Lange Arbeitszeiten 6 Gründe, warum Ihre Mitarbeiter weniger arbeiten sollten

Überstunden sollten nicht nur Gewerkschaftlern ein Dorn im Auge sein, sondern auch Arbeitgebern. Denn lange Arbeitszeiten schaden dem Unternehmen - in vielerlei Hinsicht.

Überstunden sollten nicht nur Gewerkschaftlern ein Dorn im Auge sein, sondern auch Arbeitgebern. Denn lange Arbeitszeiten schaden dem Unternehmen - in vielerlei Hinsicht.© birdys / photocase.de

8-Stunden-Tage und reichlich Überstunden sind in vielen Unternehmen Alltag. Sinnvoll ist das nicht, wie zahlreiche Forschungen zeigen. Warum Arbeitgeber umdenken sollten.

43,5 Stunden – so lange arbeiten vollzeitbeschäftigte Angestellte laut „Arbeitszeitreport Deutschland 2016“ durchschnittlich pro Woche. 43,5 Stunden, das sind knapp fünf Stunden länger als vertraglich vereinbart und 7,5 Stunden länger als die durchschnittliche Wunscharbeitszeit.

Diese langen Arbeitszeiten haben Folgen: Sie schaden nicht nur den Mitarbeitern, sondern gefährden auch den Erfolg des gesamten Unternehmens – und zwar aus den folgenden sechs Gründen:

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1. Lange Arbeitszeiten machen unproduktiv.

Wer kürzer arbeitet, schafft mehr? Das klingt paradox, doch zumindest bei der amerikanischen Firma „Tower Paddle Boards“ ging die Gleichung auf: Das Unternehmen führte 2015 den 5-Stunden-Tag ein. Seitdem stiegen die Umsätze um 40 Prozent.

Der Fall erregte internationales Interesse – nicht zuletzt, weil die Erfahrungen auch durch Forschungsergebnisse gestützt werden. So zeigte etwa John Pencavel von der Universität Stanford, dass ab einer Wochenarbeitszeit von 50 Stunden die Produktivität rasant sinkt. Mehr als 56 Stunden pro Woche zu arbeiten sei demzufolge sogar Zeitverschwendung.

Pencavel griff hierbei auf Datenmaterial von Minenarbeitern aus dem ersten Weltkrieg zurück. Die selbstbestimmt arbeitenden Angestellten von heute dürften noch größere Schwierigkeiten haben, sich über die gesamte Spanne eines langen Arbeitstages zu Höchstleistungen zu motivieren.

„Lange Arbeitszeiten sind unproduktiv“, bestätigt auch Friedhelm Nachreiner, Professor für Arbeitspsychologie und Vorsitzender der Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung. „Wenn die Ermüdung einsetzt, braucht man mehr Zeit, mehr Handschläge, mehr mentale Operationen für dasselbe Ergebnis. Das ist nicht effizient.“ Dies gelte für körperliche Arbeit ebenso wie für geistige.

Unterm Strich: Wie lange jemand am Schreibtisch sitzt, sagt wenig darüber aus, wie viel Arbeit er erledigt. Kluge Chefs wissen, dass die Formel „Mehr Arbeitszeit = mehr Output“ nicht aufgeht – und schicken ihre Mitarbeiter pünktlich nach Hause.

2. Lange Arbeitszeiten machen krank.

Egal ob man am Schreibtisch sitzt oder im Laden steht: Wer lange arbeitet, wird häufiger krank, dieser Zusammenhang ist in vielen Studien belegbar. So stieg laut Arbeitszeitreport der Anteil der Beschäftigten, die über gesundheitliche Beschwerden klagen, schon ab zwei Überstunden pro Woche.

Wie groß das Risiko schwerwiegender Erkrankungen ist, zeigten etwa Forscher der Ohio State University. Sie untersuchten Daten von mehr als 12.000 Amerikanern, die 32 Jahre lang ihre Arbeitszeit und ihren Gesundheitszustand dokumentierten. Den Ergebnissen zufolge gefährden lange Arbeitszeiten vor allem die Gesundheit von Frauen: Diejenigen, die mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiteten, erkrankten häufiger an Krebs, Diabetes oder Arthritis. Bei einer 60-Stunden-Arbeitswoche über 30 Jahre hinweg verdreifachte sich das Risiko der Frauen für Diabetes, Krebs, Herzprobleme und Arthritis sogar.

Unterm Strich: Kluge Chefs sorgen dafür, dass ihre Leute pünktlich Feierabend machen – weil sie wissen, dass sie sonst krank werden und langfristig ausfallen können.

3Lange Arbeitszeiten machen unzufrieden.

Laut Nachreiner wäre es am sinnvollsten, wenn Arbeitnehmer viele in die Arbetszeit integrierte kurze Pausen machen – so bleibt die Leistungsfähigkeit lange erhalten. Die Sache hat allerdings einen Haken: Wer lange arbeitet und zusätzlich auch noch viele Pausen macht, kommt abends noch später nach Hause als ohnehin schon. Und dann droht etwas, das Nachreiner „soziale Desynchronisierung“ nennt: „Es kommt zu einem Verlust an sozial verwertbarer Zeit und darüber zu sozialen Beeinträchtigungen. Oder anders ausgedrückt: In der Zeit, in der man arbeitet, kann man sich nicht mit den Kindern beschäftigen oder mit anderen mal ein Bier trinken gehen.“

Ihre Freizeit ist Arbeitnehmern aber wichtig, das zeigt auch der „Arbeitszeitreport Deutschland 2016“: Hierbei sollten die Teilnehmer ihre Wunscharbeitszeit angeben. Im Durchschnitt wünschten sich die Befragten eine 36-Stunden-Woche – und damit eine Arbeitszeit, die drei Stunden unter der vertraglich vereinbarten liegt. Entsprechende Lohneinbußen waren sie bereit in Kauf zu nehmen. Bei den vollzeitbeschäftigten Männern im Alter zwischen 30 und 49 wünschte sich sogar mehr als die Hälfte kürzere Arbeitszeiten.

Die Befragten müssen also länger arbeiten, als sie wollen – kein Wunder, dass sie unzufrieden sind: Je länger die Arbeitszeit, desto schlechter stuften sie ihre Work-Life-Balance ein. 19 Prozent der Befragten gaben übrigens an, unbezahlte Überstunden zu machen: Sie erhalten für die Mehrarbeit demnach weder Geld noch einen Freizeitausgleich.

Unterm Strich: Länger arbeiten, als man eigentlich will, womöglich ohne Bezahlung? Das frustriert Mitarbeiter, demotiviert sie und führt schlimmstenfalls dazu, dass sie kündigen. Kluge Chefs wissen das zu verhindern: indem sie kürzere Arbeitszeiten ermöglichen.

4. Lange Arbeitszeiten machen Stress.

Die „soziale Desynchronisierung“ hat nicht nur Folgen für die Jobzufriedenheit, sondern auch für die psychische Gesundheit – das kennen Unternehmer selbst nur allzu gut aus eigener Erfahrung: Wenn man mehr als 40 Stunden pro Woche arbeitet, bleibt das Privatleben oft auf der Strecke. Neben Arbeit, Pendeln, Haushalt ist nur noch wenig Zeit für Familie und für sich selbst.

Die Folge: schädlicher Dauerstress, der schlimmstenfalls in einem Burnout enden kann. Untersuchungen zeigen, dass mit der Zahl der Arbeitsstunden auch körperliche Erschöpfung und Schlafstörungen zunehmen. So weit sollte es laut Nachreiner am besten gar nicht erst kommen: „Ermüdung zu vermeiden ist wichtig, das ist als Ermüdung zu kompensieren. Denn ist der Mitarbeiter erst einmal ermüdet, dauert es länger, bis er regeneriert ist.“

Unterm Strich: Wer seine Leute ständig Überstunden schieben lässt, riskiert, dass sie am schädlichen Dauerstress zerbrechen. Kluge Chefs sorgen dafür für Arbeitsbedingungen, die eine gesunde Work-Life-Balance ermöglichen.

5. Lange Arbeitszeiten machen dumm.

Den ganzen Tag hochkonzentriert bei der Sache sein – das ist kaum möglich für Menschen, die komplexe Probleme lösen oder neue Ideen entwickeln wollen: Das Gehirn braucht Pausen, da sind sich Wissenschaftler schon seit Langem einig.

So wiesen etwa australische Forscher nach, dass bei Über-40-Jährigen schon ab einer Wochenarbeitszeit von mehr als 25 Stunden die kognitiven Fähigkeiten nachlassen: Die Probanden hatten weniger gute Ideen, waren unaufmerksam, lernten schlechter, konnten sich Neues schlechter merken und waren weniger in der Lage zu argumentieren. Damit schaden Arbeitnehmer womöglich nicht nur sich selbst, sondern auch der Firma, sagt Nachreiner: „Wer ermüdet ist, arbeitet unpräzise, macht mehr Fehler und hat daher ein höheres Unfallrisiko.“

Unterm Strich: Denken ist Schwerstarbeit fürs Gehirn. Kluge Chefs lassen ihren Mitarbeitern daher Zeit zum Erholen – und profitieren davon: durch bessere Ideen.

6. Lange Arbeitszeiten sind gefährlich.

Ein Mitarbeiter sitzt bis spät in die Nacht am Schreibtisch und ist am nächsten Morgen der erste in der Firma? In solchen Fällen reicht die Zeit zwischen zwei Arbeitseinsätzen womöglich nicht mehr für die nötige Erholung, warnt Nachreiner: „Dadurch schaukeln sich über die Woche hinweg Ermüdungs- und Risikoeffekte auf.“

Die Forschung konnte nicht nur zeigen, dass lange Arbeitszeiten das Unfallrisiko überproportional erhöhen. Das Risiko nimmt noch weiter zu, wenn die Belastung über einen längeren Zeitraum anhält: Machen Arbeitnehmer mehrere Tage hintereinander 12-Stunden-Schichten, passieren am letzten Tag signifikant mehr Unfälle als am ersten. Deshalb lautet Nachreiners Fazit: „Wir müssen dafür sorgen, dass ausreichende Ruhephasen gewährleistet sind, damit wir die Leute nicht verschleißen. Hierbei muss man Arbeitnehmer auch manchmal vor sich selber schützen – unter anderem auch indem falsche Anreize vermieden werden.“

Unterm Strich: Müde Mitarbeiter verursachen Unfälle. Kluge Chefs sorgen daher für Sicherheit – durch ausreichende Ruhezeiten.

1 Kommentar
  • Niklas Weyer 18. Januar 2017 18:19

    Einhaltung der vertraglich vereinbarten Arbeitsstunden ist auch eine Motivation der Mitarbeiter zur Fairness miteinander. Wir haben in unserem Betrieb – 1-2 Mitarbeiter – seit jeher Gleitzeit, die Tabelle wird auf Excel geführt und basiert rein auf Vertrauen. Liegt mehr Arbeit vor, bleiben die Mitarbeiter gerne länger, weil sie wissen, daß sie es honoriert bekommen – mit Freistunden, wenn sie diese benötigen oder wünschen.

    Konstante Überstunden sind eher ein Mangel an Organisation. Wenn der Vertrag auf 40 Stunden lautet, sollte dieser auch so erfüllt werden. Oder der Betrieb entsprechend umstrukturiert.

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