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30.11.2010

Türkische Unternehmer in Deutschland: Der Erfolg der Süpertürken

Von: Katja Michel
Mit Kleidern lässt sich gut Geld verdienen. Hatice Kök hat einen Brautmodenladen in Duisburg-Marxloh
Mit Kleidern lässt sich gut Geld verdienen. Hatice Kök hat einen Brautmodenladen in Duisburg-Marxloh
© David Klammer für impulse
Döner und Gemüse, das war einmal: Deutsch-türkische Unternehmer zeigen, wie viel sie mit Einfallsreichtum, Unerschrockenheit und der Familie erreichen. Eine Deutschlandreise.

Er hatte 5000 D-Mark gespart und eine Idee: einen Laden in der Aachener Innenstadt. Wenn die türkischen Gastarbeiter in den Ferien in die alte Heimat fuhren, besorgten sie vorher massenhaft Mitbringsel für ihre Familien. Wandteppiche, chinesische Teetassen, Kassettenrekorder, Bettwäsche. Das gab es alles im Kramladen des Kemal Sahin – und T-Shirts. Die hatte er bei einem Großhändler in der Türkei gekauft, und sie waren der Überraschungshit. Bei deutschen Kunden. Billig und schlicht, das lief. Sahin bekam so ein Gefühl, dass er mit den einfachen Stoffhemdchen viel Geld verdienen könnte.

Goldrichtig lag er damit. Knapp 30 Jahre später hat sein Unternehmen 10.000 Mitarbeiter und umfasst 26 Firmen in zehn Ländern, 2009 hat die Sahinler Holding rund 1 Mrd. Euro Umsatz gemacht. Damit ist Sahin noch vor dem Reiseveranstalter Vural Öger der größte der deutschtürkischen Unternehmer.

Rund 80.000 davon gibt es, sie beschäftigen 400.000 Arbeitskräfte und setzen jährlich rund 35 Mrd. Euro um. Sie sind Anwälte, Ärzte und Unternehmensberater, sind Herrenfriseure und Änderungsschneider, Lebensmittelimporteure und Computerspielentwickler. Und nicht mehr nur Gemüsehändler und Dönerbudenbesitzer. Seit den zaghaften Anfängen in den 70er-Jahren mit Lebensmittelläden, Reisebüros und Dolmetschern für die türkische Kundschaft hat sich das deutschtürkische Unternehmertum ausdifferenziert. "Sehen Sie sich nur mal das türkische Branchenbuch an", sagt Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien der Universität Duisburg-Essen. Der Wissenschaftler forscht seit vielen Jahren zu Migrantenökonomien und sagt: "Es ist ein neuer, deutschtürkischer Unternehmertyp entstanden." Er vereine in sich deutsche Stärken wie Fleiß und Zuverlässigkeit und südländische Tugenden wie Flexibilität oder die Dienstleistungsmentalität. "Diese Leute sind eine große Chance für die deutsche Wirtschaft in Zeiten der Globalisierung."

Ähnlich sieht das die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC), die 150 türkischstämmige Unternehmer zu ihren Erfolgsrezepten befragt hat. Auch sie selbst sehen den Mix deutscher und türkischer Eigenschaften als ihren großen Trumpf. Die allermeisten von ihnen verstehen sich, der PwC-Studie zufolge, als deutsche Geschäftsleute mit türkischen Wurzeln, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben und behalten wollen.

Die türkischstämmigen Unternehmer sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie können mehrere Sprachen und sind in zwei Kulturen zu Hause – wer das von vornherein mitbringt, bewegt sich auch in der internationalen Geschäftswelt gewandt. Wie Kemal Sahin, sozusagen das Vorbild für den neuen Unternehmertypus.

Er verkörpert diese spezielle Variante des "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Mythos, vom anatolischen Bauernsohn zum Konzernlenker. Vor dem ersten Laden kamen die Kindheit im Taurusgebirge, ein Deutschlandstipendium und ein Ingenieurdiplom der Technischen Hochschule Aachen. "Als türkischer Ingenieur in Deutschland bekam ich keine Arbeitserlaubnis", sagt der 55-jährige Sahin. "Ich hatte gar keine andere Wahl, als mich selbstständig zu machen."

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