Was ist ein Workaholic?
Leide ich unter Arbeitssucht? Die häufigsten Symptome und Risiko-Test

Arbeitssüchtig zu sein beinhaltet mehr, als viel zu arbeiten. Aber was ist ein Workaholic genau? Welche Symptome auf Arbeitssucht hindeuten, wer besonders gefährdet ist und was helfen kann.

25. Juni 2024, 14:55 Uhr, von Miriam Mueller-Stahl, Wirtschaftsredakteurin

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Frau arbeitet im Dunkeln am Laptop. Seitenansicht.
Was ist ein Workaholic genau? Tatsächlich gibt es mehrere Stufen von Arbeitssucht.
© Jun / iStockphoto / Getty Images

Eine gewisse Leidenschaft für die Arbeit ist durchaus wünschenswert. Schließlich soll die ausgeübte Tätigkeit Spaß machen und keine Qual sein. Doch wann überschreitet die Hingabe an die Arbeit die Grenze und wird zur Arbeitssucht? Was ist ein Workaholic? Welche Symptome auf eine Arbeitssucht hindeuten, wie Unternehmen zur Prävention beitragen können und wie Sie mittels eines Tests selbst überprüfen können, ob Sie selbst arbeitssüchtig sind.

Was ist ein Workaholic? Definition von Arbeitssucht

Arbeitssucht ist ein noch relativ wenig erforschtes Gebiet und gilt bisher nicht als klinische Diagnose. Das Arbeitsverhalten von Workaholics lässt sich jedoch als Abhängigkeitsstörung beschreiben. Arbeitssucht zählt wie auch Kauf- und Spielsucht zu den Verhaltenssüchten. Hierbei kommt es zu einem sogenannten Toleranzerwerb. Bei Workaholics bedeutet dies, dass sie immer mehr arbeiten müssen, damit ihr Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird. Die Abwesenheit von Arbeit kann hingegen Entzugserscheinungen auslösen.

Arbeitssüchtige neigen zu „Impulsivität, Unruhe und Nervosität, speziell in Situationen, in denen nicht gearbeitet werden kann, wie Krankheit oder Urlaub und in sozialen Situationen außerhalb des Arbeitslebens“, erklärt Diplom-Psychologe Stefan Poppelreuter, der sich seit mehr als 25 Jahren mit dem Thema Arbeitssucht auseinandersetzt.

Es gibt keine bestimmte Anzahl von Arbeitsstunden als Indiz dafür, ab wann von einer Arbeitssucht gesprochen werden kann. Bei Arbeitssüchtigen gilt jedoch: „Rein quantitativ nimmt die Arbeit große Teile der Lebenszeit ein“, wie der Arbeitssucht-Experte betont.

Die Arbeit hat für Workaholics den größten Stellenwert. Alle anderen Lebensbereiche wie Hobbies, Freunde, Partner und Familie treten in den Hintergrund. Arbeitssüchtige weisen dementsprechend psychosoziale Störungen auf und haben Poppelreuter zufolge im schlimmsten Fall „immer stärker eingeschränkte soziale Kontakte, Partnerschaftsprobleme, keinen Kontakt mehr zu den eigenen Kindern, nahen Angehörigen oder Freunden.“

Was sind die ersten Symptome einer Arbeitssucht?

Laut Poppelreuter gibt es bestimmte Anzeichen, die auf den Beginn einer Arbeitssucht hindeuten:

  • immer weniger Freizeitaktivitäten
  • immer weniger persönliche Kontakte außerhalb des Berufsumfeldes
  • nächtliches Grübeln
  • permanentes Denken an die Arbeit
  • Gefühle von Überforderung
  • Abgeschlagenheit

Achtung: Symptome wie nächtliches Grübeln und Gefühle von Überforderung können auch bei einem schleichenden Burnout auftreten. Es ist somit nicht immer alles ganz trennscharf zu erfassen.

Welche Anzeichen von Arbeitssucht kann man bei anderen bemerken?

Arbeitssucht kann sich in zwei unterschiedlichen Verhaltensweisen äußern. So gibt es Betroffene, die kein anderes Thema mehr haben als die Arbeit und nur noch über ihre beruflichen Herausforderungen sprechen. Es gibt jedoch auch Arbeitssüchtige, die sich sozial komplett zurückziehen.

Auch das Desinteresse an allem anderen außerhalb des Jobs und „der Eindruck, dass der oder die andere gedanklich ganz woanders ist“ können Poppelreuter zufolge Anzeichen von Arbeitssucht sein.

Workaholics leiden zudem oft unter Stimmungsschwankungen und konsumieren vermehrt Suchtmittel und Tabletten.

Arbeitssucht-Test: Bin ich arbeitssüchtig?

Mit dem Work Addiction Risk Test, den der Psychotherapeut Bryan E. Robinson entwickelt hat, ist es möglich das eigene Arbeitssucht-Risiko zu testen. Es handelt sich um insgesamt 25 Fragen, die mit 1 für „trifft nie zu“, 2 für „trifft manchmal zu“, 3 für „trifft oft zu“ und 4 für „trifft immer zu“ zu bewerten sind. Je höher die erreichte Punktzahl, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Arbeitssucht handelt.

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Folgende zehn Fragen des Work Addiction Risk Tests eignen sich nach Poppelreuter besonders gut, um das eigene Workaholic-Risiko zu überprüfen:

  1. Ich mache lieber alles selbst, anstatt um Hilfe zu bitten.
  2. Ich erledige zwei oder drei Dinge auf einmal (Beispiel: Ich esse, schreibe ein Memo und telefoniere).
  3. Ich übernehme mehr Arbeit als ich verkrafte.
  4. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal nicht arbeite.
  5. Ich bin mehr am Endergebnis meiner Arbeit als an der Arbeit selbst interessiert.
  6. Ich arbeite länger als meine Kollegen.
  7. Wenn ich nicht arbeite, fällt es mir schwer, mich zu entspannen.
  8. Ich verbringe mehr Zeit mit meiner Arbeit als mit Freunden, Hobbys oder Erholung.
  9. Ich opfere mehr Zeit und Energie für meine Arbeit als für meine Beziehungen.
  10. Ich vergesse oder ignoriere Geburtstage, Familientreffen, Jahrestage oder Feiertage oder finde sie unwichtig.

Welche Phasen von Arbeitssucht gibt es?

Die Stufen der Arbeitssucht können in vier Phasen eingeteilt werden:

  1. Einleitungsphase: Vermischung von Arbeit und Freizeit, heimliches Arbeiten, Privates rückt in den Hintergrund, Erschöpfung, leichte Depression, Ängste, Konzentrationsstörungen, körperliche Beschwerden wie Kopf- und Magenschmerzen
  2. Kritische Phase: Kontrollverlust über das Arbeitsverhalten, Ungeduld, Aggressivität, psychosomatische Beschwerden wie Bluthochdruck, Magengeschwüre und Depressionen
  3. Chronische Phase: In der chronischen Phase steigt die „Arbeitsdosis“ noch einmal, auch sonn- und feiertags wird gearbeitet, Symptome aus Phase 2 verfestigen sich, Person agiert immer selbstzerstörerischer bis hin zum Herzinfarkt
  4. Endphase: Leistungsknick, Ausgebranntsein, chronische Depressionen bis zur Berufsunfähigkeit

Vorsicht: Sowohl die Phasen als auch die Symptome dienen nur zur Orientierung. Der Mensch muss immer individuell betrachtet werden. So gibt es Menschen, die viel arbeiten ohne arbeitssüchtig zu sein. Aber auch Menschen mit abgeschwächten Symptomen, die trotzdem Workaholics sind.

Wer hat ein besonders hohes Arbeitssucht-Risiko?

Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Technischen Universität Braunschweig aus dem Jahre 2022 zeigt, dass 10 Prozent der circa 8000 befragten Erwerbstätigen arbeitssüchtiges Verhalten aufweisen. Arbeitssucht ist demnach kein Randgruppenthema. Im Gegenteil: auch wenn häufig Führungskräfte arbeitssüchtig werden, kann jeder betroffen sein. Vor allem in Betrieben, in denen es viel Mitbestimmung gibt, sind die Mitarbeiter laut der Studie gefährdet. Ein Grund dafür könnte sein, dass sie sich dadurch stärker für das Unternehmen verantwortlich fühlen.

Zusätzlich können Veranlagungen und Lebenssituationen das Risiko, arbeitssüchtig zu werden, erhöhen:

  • Perfektionisten häufen Arbeit an, weil sie vieles lieber selbst erledigen wollen, anstatt es anderen zu überlassen.
  • Menschen, die in ihrem Job eher eine Berufung als Beschäftigung sehen und ständig auf der Suche nach Sinn und Erfüllung sind, gelten als anfällig.
  • Charaktere mit einem ausgeprägten Selbstdarstellungsdrang definieren sich zu sehr über ihre Arbeit.
  • Wer einen Bürojob hat, kann eher Arbeit mit nach Hause nehmen, als ein Werkzeugmacher oder Fachverkäufer.
  • Bei allen Vorteilen, die das Arbeiten im Homeoffice bietet, steigt auch die Gefahr, dass Arbeit und Freizeit verschmelzen. Das Abschalten von der Arbeit fällt schwerer.
  • Auch das Fehlen von festen Arbeitszeiten kann Arbeitssucht begünstigen.

Therapie bei Arbeitssucht

Der erste Schritt ist, Arbeit anders zu bewerten. Workaholics müssen sich bewusst machen: Meine Arbeit gehört zu mir, aber ich bin mehr als meine Arbeit. Sie macht nicht meine Identität aus.

Arbeitssucht kann zudem sowohl durch die persönliche Konstitution als auch durch äußere Umstände begünstig werden. Deshalb sei es laut Dr. Poppelreuter wichtig, in der Therapie immer beide Faktoren zu berücksichtigen.

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Da Arbeitssucht bisher nicht als eigener Störungsbereich klassifiziert ist, gibt es noch keine Ergebnisse darüber, was tatsächlich hilft, wie Poppelreuter in seinem Text „Arbeitssucht und Persönlichkeit Diagnostik und therapeutische Ansätze“ beschreibt. Aufgrund von Erfahrungswerten aus der Therapie von Verhaltensstörungen sei jedoch davon auszugehen, dass eine individuelle Kombination aus stationärer und/oder ambulanter Therapie und/oder Einbeziehung des sozialen Umfeldes helfen kann. Auch die Teilnahme an Selbsthilfegruppen wie den Anonymen Arbeitssüchtigen kann zum Genesungsprozess beitragen.

Wie können Unternehmen zur Arbeitssucht-Prävention beitragen?

Für Unternehmerinnen und Unternehmer ist Arbeitssucht nicht nur dann ein Problem, wenn sie selbst betroffen sind. Auch wenn arbeitssüchtige Mitarbeiter zunächst mehr leisten, rechnet sich das für Unternehmen nicht, weil irgendwann die Produktivität abfällt.

Für Unternehmen ist es daher ratsam, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das Arbeitssucht-Verhalten nicht fördert, sondern reduziert.

Konkret können Unternehmerinnen und Unternehmer auf die Einhaltung von Arbeitszeiten, Pausen und Urlaub achten. Ein erster Schritt in diese Richtung kann bereits die Arbeitszeiterfassung sein. Das Eintragen der Arbeitszeit hilft nicht nur Überstunden zu minimieren. Es kann auch das Bewusstsein für das eigene Arbeitspensum schärfen. Zudem sieht Poppelreuter als möglichen Teil einer betrieblichen Arbeitssucht-Prävention, dass Urlaub tatsächlich genommen werden muss und nicht ausgezahlt werden darf.

Der Experte
Stefan PoppelreuterDr. Stefan Poppelreuter studierte Psychologie und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bonn.  Nach seinem Abschluss zum Diplom-Psychologen mit Schwerpunkt Wirtschafts- und Organisationspsychologie promovierte zum Thema „Arbeitssucht“. Seitdem hat er mehrere Fachbücher über "Arbeitssucht" verfasst und gilt dementsprechend als einer der führenden Experten auf diesem Gebiet. Zudem ist Poppelreuter Leiter des Bereichs Analysen & Befragungen HR Consulting der TÜV Rheinland Akademie GmbH.

Quellen:

Poppelreuter, Stefan: „Arbeitssucht und Persönlichkeit Diagnostik und therapeutische Ansätze“, in: PTT – Persönlichkeitsstörungen: Theorie und Therapie, 2016, Jg. 20, Ausgabe 1

Poppelreuter, Stefan: „Arbeitssucht – Erholungsunfähigkeit – Pathologische Anwesenheit“

RUND ZEHN PROZENT DER ERWERBSTÄTIGEN ARBEITEN „SUCHTHAFT“, in Hans Böckler Stiftung, Abrufdatum 14.05.2024

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