Slacktime Warum Freiräume für Mitarbeiter ein Gewinn für alle sind

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Den Kopf frei bekommen: Slacktime bietet den Mitarbeitern Freiraum für eigene Ideen - während ihrer offiziellen Arbeitszeit. Im Idealfall profitiert davon auch der Arbeitgeber.

Den Kopf frei bekommen: Slacktime bietet den Mitarbeitern Freiraum für eigene Ideen - während ihrer offiziellen Arbeitszeit. Im Idealfall profitiert davon auch der Arbeitgeber.© jornorator / photocase

Innovative Mitarbeiter, die in der Arbeitszeit eigene Projektideen realisieren: Bei Unternehmer Björn Schotte ist das möglich. Wie die "Slacktime" funktioniert, beschreibt er in seinem impulse-Blog.

Kennen Sie das Hamsterrad des täglichen Projektgeschäfts? Ganz gleich, ob Sie Produkte produzieren und verkaufen, oder – wie wir bei Mayflower – Projektdienstleister sind: Sie haben einen steten Fokus auf das berühmt-berüchtigte „Tagesgeschäft“.

Diese starke Fokussierung ist einerseits gut. Denn Ihre Hauptaufgabe ist es ja, Wertschöpfung und damit Wert für Ihre Kunden zu generieren. Andererseits stellen sich die Fragen: Wer denkt über Ihr künftiges Geschäft nach, über neue Geschäftsmodelle und neue Produktideen?

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Macht die Gründung einer eigenen Abteilung Sinn?

Viele Unternehmen haben darauf eine Antwort gefunden. Sie gründeten Abteilungen mit dem Namen „Research & Development“, also Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Diese sollen sich auf die Suche nach neuen Innovationen und dem nächsten großen Ding begeben, während die „normalen“ Mitarbeiter doch bitteschön dem Tagesgeschäft nachgehen sollen. Was für ein typischer Auswuchs althergebrachter BWL-/Controller-Denke das doch ist!

Was Slacktime genau ist

Ich hingegen bin davon überzeugt, dass Sie das vollständige Potenzial Ihres Unternehmens nur erreichen, wenn Sie möglichst viele Personen daran beteiligen. Willkommen bei der Slacktime!

Slacktime ist ein Teil der Arbeitszeit, die jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter für freie Projekt- und Ideenfindung verwenden kann. Es ist also eigenständig verwaltete Zeit im Sinne der Firma – ohne inhaltliche Vorgaben. Gleichzeitig dient Slacktime auch der eigenen Weiterbildung, die bei solchen Projekten immer entsteht.

Wie Sie den Rahmen für Slacktime gestalten

Für Unternehmer geht es bei der Slacktime darum, einen Rahmen zu stiften, der Ideen und Austausch ermöglicht. Für unseren „Mayday“ (so heißt die Slacktime bei uns) gibt es folgenden Rahmen:

  • Der Mayday findet alle zwei Wochen freitags statt. In unseren Projektverträgen ist diese freie Zeit mit dem Kunden vereinbart. So entsteht ein regelmäßiger Rhythmus für uns.
  • Ideen für ein Projekt werden vorab in unserem Wiki gesammelt. So weiß jeder in der Firma, wer welches Projekt plant, und kann bei Interesse hinzustoßen.
  • Freitagmorgens stellen die Projektinhaber ihre Projektidee kurz vor und teilen mit, in welchem Raum das Projekt stattfindet (Open-Space-Prinzip). Nun können sich Interessenten dem Projekt anschließen.
  • Am späten Nachmittag stellen wir uns die Ergebnisse gegenseitig vor.
  • Man kann Projektideen alleine verfolgen. Besser ist es jedoch, dies im Team zu tun. Schließlich geht es auch um gemeinsames Lernen und Wissensaustausch. Das ist besonders effektiv, wenn ein Slacktime-Projektteam von Leuten besetzt ist, die aus unterschiedlichen Teams/Bereichen kommen.
  • Sinnvoller Einsatz der Zeit kann auch bedeuten, lieber am Kundenprojekt zu arbeiten, zum Beispiel weil die Deadline drückt.
  • Wenn ein Team am Mayday häufig am Kundenprojekt arbeitet, dann fällt das den Kollegen auf: Irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Gemeinsam arbeiten wir daran, dass die Slacktime dennoch genutzt werden kann.
  • Nach Möglichkeit werden (Zwischen-)Ergebnisse in unserem Wiki festgehalten.
  • Ein Projekt kann auch über mehrere Maydays gehen.

Slacktime – ein Risiko?

Ist es als Unternehmer nicht riskant, hier so viel freie Hand zu lassen, insbesondere in einem so häufigen Rhythmus wie zweimal im Monat? Vor über drei Jahren, als wir den Mayday einführten, war ich sehr skeptisch.

Doch die Skepsis legte sich sehr schnell, als ich sah, mit wie viel Begeisterung die Kolleginnen und Kollegen ans Werk gingen. Dieses für uns sehr große Investment in Form von Personalkosten und entgangenem Gewinn lohnt sich – in Wahrheit ist es eine Investition in Gewinne der Zukunft.

Als Unternehmer glauben wir also sehr fest daran, dass dies eine äußerst sinnvolle Investition in das Unternehmen und unsere Crew ist.

Beispiele für Slacktime-Projekte

Während des Maydays entstehen bei uns völlig unterschiedliche Projekte.

So ist zum Beispiel das Open Device Lab Würzburg entstanden – ein kostenfrei nutzbares Labor mit alten und neuen Smartphones in unseren Büroräumen, das jedes Unternehmen in der Region nach Voranmeldung nutzen kann, um Websites und Apps simultan auf unterschiedlichen mobilen Endgeräten zu testen. Der komplette Raum wurde in Eigenregie von den Kollegen gestaltet, die notwendige Software und Infrastruktur getestet und vorbereitet. Und Mayflower hat eine Reihe an Endgeräten gekauft und bekommt auch Spenden von Geräten, zum Beispiel direkt aus der Crew oder von anderen Unternehmen.

Ein anderes Projekt ist das 3D Browser Game, „Starship Mayflower“. Die Kollegen wollten sich mit neuen Technologien beschäftigen. Oder das Projekt „wasted“, ein Open-Source-Infrastrukturprojekt, um Softwareentwickler schneller an den Projektstart zu bringen.

Auch mit Büroverschönerung haben wir uns beschäftigt, mit einem Workshop zu FlipchArt-Techniken (wie man Flipcharts gut und professionell bemalt) und einer Weiterbildung zum Thema automatisiertes Testen von Software. Sehr kontrovers diskutiert wurden in der Firma zudem Initiativen wie „Brauchen wir transparente Gehälter?“.

Mit der Slacktime experimentieren

Sie sehen also, es gibt viele unterschiedliche Projekte, die in der Crew angestoßen werden. Das Spektrum ist dabei sehr groß. Es entstehen neue Themen, die unser Unternehmen weiterbringen, sich positiv auf das aktuelle Geschäft auswirken und neue Ideen für künftige Geschäfte entstehen lassen.

Das Slacktime-Prinzip ist universell für alle Branchen anwendbar. Experimentieren Sie bei sich im Unternehmen: Fangen Sie klein an, zum Beispiel mit einer Slacktime einmal im Monat. Wichtig ist, dass Sie nur den Rahmen gestalten und inhaltlich freie Hand lassen. Zu den Spielregeln gehört, dass Sie untereinander in einer gemeinsamen Abschlussveranstaltung berichten, was die Slacktime-Projekte geschafft haben.

Sammeln Sie regelmäßig Feedback. Experimentieren und entwickeln Sie Ihre Slacktime weiter. Überlassen Sie die Organisation dieses Tages einem Freiwilligen-Team aus Ihrer Crew.

Übrigens, 2016 experimentieren wir bei Mayflower weiter: Wir nehmen vier der Maydays unterm Jahr, packen sie zusammen, hängen noch ein Wochenende dran und machen dann eine Mayday-Woche im Sommer auf Mallorca. Auch dies war eine Initiative eines Crew-Mitglieds.

Ich werde berichten, wie es war.


Im impulse-Adventskalender vom 11. Dezember 2015 hatte Björn Schotte in Kurzform beschrieben, warum ein regelmäßiger Slackday – also frei nutzbare Arbeitszeit für Projektideen abseits des normalen Projektgeschäfts – Wunder für Innovation bei gleichzeitiger Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit bewirken kann. Dieser Beitrag erläutert das Prinzip etwas ausführlicher.

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