Familienverfassung Streit vermeiden durch gemeinsame Werte

Eine Familienverfassung sichert das harmonische Miteinander in der Familie - und im Familienunternehmen.

Eine Familienverfassung sichert das harmonische Miteinander in der Familie - und im Familienunternehmen.© 5second / Fotolia.com

Eine Familienverfassung hilft Familienunternehmen, Konflikte zu vermeiden. Was in der Familienverfassung geregelt werden kann - und was sie vom Gesellschaftsvertrag unterscheidet.

Bereits vor Jahren haben wir das Instrument der Familienverfassung als Mittel der Streitvermeidung ins Gespräch gebracht und diese dabei mit den Hausgesetzen des Adels verglichen. Die Familienverfassung ist juristisch zunächst eine Absichtserklärung ohne unmittelbare anspruchsbegründende rechtliche Wirkung.

Sie beeinflusst allerdings über den vereinbarten Werte- und Verhaltenskodex mittelbar auch die Auslegung des Gesellschaftsvertrages. Die Familienverfassung wird dann durch den Gesellschaftsvertrag in konkrete und verbindliche Vertragsnormen umgesetzt. Die Familienverfassung bildet sozusagen das Gerüst, auf dem der Gesellschaftsvertrag und die weiteren Verträge der Unternehmerfamilie, soweit diese Bezug zum Familienunternehmen haben, aufgebaut werden.

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Die folgende Tabelle stellt die wesentlichen Unterschiede zwischen einer Familienverfassung und dem Gesellschaftsvertrag gegenüber.

Unterschiede zwischen Familienverfassung und Gesellschaftsvertrag

Grundlagen und Werte an der Schnittstelle zwischen Familie und UnternehmenGesellschaftsrechtliche Ausgestaltung der Unternehmensform

Familienverfassung Gesellschaftsvertrag
Allgemein verständliche, untechnische Sprache Juristisch-technische Sprache, die kaufmännisches und juristisches Verständnis voraussetzt
Rechtlich unverbindliche Absichtserklärung Rechtlich verbindliche Regelungen, Rechte und Pflichten der Gesellschafter
Einstimmige Verabschiedung Grundsätzlich gilt Mehrheitsprinzip
Rahmenregelung für den grundsätzlichen Umgang der Familienmitglieder untereinander und im Verhältnis zur Gesellschaft Detaillierte Regelung der einzelnen gesellschaftsvertraglichen Verhältnisse der Beteiligten

Durch nichts kann dem Leser Sinn und Zweck einer Familienverfassung besser verdeutlicht werden als durch nachstehendes Zitat aus der „Familiencharta“ einer bedeutenden deutschen Unternehmerfamilie:

„Wir haben großen Respekt vor der Arbeit und dem Einsatz der vorangegangenen Generationen. Wir wollen die uns mitgegebenen ideellen Werte bewahren und die finanziellen Werte vermehren. Wir stellen uns gerne dieser verantwortungsvollen und gleichzeitig erfüllenden Lebensaufgabe.

Die nachfolgende Familiencharta soll uns und den uns nachfolgenden Generationen helfen, diese Verbundenheit und die daraus resultierenden Chancen und Verpflichtungen gegenüber Unternehmen und Familie stets im Auge zu behalten und den Zusammenhalt innerhalb der gesamten Familie nach innen zu festigen und nach außen zu dokumentieren. Wir wollen jetzt und für die Zukunft unternehmerisch eine gemeinsame Linie verfolgen, unser Familienunternehmen bewahren und dieses in der Familie zusammenhalten. Hierzu wollen wir mit Respekt und Fairness miteinander umgehen und in Geschlossenheit handeln.

Unsere Familiencharta ist im Sinne eines offenen und in der Generationenfolge fortzuschreibenden ethischen Leitbildes zu verstehen. Dies bedeutet, dass wir unsere Familiencharta bei Bedarf um neue Prinzipien und Grundlagen erweitern und an geänderte Verhältnisse anpassen wollen. Das unternehmerische Werk von […] kann nur erfolgreich fortgeführt werden, wenn sich die nachfolgenden Generationen – trotz Verschiedenheit der Persönlichkeiten, Ideen und Visionen – in langfristiger Denkweise, Kontinuität des Handelns, Unabhängigkeit ihrer Entscheidungen und im Bewusstsein der […]-Traditionen den in dieser Familiencharta zusammengefassten Regeln und Prinzipien unserer Familie unterordnen.“

Themenkomplexe für die Familienverfassung

Welche konkreten Regelungen sollen in einer Familienverfassung getroffen werden? So gerne wir dem Leser hierzu etwas an die Hand geben möchten, die möglichen Zielvorstellungen der einzelnen Familien und deren Rangordnung sind zu unterschiedlich, als dass eine allgemeine Aussage weiterhelfen würde. Folgende Komplexe werden jedoch häufig angesprochen:

  • die grundlegenden Werte der Familie und die persönlichen Zielsetzungen der einzelnen Familienmitglieder,
  • der Stellenwert des Unternehmens im Rahmen des gesamten Familienvermögens,
  • die Zielsetzung des Familienunternehmens nach grundlegenden Zielgrößen, wie zum Beispiel Rendite und Eigenkapital,
  • die Grundlagen der rechtlichen und organisatorischen Struktur des Unternehmens,
  • grundsätzliche Aussagen über den Kauf und Verkauf von einzelnen Betrieben sowie über den Verkauf des Familienunternehmens im Ganzen,
  • Rechte und Pflichten der Familienmitglieder untereinander,
  • finanzielle Ausstattung und grobe Anforderungsprofile bezüglich der künftig im Unternehmen tätigen Gesellschafter sowie Verfahrensvorschriften bezüglich des Auswahlverfahrens der künftigen Organmitglieder aus der Familie,
  • Rechtsstellung der angeheirateten Ehepartner,
  • Informationsrechte der Familie,
  • eine verfahrensmäßige Regelung zur Ausräumung von Streitigkeiten und schließlich
  • Regelungen zur Durchführung von Familientagen und Bestimmung des für alle (formell) verantwortlichen Familiensprechers.

Rang- und Entscheidungspyramide im Familienunternehmen

Um dem Leser die Orientierung zu erleichtern, ist in der Abbildung die familienethische (nicht juristische) „Rang- und Entscheidungspyramide“ dargestellt. Sie besteht aus drei Ebenen mit unterschiedlicher Rechtsqualität. An der Spitze der Pyramide stehen die auch in der Familienverfassung niedergelegten Traditionen und Werte der Familie. Die zweite Ebene ist die Vertragsebene der Familiengesellschaft und der persönlichen Familienverträge, die dritte Ebene zeigt die einzelnen Bereiche der Unternehmen und der Familie in ihrer praktischen Ausgestaltung.

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