Komplementäre Mitarbeiter „Ich stelle Leute ein, die mich in den Wahnsinn treiben“

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Beim Gedanken an manche Mitarbeiter braut sich im Kopf sofort ein Gewitter zusammen.

Beim Gedanken an manche Mitarbeiter braut sich im Kopf sofort ein Gewitter zusammen. © tttuna / E+ / Getty Images

Unternehmerin Anabel Ternès hat eine Mitarbeiterin eingestellt, bei der sie schon im Vorstellungsgespräch merkte: Die wird mich nerven. Die beiden Frauen arbeiten nun seit vielen Jahren zusammen. Wie funktioniert das?

Ich habe eine Mitarbeitern, die mich regelmäßig wahnsinnig macht. Etwa, wenn ich ihr einen Text zu lesen gebe und sage. „Den brauche ich in zehn Minuten wieder.“ Dann bekomme ich den Text in einer Stunde, weil sie auch noch die ganze Formatierung korrigiert hat. Dabei sollte sie nur Grammatik- und Rechtschreibfehler rausfischen.

Überraschend kommt das nicht. Ich fand sie schon im Vorstellungsgespräch langsam, bürokratisch und auch ein bisschen rechthaberisch.

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Ich wusste sofort: Sie passt super.

Ich bin die Rakete, sie ist die Bremse

Wir arbeiten seit vielen Jahren eng zusammen. Ich habe sie 2015 sogar mit zu meinem wichtigsten Startup mitgenommen. Zwischen uns gibt es eine Grundchemie. Wir können, auch wenn es hart auf hart kommt, miteinander reden und uns aufeinander absolut verlassen.

Ich habe mir bewusst eine Mitarbeiterin ausgesucht, die ganz anders tickt als ich. Ich bin eher Rakete, mit viel Feuer und Tempo. Meine Mitarbeiterin ist die Bremse, die Tempo rausnimmt, bevor wir einen doofen Fehler machen.

Ich bin froh, dass ich sie habe

Auch wenn ich manchmal genervt bin, so weiß ich: Es ist gut, eine Doppelkontrolle zu haben. Ich kenne mich, ich weiß, dass ich sehr schnell bin. Aber manchmal ist es gut, eine Schleife zu drehen, etwas eine Nacht liegen zu lassen. Etwa bei heiklen Themen, wenn jedes Wort stimmen muss. Oder bei bürokratischen Dingen wie der Steuer.

Meine Mitarbeiterin ist da ein Sicherheitsnetz für mich. Sie ist sehr genau. Und: Sie übernimmt mit Freude Bereiche, die mir einfach keinen Spaß machen – Projektgelder zuordnen, Förderanträge schreiben, für die Buchhaltung alles zusammensuchen, Statistiken aufstellen.

Dafür nehme ich es in Kauf, dass wir regelmäßig aneinanderrasseln. Manchmal bin ich regelrecht ungehalten und sage: „Kann das nicht schneller gehen?“ Und sie antwortet dann: „Willst Du es gründlich haben oder nicht?“ Oft merke ich dann: Stimmt – du willst es gründlich haben. Ich habe verstanden, dass es Aufgaben gibt, da ist es gut, wenn ich nicht dränge. Buchhaltung etwa. Oder bei einem finalen Lektorat. Da habe ich mir angewöhnt, sie in Ruhe zu lassen.

Wir haben gelernt, uns gegenseitig auszuhalten

Dass wir uns nun schon so lange gegenseitig aushalten, hat damit zu tun, dass wir über unsere Unterschiedlichkeit direkt am Anfang gesprochen haben. Als ich das erste Mal gemerkt habe, dass sie sich gedrängt fühlt, habe ich das Gespräch gesucht. Ich habe klargemacht: „Es ist deine Rolle, dass du genau bist, Dinge nachhältst. Und meine ist es, dass ich Dinge vorantreibe.“

Ich habe ihr gesagt, dass sie im Zweifel darauf pochen soll, ihre Aufgabe strukturiert anzugehen und konzentriert in ihrem Rhythmus weiter zu arbeiten. Dass wir beide damit leben müssen, dass der andere anders ist. Dass wir uns manchmal gegenseitig auf die Palme bringen. Da hat sie gelacht und das Eis war gebrochen.

Natürlich hat dieses eine Gespräch nicht gereicht in all den Jahren. Gerade in stressigen Situationen war es mit uns beiden oft anstrengend. Dann vergisst man auch mal kurzzeitig, wofür man den anderen eigentlich schätzt.

Diversität ist für uns unverzichtbar

Ich bin fest davon überzeugt, dass Diversität ein unverzichtbarer Erfolgsmotor ist. Wir arbeiten in dezentralen Teams und agil. Da muss ich darauf achten, dass in jedem Team unterschiedliche Typen mit unterschiedlichen Erfahrungen dabei sind – sonst funktioniert das nicht.

  • Es braucht jemanden, der das Team zusammenhält, der gut moderieren kann, der den roten Faden festhält.
  • Es braucht jemanden, der eher der Pedantische ist, der zum Beispiel auch das Protokoll macht.
  • Es braucht jemanden, der sprudelt, der von Idee zu Idee kommt.
  • Und am besten ist noch jemand dabei, der fähig ist, die Dinge zu strukturieren.

In einem müssen sich die Mitarbeiter jedoch einig sein

So sehr ich Diversität schätze, eines ist klar: Bei aller Unterschiedlichkeit braucht man gemeinsame Werte. Es muss einen Grundkonsens geben, wie man miteinander umgeht: etwa Zuverlässigkeit, Nachhaltigkeit, die Regeln des Miteinanders. Wenn dieses Fundament solide ist, dann kann man all die kleinen Stürme locker aushalten.

 

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