Empfehlen Facebook Twitter XING Als E-Mail verschicken Drucken
28.10.2010

Innovation Made in Germany: Die Weltmarktführer von Hohenlohe

Von: Katja Michel
Wie aus einem Märchen der Brüder Grimm: alte Mühle am Kocher in Forchtenberg. Ein paar Kilometer weiter sitzt? Genau, ein Weltmarktführer. Bei Kriwan machen sie Sensoren
Wie aus einem Märchen der Brüder Grimm: alte Mühle am Kocher in Forchtenberg. Ein paar Kilometer weiter sitzt? Genau, ein Weltmarktführer. Bei Kriwan machen sie Sensoren
© Berthold Steinhilber
Hinter den Bergen im tiefen Wald irgendwo im Süden Deutschlands gibt es ein Tal, wo die Weltmarktführer zu Hause sind. Warum gerade da?

Weinberge in sattem Grün, goldgelbe Strohballen auf sanft geschwungenen Feldern, in den Tälern wie hingewürfelt Dörfer mit rostroten Hausdächern und spitzen Kirchtürmen. Einen Fürsten gibt es hier und Burgen, die Weibertreu oder Friedrichsruhe heißen: ein Landstrich nördlich von Heilbronn im fränkischen Teil Württembergs. Eine Schafherde trottet langsam, sehr langsam über die Straße. Und hinter der nächsten Kurve taucht plötzlich ein Schornstein auf, daneben noch einer. Gegenüber ein dritter.

In den scheinbar verschlafenen Hohenloher Tälern, an Kocher und Jagst, reiht sich Unternehmen an Unternehmen. Geballte Industriemacht hat sich in dem Idyll versteckt: Würth zum Beispiel, berühmtester aller Hohenloher Namen. Der Spezialist für Montage- und Befestigungsmaterial mit Milliardenumsatz sitzt in Künzelsau, hat 60.000 Mitarbeiter in 84 Ländern. Konkurrent Berner ist ebenfalls im Schrauben- und Werkzeuggeschäft. Oder EBM-Papst. In Mulfingen machen sie seit Jahrzehnten Motoren, Ventilatoren und liegen international vorn. Auch Mustang-Jeans kommen aus Hohenlohe. Das sind die Großen, doch es gibt auch Hornschuch (Folien, Beläge und Kunstleder), Gemü und Bürkert (Mess- und Regelinstrumente) und Kriwan (Sensoren) – sie alle sind in ihren Nischen extrem erfolgreich, produzieren in der fränkischen Provinz für die ganze Welt. In keinem anderen Landkreis der Republik sitzen, gemessen an der Einwohnerzahl, derart viele Weltmarktführer wie in Hohenlohe, so die Berechnungen von Bernd Venohr, Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Rund 1500 Weltmarktführer hat er in ganz Deutschland ausgemacht. Sie gehören zu den top drei auf dem Weltmarkt, sind Technologie- und Innovationsführer, häufig Familienunternehmen und vereinen das Beste aus zwei Welten: Sie sind flexibel wie Mittelständler und professionell wie Konzerne. "In der Region arbeiten sie zusammen, auf dem Weltmarkt sind sie oft harte Konkurrenten", sagt Venohr.

Deutschlandmeister Hohenlohe. Was macht die Region, deren Namen kaum einer kennt, so erfolgreich?

"Es hängt immer an den Personen", sagt Peter Kirchner, Wirtschaftsgeograf an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Der Professor hat jahrelang zur Industriedynamik der Region Heilbronn-Franken geforscht, die außer der Hohenlohe noch drei weitere Landkreise umfasst. "In der Hohenlohe haben sie es geschafft, innovative technische Produkte auszutüfteln und im Markt unterzubringen", so Kirchner.

Typen wie Reinhold Würth. Niemand steht so für den Aufstieg der Hohenlohe wie er. Begonnen hat der, den sie hier noch immer den Schraubenkönig nennen, mit einem Schubkarren voller Eisenwaren. Heute ist seine Gruppe ein Weltkonzern und Reinhold Würth Milliardär: das personifizierte deutsche Wirtschaftswunder.

Alfred Sefranek hat alles von Anfang an mitbekommen. Er ist 90 Jahre alt, hat früher bei Würth um die Ecke gewohnt, ist Gründer der Textilfirma Mustang und der Mann, der die Jeans nach Europa geholt hat. Auch so eine Hohenloher Geschichte. Jetzt sitzt er braun gebrannt an seinem Wohnzimmertisch vor einem Schweineschnitzel und erinnert sich. "Eine kleine Schraubenhandlung war das in den 50ern, das habe ich gar nicht so richtig ernst genommen, er selbst wahrscheinlich auch nicht." Sefranek lacht sein schallendes Lachen. Aber Würth, das sei immer schon einer mit "dem richtigen Feeling" und guten Ideen gewesen. Damals zum Beispiel wartete der junge Würth nicht auf die Handwerker, sondern fuhr mit seinen Schrauben zu ihnen. Eine simple Idee, doch eine, die einschlug: Direktvertrieb ist noch immer das Fundament der Firma. Ebenso wie die Verkäufer, auch da hat Würth ein Händchen: "Er hat einen eingestellt ohne Schulbildung, den hätte ich nie genommen. Das ist sein bester Verkäufer geworden", erzählt Sefranek. Dazu kommen die typisch Würth’schen Anreizsysteme: Superautos für Superverkäufer – läuft es mal nicht so, wird der BMW schnell zum Golf. Die Besten der Besten dürfen zur Belohnung verreisen: damals nach Italien, heute bis in die Karibik.

Die grauen Hallen der Würth GmbH thronen in der Hochebene von Gaisbach. In Sichtweite in Garnberg sitzt Würths ehemaliger Angestellter Albert Berner mit seiner Firma. Die beiden sind vor mehr als 60 Jahren in eine Klasse gegangen, gemeinsam mit EBM-Papst-Gründer Gerhard Sturm (siehe Interview ab Seite 44). "Man sagt nicht umsonst, Konkurrenz belebt das Geschäft", sagt Würth, "wir wären wahrscheinlich beide nicht so weit gekommen, wenn wir nicht so nah aufeinandersitzen würden."

Seite   1 | 2 | 3 | 

© 1999 - 2012 impulse

Ihre Meinung

Ich bin registrierter User und möchte mich anmelden

Ihr Name
Ihre Email-Adresse (wird n. veröffentl.)
Betreff
Ihr Kommentar


Versenden | Leserbrief | Druckversion | Zurück

Diesen Artikel bookmarken bei...

Tausendreporter BlinkList del.icio.us Folkd Furl Google Linkarena Mister Wong oneview Yahoo MyWeb YiGG Webnews