• Jagdfieber

    Moritz von Bismarck (r.) und Fried von Bernstorff

    Warum nur schlagen sich Unternehmer bei Wind und Wetter stundenlang durchs Unterholz? Was treibt sie an? Eine Geschichte aus dem deutschen Wald.

    Am Ende dieser Geschichte soll ein totes Tier auf dem Waldboden liegen. Das zumindest ist der Plan, so stellt man sich das vor, das Jagen: Am Ende wird gestorben.

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    Im Moment aber wirkt alles so friedlich, dass man an Schüsse, Blut und den Tod gar nicht denken mag. Es ist ein früher Herbstmorgen im Wendland. Die letzten Sterne leuchten noch am Himmel, alles schweigt. Moritz von Bismarck sitzt in einem Versteck und schaut in die Dunkelheit. Die schmale Holzbank unter ihm ist feucht und unbequem. Er trägt einen grünen Hut, Wanderstiefel und geflickte Funktions­hosen, hat die Arme vor der Brust verschränkt. Es ist kalt. An seinem rechten Bein lehnt ein ­Gewehr. Und so sitzt er da. Regungslos.

    Man solle bitte schön keine 100 kläffenden Beagles, Gewehrsalven und Männer in Tweedjacketts erwarten, hatte der Hamburger Unternehmer vorher gesagt. Wenn er auf die Jagd ­gehe, auf Ansitzjagd, dann sehe das anders aus. Er gehe allein, mit ein, zwei Freunden höchstens. Dann gebe es keine Hunde, kein Getöse und wer weiß, vielleicht noch nicht einmal Beute. Sicherlich könne man das langweilig finden. Für ihn aber sei es das genaue Gegenteil.

    Von Bismarck ist Jäger, “immer schon”, sagt er und meint damit, dass er mit 16, dem Mindestalter, seinen Jagdschein gemacht hat. “Die Jagd gehört zu meinem Leben dazu”, ist seine Antwort, wenn man ihn fragt, warum.

    Es wird hell. Die Vögel wachen auf. Ein Kolkrabe, ein Specht, zwei Kraniche, die über die Kiefernwipfel fliegen. Von Bismarck erkennt sie ­alle an ihren Stimmen. Und dann hört er das Wild. Rotwild. Ein leiser, kehliger Dauerton, wie Froschgequake. “Das sind die brunftenden Hirsche”, sagt er, “die liegen da hinten in ihrer Kuhle und bewachen ihr Kahlwild.” Er lauscht. Ansitzen bedeutet, dass der Jäger wartet, bis das Wild zu ihm kommt. Im Gegensatz zur Pirsch, wo er selbst durch den Wald schleicht. Oder zu Drück- und Treibjagd, wo das Wild aufgescheucht wird.

    Morgenansitz, das klingt ein bisschen wie Morgenandacht, und irgendwie passt das auch: Der Jäger sitzt in aller Ruhe allein mit sich und dem Wald und sinniert. Es riecht nach Tannenzapfen und feuchter Erde. Als die aufgehende Sonne die obersten Baumspitzen trifft, fangen die an, rosa zu leuchten. Fürchterlich kitschig. Aber schön. Man kann schon verstehen, warum Moritz von Bismarck das mag.

    In Deutschland gibt es 351 832 Jagdschein­inhaber. Pro Jahr legen mehr als 11.000 das “grüne Abitur”, die Jägerprüfung, ab. Seit Jahren steigt diese Zahl. Viele der neuen Waidmänner sind Büromenschen, Geschäftsleute, Unternehmer. Trigema-Chef Wolfgang Grupp etwa oder Automann Wolfgang Porsche jagen schon lange, der Fleischfabrikant Clemens Tönnies ist Pächter eines Reviers in Mecklenburg-Vorpommern, ThyssenKrupp-Grandseigneur Berthold Beitz ging mit weit über 90 noch auf die Pirsch, und der Keramikfabrikant Wendelin von Boch-Galhau (Villeroy & Boch) betreibt sogar eine eigene Jagdschule auf seinem Landgut Linslerhof. “Immer mehr Menschen, vor allem aus der Großstadt, sehnen sich zurück nach Heimat und Natur”, erklärt Lucas von Bothmer, Chefredakteur der Fachzeitschrift “Jäger”, den Trend. “Und das Jagdhandwerk ist das klarste Bekenntnis zu nachhaltiger Naturnutzung, das ich kenne.”

    Die Nähe zur Natur ist ein häufig genannter Grund fürs Jagen, ein anderer ist derselbe, aus dem gestresste Manager und Firmenbosse Zen-Meditation üben oder für zwei Wochen Urlaub im Schweigekloster buchen: “Man zwingt sich, einfach einmal ruhig zu sitzen”, sagt Moritz von Bismarck. Und: “Man hat Zeit, über Dinge nachzudenken.” Dinge, die im bewegten Alltag des Gründers und Geschäftsführers zweier Startups sonst zu kurz kommen.

    Für einen Moment sah es so aus, als wäre der Jäger in seinem Versteck eingenickt, doch plötzlich ist er wieder hellwach: Ein rülpsendes Einzelröhren hat sich zu dem Dauerton gesellt. “Ein junger Hirsch, der sich dem Brunftplatz nähert, weil er auch gern mal zum Zug käme”, übersetzt Bismarck. Er nimmt das Fernglas, das um seinen Hals hängt, scannt die Lichtung. Noch sieht er nichts, aber das Röhren kommt näher.

    Der Wald, in dem er auf der Lauer liegt, gehört seinem Freund Fried von Bernstorff. Ein hervorragendes Revier: 6.000 Hektar mit Rot- und Damwild, Rehen und sogar Mufflons. 500 Stück, wie der Jäger sagt, dürfen pro Jahr erlegt werden. Plus unbegrenzt viele Wildschweine. Dafür kommen rund 400 Jagd­gäste aus Deutschland, Dänemark und aus

    den Niederlanden auf Schloss Gartow, für ein Wochenende oder auch eine ganze Woche. Für ­viele Freizeitjäger die einzige Möglichkeit, ihr Hobby auszuleben: Wer keinen eigenen Wald besitzt oder pachtet, kann nur als Gast mit ­Erlaubnis im Revier eines anderen jagen. Tiere und Fleisch gehören dem Jagdherrn.

    Es geht immer um Leben und Tod

    Hobby. Ein Wort, das viele Jäger nicht gern hören. Das klänge nach Spaß, sagen sie. Und Spaß sei das falsche Wort, wenn man von einer Tätigkeit spricht, bei der am Ende ein Lebewesen stirbt. Lieber nennen sie die Jagd ein Handwerk, seltener auch Sport. “Es ist eine schwierige Vorstellung, dass jemand Spaß am Töten empfindet”, sagt von Bismarck. Bei ihm sei das sicherlich nicht der Fall, ebenso wenig bei anderen Jägern, die er kenne. Wobei natürlich schon ein Teil der Faszination darin besteht, bei der Jagd Herr über Leben und Tod zu sein.

    Der Himmel über der Lichtung und den rosaroten Baumwipfeln hat sich blau gefärbt. Der 38-Jährige atmet die klare Luft ein. “Früher war ich jede freie Minute im Wald”, sagt er. Seit er Familie hat, seltener. 20 Ansitze macht er jetzt pro Saison und zehn Gesellschaftsjagden. Neulich hat er seinen vierjährigen Sohn mit auf die Kanzel, so heißt der Hochsitz in der Jäger­sprache, genommen. Ohne Waffe, nur so, zum Gucken. Fand der super.

    Sowohl das Dauerröhren als auch die Rufe des Junghirschs sind verstummt. “Wenn er jetzt am Brunftplatz angekommen ist, gibt es gleich Ärger.” Kurz darauf kracht es laut, einmal, dann noch einmal. So klingt es, wenn die Geweihe von brunftigen Hirschen aufeinanderprallen, wenn die Alten den Jungspund von ihren Frauen vertreiben. “Ist das nicht geil?”, freut sich Moritz von Bismarck, ein bisschen vielleicht, weil er recht hatte, und ein bisschen, weil man das einfach nicht so oft hört: Gebaren der Männlichkeit, offene Machtkämpfe und Eifersuchtsszenen mitten im Wald.

    Moritz von Bismarcks Ehefrau jagt nicht, “als wir zusammenkamen, war sie sogar Vegetarierin.” Das ist sie jetzt nicht mehr, sie isst gern Wild, so ziemlich das einzige Fleisch, das bei den Bismarcks auf den Tisch kommt. Der Unternehmer ist sehr kritisch, was den Fleisch­konsum seiner Familie angeht, spricht über schlimme Haltungs- und Schlachtbedingungen bei Rindern und Schweinen, findet, in ­Masse produziertes Hähnchen- und Putenfleisch sollte man eigentlich gar nicht essen. Wild dagegen sei anders: Die Tiere hatten ein gutes Leben in Freiheit, und sie sind tot, ehe sie den Schuss hören – im Idealfall zumindest.

    Im Wald schießen, online verkaufen

    Später wird von Bismarck im Schlachthaus auf Schloss Gartow die Leiber von vier geschos­senen Rehen aufklappen und die Einschüsse ­in­spizieren. Mit seinem Freund Fried von ­Bernstorff hat er vor einem Jahr begonnen, Gartower Wildfleisch online zu verkaufen. ­Küchenfertig, EU-zertifiziert, tiefgefroren, via DHL-Express über Nacht verschickt. War eine Marktlücke, mehr oder minder: Die meisten ­Jäger geben ihr Fleisch an Händler, die das an verschiedenen Orten zusammengekaufte Wild an Endkunden und Gastronomie vertreiben. Bismarck und Bernstorff haben diesen Part nun selbst übernommen, können für die Herkunft ihres Fleisches garantieren, Details zu Wild und Erlegungsort sind lückenlos dokumentiert.

    An einem Reh zeigt er den perfekten Schuss, einen Kammerschuss. Der dringt kurz hinter der Schulter ein, geht durch Lunge und Herz und kommt auf der anderen Seite wieder ­he­raus. Er tötet das Tier augenblicklich. Einen Moment steht es wie versteinert, während der Knall noch im Wald nachhallt. Dann bricht es zusammen. Schmerzlos. Schuss und vorbei.

    Der nicht perfekte Schuss verletzt das Wild, ohne es unmittelbar zu töten. Mit das Schlimmste, was passieren kann. “Krank schießen” nennt man das in Jägerlatein, und einem krank ge­­schos­senen, fliehenden Stück muss sofort “nach­gesucht” werden. Das ist nicht immer einfach, etwa auf einer Jagd bei Nacht. Eine Nachsuche kann auch gefährlich sein, ein verletztes Wildschwein hat einem Jägerkollegen von von Bismarck einmal mit dem Eckzahn den ganzen ­Unterschenkel aufgeschlitzt.

    Vor allem aber ist eine Nachsuche die wohl größte emotionale Herausforderung für einen Jäger. Wenn er das verletzte Tier gefunden hat, hilflos, strampelnd, in Krämpfen, vor Schmerz schreiend oder kläglich röchelnd, dann ist es seine Waidmannspflicht, dem Leiden ein Ende zu setzen. Mit einem Fangschuss oder, schlimmer noch, mit dem Messer. “Das fällt jedem durchschnittlich mitfühlenden Menschen wahn­sinnig schwer, und wenn man in diesen Momenten nicht so unter Adrenalin stehen würde, könnte man das auch gar nicht”, so von Bismarck. Auch er war schon in dieser Situa­tion, wie jeder Jäger. “Aber da ein Messer reinstechen …” Er bricht ab. Man müsse verstehen: Oft reiche das nicht. Große Tiere müsse man umdrehen, sich draufsetzen, damit das Messer tiefer ins Herz dringe. “Und dann warten, bis die Luft raus ist. Das ist fürchterlich. Fürchterlich.” Er schüttelt den Kopf, schweigt. “Andererseits: Wer nicht bereit ist, es in dieser Konsequenz zu machen, sollte nicht zur Jagd gehen.”

    Manche tun es trotzdem. Der Hamburger nennt diese Fraktion die “Hobbyjäger”. Oft sind das aufstrebende Karrieristen, die jagen, weil sie es für ein Luxusfreizeitvergnügen halten, besonders seit Golf ein Jedermannssport geworden ist. Sie können neuerdings auf Jagdschulen den Jagdschein in exklusiven Zehn-Tages-Kursen für stattliche 12.000 Euro bekommen, und es gibt luxuriöse Jagdsafaris auf Kamtschatka oder in der afrikanischen Steppe mit Abschussgarantie. “Viele Hobbyjäger wollen einfach ­unbedingt schießen – und das ist ein Problem”, so von Bismarck. Wer schussgeil ist, macht ­Fehler. “Und unglücklicherweise sind es genau diese Jäger, die dann noch nicht einmal zu ­einem krank geschossenen Tier hingehen und das verursachte Leiden selbst beherzt beenden können”, sagt Moritz von Bismarck.

    Mit der Stille im Wald vor dem Ansitz ist es plötzlich vorbei, als ein Eichelhäher ganz in der Nähe zu schimpfen beginnt. Der Jäger richtet sich auf, wartet, und – da! Ein lautes Röhren ganz in der Nähe. Der unterlegene Jungbulle dreht beleidigt seine Runden um den Brunftplatz. Das ist der Moment, in dem die meisten Jäger anfangen, nervös zu werden, im positiven Sinne, eine Art freudige Aufgeregtheit.

    “Dieses Jagdfieber gibt es auf jeden Fall”, sagt von Bismarck. So richtig breche es unmittelbar vor dem Schuss aus. Wenn der Jäger das Gewehr anlegt, seine Beute durch das Zielfernrohr anvisiert. “Viele fangen da an zu zittern, unerfahrene Jäger sogar zu hyperventilieren. Das gibt sich mit der Zeit, aber eine gewisse Anspannung, die bleibt.” Er selbst merke, wie angespannt er im entscheidenden Moment sei, daran, dass er den Schuss nicht höre. Nie. Dabei ist der Knall verdammt laut. “In den seltenen Fällen, in denen eine Jagd tatsächlich mit einem Schuss endet, bildet dieser die Klimax des jagdlichen Erlebnisses”, sagt der Unternehmer. “Danach herrscht meistens Stille, und die Welt um einen herum fühlt sich ganz anders an als noch Sekundenbruchteile zuvor.”

    Noch aber ist es nicht so weit. Während das Röhren immer näher kommt und der Jäger mit dem Fernglas das Unterholz absucht, erzählt er, dass er eigentlich am liebsten Wildschweine jage. “Weil die nicht so filigran und elegant sind.” Vor ein paar Jahren war er bei einer Drückjagd in der Eifel, nur wenige Wochen nachdem sein erster Sohn geboren worden war. Aus einem Rudel Rotwild schoss von Bismarck auf ein Kalb, worauf das ganze Rudel stehen blieb. “Ich wusste genau, dass es tödlich getroffen war. Aber als die da noch für einen Augenblick so ruhig zusammenstanden, Alttier und Kalb … ” Er schüttelt sich kurz. “Das ist nicht schön.” Sicher­lich: Auch in diesem Moment habe er nicht daran gezweifelt, dass das, was er tut, richtig und wichtig ist: “So wie wir jagen, gibt es objektiv nichts daran zu kritisieren.” Aber: “Es geht einem nahe. Muss es auch, finde ich. Wenn es mir irgendwann nicht mehr naheginge, würde ich nicht mehr auf die Jagd gehen.”

    In der Brunft sind Hirsche ungenießbar

    Der Hirsch! Er tritt auf die Lichtung. Langsam, laut vor sich hinröhrend. Er trägt ein einigermaßen stattliches Geweih, den braunen Winterpelz, schreitet mit gleichmäßigen Schritten. Die Hand des Jägers nähert sich seinem Gewehr. Ein letzter Blick durch das Fernglas, dann lässt er das Gewehr doch stehen. Gemächlich verschwindet der Hirsch im Gehölz. “Ich hatte gehofft, er käme mit einigen weiblichen Tieren”, sagt von Bismarck. Die hätte er dann geschossen. “Aber so ein brunftiger Damschaufler? Nein.” Das Fleisch sei quasi ungenießbar, es habe diesen aufdringlichen Brunftgeschmack. Und Moritz von Bismarck jagt nur, was er auch verwerten kann.

    Eine halbe Stunde später beendet er seinen Morgenansitz, schlendert durch feuchtes Gras und gelbe Ahornblätter zurück zum Land Rover. Glücklich, sagt er. Keinesfalls unbefriedigt. “Bei 60 bis 80 Prozent der Ansitzjagden gehe ich ohne Beute nach Hause, das ist völlig in Ordnung. Das macht mich kein Stück traurig oder unzufrieden.” Und ein wenig scheint es so, als sei der Jäger froh darüber, dass er diesen Hirsch mit dem Leben davonkommen lassen konnte.

    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse
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