Inhalt: Darum geht's in diesem Beitrag
Niemand weiß, was die Zukunft bringt, wir können es nur ahnen: Künstliche Intelligenz krempelt Geschäftsmodelle um, die Gesellschaft altert und bringt weniger Arbeitskräfte hervor, die weltpolitische Lage erschwert den Außenhandel. Entwicklungen wie diese sind bekannt, nur weiß man nicht, wie sie sich in der Zukunft aufs eigene Geschäft auswirken.
Unternehmen sind gut beraten, eine Strategie zu finden, die mehreren möglichen Entwicklungen standhält. Das geht mit der Szenariotechnik, einer Management-Methode. Dabei treffen Unternehmen unterschiedliche Annahmen über die Zukunft und leiten daraus Entscheidungen ab, zum Beispiel über neue Produkte.
„Es geht nicht darum, sich auf das wahrscheinlichste Szenario vorzubereiten, sondern auf eine ganze Bandbreite“, sagt Hans Jung, Berater bei Unity und Dozent an der Munich Business School.
Ziel: Robuste Strategien entwickeln
Ein Beispiel: Vor der Corona-Pandemie hat die Management-Beratungsfirma Unity mit einem Reisebuchverlag zusammengearbeitet, der eine neue Produktstrategie suchte. Die Berater entwarfen mehrere Szenarien. Eines ging davon aus, dass alles bleibt, wie es ist, ein anderes lautete schlicht: „Der Mensch wird nicht reisen können“. Das klang unwahrscheinlich, bis die Pandemie kam.
Die Szenariotechnik half dabei, ein Geschäftsmodell zu erarbeiten, das allen Szenarien standhielt. Vorstellbar waren zum Beispiel 360-Grad-Videos von Bergsteigern am Matterhorn. Die Menschen konnten zwar nicht selbst in die Alpen fahren, aber sie kamen virtuell nah an das Erlebnis heran.
Früher war die Szenariotechnik Großunternehmen vorbehalten: Projektteams mussten gebildet werden, das Entwerfen der Szenarien nahm gerne mal ein Jahr in Anspruch, dazu brauchte es teure Berater. Heute kann Künstliche Intelligenz bei vielen Schritten unterstützen, das verkürzt den Prozess und spart Geld. Jung empfiehlt sie auch kleinen mittelständischen Unternehmen: „Zum Beispiel die Frage, wie ich KI in meiner Produktion einsetzen kann – daran kommt auch ein kleinerer Schreiner-Betrieb nicht vorbei.“
Im Folgenden erhältst du eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie du in deinem Unternehmen die Szenariotechnik anwenden kannst – wo KI hilft und woran sie scheitert.
1. Problemanalyse und Leitfrage aufstellen
Am Anfang steht eine Leitfrage, etwa: Welche Produkte brauche ich, damit ich am Markt erfolgreich bleibe? Oder: Auf welchen Märkten muss ich vertreten sein, um relevant zu bleiben? Wie sieht eine Strategie aus, mit der unser Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgeht und langfristig erfolgreich in seinem Markt agiert?
Bereits beim Brainstorming zur Leitfrage hilft die KI. Ein Prompt-Vorschlag:
„Du bist Strategieberater mit Erfahrung in Szenariotechnik für mittelständische Unternehmen. Formuliere 5 – 7 prägnante Leitfragen für den Einstieg in einen strategischen Szenarioprozess. Kontext: Branche [ ], Unternehmensgröße [ ], zentrale Unsicherheiten/Herausforderungen [ ], Zeithorizont [5 –10 Jahre].
Die Fragen sollen strategisch zugespitzt und entscheidungsrelevant sein, langfristige Wettbewerbsfähigkeit adressieren und als übergeordnete Steuerungsfragen für die Szenariobildung dienen.“
2. Einflussfaktoren sammeln
Unternehmen sammeln im nächsten Schritt Faktoren, die künftige Entwicklungen beeinflussen. Das geht, indem man Fachliteratur liest, Marktdaten analysiert oder auch Patente recherchiert, je nach Fragestellung. Ein umfassender Prozess, der durch KI sehr viel einfacher geworden ist.
Jung rät dazu, die Recherchefunktionen der gängigen LLMs zu nutzen, die jedoch nur mit den kostenpflichtigen Versionen von ChatGPT oder Perplexity verfügbar sind. Um nach wissenschaftlichen Beiträgen zu suchen, empfiehlt er das Tool Elicit.
Die sogenannte PESTEL-Analyse biete dabei einen guten Rahmen, relevante Faktoren zu erfassen, so Jung.
3. Schlüsselfaktoren bilden
Jungs Erfahrung nach fördert so eine Analyse oft 80 bis 90 Einflussfaktoren zutage. Bei einem Automobilzulieferer könnten solche Faktoren zum Beispiel die Entwicklung des autonomen Fahrens, Zölle oder neue EU-Regularien sein. „Tatsächlich beeinflussen aber nur 10 bis 15 dieser Faktoren die Zukunft“, sagt Jung.
Eine CO₂-Steuer oder ein Verbrennerverbot hätten große Auswirkungen, während das Fahrzeugdesign nachrangig ist. Es gilt also, die Schlüsselfaktoren zu identifizieren.
Um die Zahl der Faktoren zu reduzieren, wendet Jung komplexe mathematische Analysen an. Es gibt aber einfache Faustregeln, etwa die 80/20-Regel: Man fragt sich, welche 20 Prozent der Faktoren für 80 Prozent des künftigen Geschäftserfolgs verantwortlich wären. Weiß man zum Beispiel, dass US-Zölle das eigene Geschäft stark beeinträchtigen würden, wären sie ein Schlüsselfaktor.
4. Szenarien entwickeln und visualisieren
Jeder Schlüsselfaktor hat wiederum verschiedene Ausprägungen, Steuern oder Zölle können hoch oder niedrig sein. Daraus entwickelt man die Szenarien. „Wir machen in der Regel drei Zukunftsbilder. Ein extrem positives Szenario, eine lineare Fortschreibung des Ist-Zustands und ein extrem negatives Szenario“, sagt Jung.
Um beim Beispiel zu bleiben: US-Zölle auf deutsche Automobile könnten in fünf Jahren bei 30 Prozent liegen (Extremszenario), bei 15 Prozent (mittleres Szenario) oder nur bei 2,5 Prozent (Best-Case-Szenario).
Der Trichter ist die bewährte Darstellungsform in der Szenariotechnik. Er veranschaulicht die Bandbreite möglicher Entwicklungen. Es sei wichtig, so Jung, die Szenarien nicht zu eng zu fassen. Wenn sich das Positiv- und das Negativszenario nur in Nuancen unterscheiden – etwa mit Blick auf die Entwicklung des Umsatzes –, besteht die Gefahr, dass Entwicklungen übersehen werden.
Jung rät dazu, die Szenarien mithilfe von KI zu visualisieren, zum Beispiel ein Video mit Sora (OpenAI) oder Googles Veo im KI-Modell Gemini zu generieren. „Über die visuelle Darstellung können sich Mitarbeiter die Szenarien leichter vorstellen, als wenn sie einen Text lesen.“
Wer die Bandbreite möglicher Szenarien kennt, kann daraus konkrete Maßnahmen ableiten, die im besten Fall zu mehreren potenziellen Entwicklungen passen. Ein Beispiel: Ein Automobilzulieferer, der Hupen produziert, stellt auf komplexe digitale Signaltechnik um. Darüber kommunizieren Fahrzeuge, die autonom oder teilautonom fahren. Eine robuste Produktstrategie für die Zukunft.
Hat man die Szenariotechnik einmal aufgesetzt über mehrere Prompts, vielleicht eine Automatisierung gebaut über Tools wie Make oder n8n, lässt man die Szenarien regelmäßig durchrechnen. Falls sich Einflussfaktoren ändern und ein mögliches Szenario allzu unwahrscheinlich erscheint, kann man frühzeitig Projekte stoppen, die nicht zukunftsfähig sind.
Brauchst du Hilfe von einem Profi?
Berater Jung empfiehlt, die Szenariotechnik von einem Experten durchführen zu lassen. Zwar könne man mittels einfacher Prompts und Deep Research Vorarbeit leisten, etwa bei der Suche nach Einflussfaktoren. Für den weiteren Prozess brauche es aber komplexere Prompts und genaue Methodenkenntnis: Outputs müssten definiert und Prüfschleifen eingebaut werden.
Insgesamt müsse die KI viele Tausend Entscheidungen treffen. Doch die professionelle Begleitung hat ihren Preis: Einen mittelständischen Betrieb kann ein mehrwöchiges Projekt schon mal mehrere 10.000 Euro kosten.
Losgelöst von der konkreten Szenariotechnik empfehlen Fachleute, Zukunftsdenken generell in den Unternehmensalltag zu integrieren. Vorausschau-Prozesse sollten nicht nur in Workshops ausgelagert werden, sondern auch regelmäßig in Strategiemeetings einfließen, sagt Zukunftsforscherin Daheim: „Oft ist es sinnvoll, keinen ganz neuen Prozess zu schaffen, sondern an bestehende Prozesse anzudocken, um gezielt über den Tellerrand hinauszublicken.“
Welche Fragen du dir stellen solltest, wenn du Zukunftsbilder für dein Unternehmen entwickelst, erfährst du in unserem Fragebogen zur Szenariotechnik.

