Schweizer Uhrenhersteller Wie lassen sich Träume verkaufen?

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Relikte der Vergangenheit: In der Schweizer Uhrenmanufaktur Audemars Piguet lagern Holzschachteln mit SKizzen und Teilen für jede Uhr seit der Gründung im Jahr 1875.

Relikte der Vergangenheit: In der Schweizer Uhrenmanufaktur Audemars Piguet lagern Holzschachteln mit SKizzen und Teilen für jede Uhr seit der Gründung im Jahr 1875.© Nikolaus Förster /impulse

Wie spät es ist, ist kein Geheimnis. Wie also gelingt es Uhrenherstellern, etwas zu verkaufen, was eigentlich niemand braucht? impulse-Chef Nikolaus Förster fand die Antwort bei seiner Reise zu Schweizer Uhrenmanufakturen.

Und dann öffnet sich, in einer gedrungenen Uhrmacherwerkstatt im schweizerischen Jura-Dorf Le Brassus, der Stahlschrank: Unzählige Holzschachteln lagern dort, zum Teil seit mehr als hundert Jahren, markiert mit handgeschriebenen Buchstaben- und Ziffern-Codes. Wer eine Schachtel vorsichtig aufklappt, der blickt auf Relikte der Vergangenheit: kleinste Teile eines Uhrwerks, Zahnräder, Schräubchen, Skizzen und Notizen, geschrieben mit einem Federkiel auf vergilbtem Papier. Für jede Uhr, die die Manufaktur Audemars Piguet seit ihrer Gründung verkauft hat, gibt es hier solch ein dreidimensionales Archiv.

Wer dieses Material sieht, der begreift, wie wertvoll Geschichte sein kann – nicht nur das Jahrhunderte alte handwerkliche Wissen, von dem Uhrmacher noch heute profitieren, sondern auch die Aura, die einem eine lange Tradition verleihen kann: Die Manufaktur Audemars Piguet beispielsweise wurde – wie viele andere – im 19. Jahrhundert gegründet, genauer: im Jahr 1875.

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An der Spitze steht heute die Ururenkelin des Gründers: Jasmine Audemars. Wenn die 73 Jahre alte Frau erzählt, wie sie als Kind eine günstige Tissot-Uhr am Handgelenk trug, bis ihre Eltern ihr mit 20 Jahren – so schrieb es die Familientradition vor – ein Modell der eigenen Manufaktur schenkten, dann spürt man, was die Schweizer Uhrenbranche groß gemacht hat: Hier im Jura lebten die Uhrmacher (die sich im Sommer als Landwirte um ihre Höfe und Äcker kümmerten), in kargen Verhältnissen, geprägt von protestantischer Arbeitsmoral, fernab der Städte, zuweilen abgeschottet durch Schneemassen, die im Winter den Zugang in die hochgelegenen Dörfer versperrten.

Etwas verkaufen, was eigentlich niemand mehr braucht

Harte Arbeit, Disziplin, handwerkliche Meisterschaft und Tradition – das alles reicht heute nicht mehr aus, um in dieser Branche erfolgreich zu sein. Einst produzierten Uhrmacher etwas äußerst Seltenes: mechanische Wunderwerke, denen es gelang, die Zeit präzise anzuzeigen. Heute müssen Uhrmacher das Kunststück fertig bringen, etwas zu verkaufen, was eigentlich niemand mehr braucht. Die Uhrzeit lässt sich heutzutage fast überall ablesen, nicht zuletzt auf dem Handy. Apple ist binnen zwei Jahren mit seiner Apple Watch zum größten Uhrenhersteller der Welt aufgestiegen und hat Rolex – mit mehr als 100 Jahren Tradition – abgehängt.

Geht die Zeit der Uhrmacher also zu Ende? Keineswegs, sie bieten ja nicht nur eine Zeitangabe, sondern etwas sehr viel Wertvolleres: Sie tun zwar so, als verkauften sie eine Uhr, in Wirklichkeit aber lassen sie ein Lebensgefühl entstehen, schenken sie Prestige oder verschaffen Menschen eine Selbstbestätigung. Kurz: Sie spiegeln gelebte Werte und unerfüllte Träume. Genau dies – die Kunst, aus einem Produkt etwas zu machen, was weit über seine offensichtliche Funktionalität hinaus weist – macht die intensive Beschäftigung mit der Uhrenbranche so spannend.

Unternehmerische Konzepte in den Blick nehmen

So zumindest erlebte ich es auf unserer jüngsten impulse-Reise durch die Schweiz: von Schaffhausen über Zürich, Luzern und das Hochjura bis nach Genf (siehe www.impulse.de/uhrenreise). Als ich im Frühjahr ein erstes Konzept für diese Reise entwarf, ging es mir darum, nicht nur Manufakturen zu besuchen, sondern auch hinter die Kulissen zu schauen, also die unternehmerischen Konzepte in den Blick zu nehmen: Wie lassen sich im 21. Jahrhundert noch Uhren konzipieren, produzieren und vermarkten? Mit welchen Ideen haben Uhrenhersteller heute noch eine Chance? Und was können Unternehmer aus anderen Branchen von ihnen lernen?

Sich mehrere Tage lang mit den Inhabern und Managern großer Marken zu treffen (wir waren bei IWC Schaffhausen, Moser, TAG Heuer, Chopard und Michel Parmigiani), zudem noch Macher jüngerer Projekte kennen zu lernen (Bolido, Ochs und Junior, MB&F), kam mir vor wie ein Intensivkurs in Sachen Unternehmertum. Wer mit impulse schon einmal an einem Netzwerktreffen teilgenommen hat, also mit anderen Unternehmen eine innovative Firma besucht hat, der weiß, wie inspirierend solch ein Austausch sein kann (im Januar gibt es wieder Gelegenheit dazu: beim Dübelhersteller Fischer im Schwarzwald und bei Kärcher nahe Stuttgart). Es tut gut, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

Wer allerdings – wie bei der impulse-Uhrenreise – von morgens bis abends über vier Tage hinweg vom Jahrhunderte alten Familienunternehmen bis zum brandneuen Start-up Unternehmer trifft, die mit den gleichen Herausforderungen kämpfen, aber unterschiedlichste Lösungsansätze wählen – dem bietet sich ein seltener Vergleich und ein unvergleichlicher Einblick.

Firmen, die sich immer wieder neu erfinden mussten

Dass es um Uhren geht, ist dabei nicht einmal das Wichtigste. Entscheidend ist, dass es sich um Firmen handelt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder neu erfinden mussten, nach der Quarzkrise in den 1980er-Jahren oder dem aktuellen Siegeszug der Smart Watch. Viele Marken sind in diesen turbulenten Zeiten ganz verschwunden oder haben ihre Unabhängigkeit eingebüßt, andere haben sich erfolgreich profiliert – und bieten damit auch Unternehmern aus anderen Branchen wertvolle Ideen:

  • Wie lassen sich Traditionen mit Innovationen verbinden?
  • Welche Vertriebskanäle sind attraktiv?
  • Wie lässt sich E-Commerce mit stationärem Handel verbinden?
  • Wie lässt sich Crowdfunding nutzen, um eine Marke bekannt zu machen?
  • Welche Führungsgrundsätze begeistern ein Team?
  • Mit welchen Aktionen gewinnt man die Aufmerksamkeit einer größeren Öffentlichkeit?
  • Welche Geschichten sind dazu geeignet, eine Marke zu profilieren?

Eine Zeitreise als intensives Eintauchen in unternehmerische Konzepte – kaum irgendwo auf der Welt lassen sich solch attraktive Marken auf solch einem engem Raum kennen lernen wie in der Schweiz. Von Schaffhausen bis nach Genf stößt man auf Dutzende Manufakturen. Die „Erkenntnisse und Einblicke“, schrieb mir gestern ein Teilnehmer, seien so stark gewesen, dass er „mit dem Abstand von drei Tagen noch immer im Bann des Erlebten“ sei.

Ein schönes Kompliment – und ein Ansporn für uns weiterzumachen. Seit gestern also sitze ich an der Planung der nächsten Uhrenreise – vom 10. bis zum 13. April 2018, von Schaffhausen bis Genf (hier finden Sie Informationen über das Programm der ersten Reise). Erneut werden wir nur eine kleine Gruppe an Unternehmern mitnehmen können. Wenn Sie also Interesse haben, dann lassen Sie sich vormerken. Schreiben Sie mir am besten direkt: foerster.nikolaus@impulse.de.

1 Kommentar
  • Ingo Ullrich 8. November 2017 19:20

    ich zitiere Technokratus:

    Die Leute kaufen
    a) Nützliches B) Bequemes c) Amüsantes d) was den Nachbarn neidisch macht…
    und dieses d) ist die Marktlücke ….. 😉

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