Politisches Engagement Hintern hoch!

Antonia Götsch will einfach mal anfangen. Politik sei zu wichtig, um sie ausschließlich andere zu delegieren.

Antonia Götsch will einfach mal anfangen. Politik sei zu wichtig, um sie ausschließlich andere zu delegieren. © knallgrün/photocase.de

Es prasselt Forderungen an die Politik, was nach der Wahl anders werden muss. Damit machen wir es uns zu bequem. Fordern wir uns selbst heraus!

Politiker haben dieser Tage viele Berater. An wohlmeinenden Hinweisen und Empfehlungen, was nach der Bundestagswahl zu tun sei, mangelt es jedenfalls nicht (auch nicht auf impulse.de). Mich beschäftigt etwas anderes viel mehr: Was muss ich jetzt tun?

Denn für mich gibt es nach dieser Bundestagswahl kein Weiter so. Die Wähler der AfD haben mich in den Hintern getreten. Ich fühle mich mitverantwortlich für dieses Wahlergebnis. 1978 geboren, habe ich unsere Demokratie und Werte wie Toleranz, Gleichberechtigung und Freiheit als selbstverständlich genommen. Die vergangenen Monate – Ereignisse wie die Wahl Donald Trumps und der Brexit – haben aber bewiesen, dass nichts mehr selbstverständlich ist.

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Jetzt bin ich wach. Mir ist bewusst geworden, was ich schon immer wusste: Wir können uns nicht gemütlich im weichen Ohrensessel der Demokratie zurücklehnen, die Fernbedienung in der Hand, und Politik einfach delegieren. Wir müssen den Hintern hochkriegen. Selbst wenn wir unser Kreuz bei einer demokratischen Partei machen, die unseren Werten entspricht: Leben müssen wir diese Werte selbst! Deswegen werde ich mich stärker engagieren – und ich wünsche mir, dass Sie es auch tun. Unternehmer haben die Macht und die Kraft, zu gestalten. Wie Vaude-Chefin Antje von Dewitz, die wütend gegen die Abschiebung ihrer Mitarbeiter streitet. Unternehmer sind wichtige Influencer, können mitgestalten, wie wir zusammen arbeiten und leben. Viele nutzen diese Chance. Ich könnte Dutzende Beispiele aufzählen von Unternehmern, die Vereine und Projekte fördern, Turnhallen und Dorffeste finanzieren. Doch vielleicht könnten Sie – so wie ich – noch etwas mehr tun.

Der Rückzug ins Private ist armselig

Das ist anstrengend, Sie haben sicher wenig Zeit. Und es kann so gemütlich sein in einer kleinen sozialen Blase. Ich weiß das! In meinem Stadtteil hat die AfD die Fünfprozenthürde knapp übersprungen (schlimm genug). Wir kaufen für unseren Sohn Bio-Gemüse, machen Yoga und haben – wie wandelnde Großstädter-Klischees – ein kleines Ferienhaus im Grünen gekauft. Wir basteln und grillen wie Protagonisten aus einem dieser angesagten „Mach-es-dir gemütlich“ und „Bastel-dir-Ohrschmuck-aus Mohnblumen“-Magazine, die ich schon immer übertrieben wütend ablehne, weil ich weiß, dass der Rückzug ins Private eine armselige Alternative ist und dennoch verlockt.

Es ist verdammt kalt geworden in Deutschland – oder sagen wir es so: Ich spüre und höre den Hass, der mir in dieser Vehemenz lange verborgen war. Ich erwäge regelmäßig, mich in allen sozialen Netzwerken abzumelden, weil ich nicht mehr aushalte, wie Menschen dort als „versifft“, „dumme Fotze“ und „dreckiger Kanake“ beschimpft werden. Aber ich bleibe, denn die Menschen, die dort angegriffen werden, brauchen meine und Ihre Solidarität.

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Politik wird nicht nur in Parteien gestaltet, sondern auch in der Gesellschaft. Ich bin überzeugt, dass auch die wütenden Protestwähler nicht verloren sind – wie die Zahlen zu den Wahlmotiven ja nahe legen. Eine gute Freundin wohnt in Thüringen, in ihrem Nachbardorf haben 46 Prozent der Menschen für die AfD gestimmt. Sie ist verzweifelt, sagt aber auch, dass sie erlebt hat, wie ein paar Tausend Euro für einen neuen Dorfplatz oder ein Fußballfeld die Gemeinschaften vor Ort gestärkt haben. Wer mitgestaltet, wer das Gefühl hat, gehört zu werden und entscheiden zu dürfen, verfällt nicht in rasenden Hass.

Lassen Sie uns 2017 zum Wendepunkt machen

Stellen Sie sich einmal vor, in vier Jahren sagen wir: Das Wahljahr 2017 war ein Wendepunkt. Die Menschen strömten in die Parteien, gründeten Vereine und Graswurzel-Initiativen. Es war das Jahr, wo in Cafés und im Supermarkt an der Kasse wieder um politische Haltungen diskutiert wurde. Lassen Sie uns loslegen. Am besten sofort.

 

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