Burnout bei Unternehmern
„Unternehmer sollten bei Burnout weiter in die Firma gehen“

Müde, kraftlos, ausgebrannt: Unternehmer, die sich ständig so fühlen, leiden womöglich an Burnout. Ein Psychiater erklärt, wie sie es verhindern können - und warum Weiterarbeiten die beste Medizin ist.

29. August 2019, 11:00 Uhr, von Lisa Büntemeyer

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Burnout bei Unternehmern
Manchmal ist der Akku einfach leer - und Unternehmer drohen, ins Burnout zu rutschen.
© Marie Maerz / photocase.de

Wenn Angestellte an Burnout leiden, gehen sie in Kliniken oder lassen sich krankschreiben, um zu Hause endlich richtig abschalten zu können. Aber was, wenn Unternehmer drohen, ins Burnout zu rutschen? Wie soll das Unternehmen monatelang ohne sie laufen? Wie treten sie rechtzeitig auf die Notbremse?

Christian Peter Dogs ist Psychiater und Psychotherapeut und behandelt seit 34 Jahren unter anderem Manager und Unternehmer mit Burnout. Ein Gespräch darüber, wie gestresste Chefs Ausgleich finden können, wie man aus einem Burnout wieder rausfindet – und warum Unternehmer trotz Burnout weiterarbeiten sollten.

impulse: Herr Dogs, welche Warnzeichen deuten darauf hin, dass jemand Gefahr läuft, ins Burnout zu rutschen?

Christian Peter Dogs: Schlafstörungen, innere Unruhe, Gereiztheit. Sie können abends nicht mehr abschalten. Die meisten trinken dann Alkohol oder nehmen sogar Tabletten. Und ein ganz spezifisches Gefühl: total erschöpft sein, aber trotzdem innerlich unruhig. Sie merken, dass Dinge, die ihnen früher leichtgefallen sind, zunehmend schwerfallen.

Und körperliche Symptome?

Herzrhythmusstörungen oder Durchfall, das sogenannte Reizdarmsyndrom. Das sind alles Vorboten, bei denen Leute merken, dass sie aus dem Gleichgewicht kommen. Das erste Symptom ist übrigens häufig, dass sie mit dem Auto nach Hause fahren und das Radio nicht mehr anmachen. Da merken sie: Ich habe heute genug Reize gehabt. Ich brauche Stille.

Angenommen, ein Unternehmer bemerkt einige diese Vorboten. Kann er da alleine wieder rauskommen?

Zur Person
Christian Peter Dogs ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Als ärztlicher Direktor der Panorama Fachklinik und der psychosomatischen Max-Grundig-Klinik behandelte er Unternehmer und Manager, die unter anderem an Burnout litten. Heute führt er eine kleine Privatpraxis und coacht Unternehmer und Vorstände. Er ist Autor des Buchs „Gefühle sind keine Krankheit“, erschienen im Ullstein Verlag.

Man kann unheimlich viel machen, ohne dass man in Therapie geht. Die Lösung ist sehr leicht: im privaten Bereich ausgleichen. Wer privat gut gegensteuert, brennt nicht aus.

Wenn jemand an Burnout leidet, liegt das also nicht nur an beruflichem Stress?

Genau. Wer sagt, Burnout ist nur auf die Arbeit zurückzuführen, liegt falsch. Die Patienten, die ich gesehen habe, sind alle ausgebrannt, weil sie auch im privaten Bereich nicht aufgepasst haben.

Was läuft denn privat schief?

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Meist chronisch ungeklärte Konflikte, ganz oft Ehekonflikte. Im Arbeitsbereich können sie eher wenig ändern. Aber auch berufliche Konflikte entziehen Kraft. Reizüberflutung haben beruflich alle, dem kann man gar nicht ausweichen. Überall, wo Sie hinkommen, werden Sie bedudelt, Sie kriegen keine Stille mehr.

Und das macht krank?

Meine These ist: Menschen werden krank, weil sie die Fähigkeit verloren haben, Pausen zu machen. Also wirklich Pause zu machen und nicht in der Pause aufs Handy zu schauen. Sich zu langweilen.

Wie gleichen Sie denn aus? Wie nehmen Sie sich Pausen?

Ich mache mein Handy freitags um 18 Uhr aus, schalte es erst am Montagmorgen wieder an. Ich schalte meinen Computer aus. Ich treffe mich nur mit Leuten, die ich mag. Ich stehe nicht auf sinnlosen Veranstaltungen herum, weil ich meine, ich muss netzwerken. Ich genieße die Stille. Ich mache zum Beispiel kein Autoradio an. Ich gehe viel in die Berge und sehe immer Leute an mir vorbeirasen, die sagen: „Heute bist du aber langsam“. Dann sage ich denen: „Es ist wichtig, im Leben langsamer zu machen, als man kann.“

Warum?

Ich muss mich nicht jedem beweisen. Das versuche ich auch, meinen Patienten beizubringen. Ich suche bewusst Momente der Stille. Ich pflege meine Beziehungen und nehme mir Zeit für meine Familie. Wer nicht schaut, dass er auf die Reizüberflutung mit Reizarmut antwortet, den haut es aus dem Gleichgewicht.

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Was unternehmen Sie mit Ihren Patienten, damit sie Ausgleich finden?

Ich mache mit den Managern immer eine Übung: Ich gehe mit ihnen in ihre Firmen und streiche ihnen zwei Termine aus dem Kalender, verschaffe ihnen eine halbe Stunde Zeit. In der dürfen sie nichts tun. Sie glauben gar nicht, wie die mich in dem Moment hassen.

Was tun sie dann? Aus dem Fenster schauen?

Genau, einfach aus dem Fenster schauen. Sie müssen sich vorstellen: Das Hirn arbeitet 24 Stunden durch, auch nachts, das schläft nicht. Wir müssen dem Hirn die Pausen gönnen.

Nun haben Unternehmer aber eher selten Pausen. Es gibt immer etwas zu tun, sie haben die Verantwortung für die Firma und für ihre Mitarbeiter.

Der große Fehler, den gerade Inhaber kleiner Firmen machen: Sie legen ihre Termine immer dichter, machen keine Pausen dazwischen, versuchen, so viel wie möglich zu machen. Besonders vor Urlauben hauen sie noch alle Termine rein, die gehen. Und können dann im Urlaub nicht abschalten.

Sind Unternehmer vielleicht ein bisschen stressresistenter als Angestellte?

Sie sind nicht resistenter, sie können sich nur nicht erlauben zusammenzuklappen. Das ist interessant: Burnout findet am meisten in der gesicherten Mittelschicht statt, bei Verbeamteten. Leute in der sogenannten Unterschicht, die drei Jobs gleichzeitig machen und ihre Kinder unterkriegen müssen – die haben gar keine Zeit für Burnout. Und auch Inhaber kleiner Unternehmen machen weiter, wenn sie ausgebrannt sind.

Aber irgendwann ist sicherlich eine Grenze erreicht?

Diejenigen, die ich behandle, haben weit über ihre Grenze weitergemacht und hören erst auf, wenn sie horizontal in die Klinik gebracht werden. Das sind meist körperliche Symptome, die sie umhauen. Da muss schon ein Infarkt her.

Solche Unternehmer fehlen dann von einem Tag auf den anderen in der Firma.

Ich finde es falsch, beim Burnout und bei der Depression immer voll krankzuschreiben. Ich plädiere für Teilkrankschreibungen. Die Leute kriegen ja auch viel Bestätigung über die Arbeit. Wenn die zu Hause nur die Wand angucken, dann werden sie noch depressiver.

Aber wollen Menschen, die völlig ausgebrannt sind, nicht erstmal ganz aus dem Job raus, um sich zu erholen?

Ich halte das für falsch. Es ist wichtig, dass sie im Rhythmus bleiben. In den Kliniken nennen wir das soziale Rhythmustherapie: Die Leute sollen morgens früh aufstehen, etwas Sinnvolles machen. Ich bringe Unternehmer dazu, dass sie weiter in die Firma gehen, aber nur noch in der zweiten oder dritten Reihe arbeiten. Denn zurückzukommen, nachdem man ein halbes Jahr draußen war, das ist eine enorme Schwelle. Meine These: Wenn die Arbeit sinnstiftend und wertschätzend ist, macht sie gesund.

Die Unternehmer, die Sie behandeln, führen dann trotz Burnout ihre Firma weiter?

Ich versuche sie zu motivieren, dass sie auch von der Klinik aus noch mit dem Laptop mit den Mitarbeitern in Kontakt sind. Denn sich ganz rausziehen, das geht nicht bei kleinen Unternehmen. Die Inhaber haben sonst die ganze Zeit Angst, dass alles schiefläuft.

Vor allem, wenn sie niemanden haben, der sie vertreten kann.

Selbst wenn man einen Co-Geschäftsführer hat, ist es wichtig, in Kontakt zu bleiben. Und wenn es nur ganz wenig ist. Man muss nicht die ganzen Ärgerlichkeiten des Tages mitbekommen, dann ist schon viel gewonnen.

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