Heiner Finkbeiners größter Fehler „Unsere Mitarbeiter, die Ressource Mensch, haben wir nicht im Blick gehabt“

  • Serie
  • Aus dem Magazin
Heiner Finkbeiner ist Mitinhaber des Luxushotels Traube Tonbach. Heute weiß der 67-Jährige, dass zufriedene Mitarbeiter zum Erfolg eines Unternehmens dazu gehören.

Heiner Finkbeiner ist Mitinhaber des Luxushotels Traube Tonbach. Heute weiß der 67-Jährige, dass zufriedene Mitarbeiter zum Erfolg eines Unternehmens dazu gehören.© Thomas Bernhardt / impulse

Heiner Finkbeiner wollte nur das Beste für seine Hotelgäste. Das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter vernachlässigte er dabei. Heute weiß der 67-Jährige, dass dies ein großer Fehler war.

Als ich Anfang der 80er-Jahre die Verantwortung für unser Haus übernommen habe, hatte ich viele Ideen, spürte großen Tatendrang. Ich wollte das Hotel Traube Tonbach in der internationalen Luxusklasse etablieren. Der Fokus aller Maßnahmen lag auf dem Gast. Wirtschaftlich war das sicherlich sinnvoll; wir waren erfolgreich. Unsere Mitarbeiter aber, die Ressource Mensch, haben wir nicht im Blick gehabt. Es wurde viel und hart gearbeitet.

Wenn wir an einem Mittag 250 Essen auf der Terrasse serviert haben, wurde nicht gefragt, wie viele Stunden jeder Einzelne schon im Einsatz ist. Das war damals üblich in unserer Branche. Heute weiß ich, dass das ein großer Fehler war. Unsere Branche verlor durch die extremen Arbeitsanforderungen viel von ihrem Reiz für junge Leute. Diese Erkenntnis war ein Prozess.

Anzeige

Heute fühlen sich die Angestellten stärker wertgeschätzt

Vor allem meine Frau regte Veränderungen an. Die leitenden Mitarbeiter werden heute als Führungskräfte geschult. Unsere neuen Auszubildenden bekommen „Paten“ aus dem Team zur Seite gestellt, die ihnen helfen, sich im Betrieb und der Umgebung einzuleben. Wir haben in die Modernisierung des Personalhauses investiert. Wer nicht hier lebt, dem helfen wir bei der Wohnungssuche.

Unsere Angestellten fühlen sich heute viel stärker wertgeschätzt. Das spüren auch die Gäste. Sie merken, dass die Mit­arbeiter auf sie eingehen und nicht nur nach Schema F Antworten geben. Ich glaube, das Umdenken in unserer Personalpolitik hat dazu geführt, dass heute sehr viel seltener Mitarbeiter kündigen als vor 30 Jahren.

Die Traubianer, die seit 10, 20 oder sogar 30 Jahren im Betrieb sind, sind unser Stolz. Das ist die DNA unseres Unternehmens, das wichtigste Element für ein perfektes Serviceerlebnis unserer Gäste. Für mich war die Einsicht, dass ich Verantwortung für die Mitarbeiter übernehmen muss, der größte Lernprozess als Unternehmer.

Aufgezeichnet von: Jonas Hetzer 


Abonnieren Sie unsere Tipps!

Das Thema Fehlerkultur liegt uns am Herzen. Abonnieren Sie unseren Management-Newsletter und bekommen Sie wöchentlich Tipps, wie Sie die in Ihrem Unternehmen klüger mit Fehlern umgehen – und so erfolgreicher werden. Jetzt anmelden!

Newsletter Aus Fehlern lernen

 

5 Kommentare
  • Tani 4. Oktober 2016 18:45

    Schöne Einsicht und mutiges Bekenntnis eines Chefs.
    Für mich als zahlenden Gast allerdings ein Grund dort keinen Urlaub zu verbringen…Bei den für „Otto Normalverdiener“ überirdischen Preisen dort (u in anderen Hotels dieser Sterne-/Preiskategorie) -sollten Wertschätzung und angemesse Bezahlung der Mitarbeiter selbstverständlich sein!

  • Ein ehemaliger Mitarbeiter 4. Oktober 2016 14:53

    Auch ich hatte 1995/1996 in der Traube gearbeitet. Dort wurde vieles was von Herrn Finkbeiner Senior mühsam zum Wohle der Mitarbeiter aufgebaut und integriert wurde schnell vom Junior abgeschafft oder eingegrenzt. Was man seiner Zeit so in der „Peng-Bar“ (Personalbar im Mitarbeiter Haus) von den langjährigen MAs so gehört hatte. Auch zu meiner Zeit war es egal wie lange und hart man gearbeitet hatte, es war selten gut genug. Aber wenn es jetzt zu einer Besserung für die MAs gekommen ist oder kommt dann ist er ja auf dem richtigen Weg. Und wie Jennie Jöris schon sagte: Schön, zu lesen, dass sich dieser Zustand gebessert hat. Deshalb, meinen Respekt an Herrn Finkbeiner, lieber späte Einsicht als keine!

  • Jeannine Jöris 4. Oktober 2016 13:15

    Auch ich habe in der Traube Tonbach von 1993 bis 1994 gearbeitet und hatte zu diesem Zeitpunkt meine Ausbildung bereits über ein Jahr beendet. Voller Tatendrang, Freude und Engagement wollte ich meine Karriere in Luxushotels in der „Traube“ starten. Diese Zeit war eine harte Schule und meine Freude verging ziemlich rasch…ich wurde bis dato -und auch danach nie wieder- so furchtbar lautstark von unter Streß und Druck stehenden Chefs angeschrien und beleidigt, dass ich nach einem Jahr mit wehenden Fahnen weiterzog! Den meisten Kollegen erging es leider so. Schön, zu lesen, dass sich dieser Zustand gebessert hat. Deshalb, meinen Respekt an Herrn Finkbeiner, lieber späte Einsicht als keine!

  • Ehemalige Mitarbeiterin. 3. Oktober 2016 22:20

    Ich kann den Kommentar von dem Vater nur bestätigen. Eine sehr späte und lbeschämende Einsicht. Weiß man das nicht vorher???
    Ich selbst habe dort fast 2 Jahre bis 2015 gearbeitet.
    Dort werden Mitarbeiter nur ausgenutzt. Jeden Tag mussten wir alle 12 Stunden arbeiten, und das die Überstunden nicht bezahlt werden, scheint in fast jedem Gastronomie betrieb normal zu sein. Auch die Azubis leisten die selbe Arbeit, für einen Hungerlohn, schlimmer als die Festangestellten.
    Die meisten Geschäftsführer vergessen, wie deren Betrieb funktioniert. Nämlich überwiegend durchs Personal, das schuftet nur damit andere sich die Taschen voll stopfen können. Ohne Personal würde dort nix funktionieren.
    Nie wieder und ich bezweifle es das es sich dort ändern wird.

  • Ein Vater 3. Oktober 2016 20:56

    Diese späte Einsicht ist sehr verblüffend und beschämend zugleich, nachdem ich als Vater eines Auszubildenden in der Traube Tonbach leidige Erfahrungen gerade mit der Geschäftsleitung hinter mir habe. Außer Versprechungen hat sich hier nie etwas geändert, auch die nicht bezahlten Überstunden welche von den Azubis geleistet werden mussten waren nicht gerade gering, zumal auch fast ausschliesslich Azubis über 18 Jahre eingestellt wurden. Hier stellt sich die Frage warum nur ? Vielleicht aus dem Grund dass diese im ersten Lehrjahr nicht zur Berufsschule mussten. Die Ausbildung ist sehr umfangreich den im ersten Lehrjahr war nur Frühstück angesagt – Rühreier , kalte Platten, Waffeln etc. sicher eine sehr grundlegende und umfassende Ausbildung . Wenn die Traube keine Lehrlinge mehr hätte würde sie sich wahrscheinlich sehr schwer tun.
    Ein leidgeprüfter Vater eines ehemaligen Auszubildenden der Traube Tonbach.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.