Fokussierung Wie wir dank Markklößchensuppe Marktführer wurden

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Die Nummer 1 werden? Rhönschaf-Gastronom Jürgen Krenzer hat es geschafft - nachdem er ein paar Hürden gerissen hat.

Die Nummer 1 werden? Rhönschaf-Gastronom Jürgen Krenzer hat es geschafft - nachdem er ein paar Hürden gerissen hat.© .marqs / photocase.de

Denken Sie groß, werden Sie Marktführer! Das wollte auch impulse-Blogger Jürgen Krenzer. Doch auf dem Weg nach oben kann einiges schiefgehen. Zum Beispiel, wenn Markklößchensuppe in die Socken schwappt ...

Wir schreiben das Jahr 1999. Ich habe intern gemeinsam mit meinem Führungsteam ein Strategiepapier für unserer Unternehmen erstellt, mit dem hohen Anspruch, „Marktführer“ zu werden. Marktführer in unserem Segment – der konsequent regionalorientierten Ereignisgastronomie. Doch Papier ist – übrigens nicht nur bei uns – extrem geduldig. Oder sagen wir es mal so: Dem Stück Papier ist es letztendlich ziemlich egal, was da drauf steht. Genauso wie es dem Geld übrigens völlig egal ist, für was es ausgegeben wird.

Aber der Reihe nach …

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Es braucht immer ein einschneidendes Erlebnis, bis man zu der Erkenntnis kommt, dass nicht das Gesagte oder das Aufgeschriebene zählt – sondern das Erreichte. Oder das Erlebte. Und solch ein „Erlebnis“ hatte ich im Jahr 1999:

Die Lieferung

Gemeinsam mit meinem damaligen Servicechef fahre ich mit unserem damals 15 Jahre alten VW-Bus eine Essenslieferung aus. „Catering“ – wie man es heute nennt. Mit professionellem Catering hatte unsere geschäftliche Aktivität allerdings wenig zu tun. Hinten im Fahrgastraum standen auf den Sitzen die sogenannten „Chafing-Dishes“ – also die silbernen Teile, aus denen sich garantiert jeder schon einmal anlässlich eines Buffets selbst bedient hat. Sie funktionieren als Warmhaltebehälter über einem Wasserbad und stinkender Brennpaste.

Wir sind auf dem Weg zu einer Familienfeier. Solch ein „Geschäft“ nimmt man natürlich gerne mit. Schließlich bringt es Umsatz. Aber so richtig ausgerichtet dafür sind wir nicht. Und unsere Unternehmensstrategie geht eigentlich komplett in eine andere Richtung. Egal, Hauptsache Umsatz. Hauptsache, die Mitarbeiter (und man selbst) haben etwas zu tun. Also Klopse, Schnitzel, Kroketten, Pilzsoße, Suppe und Co. rein ins Auto.

Ladungssicherung? Wozu? Sind doch nur ein paar Kilometer. Mein Servicechef auf dem Beifahrersitz hat den Suppentopf professionell zwischen die Beine geklemmt. Natürlich ist er angeschnallt. Der Topfdeckel wird ebenfalls vorschriftsgemäß mit einem Einmachgummi „gesichert“. Sicherheitshalber – damit die Klöpschen nicht kalt werden – haben wir die Brennpasten schon mal angezündet. Dann geht es hinterher beim Ausliefern umso schneller. So fahren wir auf der Bundesstraße 278 etwas zu schnell in den nächsten größeren Ort hinein. Schließlich soll das Essen pünktlich ausgeliefert werden.

Der Fauxpas

Und dann passiert es: Obwohl die Ampel an der Dorfkreuzung grünes Licht hat, läuft ein verwirrter Fußgänger bei Dunkelheit über die Straße. Ich sehe ihn gerade noch (die Windschutzscheibe ist vom Dampf des Wasserbads zum Glück noch nicht vollständig beschlagen) und steige voll in die Bremsen. Der Fußgänger ist gerettet.

Aber unser Catering ist gelaufen. Klopse und Schnitzel fliegen im Auto umher, die Brennpasten werden zu gefährlichen Brandbeschleunigern. Mein Servicechef schreit vor Schmerz, springt aus dem jetzt stehenden Auto und hüpft schreiend das Trottoir entlang. Die kochend heiße Suppe ist ihm in die Kellnerschlappen gelaufen. Das tut weh! Ich steige ebenfalls aus. Er brüllt mich mit schmerzverzerrtem Gesicht an: „Da! Schau uns an! MARKTFÜHRER! Jawohl, so sehen Marktführer aus!!! Was sind wir nur für Vollpfosten!“

Er kann sich einfach nicht beruhigen. Zu Recht. Denn das skurrile Bild mit einer Markklößchensuppe, die aus dem Auto läuft, brennenden Lichtern im Auto (nicht zur Weihnachtszeit), Pilzsoße an der Windschutzscheibe und umherkullernden Klöpschen sowie einem Service-Chef, der gerade das HB-Männchen macht, werde ich nie mehr vergessen.

Der Entschluss

Und ich beschließe an diesem denkwürdigen Abend, so etwas nie mehr zu tun. Und vieles andere auch. Heute, 16 Jahre später, haben wir es längst geschafft: Wir sind in unserer Kampf- und Gewichtsklasse der Marktführer. Aber ohne kochend heißen Eierstich und Markklößchensuppe in den Socken wäre das nicht möglich gewesen. Oder komplizierter erklärt: Wer den Schmerz der Analyse nicht erträgt, ist nicht fähig zur Weiterentwicklung.

5 Tipps für alle, die nicht Marktführer werden wollen

Nachstehend zur Geschichte noch fünf – augenzwinkernde – Punkte, die Sie unbedingt befolgen sollten, wenn Sie nicht Marktführer werden wollen:

1. Tun Sie das, was alle tun!
Setzen Sie auf Trends – seien diese auch noch so schnelllebig. Hören Sie auf Trend-Gurus und zahlen Sie viel Geld für Trendtouren und Zukunftsseminare. Sie sind viel zu klein, um selber Trends zu schaffen. Vergessen Sie das ganz schnell. Hören Sie auf die Experten und kommen Sie bloß nie auf die Idee, Ihr eigenes Ding zu machen.

2. Kümmern Sie sich mehr um Ihre Mitbewerber.
Beobachten Sie Ihre Mitbewerber ständig oder lassen Sie sie beobachten. Sie müssen wissen, wie sie denken und was sie vorhaben. Wenn möglich kopieren Sie sie und machen alles noch ein bisschen schneller und günstiger.

3. Setzen Sie auf eine Zielgruppe.
Egal auf welche. Aber definieren Sie sie bitte nicht konkret. Je größer die Zielgruppe, umso besser. Ist ja logisch. Jeder da draußen könnte Ihr Kunde sein. Am besten nehmen Sie alle ins Visier.

4. Versuchen Sie, es allen recht zu machen.
Erweitern Sie Ihr Angebot. Bleiben Sie in jeder Beziehung flexibel! Denn schließlich leben Sie von zufriedenen Kunden. Denken Sie stets daran: Alles, was Sie anbieten, muss den Kunden gefallen. Und nicht Ihnen! Also richten Sie sich nach den Wünschen der Kunden!

5. Fordern Sie Ihre Mitarbeiter ständig.
Sie brauchen Ihre Mitarbeiter, damit es Ihren Kunden gut geht. Überprüfen Sie daher ständig, dass Ihre Mitarbeiter motiviert sind. Führen Sie Kunden- und Mitarbeiterbefragungsbögen ein. Je mehr Sie wissen, umso besser. Führen Sie regelmäßig Teamtrainings außer Haus durch, am besten teure Incentives im Wildwasserbach oder im Hochseilgarten. Denn im Haus müssen Ihre Leute funktionieren! Deshalb müssen Sie sie ständig fordern – belohnt werden sie dann mit den Incentives. Das ist es, was sie wirklich wollen.

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