost-Zeiss nahm mittlerweile schon lange keine Lieferungen aus dem Westen mehr an. Zwar versuchten die Zeissianer diesen Nachteil durch eigene Erfindungen zu kompensieren, das gelang jedoch nur schleppend. West gewann den Optik-Wettlauf.

Als die Mauer gefallen war, lag das Ost-Unternehmen brach. Von insgesamt 30 000 Arbeitsplätzen ging bis 1995 die Hälfte verloren. Die Privatisierung des VEB Carl Zeiss Jena begann im Juni 1990. Daraus entstanden die Jenoptik GmbH sowie die Carl Zeiss Jena GmbH, die von den Oberkochenern gekauft wurde.

Für die Region war die Privatisierung und damit verbundene Arbeitslosigkeit zunächst ein Schock. Kaum war das Land wiedervereint, taumelte die Wirtschaft ins Bodenlose und Tausende verloren ihren Arbeitsplatz.

2,7 Milliarden Umsatz und 90 Tochtergesellschaften

Heute, 20 Jahren nach dem Mauerfall, hat sich der Konzern konsolidiert. Der Firmensitz liegt in Oberkochen, die Stiftung – als alleinige Aktionärin der Carl Zeiss AG sowie von Schott in Mainz – sitzt in Heidenheim an der Brenz sowie in Jena. Bei stiftungsrechtlichen Fragen greift das Recht des Landes Baden-Württemberg.

Die Carl Zeiss AG steigerte seinen Umsatz im Jahr 2008 von 2,6 Milliarden auf 2,7 Milliarden Euro. Die Mitarbeiterzahl kletterte von 12 257 auf 13 060. Der Konzern vertreibt opto-elektronische Technik, weltweit gehören 90 Tochtergesellschaften dazu.

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