Freunde im Unternehmen Mit Mitarbeitern befreundet sein? Wo Chefs Grenzen ziehen sollten

© Marie Maerz / photocase.de

Den Kumpel befördern oder mit einer Mitarbeiterin in den Urlaub fahren: Was Chefs beachten sollten, damit Freundschaften mit Angestellten nicht für neidische Kollegen und miese Stimmung sorgen.

Der beste Freund, der neu ins Team stößt, oder die Chefin, die regelmäßig mit ihrem Assistenten und dessen Familie ans Meer fährt: Dass Chefs sich mit einzelnen Mitarbeitern besser verstehen als mit anderen, ist völlig normal – und eine Freundschaft zwischen Führungskraft und Angestellten muss kein Problem darstellen.

Kann sie aber: Coach Sandra von Oehsen berät Unternehmer und Führungskräfte und hat schon erlebt, dass die Stimmung in der Firma zu kippen drohte, weil der Chef den Freund bevorzugte. Dass Freundschaften zwischen Unternehmer und Angestellten zerbrachen. Und auch, dass Chefs ihren Freund entlassen mussten.

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Die gute Nachricht: Wenn Unternehmer ein paar Regeln befolgen und typische Fehler vermeiden, sollte die Freundschaft einer guten Arbeitsatmosphäre nicht im Wege stehen. Das rät die Expertin:

Rollen und Erwartungen klären

Die wichtigste Regel zuerst: „Chefs sollten Freunde wie jeden anderen Mitarbeiter auch führen“, empfiehlt von Oehsen. Damit das gelingt, sollten Unternehmer die eigene Rolle und die des Freundes klären und über gegenseitige Erwartungen sprechen. Denn beschäftigt eine Unternehmerin beispielsweise einen Schulfreund, haben beide eine Doppelrolle: Freundin und Freund sowie Chefin und Mitarbeiter.

Unternehmer müssen sich laut von Oehsen klarmachen: In welchen Situationen bin ich Chef, wann Freund? Und auch seinem Freund sollte man deutlich sagen, dass er in der Firma zwischen diesen Rollen unterscheiden muss – wenn er oder sie das nicht ohnehin tut. Etwa so: „Hier in der Firma sind wir zwar auch Freunde, vor allem aber Chef und Mitarbeiter. Und ich möchte dich nicht bevorzugen, das wäre den anderen gegenüber unfair.“

Grenzen ziehen

Es kommt laut von Oehsen häufig vor, dass Freunde diese Rollen nicht klar abgrenzen können – etwa wenn der Schulfreund die Chefin als einziger in der Firma duzt oder Hierarchien übergeht, indem er sich mit Fragen und Problemen an die Unternehmerin wendet statt an seinen direkten Vorgesetzten.

Akzeptieren Unternehmer dieses Verhalten – weil es nun mal um einen Freund geht –, kann das zu schlechter Stimmung führen: „Mitarbeiter fragen sich dann vielleicht, warum der Schulfreund der Chefin mit etwas durchkommt, was die Chefin ihnen selbst niemals durchgehen lassen würde. Da kommt ein Ungerechtigkeitsgefühl auf“, sagt von Oehsen.

Um das zu verhindern, sollten Unternehmer sich immer fragen: “Welche Wirkung hat es auf andere Kollegen, wenn ich einen befreundeten Mitarbeiter anders behandle?“, sagt von Oehsen. Womöglich könnte es für das Team so aussehen, als hätte der Chef einen persönlichen Liebling. Oder als könnten andere nie den Status erlangen, den der Kumpel genießt – egal wie sehr sie sich anstrengen.

Daher müssen Chefs klare Grenzen ziehen und den Freund in die Schranken weisen: Er muss die gleichen Regeln beachten wie seine Kollegen.

Beruf und Privates trennen

Ein Projekt auf dem Golfplatz besprechen? Beim Frühstück am Wochenende über das Verhalten von Mitarbeiter Müller diskutieren? Oder im gemeinsamen Urlaub an einer Strategie tüfteln? Ein No-Go, sagt von Oehsen. „Unternehmer müssen für sich eine klare Haltung entwickeln und achtsam sein, wenn sich Beruf und Privates vermischen. Auch wenn das nicht immer einfach ist, denn man mag denjenigen ja und hat ein Vertrauensverhältnis.“

Ausnahme: Ist der Freund in der Firma auch der Ansprechpartner für das Thema, das man im privaten Rahmen besprechen möchte – wenn er beispielsweise der Co-Geschäftsführer ist –, sei es in Ordnung, eine Strategie mit ihm im Urlaub zu entwickeln.

Ehrlich Kritik äußern

Ob im jährlichen Mitarbeitergespräch oder aus aktuellem Anlass: Chef sollten befreundete Mitarbeiter genauso kritisieren wie den Rest seiner Mannschaft. Sind die Rollen beiden klar – man spricht von Chef zu Mitarbeiter, nicht von Freund zu Freund –, können Unternehmer das Gespräch von Oehsen zufolge führen wie mit jedem anderen Mitarbeiter auch.

„Wem es dagegen schwerfällt, Beruf und Privates auseinanderzuhalten, der kann am Anfang des Gesprächs klarmachen, in welcher Konstellation man zusammenkommt“, rät die Expertin. Etwa so: „Ich bin heute hier als deine Führungskraft. Und ich wünsche mir, dass wir an dieser Stelle Freundschaft und Beruf trennen.“

Fallen Kritikgespräche mit einem Freund schwer, sollten Unternehmer sich zudem fragen, woran das liegt. Von Oehsen: „Hat es etwas mit der Freundschaft zu tun? Was befürchte ich, wenn ich das Thema anspreche? Aber vor allem: Was passiert, wenn ich es nicht tue? Was sind die Auswirkungen für mich und mein Unternehmen?“

Extra-Tipps:

Freunde befördern

Dem Kumpel eine Gehaltserhöhung zahlen oder ihn befördern – kein Problem, wenn er tatsächlich gute Leistungen bringt und für alle Mitarbeiter klar ist, dass er es sich verdient hat. „Wissen alle, dass er mit dem Chef befreundet ist, aber nicht bevorzugt wird, ziehen meiner Erfahrung nach meist alle mit“, sagt von Oehsen.

Was gar nicht geht: Dem Kumpel mit einer Beförderung einen Freundschaftsdienst erweisen, obwohl andere Kollegen es mehr verdient hätten. Solche freundschaftlichen Gefälligkeiten sind toxisch für das Betriebsklima.

Freunde entlassen – kann man trotzdem befreundet bleiben?

Privat versteht man sich glänzend, doch in der Firma will es einfach nicht klappen? Kann ein Freund die Erwartungen im Beruf nicht erfüllen, liefert konstant schlechte Leistungen oder vergiftet die Stimmung im Team, müssen Chefs ihn womöglich entlassen.

Ein Schritt, der sehr schmerzhaft sein kann. Denn an der Freundschaft dürfte eine Kündigung nicht spurlos vorbeigehen – und vielleicht bedeutet sie sogar ihr Ende. Von Oehsens Rat an Chefs, die an der Freundschaft festhalten wollen: dem gefeuerten Kumpel Zeit geben. „Wer entlassen wird, hat erstmal negative Gefühle und trauert, selbst wenn er es hat kommen sehen. Er ist auf den Chef nicht gut zu sprechen.“

Wer einen Freund entlässt, sollte daher nicht erwarten, dass dieser nach ein paar Tagen bereit ist, sich auf ein Bier zu treffen. „Mit etwas Abstand kann der Freund die Entscheidung vielleicht besser nachvollziehen“, sagt von Oehsen.

Besonders wichtig: „Es wäre fatal, aus Angst vor Verlust der Freundschaft keine Entscheidung im Sinne des Unternehmens zu treffen, also den Freund nicht zu entlassen“, sagt von Oehsen. Denn schlimmstenfalls gehen dann irgendwann andere Mitarbeiter, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen.

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