• Heinrich Deichmann: Der Leisetreter

    Heinrich Deichmann

    Seinen Namen kennt jeder. Die Person dahinter kaum einer. Still und unauffällig hat Heinrich Deichmann das Erbe seines Vaters angetreten und das Unternehmen zu Europas größtem Schuhhändler gemacht. Sein Rezept: traditionelle Werte.

    Eines müsse man wissen, sagt Heinrich Deichmann. Das Ganze hier, also wirklich, man dürfe das nicht falsch interpretieren, aber das alles sei absolut nicht typisch für ihn.

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    “Herr Deichmann, ein Foto! Hierhin gucken, bitte. Ja. Super. Passt. Daaanke!”
    “Dürfen wir auch ein Bild machen? Mit dem iPhone? Geht auch ganz schnell.”
    “Schauen Sie mal, die Pumps habe ich bei Deichmann gekauft!”
    “Wo gibt’s Champagner?”

    Hätte es nicht ein Theologenkongress sein können? Einer seiner Ethikvorträge an der Uni? Irgendwas Dezentes? Irgendwas mit Gott?

    Doch es ist das Foyer des schicken Hamburger Curio-Hauses. Die Sängerinnen Daisy Dee und Jasmin Wagner sind da, ein Haufen Models und ein paar mittelbekannte Schauspieler. Kameras. Blitzlicht. Mittendrin Deichmann. Er trägt einen feinen Anzug, hat Haarspray benutzt und guckt wie ein Informatikstudent in der Mädchenumkleide: befremdet, aber durchaus interessiert.

    Er sagt: “Glamour und roter Teppich, das ist nicht so meins.” Dabei hat er diesen Abend – mit Glamour und rotem Teppich – höchstselbst zu verantworten: Sein Unternehmen verleiht den “Shoe Step of the Year”, den bekommen Menschen, die sich mit Schuhen beschäftigen – Modejournalisten, Fotografen, Blogger. RTL-Blondine Frauke Ludowig moderiert. Es wird eine Modenschau geben, Häppchen, Disco.

    Es geht um Schuhe, Geschäft – und letzendlich um Gott

    Noch vor wenigen Stunden hat Deichmann im Flugzeug gesessen, hatte sich ein wenig gefürchtet wegen des Sturms. Er war am Morgen nicht dazu gekommen, in der Bibel zu lesen, obwohl das sein Ritual ist. Das Gebet. Jeden Morgen, vor dem Essen und zusätzlich “bei Bedarf”. Dann sagt er, dass es durchaus spannend sei, ­einen Abend mit diesen netten jungen Leuten zu verbringen. “Eine attraktive Sache.” Er habe Spaß.

    Schließlich geht es um Schuhe. Ums Geschäft. Und damit letztlich doch um Gott. Das mit dem Glauben und das mit dem Geldverdienen sollte man nicht trennen. So jedenfalls sieht Deichmann das. Und man könnte meinen, dass Gott das auch so sieht. Es wäre jedenfalls eine Erklärung: Warum ist gerade dieses Unternehmen so erfolgreich?

    Deichmann ist der größte Schuhhändler in Europa. Gut 4 Mrd. Euro setzt der Essener Familienkonzern um, verteilt auf 3300 Filialen in 22 Ländern. Während die Deutschen immer weniger Geld für Schuhe ausgeben, ein Fachhändler nach dem anderen seinen Laden schließt und selbst große Filialisten wie Görtz oder Leiser straucheln, verkauft Deichmann Jahr für Jahr noch mehr Schuhe: 156 Millionen Paar waren es zuletzt. Nach Deichmann kommt im deutschen Schuhhandel lange, lange nichts. Dann irgendwann taucht Hamm Reno auf – mit einem Sechstel des Umsatzes.

    Familienunternehmer des Jahres 2012

    Der Preis: Seit 2004 zeichnen impulse und die Intes Akademie für Familienunternehmen Personen aus, die besondere Leistungen als Familienunternehmer erbracht haben, in diesem Jahr Heinrich Otto Deichmann. In den Jahren davor wurden Heinz Gries und Andreas Land, Stefan Messer, Markus Miele und Reinhard Zinkann, Bernhard ­Simon, Jürgen Heraeus, Peter-Alexander Wacker, Michael Stoschek und ­Maria-Elisabeth Schaeffler ausgezeichnet.

    Die Jury: Neben Peter May (Intes) und Nikolaus Förster (impulse): Stefan Bellinger (Die Familienunternehmer – ASU), Hans Demmel (N-TV), Angelika Frölich (Ernst & Young), Wilhelm von Haller (Sal. Oppenheim), Sabine Rau (WHU), Jörg Ritter (Egon Zehnder International), ­Andreas van Loon (Hauck & Aufhäuser), Holger Steltzner (“FAZ”).

    Die Laudatio: auf den Preisträger von impulse-Chef ­Nikolaus Förster lesen Sie hier

     
    Umsatz mal zwei, Filialen mal drei

    Man mag das auf Gott schieben. Man kann aber auch sagen: Heinrich Deichmann hat, seit er vor 13 Jahren die Geschäftsführung von seinem Vater übernahm, viele kluge Entscheidungen getroffen. Leise, unauffällig und wie selbstverständlich hat er den Umsatz der Firma mehr als verdoppelt, die Zahl der Filialen mehr als verdreifacht. Dass man den Namen Deichmann heute in ganz Europa kennt, ist sein Verdienst.

    Deichmann

    Heinrich und Julie Deichmann

    Doch anders als der Vater, der einst ganze Handelsketten in der Schweiz, den USA und den Niederlanden kaufte, hat sich der Sohn nie in waghalsige Abenteuer gestürzt. Er hat Laden für Laden, Land für Land erobert. Stets mit dem eigenen Geld und stets mit einem einfachen Grundsatz, der das Geschäft der Familie von Anfang an geprägt hat: Das Unternehmen muss dem Menschen dienen.

    Zugetraut hatten ihm das die wenigsten. “Nach so einem Vater!”, hatte es geheißen. Und: Unter großen Eichen wachsen nur Pilze. Doch Heinrich Otto Deichmann – Jahrgang 62, aschblondes Haar, Brille, 1,81 Meter groß – er hat sie alle eines Besseren belehrt.

    Deichmann

    Grundsteinlegung: Heinrich Deichmann (mit Tochter Ellen) vor der Schuhmacherwerkstatt, 1921

    Nach so einem Vater. Ihn muss man kennen, will man den Sohn verstehen, das Unternehmen und die Sache mit Gott. Heinz-Horst Deichmann, geboren 1926, in einer Zeit, in der die Essener Kohlekumpels ihre Schuhe noch reparierten, statt neue zu kaufen, weshalb schon der Großvater sein Geld genau damit verdiente: Schuhreparatur Elektra, Borbecker Straße 77.

    Vom Krieg unbeeindruckt – bis ihn ein Granatsplitter trifft

    Doch statt den Betrieb zu übernehmen, meldet Deichmann sich bei den Fallschirmjägern. Er ist jung und vom Krieg unbeeindruckt. Bis ihn ein Granatsplitter trifft. Es ist die Todesangst, die ihn beschließen lässt, sein Leben Gott zu widmen, später, sollte er nur überleben – das Geschoss bleibt wenige Zentimeter von der Halsschlagader entfernt stecken. Deichmann kehrt heim und studiert Theologie. Später ­Medizin. Er will Menschen helfen, arbeitet als Arzt. Noch heute nennt man ihn “den Doktor”.

    Deichmann

    Erstes Deichmann Schuhgeschäft am Borbecker Markt

    Erst Mitte der 50er-Jahre widmet er sich ganz der Firma. Seine Idee: Die Kunden bedienen sich selbst. Das senkt die Hemmschwelle und spart Personal. Damals eine Revolution. Deichmann eröffnet ein Geschäft nach dem anderen – und versucht nun als Unternehmer, sein Versprechen gegenüber Gott einzulösen.

    Die Gewinne steckt Deichmann in faire Löhne, später auch in Krankenhäuser und Schulen in Indien und Afrika. “Gott wird mich am Ende nicht fragen, wie viele Schuhe ich verkauft habe. Er wird wissen wollen, ob ich wie ein wahrer Christ gelebt habe”, sagt der Alte. Er ist ein Patriarch, soll Ehen gerettet und Kunden zum Glauben bekehrt haben. Einem Lieferanten ­habe er einmal, so erzählt er es, einen Schuh hinterhergeworfen. Beim Betriebsausflug reitet Heinz-Horst Deichmann auf einem Elefanten.

    Das ist die Welt, in die nach und nach drei Mädchen und, endlich, ein Sohn geboren werden. Er bekommt den Namen des Großvaters: Heinrich. Genauer: Heinrich Otto. Heino, sagen sie zu ihm.

    Zum Ausmisten in den Stall

    Heinrich Deichmann steht jetzt unter dem mächtigen Kronleuchter im Ballsaal des Curio-Hauses, ein Mikrofon in der Hand, einen gol­denen Umschlag in der Jacketttasche. “Herr Deichmann, Sie haben den Gewinnerumschlag dabei …”, säuselt die Moderatorin auffordernd, und Deichmann überlegt eine Sekunde zu lang, ob das nun eine Frage war oder nicht. “Das stimmt”, entgegnet er schließlich. Verdammt, was soll man auch sagen?

    Er ist es nicht gewohnt, sich in den Vordergrund zu spielen. Nicht hier, nicht bei Bürgermeistern oder Verbandschefs. Sie kennen den Größten ihrer Zunft “vom Sehen”, nicht weil er sich wichtig macht. Er hat früh gelernt, sich zurückzunehmen: Der Vater baut neben dem eigenen ein Waisenhaus. Heinrich muss teilen. Den Garten, die Spielsachen, die Aufmerksamkeit. Die Mutter schickt den Sohn einmal die Woche in den benachbarten Stall zum Ausmisten. Körperliche Arbeit sei wichtig für die Entwicklung, findet sie. Es stinkt und strengt an, abends fällt er erschöpft ins Bett.

    Willst du Lehrer werden?

    Dennoch: Heinrich macht, was er soll. Auch später. Abitur. Wehrdienst. BWL-Studium. Examen, Note: sehr gut. Deichmann sagt, dass er gern Theologie oder Geschichte studiert hätte. Da habe der Vater gefragt: “Willst du Lehrer werden?” Damit war die Sache erledigt.

    Direkt nach dem Diplom fängt er in der Firma an. Der Alte drängt. Es sei dem Vater wichtig gewesen, dass er sofort einsteige, erzählt Deichmann. “Das hab ich dann auch getan.” Er war kein Rebell. Der Vater stets Vorbild statt Antipode. Einmal sagt Deichmann fast entschuldigend: “Ich fand das eben immer gut, was mein Vater gemacht hat.” Fragt man ihn, was denn das Verrückteste sei, das er je getan habe, dann erzählt Deichmann vom Bergsteigen. Er liebe die Berge. Dann überlegt er kurz: “Ich weiß nicht, ist das jetzt verrückt?”

    Als Deichmann von der Bühne steigt, sieht er erleichtert aus. Später steht er beim Büfett, hält sich an einem Glas Weißwein fest, während ­seine PR-Agentin ausgewählte Gäste an ihm vorbeischleust: Die Miss Turkuaz, eine Art Miss ­Migrationshintergrund, ist darunter und der Modechef der “Für Sie”. Menschen, die heute Abend wichtig sind. Denn Deichmann hat sich vorgenommen, nicht mehr nur billig, sondern auch cool zu sein. “Modisch” nennt er es. So wie H&M oder Zara.

    Vom Aldi-Image zum Glamour-Faktor

    Weil seine Läden lange nur über die Coolness eines Aldi verfügten, kauft Deichmann Stars und hippe Girlbands ein, um für seine Schuhe zu werben. In der durch und durch konservativen Firmenzentrale ein absolutes Novum. “Diese Popgruppen, das ist nicht meine Sache”, raunt der Alte. Und so viel ist sicher, die Sache des Sohns, der Schumann liebt und sich klassische Musiker zu Hauskonzerten einlädt, ist es auch nicht. Doch er erkennt, dass die jungen Mädchen, die bei ihm Schuhe kaufen, “diese Popgruppen” gut finden. Und er weiß, dass sie nicht nur Grace­land, eine von Deichmanns Eigenmarken, tragen wollen, sondern auch Puma oder Adidas. So beginnt er, bei Markenherstellern zu ordern – oder kauft die Marke gleich ganz, so wie Gallus oder Elefanten.

    Derzeit wirbt das Bond-Girl Halle Berry für Deichmann. Als die beiden sich zum ersten Mal begegnen, an einem kühlen Märztag in Berlin, erzählt Berry Deichmann von ihrem Scheidungsärger, den Problemen mit dem Sorgerecht, dass sie auf Mallorca gewesen sei und sich den Fuß gebrochen und ein Schäfer sie ­gerettet habe. Und Deichmann? “Oh, ich habe über unser Unternehmen gesprochen.”

    Er tut sich schwer, persönlich zu werden. Das sagt er selbst. Doch man weiß nicht so recht, ob er einfach seine Ruhe haben will. Oder ob er tatsächlich zu bescheiden ist, um zu begreifen, dass die Menschen nicht nur über seine Firma, sondern auch etwas über ihn, den Schuhkönig, wissen wollen. “Schuhkönig? Schreiben Sie lieber, dass der Kunde bei uns König ist.”

    Deichmann

    Deichmann-Filiale 2011

    Nächstes Jahr feiert das Unternehmen sein 100-jähriges Jubiläum. In dieser ganzen Zeit hat Deichmann genau vier Pressekonferenzen gegeben. “Der Heinrich schnurrt im Hintergrund, und irgendwann sind die Dinge, wie sie sind”, sagt einer, der die Familie kennt.

    Extreme Vertikalisierung

    So war das auch mit dem, was die Branche “Vertikalisierung” nennt: Heinrich Deichmann hat sich nicht damit zufrieden gegeben, Schuhe nur zu verkaufen, sondern bringt auch das Schuhmachen unter seine Kontrolle, schaltet die Zwischenhändler aus und lässt selbst in China und Vietnam produzieren. Seine Einkäufer bestimmen Design, Materialien und Verarbeitung. So ist Deichmann unabhängig, kann schneller auf Trends reagieren – und am Ende die gesamte Marge kassieren.

    “Ein extrem professionell geführtes Unternehmen”, sagt Matthias Händle. Er ist der Chef von Hamm Reno, der Nummer zwei in Deutschland. Vertikal seien inzwischen zwar alle Großen im Business, doch kaum einer und – leider – man selbst auch nicht, gehe dabei so weit wie Deichmann.

    Deshalb kann er der Billigste sein – und bleiben. Ein Paar Deichmann-Schuhe kostet heute das Gleiche wie vor 50 Jahren: 20 Euro im Durchschnitt. Die kann selbst ein Hartz-IV-Empfänger mal entbehren. Auch das versteht Deichmann unter Nächstenliebe.

    Umso mehr ärgert es ihn, wenn die Presse sagt, dass es dort, wo seine Schuhe hergestellt werden, nicht fair zuginge. Mehr als zehn Jahre ist es her, dass ein Journalist schwere Vorwürfe gegen die Firma erhob. Später stellte sich heraus, dass das meiste gar nicht stimmte, doch noch immer wird Deichmann bei dem Thema schmallippig: “Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.”

    Mehr noch. Er hat seine Regeln extra aufgeschrieben, von Kinderarbeit bis Umweltschutz, für jeden einsehbar, um sich daran messen zu lassen. Und trotzdem: Sie suchen alle, immer aufs Neue. Vielleicht weil man denkt, dass bei dieser ganzen Menschenfreundlichkeit doch ­irgendwo der Wurm drin sein müsse: Kururlaub auf Firmenkosten, übertarifliche Bezahlung, eine Notkasse, Hochzeits- und Geburtenprämien. Die ganze Palette.

    Nein, Deichmann sei bei den Gewerkschaftssprechstunden kein Thema, sagt Verdi-Sekretär Folkert Küpers, der in Nordrhein-Westfalen für Handel zuständig ist. Dass Deichmann vor zwei Jahren sogar die 400-Euro-Jobs abgeschafft hat, weil die zu Altersarmut führen, findet Küpers aber nicht christlich, sondern nur klug. “Weniger Fluktuation. Erhöht die Bindung ans Unternehmen.” Die Liste der Firmenjubilare ist lang: Frau Schopinski aus Verkaufsstelle 0002 in Oberhausen, 35 Jahre dabei. Frau Kirsch, aus der 0035 in Neuss, 40 Jahre. Frau Herrmann, Hauptverwaltung, 45 Jahre.

    Christ und knochenharter Rechner

    All das könnte Deichmann lauter sagen, es würde sich gut machen. Fürs Marketing zum Beispiel. Auch dass sein Unternehmen jedes Jahr mehr als 10 Mio. Euro für Hilfsprojekte ausgibt, wissen die wenigsten. Deichmann sagt: “Warum sollte ich das tun?” Diesen Satz hört man oft von ihm. “Das ist mir eine Herzensangelegenheit.” Worte, die abgedroschen klingen. Doch Deichmann meint es genau so: Herzensangelegenheit.

    “Wer wissen will, wie der Unternehmer tickt, muss nur ins Unternehmen gucken”, sagt der Gründer der Intes Akademie für Familienunternehmen, Peter May, der auch der Jury zum ­”Familienunternehmer des Jahres” vorsitzt. Bei Deichmann sehe man “einen Kapitalisten, klar, aber einen mit ethischem Fundament”.

    Er bringt das manchmal etwas hölzern rüber. Nicht wie der Vater, der in Indien die Leprakranken herzt, Kinderhände hält und von Hilfsprojekt zu Hilfsprojekt jettet. Der Sohn stellt Fragen: Kann man diesen Leuten vertrauen? Können die das? Bringt das was? “Heinrich ist ein knochenharter Rechner”, sagt Heiner Beilharz, ein mit der Familie befreundeter Unternehmer. Er meint das anerkennend. Deichmann ist Christ, nicht dumm.

    Er sei eben keiner, der nur mit strahlenden Augen Halleluja ruft, sagt ein Freund, ein CDU-Mann, der es in der Partei weit gebracht hat. Wenn die beiden abends zusammensitzen, will Deichmann über Bibelstellen diskutieren. Im Urlaub liest er Theologiebücher. Zu Hause manchmal “Asterix”.

    Deichmann ist Mitglied einer evangelischen Freikirche, eine rund 50 Mitglieder zählende Gemeinde, zu deren Regeln gehört, dass nicht nur der Pfarrer predigen darf, sondern jeder, dem das wichtig ist. So kommt es vor, dass Deichmann ein ganzes Wochenende lang die Bibel studiert – und unzählige Auslegungen. Denkt. Formuliert. Um dann am Sonntag in ­einem bis auf das Kreuz schmucklosen Raum über Gott zu sprechen. “Sehr solide exegetische Arbeit”, kommentiert sein ehemaliger Gemeindeleiter Dietrich Kuhl. Sehr solide, das glaubt man ihm sofort.

    Inzwischen wird das Büfett im Curio-Haus wieder abgeräumt. Deichmann steht noch immer an derselben Stelle, hat noch ­immer nichts gegessen. “Ein Gesprächsmarathon”, murmelt er, und dass es langsam anstrengend werde. Er könnte jetzt auf Durchzug schalten, ein wenig ­lächeln, ein wenig nicken, aha, hmm und Ja, Ja sagen. Keiner würde das merken. Doch selbst an einem Abend wie diesem, zwischen Bussis und Schampus, will Deichmann jedem zuhören, nachfragen und das Gesprochene in seinem Kopf bewegen. Die Oberfläche ist nicht sein Terrain.

    Er versucht, Dinge durch Nachdenken zu lösen. Das hat er von der Uni, nicht vom Vater. Dessen berühmtes Bauchgefühl ersetzt der Sohn lange durch Fleiß und Akribie. Entscheidungen zu treffen fällt ihm nicht immer leicht, schließlich will er alles richtig machen.

    Doch am Ende ist es diese zurückhaltende, manchmal etwas zu grüblerische Art, mit der er sich gegenüber dem Vater durchsetzt. Er spielt nicht den Konkurrenten, sondern erledigt, was gerade dran ist. Aufgabe für Aufgabe. Das kann man langweilig nennen. Oder souverän.

    Es geht nicht mit dem Bauch allein

    “Der Heino hat nie mit den Füßen gescharrt”, sagt Henning Kreke. Der Douglas-Vorstand ist seit Jahren ein guter Freund. Deichmann gibt dem Vater Zeit loszulassen. Sich daran zu gewöhnen, dass der Sohn Dinge anders macht, dass man in einem internationalen Milliardenkonzern nicht nur auf den Bauch hören darf. Dass es nicht mehr mit handgeschriebenen ­Karteikarten funktioniert, sondern Programme braucht, die den unschönen Namen “Gesamtplanungsliste” tragen.

    Deichmann sagt: “Ach, ich könnte viele Dinge nennen, die ich ganz anders mache. Aber: Warum sollte ich das tun?” Stattdessen erzählt er, wie er eines Tages, 1999 war es, zehn Jahre nach seinem ersten Tag in der Firma, ins Büro des Vaters geht und sagt, dass er, Heinrich, ja faktisch längst die Geschäfte führe, ob man das nicht auch mal so nennen möge?!

    Vom Absatzmacher zum Milliardär
    Mit einem kleinen Laden fing alles an. In dritter Generation managt Heinrich Deichmann heute ein Schuhimperium

    Grundstein Reparatur Großvater und Namensvetter Heinrich Deichmann legt den Grundstein für das Unternehmen: mit der 1913 eröffneten Schuhreparatur Elektra in Borbeck, das damals noch nicht zu Essen gehörte.

    Krieg und Aufschwung Die erste Filiale eröffnet bereits 1930. Zum Kriegsende hin geht das Geschäft fast zugrunde. Doch dann folgt ein rasanter Aufschwung. Vater Heinz-Horst Deichmann versorgt die ganze Region mit günstigen Schuhen.

    Ungebremstes Wachstum 1978 errichtet Deichmann sein erstes großes Distributionszentrum in Bottrop. Heute sind es europaweit acht, ein weiteres ist geplant. Das Unternehmen verkauft mittlerweile 156 Millionen Paar Schuhe pro Jahr.

    Weg zur Lifestylemarke Seit Enkel Heinrich die Geschäfte führt, hat sich die Zahl der Filialen verdreifacht. Die Firma verkauft und produziert international. Läden und Schuhe sind heute nicht nur preiswert, sondern auch modisch.

     
    Deichmann schweigt, sieht einen Moment fast vergnügt aus und sagt: “Kurz darauf haben wir das Organigramm geändert.” Er weiß, wie viele Familienunternehmen an diesem Punkt scheitern, weil der Alte nicht loslassen kann und der Junge zu viel will.

    Der Vater habe das nicht ganz so toll gefunden, sagt Deichmann später. Aber alles in allem sei die Sache so gewesen. Kein Streit, keine Intrigen. Nur das Organigramm. “Viele in der Branche haben anfangs geglaubt, dass die Schuhe des Vaters für den Sohn zu groß sind, aber das waren sie nicht. Er hat den Generationswechsel hervorragend gemeistert”, sagt sein Geschäftspartner, der Tamaris-Schöpfer Horst Wortmann. Deichmann hat die Außenstehenden überrascht. Mal wieder. Im Hintergrund geschnurrt.

    Diese Geschichte passt zu ihm. Es würde aber auch passen, dass er einfach nichts Schlechtes sagen will, den Alten schützen, so wie alle, die ihm lieb sind. Vor allem seine Familie. Deichmanns Sohn studiert Wirtschaft. Die Frage, ob auch er dem Vater folgen wird, drängt sich auf. Deichmann schweigt. Er will keinen Druck aufbauen, dem Jungen die Wahl lassen. Die Tochter geht auf ein Internat. Ohne die Kinder fühlt es sich einsamer an in dem Haus, das er für seine Familie gebaut hat. Kein großes, aber ein perfekt gelegenes, im vornehmen Essener Süden mit freiem Blick in die Natur. Und ein Schwimmbad, das hat er sich, bei aller Bescheidenheit, dann doch gegönnt.

    Es ist kurz vor elf. Deichmann sitzt auf einem Hocker neben der Tanzfläche, sagt, dass er nie einen Tanzkurs gemacht habe. “Aber ein bisschen rumhüpfen, das kann ich schon.” Macht er aber nicht. Dabei hat man ihn jüngst durchaus bei dem, was er Rumhüpfen nennt, gesehen, spät nachts und nicht mal schlecht.

    Doch das ist heute nicht dran. Nicht Deichmanns Aufgabe. Das Geschäft wartet nicht, bis er ausgeschlafen hat. So sieht man ihn kurze Zeit später, gerade als die Musik lauter und das Publikum lockerer wird, in ein Taxi steigen. Er will noch vor Mitternacht im Bett sein.

    Sollen ihn die anderen doch langweilig nennen. Oder souverän.

     
    Fotos: ©Deichmann
     
     

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    • Quelle: impulse
    • Copyright: impulse.de

    Die Autorin

    Unternehmen & Startups

    Hanna Grabbe verantwortet bei impulse das Ideen-Ressort und schreibt dort über Familienbetriebe und Gründer.

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