Jetzt erst recht – Cornelia Daheim
„Die eine Zukunft gibt es nicht“

KI, Kriege, demografischer Wandel – sicher ist nur: Nichts bleibt, wie es ist. Zukunftsforscherin Cornelia Daheim erklärt, wie Unternehmen trotz Unsicherheit kluge Entscheidungen für Morgen treffen.

2. Juni 2026, 15:27 Uhr, von Nikolaus Förster, impulse-Herausgeber und -Verleger

Frau lehnt mit Armen auf Bücherstapel.
Cornelia Daheim ist Zukunftsforscherin und Gründerin von Future Impacts. Mit ihrem Beratungsunternehmen unterstützt sie Unternehmen und öffentliche Einrichtungen dabei, sich für die Zukunft aufzustellen.
© Arnd Drifte

impulse: Cornelia, ich erlebe viele Unternehmer, die mir sagen: Ich habe keine Zeit, mir über die Zukunft Gedanken zu machen, ich muss irgendwie überleben. Was sagst du dazu?
Cornelia Daheim: Ich habe selbst auch gegründet und verstehe den Druck und die Herausforderungen, gerade bei der aktuellen Weltlage und all den Überraschungen, die auf uns einprasseln. Aber: Wer sich nicht mit der Zukunft beschäftigt, liefert sich aus. Dem, was andere tun, aber auch dem, was vielleicht auf einen selbst zukommt. Du verschenkst damit Gestaltungsmöglichkeiten.

Dennoch sagen viele: Ich habe doch keine Ahnung, wie die Welt sich entwickelt. Da schwingt ja auch eine große Hilflosigkeit mit.
Es geht nicht darum, die Zukunft exakt vorherzusagen.

Du hast also auch keine Glaskugel?
Die hat leider niemand. Wir können nicht beeinflussen, welche neue Zollregelung Trump als Nächstes ankündigt. Es geht mehr um eine Einschätzung von wahrscheinlichen Zukünften. Wir sprechen in der Zukunftsforschung bewusst im Plural, denn die eine Zukunft, die gibt es nicht, sondern mehrere mögliche Richtungen und viele Wahrscheinlichkeiten. Gleichzeitig schauen wir, wo wir Einfluss nehmen können, um Zukunft nicht nur abzuwarten, sondern aktiv zu gestalten.

Also kann ich es mir gar nicht leisten, mich nicht um die Zukunft zu kümmern?
Du akzeptierst damit auf jeden Fall das große Risiko, einfach überfahren zu werden und Chancen zu verpassen. Denn man surft damit auf der Grundannahme, dass alles so bleibt, wie es ist. Wir spüren aber ganz viel Wandel um uns herum, da wäre es ganz schön riskant, sich einzubilden, man müsse sich nicht damit auseinandersetzen, was genau passieren könnte oder vor allem auch mit der Frage: „Welchen Wandel will ich selbst auch vorantreiben?“
Wenn uns die letzten zehn Jahre eins gelehrt haben, dann ist es, dass absolut nichts so bleibt, wie es ist. Es geht also darum, verschiedene Szenarien zu bauen, um für verschiedene Alternativen gewappnet zu sein. Was würden bestimmte Entwicklungen für unser Geschäft bedeuten, wo sollten wir uns heute schon vorbereiten, wo einen Plan B entwickeln?

Klingt sehr abstrakt. Wenn ich ein kleines Unternehmen habe: Wie fange ich konkret an?
Ein guter Start für die Zukunftsarbeit ist Trendmonitoring, also das regelmäßige Beobachten von Entwicklungen und wie sie dein Geschäft beeinflussen könnten. Dafür kannst du mit Google oder KI recherchieren, Studien lesen oder zu Konferenzen gehen. Von der Europäischen Kommission gibt es auch eine öffentlich zugängliche Online-Datenbank, den Megatrend Hub, die langfristige globale Entwicklungen sammelt und beschreibt, beispielsweise den demografischen Wandel, Digitalisierung oder Veränderungen in Arbeit und Bildung.
Du kannst aber auch eigene Beobachtungen etwa im Verhalten der Kunden sammeln. Eine Bäckerei beobachtet eventuell die steigende Nachfrage nach veganen Leckereien und erkennt durch die Recherche, dass vor allem in Städten der Trend immer mehr zu pflanzlicher Ernährung geht.

Und dann?
Als Nächstes geht es darum, verschiedene mögliche Zukunftsalternativen zu entwickeln und zu prüfen: Was bedeutet das heute für mein Geschäft? Dabei schaut man sich verschiedene Schlüsselfaktoren an, wie Altersstruktur oder Ernährungspräferenz, baut sich zwei bis drei plausible Szenarien, also stellt sich vor, welche Auswirkungen diese auf mein Business hätten – am besten nicht nur in Risiken, sondern auch in Chancen denken – und leitet daraus konkrete Handlungsmaßnahmen ab. Für die Bäckerei wäre ein Szenario möglicherweise „Die Nachfrage nach veganen Backwaren steigt“ und ein anderes „Die Nachfrage geht zurück“. Auf dieser Basis können Entscheidungen getroffen werden, die für beide Szenarien funktionieren, beispielsweise das Sortiment durch eine Auswahl an veganen Croissants zu ergänzen. Das gibt Sicherheit.

Manchmal passiert aber auch etwas völlig Unvorhersehbares wie Corona oder der russische Angriff auf die Ukraine.
In der Zukunftsforschung nennen wir das Wildcards. Ereignisse, die relativ unwahrscheinlich sind, aber eine große Auswirkung haben. Während Trends sich längerfristig entwickeln, sind Wildcards plötzliche Umbrüche. Die Terroranschläge des 11. September oder, wie du sagst, auch Corona sind bekannte Beispiele. In meiner Beratungsfirma bieten wir Workshops zur Zukunftsarbeit in anderen Unternehmen an. Als Reisen und dadurch diese Workshops für uns wegfielen, drohte uns ein Teil des Geschäfts wegzubrechen. Wir haben schnell reagiert und verschiedene Szenarien gebaut: Reisen ist schnell wieder möglich, lange nicht möglich, es kommt zu weiteren Kontakteinschränken und so weiter. Was konnten wir also tun, egal welches Szenario eintreffen würde? Online-Workshops anbieten!

Sind hier nur globale Krisen gemeint?
Es kann sich auch um interne überraschende Ereignisse handeln, wenn beispielsweise plötzlich die Chefin eines kleines Betriebs durch einen Unfall ausfällt oder mein größter Kunde wegfällt. Da kann ich mich darauf vorbereiten und schon heute überlegen, wie ich Aufgaben umverteilen kann, an der Neukundengewinnung arbeite oder Rücklagen bilde. Letztlich dient Zukunftsarbeit dazu, die eigene Handlungsfähigkeit zu stärken und einen Plan bereit zu haben, um in Krisenzeiten nicht in Schockstarre zu verfallen.

Inwiefern verändert KI aktuell die Spielregeln der Zukunftsarbeit? Sprachmodelle sind sehr gut darin, Alternativen auszubuchstabieren, die ich mir selbst gar nicht vorzustellen wage.
KI kann ein super Partner sein, um Trends zu recherchieren oder Szenarien schnell auszuformulieren, beispielsweise indem sich ein Chef eines Metallbaubetriebs verschiedene Versionen der Zukunft – etwa die Auswirkungen neuer Zölle auf den Materialeinkauf – ganz konkret beschreiben lässt. Aber KI ersetzt nicht den gemeinsamen Denkprozess. Zukunftsarbeit lebt davon, dass Menschen Annahmen hinterfragen, Perspektiven abwägen und Lösungen gemeinsam entwickeln. Nur so entsteht Verständnis und Verantwortungsgefühl im Team.
KI ist übrigens bereits seit 10 bis 20 Jahren ein Thema in der Zukunftsforschung. Wer also mit Zukunftsarbeit im Unternehmen rechtzeitig die Entwicklung verstanden hat, konnte längst Kompetenz aufbauen, während andere Firmen erst jetzt losrennen.

Wie wird Zukunftsarbeit zum Erfolg?
Wichtig ist, dass sie kein Einmalprojekt bleibt. Beispielsweise können Chefinnen und Chefs jährlich zur Jahresplanung auch einen Szenario-Workshop machen. Oder ein monatliches Trend-Café ins Leben rufen, wo die Beschäftigten eine halbe Stunde über aktuelle Trends diskutieren. Es muss kein groß angelegtes Drei-Jahres-Projekt sein. Arbeitsmaterial und Workshop-Konzepte können Interessierte einfach im Netz runterladen, zum Beispiel diese Toolkits auf unserer Website future-impacts.de.
Dabei gilt: Freiwillige vor. Du kannst im Team fragen, wer Lust hätte, mal am nächsten Teamtag ein Expressformat zum Trendmonitoring für alle anzubieten. Es macht wenig Sinn, das dem Strategiechef als zusätzliche Aufgabe aufzudrücken. Im besten Fall findet sich eine kleine Gruppe motivierter Mitarbeitender, die das Thema vorantreiben wollen.

Viele glauben noch, der Chef oder die Chefin müsse genau wissen, wo es langgeht. Verliere ich nicht an Autorität, wenn ich das so ins Team gebe?
Klar, wenn ich mein Zukunftsbild konkretisiere, muss ich mit Gegenwind rechnen. Entscheidungen schließen immer auch andere Optionen aus. Aber zu sagen: „Wir wissen nicht alles, aber wir denken es gemeinsam durch“ – das sehe ich als Anerkennung der Realität, nicht als Schwäche.

Es hat also eher einen Motivationseffekt.
Ja, ich beobachte, dass es sehr positiv erlebt wird, wenn Raum ist, um Zukunftsfragen zu diskutieren und aktiv mitzugestalten. Es hat eine verbindende Kraft zu sagen: „Ja, das ist uns wichtig. In diese Richtung wollen wir“. Natürlich werden weiterhin Wildcards links und rechts einschlagen, aber man steht dann nicht hilflos da, sondern navigiert in eine gemeinsam gestaltete Zukunft.

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