ROWE-Konzept „Wir trauen Mitarbeitern nicht zu, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen“
Viele Chefs bevormunden ihre Mitarbeiter und behandeln sie wie Kinder, finden Anhänger des ROWE-Konzepts.

Viele Chefs bevormunden ihre Mitarbeiter und behandeln sie wie Kinder, finden Anhänger des ROWE-Konzepts.© Francesco Carta fotografo / Moment / Getty Images

Mitarbeitern vorgeben, wann, wo und wie sie arbeiten müssen: Anhänger des ROWE-Konzepts finden das idiotisch. Was sie stattdessen vorschlagen, was für ROWE spricht - und was dagegen.

Ian Sohn hat einen Nerv getroffen: In einem Post auf LinkedIn regt er sich darüber auf, wie sehr Arbeitgeber ihre Angestellten bevormunden. Über 54.000 Usern gefällt das. Über 2000 haben seinen Post kommentiert.

Sohn ist Präsident von Wunderman Thompson Central, einer amerikanischen Werbeagentur. Vor ein paar Jahren bat ihn ein Vorgesetzter, kurzfristig zu einem Business-Termin zu fliegen. Sohn lehnte ab, weil er auf seine beiden Kinder aufpassen musste. Die Reaktion des Vorgesetzten ärgert ihn bis heute. „Ich fühlte mich kein bisschen schuldig, doch ich merkte, dass es meinen Kollegen aufregte. Es war schrecklich“, schreibt er auf LinkedIn.

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Viele Arbeitgeber vereinnahmen und bevormunden

Sohn ärgert es, dass solche Situation sich immer und immer wieder ereignen. Er verabscheue es, wie sehr Arbeitgeber Angestellte vereinnahmen und bevormunden. Wie wir sich Menschen dafür entschuldigen, dass sie ein Leben haben, eines jenseits der Arbeit. Dass erwachsenen Menschen nicht zugetraut werde, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und wie sehr ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit erwartet werde.

Sohn ist selbst Führungskraft. Er sagt ganz klar:

„Ich muss nicht wissen, dass Sie später kommen, weil Sie einen Zahnarzttermin haben. Oder dass Sie früher gehen müssen, weil Ihr Kind ein Fußballspiel hat.“

„Ich muss nicht wissen, warum Sie nicht an einem Sonntag auf Dienstreise gehen können.“

„Ich muss nicht wissen, dass Sie heute zuhause bleiben, weil Sie in Ruhe arbeiten wollen.“

Er listet noch mehr solcher Sätze auf, um am Ende zu dem Schluss zu kommen: „Ich möchte nicht, dass Sie sich jemals schlecht fühlen, weil sie ein Mensch sind.“

Sohns Botschaft ist klar: Er wünscht sich Mitarbeiter, die eigenverantwortlich arbeiten, und Vorgesetzte, die ihnen vertrauen.

Die Alternative: ein „Results-only work environment“

Jody Thompson und Cali Ressler haben 2005 für die US-amerikanischen Handelskette Best Buy eine Führungsstrategie entwickelt, die eine ähnliche Stoßrichtung hat: ROWE. Die Buchstaben stehen für „Results-only work environment“. Es geht um eine Arbeitsumgebung, in der nur die Ergebnisse zählen – und nicht wann, wie und wo ein Angestellter arbeitet.

Das Ziel von ROWE: Alle Mitarbeiter sollen ihre Arbeitszeit und -weise frei gestalten können. Es geht nicht darum, manchen ab und an einen Tag Home-Office zu genehmigen. Vielmehr sollen die Mitarbeiter zu 100 Prozent die Verantwortung tragen für die Art und Weise, wie sie zu den gewünschten Ergebnissen kommen. Die Hoffnung dahinter: Sie fühlen sich nicht eingeengt und sind darum motivierter.

Argumente für und gegen das ROWE-Konzept

ROWE ist ein Gegenkonzept zu der Präsenzkultur, bei der Arbeitgeber Wert darauf legen, dass ihre Mitarbeiter zu festen Zeiten beispielsweise im Büro sind. Vertrauen statt Stechuhr. Aber kann das in der Praxis tatsächlich funktionieren? Diese Frage sollte jeder Unternehmer für seine Firma abwägen. Es gibt Argumente dafür und dagegen.

Das spricht für ROWE

  • Viele Mitarbeiter dürften zufriedener sein, wenn sie nicht eingezwängt werden in ein Korsett aus Anweisungen und Bevormundung. Zufriedener bedeutet oft auch motivierter.
  • Forscher der University of Minnesota kamen in einer 2011 veröffentlichten Studie (659 Teilnehmer) zu dem Ergebnis, dass sich ROWE positiv auf die Gesundheit von Mitarbeitern auswirken kann. Die Studienteilnehmer schliefen beispielsweise länger, waren also ausgeruhter, machten mehr Sport und fühlten sich weniger verpflichtet, krank bei der Arbeit zu erscheinen. Dass ROWE ihr Wohlbefinden steigerte, konnten die Forscher indes nicht belegen.
  • Beruf und Familie lassen sich für die Mitarbeiter besser vereinbaren.
  • Es herrscht Fachkräftemangel und es wird viel über Work-Life-Balance diskutiert. Unternehmen, die es ihren Mitarbeitern überlassen, die richtige Balance zu finden, dürften für potenzielle Bewerber besonders attraktiv sein.

Das spricht gegen ROWE

  • ROWE lässt sich nicht in jeder Branche und jedem Bereich umsetzen. Der Empfang in einer Hotelrezeption zum Beispiel muss jederzeit besetzt sein.
  • Nicht jeder Mitarbeiter hat genug Selbstdisziplin und Eigenmotivation, um autonom zu arbeiten. Manche brauchen klare Vorgaben, um gute Ergebnisse erzielen zu können.
  • Es ist komplizierter, Meetings anzuberaumen und sich abzusprechen, wenn jeder arbeitet, wann er will.
  • Wenn Ergebnisse das einzige sind, an dem Mitarbeiter gemessen werden, könnte der Zusammenhalt im Team darunter leiden. Eine Ellenbogenmentalität könnte sich breitmachen und soziale Kompetenzen vernachlässigt werden.

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1 Kommentar
  • G. Pilkowski 2. August 2019 08:31

    Am Anfang des Artikels war ich ganz bei Sohn, die Beispiel bzw. die Konsequenz daraus sind für mich nicht passend. Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter bei mir ohne Hinweis nicht ins Büro kommt, fangen wir an, „uns Sorgen zu machen“. Deshalb ist es einfach besser, am Tag vorher eine Information zu bekommen. Damit ist aber nicht eine Genehmigung von mir erforderlich, es geht um die zeitliche Abstimmung. So ist es auch, wenn ich zu Hause arbeite und meinen Chef vorher darüber informiere.

    Mitarbeitern Entscheidungen nicht zuzutrauen, finde ich eher auf der fachlichen Ebene bedenklich. Wenn z. B. nichts ohne Genehmigung des Chefs „nach außen“ gehen darf, oder Aufgaben gar nicht erst übertragen werden. Dann wünsche ich mir öfter mal „ein Loslassen“ der Führungskräfte.

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