Freitag-Frei-Modell
Freitags frei und trotzdem mehr Gewinn? Dieser Unternehmer macht’s vor

In Sascha Rathjes Zimmerei herrschte miese Stimmung. Mit der Vier-Tage-Woche hat er das Problem gelöst – und macht seitdem sogar mehr Gewinn. Wie das Modell auch in anderen Firmen funktionieren kann.

28. September 2021, 08:15 Uhr, von Anna Wilke

4-Tage-Woche
© knallgrün/Photcase

14 Angestellte hat Sascha Rathje, Inhaber der Zimmerei und Dachdeckerei Rathje im schleswig-holsteinischen Wedel. Alle im Team arbeiten nur an an vier Tagen pro Woche. Und angeblich lohnt sich das trotzdem. Warum sich Rathje für dieses Modell entschieden hat und wie es sich auf andere Unternehmen übertragen lässt.

Wie kam es zum Freitags-Frei-Modell?

Das Team arbeitet seit 2018 mit einer 4-Tage-Woche. Anlass war eine schleichende Veränderung. „Die Stimmung war nicht mehr wie früher“, erinnert sich Rathje. Vor 20 Jahren hatte er die Firma gegründet. Damals sei es normal gewesen, sogar samstags zu arbeiten. „In den ersten zehn Jahren war die Bereitschaft für Überstunden eine andere.“ Doch weil manches fertig werden musste, wurden Überstunden Pflicht – und die Laune schlechter.

Wie ging die Firma vor?

Um das Überstundenproblem zu lösen, suchte sich Rathje Hilfe bei einem Berater. Gemeinsam entwickelten sie ein neues Arbeitszeitmodell: einen Tag weniger arbeiten, dafür drei Tage frei. Rathje war unsicher und testete das Modell erst einmal selbst. „Ich habe einfach angefangen, mit meinen Kindern am Donnerstagabend auf einen Campingplatz an der Ostsee zu fahren und war nicht mehr zu erreichen. Den ganzen Sommer über“, erzählt er. Rathje war begeistert. „Ich hatte viel Zeit nachzudenken und habe gemerkt, wie gut es sich ohne 60-Stunden-Woche lebt.“

Im Selbstversuch wurde dem Unternehmer klar: Löhne zu erhöhen motiviert irgendwann nicht mehr. „Das ist kurz schön, aber schnell wieder vergessen.“ Der Unternehmer fing an zu kalkulieren. Kann die Vier-Tage-Woche für das ganze Team funktionieren? Wie müsste die Arbeit aufgeteilt werden?

Er entwickelte eine Lösung und stellte seinen Angestellten die Idee vor. „Ich habe das nur als Möglichkeit in den Raum gestellt“, sagt Rathje. Gemeinsam einigte sich das Team auf einen Testzeitraum.

Wie wird das Modell gelebt?

Vier-Tage-Woche bei der Firma Rathje heißt nicht, dass einfach ein Arbeitstag wegfällt. Um den Freitag frei zu haben, wird an den übrigen Tagen länger gearbeitet. Allerdings wurde die Wochenarbeitszeit etwas reduziert. Anstatt 40 Stunden an fünf Tagen, arbeiten die Angestellten jetzt 38 Stunden an vier Tagen. Das heißt 9,5 Stunden pro Tag anstelle von 8.

„Auch wenn es zwei Wochenstunden weniger sind, bekommen meine Leute nicht weniger Gehalt als vorher“, erklärt Rathje. Pflicht ist das neue Arbeitszeitmodell nicht. Wenn sich ein Team einigt, auch am Freitag auf die Baustelle zu fahren, ist das möglich. Überstunden, die freitags anfallen, werden ausbezahlt.

Welche Vorteile hat das Modell?

Die neue 4-Tage-Woche war ein Risiko für Rathje. „Ich war unsicher, wie es von den Kunden aufgenommen wird und ob uns vielleicht Aufträge entgehen“, erinnert er sich. Dass Gewinne und Umsätze möglicherweise niedriger ausfallen könnten, nahm der Unternehmer in Kauf. „Ich habe beschlossen: Wenn dafür die Stimmung besser ist, dann ist es mir das wert“, erzählt Rathje.

Rathjes Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. „Wir waren letzten März schon für das ganze Jahr ausgebucht“, erzählt er. Bei den Kunden käme das Arbeitszeitmodell erstaunlich gut an. „Wir werden als fortschrittlich wahrgenommen“, sagt er.

Überstunden sind inzwischen kein Konfliktthema mehr. Auch die Stimmung ist deutlich besser. „Alle arbeiten effektiv, ohne dass ich Druck aufbauen muss. Wenn etwas fertig werden muss, dann wird das einfach gemacht“, sagt Rathje. Das Team habe begonnen, Verantwortung zu übernehmen. „Alle wissen: Wir müssen die vier Tage produktiv arbeiten, damit die Firma wirtschaftlich bleibt“, sagt er. Das Team sei bemüht, das neue Modell zu erhalten.

Egal, ob Motorradfahren, Sport oder Zeit für die Familie – jeder im Team nutzt den Freitag unterschiedlich. Aber eins gilt für das ganze Team: „Am Montag kommen alle motiviert und gut erholt wieder zurück“, sagt Rathje.

Und auch rechnerisch lohnt es sich. Denn die Angestellten fahren nur viermal pro Woche zur Baustelle. „Wenn vierzehn Leute Material packen, hinfahren und zurückfahren, kommt einiges zusammen“, sagt Rathje. Im Durchschnitt beträgt allein die Fahrtzeit jeden Tag 50 Minuten. Und auch andere Kosten sind niedriger: So sinkt der Benzinverbrauch ebenfalls um ein Fünftel. „Ich hatte nie das Ziel, mit dem Projekt mehr Geld zu verdienen. Dass es jetzt so gekommen ist, ist natürlich schön“, sagt er heute.

Für wen eignet sich das Modell?

Ob das Modell umsetzbar ist, hängt von den Bedürfnissen des Teams ab. „Wer Kinder betreuen muss, wird eher kurze Arbeitstage bevorzugen“, sagt Arbeitspsychologin Ulrike Hellert. Zudem kommt es auf den Job an sich an, ob sich eine Vier-Tage-Woche eignet. „Die Leistung geht nach acht Stunden Arbeit deutlich runter“, sagt Hellert. Für Berufe, in denen sich Beschäftigte extrem konzentrieren müssen, kommt das Modell daher nicht infrage.

Was ist rechtlich zu beachten?

Angestellte dürfen bis zu acht Stunden pro Tag arbeiten. Ausnahmsweise kann auf bis zu zehn Stunden verlängert werden, wenn innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden. „Bei zehn Stunden ist aber Schluss. Dann dürfen auch keine Überstunden mehr hinzukommen“, erklärt Anwältin Livia Merla.

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