Psychische Grundbedürfnisse
4 psychologische Strategien für mehr mentale Widerstandsfähigkeit

Unternehmerinnen und Unternehmer müssen oft großen Druck aushalten. Wer mental gesund bleiben will, sollte daher auf seine psychischen Grundbedürfnisse achten. Wie Sie Ihre Bedürfnisse erkennen.

27. Mai 2024, 10:27 Uhr, von Anna Wilke

Psychische Grundbedürfnisse
Wer seine psychischen Grundbedürfnisse im Auge behält, bleibt mental gesund.
© Westend61 / Getty Images

Stress, extreme Emotionen und Unsicherheit tauchen im Alltag von Unternehmerinnen und Unternehmern regelmäßig auf. In solch schwierigen Phasen ist Resilienz unerlässlich. Menschen mit ausgeprägter Resilienz erleben zwar auch negative Emotionen wie Ärger, Angst oder Verzweiflung, wie der Psychologe und Psychotherapeut Denis Mourlane erklärt. Doch sie bleiben optimistisch und zielorientiert.

Doch lässt sich Resilienz trainieren? Ja! Mental Widerstandsfähige Menschen können ihre eigenen Bedürfnisse erkennen und sorgen dafür, dass ihre Grundbedürfnisse erfüllt werden. Laut Mourlane gibt es insgesamt 4 psychische Grundbedürfnisse des Menschen:

4 psychische Grundbedürfnisse nach Grawe

  • das Bedürfnis nach Kontrolle,
  • das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung,
  • das Bedürfnis nach Bindung und
  • das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung.
Grundbeduerfnisse-nach-Grawe

Die 4 psychischen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe.

Diese vier psychischen Grundbedürfnisse wurden erstmals von dem inzwischen verstorbenen Psychologen und Psychotherapieforscher Klaus Grawe in den 1990er Jahren formuliert. Grawe ging in seiner Konsistenztheorie davon aus, dass wir Menschen psychische Grundbedürfnisse haben. Werden diese vier psychischen Grundbedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt, werden wir krank. Wenn wir beispielsweise über einen längeren Zeitraum keine sozialen Kontakte haben, dann leiden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit unter starken Einsamkeitsgefühlen und entwickeln womöglich sogar eine depressive Erkrankung.

„Um gut durch Krisen und schwierige Phasen zu kommen, ist es deshalb wichtig, Einfluss auf die vier Grundbedürfnisse zu nehmen“, erklärt Denis Mourlane. Besonders Führungskräfte sollten täglich dafür sorgen, dass ihre psychologischen Grundbedürfnisse befriedigt werden. „Wer eine Verantwortung für andere hat, sollte gut auf sich achten“, sagt er. Das sei wie beim Druckabfall im Flugzeug: Zuerst die Atemmaske selbst aufsetzen; nur dann kann man auch dem Kind auf dem Nachbarsitz helfen.

1. Bedürfnis nach Kontrolle 

So geht’s: Nehmen Sie den Verlauf Ihres Lebens selbst in die Hand. ­

Zur Person

Denis Mourlane ist Psychologe und Psychotherapeut in Frankfurt. Er hat die Bücher „Emotional Leading: Unsere fünf Grundbedürfnisse oder wie wir die Kraft positiver Emotionen entfesseln“ und „Resilienz: Die unentdeckte Fähigkeit der wirklich Erfolgreichen“ geschrieben.

Klaus Sejkora ist Psychologe und Psychotherapeut in Linz. Er hat die Bücher „Das Ich in der Krise: Resilient durch Positive Transaktionsanalyse“ und „Positive Führung. Resilienz statt Burnout!“ geschrieben.

Wir fühlen uns sicher, wenn wir eine Situation selbst kontrollieren können und das Gefühl haben, ein Ziel aus eigener Kraft erreichen zu können. Unser Kontrollbedürfnis wird durch einen möglichst großen Handlungsspielraum befriedigt. Wenn Situationen nicht vorhersehbar sind und wir keinen Einfluss auf sie nehmen können, wird dieses Grundbedürfnis verletzt. Überlegen Sie also: Wie bekomme ich Kontrolle über die Situation?

Der Psychologe und Psychotherapeut Klaus Sejkora aus Linz empfiehlt, ein Gefühlstagebuch zu schreiben. Notieren Sie dazu jeden Tag, was Sie wann gefühlt haben: Angst, Scham, Freude, Trauer, Wut. Es sei ein Mythos, dass Chefinnen und Chefs keine Gefühle haben dürfen. „Erst wenn die Gefühle da sein dürfen, kann man auch wieder klar denken. Vorher ist das Denken blockiert“, erklärt er.

2. Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

So geht’s: Schaffen Sie sich erfreuliche Erfahrungen.

Viele Unternehmerinnen und Unternehmer erleben Stresssituationen und müssen sich in ihrer Firma um Dinge kümmern, die wenig Spaß machen. Doch wir Menschen brauchen Dinge, die uns Freude bereiten. Sonst geht es uns irgendwann schlecht. Was ein Mensch als lustvolle Erfahrung erlebt, ist sehr individuell. Der eine liebt es, eine knifflige Aufgabe zu lösen, die andere liest gern ein spannendes Buch oder trinkt einen guten Wein.

Stellen Sie sich die Frage: Was macht mir Freude und wie kann ich das in der aktuellen Situation noch ausleben? Gönnen Sie sich nach einem langen Arbeitstag beispielsweise einen ausgedehnten Spaziergang oder ein selbstgekochtes Drei-Gänge-Menü.

3. Bedürfnis nach Bindung

So geht’s: Pflegen Sie den Kontakt zu Menschen.

Menschen haben das Bedürfnis nach anderen Menschen. Fehlende Bindung wirkt sich immens auf unser Wohlbefinden, unsere geistige wie körperliche Gesundheit aus. Einsame Menschen sind öfter krank und sterben früher.

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Überlegen Sie: Wie kann ich meine Beziehungen zu anderen Menschen pflegen? Auch der Psychologe Sejkora empfiehlt: „Gerade in Krisenzeiten braucht man jemanden, dem man sein Herz ausschütten kann.“ Wenn Sie Ihre Familie vor Ihren negativen Gedanken schützen wollen, könnten Sie sich einen guten Freund oder auch einen professionellen Coach für ein solches Gespräch suchen.

4. Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung

So geht’s: Sorgen Sie dafür, dass Sie sich erfolgreich fühlen.

Jeder Mensch möchte wertgeschätzt werden. Wir wollen erfolgreich sein und für unsere Fähigkeiten geschätzt werden. Besonders wenn es dem eigenen Unternehmen nicht gut geht, kommen Chefinnen und Chefs schon mal ins Zweifeln. Wird das Selbstwertgefühl verletzt, erhöht sich das Risiko einer psychischen Erkrankung. Wir brauchen daher eine wertschätzende Umgebung, die uns Erfolg zutraut und uns unterstützt.

Machen Sie sich Ihre Ergebnisse und die Arbeit dahinter deutlich. Fragen Sie sich: Wo bekomme ich aktuell Bestätigung? Der Psychologe Klaus Sejkora rät, sich bewusst zu machen, welche vergangenen Krisen man bereits erfolgreich überstanden hat. „Kein Mensch wird 30, 40 oder 50 Jahre alt, ohne Rückschläge, Enttäuschungen und Krisen zu erleben“, sagt er. Notieren Sie sich: Welche Krisen haben Sie beruflich oder privat schon erlebt? Was haben Sie damals getan? Was haben Sie daraus gelernt? So wird Ihnen klar, welche Ressourcen Ihnen durch Krisen helfen werden.

Extra: Bedürfnis nach Konsistenz

So geht’s: Streben Sie nach einer stimmigen Lebensführung.

Den 4 Grundbedürfnissen übergeordnet ist nach Klaus Grawe das Bedürfnis nach Konsistenz und Stimmigkeit. Daher stammt auch der Name Konsistenztheorie. Konsistenz bedeutet, dass unsere Überzeugungen, Ziele und Handlungen miteinander im Einklang stehen. Handeln wir immer wieder gegen unsere Werte, entstehen innere Konflikte, die wie auf Dauer nicht aushalten können. Alles in allem existieren eigentlich 5 psychische Grundbedürfnisse nach Grawe.

Im Alltag von Unternehmerinnen und Unternehmern, in dem häufig schnelle Entscheidungen und Anpassungen erforderlich sind, kann es schwierig sein immer konsistent zu handeln. Nehmen Sie sich daher regelmäßig Zeit, um ihre Ziele und Werte zu reflektieren und sicherzustellen, dass ihre täglichen Entscheidungen und Handlungen diese widerspiegeln.

Überlegen Sie: Wo stehen meine Werte und mein Handeln in einem Konflikt? Dazu müssen erst einmal Ihre Werte herausfinden. Lassen Sie diese anschließend als Kompass für all Ihre geschäftlichen und persönlichen Entscheidungen dienen. Wenn Ihre Handlungen mit Ihren Werten übereinstimmen, erhöht dies das Gefühl der Konsistenz.

Holen Sie sich auch regelmäßiges Feedback von vertrauenswürdigen Kollegen, Mentorinnen oder Coaches ein. Das kann helfen, Blinde Flecken in Ihrem Handeln zu aufzudecken und somit zur Erfüllung Ihrer psychischen Grundbedürfnisse beitragen.

Sie machen sich Sorgen, haben Ängste oder stehen unter großem Druck? Dann kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erhalten Sie anonym und rund um die Uhr Hilfe.

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