Fehler des Quartals „Auf Fehler stoßen wir mit Champagner an“

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Prost! Wer im Hotel Schindlerhof etwas Neues ausprobiert und grandios scheitert, wird gefeiert. Für den Fehler des Quartals gibt es Champagner.

Prost! Wer im Hotel Schindlerhof etwas Neues ausprobiert und grandios scheitert, wird gefeiert. Für den Fehler des Quartals gibt es Champagner.© criene / photocase.de

Im Nürnberger Hotel Schindlerhof feiert Geschäftsführerin Nicole Kobjoll Fehler - die ihrer Mitarbeiter und ihre eigenen. Das hat ihr Unternehmen grundlegend verändert.

Da wäre zum Beispiel der Wasserfall. Renate Kobjoll, die Mutter von Nicole Kobjoll und wie sie Geschäftsführerin des Familienunternehmens, kam darauf, als sie vor einigen Jahren neue Tagungsräume für das Hotel Schindlerhof plante. Im größten Seminarraum könnte man doch zur Luftbefeuchtung einen Zimmerbrunnen mit Wasserfall installieren.

Alle waren begeistert. Der Brunnen sah toll aus, die Luft wurde tatsächlich besser. Doch es gab ein Problem: „Das Teil hat so laut geplätschert, dass die Tagungsteilnehmer ständig aufs Klo mussten“, erzählt Nicole Kobjoll.

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„Die Angst, Fehler zu machen, ist weg“

Über so eine Fehlinvestition kann man sich als Unternehmer wahnsinnig ärgern. Oder man lacht darüber – und versucht, daraus zu lernen. Im Schindlerhof entschied man sich für Letzteres und kürte den Wasserfall-Reinfall zum Fehler des Quartals. „Wir belohnen nie Leichtsinnsfehler oder wenn jemand etwas aus Dummheit oder Desinteresse falsch gemacht hat“, erklärt Kobjoll. „Wir feiern Fehler, bei denen jemand nachgedacht hat und etwas gut machen wollte, was dann gefloppt ist.“

Wer einen solchen Fehler macht, wird auf der nächsten Teamparty – die findet im Schindlerhof regelmäßig alle zwei, drei Monate statt – ausgezeichnet. Und dann stoßen alle mit Champagner an.

„Wir küren diese Fehler, um die Leute zu ermuntern, Dinge auszuprobieren und ihr Hirn einzuschalten, um innovativ zu bleiben“, sagt die Hotelchefin. Ihr Vater hatte einst die Idee dazu, inzwischen ist sie im Schindlerhof Tradition. „Die Angst, Fehler zu machen, ist komplett weg“, sagt Kobjoll.

Im Gespräch mit ihren Teamleitern wird sie auf mögliche Kandidaten aufmerksam gemacht, teilweise schlagen sich die Mitarbeiter auch selbst vor. Und immer frage man, ob der Preisträger wirklich damit einverstanden sei, öffentlich für seinen Fehler gelobt zu werden. Ausgezeichnet werden kann jeder, von der Betreiberfamilie über die Führungskraft bis zum Azubi.

Ihr Fehler kostete das Unternehmen rund 20.000 Mark

Kobjoll erinnert sich gut an ihren ersten eigenen großen Fehler: Sie plante einen Neubau mit 24 Hotelzimmern und wollte den Geschäftsreisenden das Auschecken erleichtern. Also ließ sie in allen Zimmern eine Technik installieren, mit der die Gäste auf dem Fernseher in ihrem Zimmer auschecken konnten. Genutzt hat diesen Service kaum jemand. Also fragte sie nach. Und hörte immer wieder ähnliche Antworten: „Frau Kobjoll, wir kennen das System von anderen Hotels, aber gerade bei Ihnen genießen wir es, uns an der Rezeption noch nett zu unterhalten.“ Die Technik wurde wieder ausgebaut, rund 20.000 Mark hatte man damit in den Sand gesetzt. „Daraus habe ich viel gelernt“, sagt Kobjoll. „Der Ansatz passte überhaupt nicht zu uns, unser Motto ist schließlich, dass wir eine Pilgerstätte für Herzlichkeit sein wollen.“

Eingebettet ist der Fehler des Quartals in ein System, das Kobjoll „Kernprozess Innovation“ nennt. Dazu gehört, dass sich alle Mitarbeiter kontinuierlich weiterbilden, Messen besuchen und sich von Fachzeitschriften und Trendreisen inspirieren lassen. Es gibt regelmäßige Feedbackrunden zur Qualitätssicherung und ein ausgeklügeltes Vorschlagswesen: Jeder Mitarbeiter ist verpflichtet, jeden Monat mindestens eine Idee oder einen Verbesserungsvorschlag in der hauseigenen Mitarbeiter-App  zu posten. Die ganze Belegschaft darf die Ideen bewerten, die Teamleiter entscheiden dann, welche tatsächlich umgesetzt werden.

„Wer bei Fehlern sofort einen auf den Deckel kriegt, probiert nichts mehr aus“

„So eine Kultur braucht Zeit“, sagt Kobjoll. „Du kannst nicht mit den Fingern schnipsen und sagen: So, jetzt sind wir innovativ.“ Vertrauen sei eine Grundvoraussetzung. „In vielen Unternehmen ist es doch so, dass Mitarbeiter sofort einen auf den Deckel kriegen, wenn etwas schief läuft. Da traut sich niemand mehr, etwas auszuprobieren.“

Rund 70 Mitarbeiter arbeiten in ihrem Hotel. Jedes Jahr bringen sie 700 bis 800 neue Ideen in das Unternehmen ein – dank der App hat die Geschäftsführerin den genauen Überblick. Zwischen 70 und 80 Prozent dieser Ideen werden umgesetzt. „So weit wären wir nie, wenn wir unsere besten Fehler nicht feiern würden“, ist sich Kobjoll sicher.

Der Wasserfall steht übrigens immer noch im größten Seminarraum. Er plätschert inzwischen nur noch in den Kaffeepausen.


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