Hochsensitive Teammitglieder
Wie Sie Hochsensitive in Ihrem Team unterstützen können

Etwa 30 Prozent der Menschen sind hochsensitiv – sie nehmen Reize stärker wahr. Beachten Chefs und Chefinnen ihre Stärken und Herausforderungen im Arbeitsalltag, profitieren beide Seiten. So klappt's.

22. März 2024, 11:30 Uhr, von Kathrin Halfwassen

Hochsensitive Teammitglieder
© Getty Images

Hochsensibilität: Fällt dieses Wort in ­einem Small Talk, etwa auf einem Netzwerktreffen oder bei einem Treffen unter Freunden, ist die skeptisch hochgezogene Augenbraue meist nicht weit. Für viele klingt das Wort nach Mimose, danach, überempfindlich, verzärtelt, nicht belastbar zu sein. Nach einem Modephänomen ohne wissenschaftliche Basis.

Indes: Nichts davon stimmt – genau genommen ist nicht einmal das Wort korrekt. „Hochsensibel ist eine ungute Über­setzung des englischen Begriffs ‚highly sensi­tive‘ und negativ konnotiert. ‚Hochsensitiv‘ wäre besser, neutraler“, sagt Patrice Wyrsch. Der ­Unternehmensberater aus der Schweiz forscht zu dem Thema und hat sich als Doktorand der Universität Bern mit Neurosensitivität im Unternehmenskontext befasst.

Was bedeutet Hochsensitivität?

Wyrsch: „Bei hochsensitiven Menschen nimmt das zentrale ­Nervensystem sehr viel mehr Umgebungsreize wahr als bei anderen – und verarbeitet diese besonders tief. Das ist keine Störung, sondern schlicht ein Persönlichkeitsmerkmal – wie zum Beispiel Gewissenhaftigkeit oder Offenheit auch“, erklärt der Experte. Eines, das man ­sogar sehen kann: Hirnscans vielwahrneh­mender Menschen zeigen in der Tendenz eine höhere Gehirnaktivität.

Spannendes Partywissen – aber warum sollten sich Unternehmerinnen und Unternehmer mit Hochsensitivität befassen? Einmal, weil etwa 30 Prozent das Persönlichkeitsmerkmal tragen, also sehr viele Chefs und Chefinnen Hochsensitive im Team haben. Zum anderen, weil diese viele Stärken mitbringen, die sie aber nur ausspielen können, wenn die ­Arbeitsumgebung stimmt. „Hochsensitive sind sehr oft die hidden Rockstars in den Unter­nehmen“, sagt Lore Sülwald aus Hohen Neuendorf bei Berlin, die vielwahrnehmende Menschen coacht. „Beachten Unternehmer und ­Unternehmerinnen deren Bedürfnisse, heben sie damit ein unglaubliches Potenzial.“

Was sind die Stärken hochsensitiver Menschen?

Hochsensitive nehmen Sinneseindrücke intensiv wahr – könnten also etwa gut einschätzen, ob sich eine Website angenehm lesen lässt oder etwas in der Farbgebung stört. „Daneben zeigen sie in der Tendenz eine hohe ­Empathie, verarbeiten Informa­tionen besonders tiefgründig, beleuchten Sachverhalte von verschiedenen Seiten und sind sehr gewissenhaft“, sagt Experte Wyrsch.

Stärken, die für Unternehmen von Vorteil sein können. Ein Beispiel? „Ein vielwahrnehmender Tischler etwa wird wahrscheinlich Holz so schleifen können und wollen, bis es glatt ist wie ein Babypopo. Und wenn eine vermeintlich komplizierte Kundin einen ganz speziellen Wohnzimmertisch haben möchte, wird er sein Einfühlungsvermögen nutzen, viele Nachfragen stellen – und dann ein Einzelstück herstellen, das den Wunsch der Kundin ideal abbildet und auch hoch­qualitativ ausgeführt ist“, erklärt Wyrsch.

Durch die Eigenschaften sind Hochsensitive meist auch gut fürs Team. „Sie nehmen deutlich wahr, was man als ‚zwischenmenschliche Schwingungen‘ bezeichnet“, sagt Kathrin Sohst, Autorin und Coachin für natürliche Stress­prävention aus Reinbek bei Hamburg. „Zudem haben Hochsensitive eine ausgeprägte Intuition: Sie spüren, wenn etwas nicht stimmt – egal, ob es um Menschen geht oder um die Arbeit.“

Dazu führe das tiefgründige Denken häufig zu einer erhöhten Fehlersensibilität und Kreativität: „Gilt es etwa, ein neues Produkt zu ent­wickeln, sind Hochsensitive meist gut“, sagt der Neurosensitivitäts-Forscher. Auch wenn ein Projekt stocke oder etwas nicht funktioniere, wüssten Hochsensitive oft, wo das Problem liegen könnte. „Dazu bemerken sie Risiken, die ­andere übersehen – und steuern häufig ­unkonventionelle Sichtweisen bei, die zu Innovationen führen“, so Wyrsch.

Darüber hinaus sind Hochsensitive laut den Fachleuten sehr loyal. „Wenn sie einmal Feuer gefangen haben, dann sind sie komplett da und übernehmen Ver­antwortung“, sagt Sohst. Daraus ergibt sich im besten Fall eine ausgeprägte Bindung zum Betrieb: „Fühlen sich Hochsensitive in einer Arbeitsumgebung wohl, wechseln sie den Job tendenziell weniger schnell als der Durchschnitt. Auch weil ihnen Status und Gehalt oft weniger wichtig sind“, erklärt Patrice Wyrsch.

Und schließlich sind viele Hochsensitive gut darin, schwierige Situationen zu meistern. „In Krisen herrscht ja oft Chaos. Das passt dann zu dem Chaos, das hochsensitive Menschen meist eh in ihrem Kopf haben“, sagt Coachin Lore Sülwald. „Sie entwickeln in der Folge häufig eine ganz natürliche, krisenspezifische Führungskompetenz. Und gehen, wenn die Krise überstanden ist, gern in die zweite Reihe zurück.“

Was sind die Herausforderungen hochsensitiver Menschen?

Neben diesen Sonnenseiten, wie Wyrsch sie nennt, gibt es jedoch auch Schattenseiten. So sind Hochsensitive meist stressanfälliger und haben ein höheres Risiko, sich zu überlasten. „Das hat nichts mit Verzärteltsein zu tun“, sagt der Forscher, „sondern mit der erhöhten Wahrnehmung und Verarbeitungstiefe. Man kann sich das vorstellen wie ein Computer, der hochauflösende Bilder lädt: Der überhitzt schneller als ein Gerät, das geringauflösende Bilder mit weniger Daten verarbeiten muss.“

Zudem verlieren sich Hochsensitive aufgrund ihres oft ausgeprägten Perfektionismus mitunter in Details. „Und die hohe Empathie kann dazu führen, dass sie die eigenen Grenzen immer wieder übertreten, was das Risiko für Burnout erhöht“, sagt Präventions-Coachin Kathrin Sohst. „Sie sind einfach oft diejenigen, zu denen andere gehen, wenn sie Sorgen oder eine zu hohe Arbeitslast haben oder einfach nicht vorwärtskommen. Dann nehmen Hochsensitive ihnen häufig etwas ab, weil sie nicht gut Nein sagen können.“

Wie können Sie hochsensitive Teammitglieder unterstützen?

Chefs und Chefinnen haben viele Optionen, ­dafür zu sorgen, dass hochsensitive Angestellte ihr Potenzial ausschöpfen können. Und nicht nur sie: „Hochsensitive sind oft eine Art Seismograf. Sie zeigen an, was im Unternehmen verbessert werden könnte. Von entsprechenden Maßnahmen, etwa einer Beleuchtung, die nicht blendet, profitieren dann alle – Hochsensitive nur eben besonders“, sagt Coachin ­Kathrin Sohst.

Hier die fünf wichtigsten Ansatzpunkte, die die befragten Fachleute nennen.

1. Ruhemöglichkeiten schaffen

„Die Arbeitsbedingungen in einem Großraumbüro oder einer Produktionshalle sind eigentlich für niemanden gesund. Aber für Hoch­sensitive sind sie oft kaum zu ertragen“, sagt ­Kathrin Sohst. Gegen allzu laute Geräusche helfe oft schon etwas Simples wie ein Noise-Cancelling-Kopfhörer. Darüber hinaus seien Ruheräume wichtig, in die man sich zurück­ziehen oder in denen man arbeiten kann.

2. Flexibilität ermöglichen

Homeoffice, individuelle Arbeitszeiten und Pausenregelungen erleichtern es Hochsensitiven, eine Überreizung zu vermeiden und konzentriert arbeiten zu können. „Viele Hochsensitive erzählen mir immer, wie überrascht Kollegen davon seien, dass sie im Home­office so viel schafften. Vielwahrnehmende haben einfach einen ­eigenen Rhythmus. Wenn sie gemäß diesem arbeiten können, sind sie meist enorm produktiv“, sagt Coachin Lore Sülwald.

Damit hochsensitive Mitarbeitende nicht über ihre Grenzen gehen, ist es Kathrin Sohst zufolge außerdem wichtig, als Führungskraft Vertrauen zu zeigen: „Viele gehen zwischendrin gern kurz raus an die frische Luft, wenn ihnen etwas zu viel wird. Heißt es aber: ‚Du arbeitest jetzt vier Stunden durch, machst dann eine halbe Stunde Mittag‘, gibt es keine ­Möglichkeit, zwischendurch mal abzuschalten. Unter solchen rigiden, kontrollierenden Regelungen leiden Hochsensitive enorm.“

3. Mehr Wertschätzung zeigen

„Allen hochsensitiven Menschen in meinen Coachings war eine Arbeitsatmosphäre, in der alle gesehen werden, das Wichtigste überhaupt“, erklärt Expertin Lore Sülwald. Zu einer wertschätzenden Führung gehöre dabei nicht nur, Anerkennung für Geleistetes zu verteilen, sondern auch, aktiv die Meinung Hochsensitiver einzuholen. „Diese Menschen sagen selten von sich aus: ‚Ich bin großartig, hier ist meine Haltung zu Thema XY‘. Deshalb ist es extrem wertvoll, wenn Sie etwa in einem Meeting einmal etwas fragen, wie: ‚Du hast zu dem Thema noch gar nichts gesagt. Was ist deine Ansicht dazu? Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?‘ Und dabei aber stets klarzumachen, dass es auch möglich ist, zeitversetzt zu antworten.“

4. Gefühle nicht abtun

Hochsensitive brauchen den Fachleuten zufolge mehr Mut als andere, von ihren Eindrücken zu berichten, etwa davon, dass etwas nicht stimmt oder sie einen unterschwelligen Konflikt wahrnehmen – auch deshalb, weil etwa 70 Prozent von ihnen zugleich introvertiert sind. „Deshalb trifft es Hochsensitive wirklich, wenn etwas gesagt wird, wie: ‚Du wieder mit deinem Gefühl! Du bist zu empfindlich, du musst mal auf den Tisch hauen‘“, erklärt Coachin Sülwald.

Der Wissenschaftler Wyrsch sieht in solchen Relativierungen auch eine vertane Chance. „Wer hochsensitiv ist, spürt oft, wenn andere Menschen lügen, Fakten nicht stimmen, irgendwo versteckte Risiken lauern.“ Das heiße zwar nicht, immer komplett auf die Intuition Vielwahrnehmender zu setzen. „Wir alle können uns irren. Aber sie umgekehrt jedes Mal abzutun wäre genauso ein Fehler. Es schadet ja nicht, zum Beispiel noch einmal die Zahlen zu checken, wenn nach einem vermeintlich überzeugenden Pitch die Hochsensitive als Einzige in der Runde sagt: ‚Irgendwas ist hier faul‘. Oft werden aus Gefühlen dann harte Fakten.“

5. Aufgaben anpassen

„Wenn Hochsensitive Standardaufgaben im Akkord erledigen sollen und sie viele Verantwortlichkeiten parallel tragen, setzt das viele unter Stress, die Gefahr von Burnout und ­innerer Kündigung steigt“, erklärt Wyrsch. Umgekehrt würden Hochsensitive zur Hochform auflaufen, wenn sie sich in etwas vertiefen können, etwa in die Entwicklung von Premiumprodukten oder Musterlösungen.

Darüber hinaus sei es wichtig, bei der Aufgabenverteilung das ausgeprägte Wertebewusstsein Hochsensitiver zu beachten. „Mehr noch als andere Menschen auch wollen sie Sinnhaftigkeit in ihrer Arbeit erleben. Die kann schon darin bestehen, Teil eines Teams zu sein, das voller Freude zusammenarbeitet. Doch auch bei allem, was nachhaltig ist oder eine positive soziale Wirkung hat, sind Hochsensitive an der richtigen Stelle“, sagt Coachin Kathrin Sohst.

Lore ­Sülwald schließlich empfiehlt, Hochsensitive vor zu viel Wettbewerb und Leistungsdruck zu schützen. Beides mache viele unglücklich und die Gesundheit leide. „Das bedeutet beispielsweise, Hochsensitive nicht in Projektteams mit vielen stark kompetitiven Teammitgliedern zu stecken – oder sehr deutlich zu machen, dass sie auf den Wettbewerb nicht einsteigen müssen“, erklärt die Expertin.

Bedürfnisse in einem Team-Workshop erfragen

All das, so die Fachleute, bedeute nicht, als Chef oder Chefin sofort losrennen zu müssen, wie ein Hobbypsychologe vermeintlich Hochsensitive zu identifizieren und sie auf dieses Persönlichkeitsmerkmal anzusprechen. Vielmehr gelte es, alle Angestellten zu adressieren: So raten die Fachleute zu einem Team-Workshop, um Bedürfnisse aller abzuklopfen und darauf einzugehen. „Sie können dann einfach einmal fragen: Was braucht ihr, um gut zu arbeiten, um euch wohlzufühlen? Welche Aufgaben macht ihr am liebsten? Was fällt euch leicht und macht Freude?“, empfiehlt Kathrin Sohst.

Lore Sülwald ergänzt: „Es geht nicht darum, dass sich Hochsensitive die Rosinen unter den Aufgaben rauspicken sollen. Sondern darum, eine Atmosphäre zu schaffen und die Arbeit so zu verteilen, dass alle möglichst oft in ihrer Kraft sind und sich gegenseitig unterstützen können.“

Was sollten Chefs und Chefinnen noch beachten?

Was allen drei Fachleuten wichtig ist: Hochsensitive sollten nicht in die Opferrolle gerückt oder als besonders betrachtet werden. „Die Beschäftigung mit Vielwahrnehmenden ist vielmehr eine gute Gelegenheit, ein Bewusstsein für Neurodiversität zu entwickeln, also dafür, dass Gehirne unterschiedlich funktionieren – bei Angestellten genauso wie bei Unternehmern und Unternehmerinnen selbst“, sagt die Expertin Lore Sülwald.

Mehr dazu hier: Hochsensitive Führungskräfte: Hochsensitiv? Dann sollten Sie diese fünf Herausforderungen nicht ignorieren

Patrice Wyrsch zufolge lehre die Beschäftigung mit Hochsensitivität, offener zu sein und weniger zu werten: „Viele denken ja, ihre Art der Wahr­nehmung sei die einzige und damit auch die richtige. Aber so ist es eben nicht.“ Neben den hochsensitiven Menschen gebe es am anderen Ende der Skala die Wenigsensitiven und in der Mitte die vielen Normalsensitiven.

Wenigsensitive seien besonders gut darin, viele Aufgaben gleichzeitig zu stemmen, einfach mal zu machen. Und sorgen dafür, dass sich Hochsensitive nicht komplett in den Details verlören und ewig abwarteten. Umgekehrt hielten die Hochsensitiven sie davon ab, einfach loszupreschen und Risiken zu übersehen. „Deshalb: Wenn Sie es schaffen, Menschen in all ihrer Wahrnehmungsvielfalt zusammenzubringen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen, bekommen Sie hoch performante Teams und haben größeren unternehmerischen Erfolg – und zwar in jeder Branche“, sagt Wyrsch.

Ein abschließender Tipp des Forschers: bei alldem mit ordentlich Gelassenheit vorgehen. „Sie werden nie allen gerecht werden, dafür sind Menschen zu verschieden, der eine Hochsensitive ist anders als die anderen. Aber allein zu akzeptieren, dass es unterschiedliche Sensitivitätslevel und damit verschiedene Stärken und Bedürfnisse gibt, hilft enorm, Bedingungen zu schaffen, in denen jede und jeder gut arbeiten kann.“

Sie fragen sich, ob Sie auch hochsensitiv sind? Dann finden Sie hier einen kostenlosen Selbsttest zum Download.