Grenzen überwinden „In persönlichen Krisen habe ich am meisten gelernt“
Seine Contergan-Behinderung hat Matthias Berg nicht davon abgehalten, Musiker, Sportler, Jurist und Coach zu werden.

Seine Contergan-Behinderung hat Matthias Berg nicht davon abgehalten, Musiker, Sportler, Jurist und Coach zu werden.© Privat (Matthias Berg)

Matthias Berg ist Coach, Jurist, erfolgreicher Musiker, war als Leichtathlet und Skifahrer mehrfach Weltmeister – und ist contergan-behindert. Ein Gespräch über Krisen, Ausgrenzung und Zeitmanagement.

Es waren nur zwei oder drei Tabletten zur Stressminderung, die Matthias Bergs Mutter während der Schwangerschaft einnahm. Doch ihr Sohn kam mit kurzen Armen und nur drei Fingern pro Hand auf die Welt. Wenige Monate später wurde öffentlich bekannt, dass das Medikament Contergan, das Bergs Mutter genommen hatte, schuld an vielen Missbildungen bei Neugeborenen war.

Seine Behinderung hat ihn nie zurückgehalten, im Gegenteil: Schon als Kind siegte Matthias Berg als Horn-Solist bei Musikwettbewerben, gewann als Mitglied der Leichtathletik- und Ski-Nationalmannschaft 27 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Paralympics, studierte parallel Musik und Jura und war später Führungskraft in der Verwaltung – neben Sport und Musik. Heute arbeitet Berg als Redner und Coach und hat ein Buch über sein Leben geschrieben. Wie er Sport, Beruf und Musik gleichzeitig meistert, trotz körperlicher Behinderung seinen Weg ging und was Leistungssport mit Unternehmertum zu tun hat.

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impulse: Herr Berg, Sie haben viele Erfolge gefeiert, aber Ihr Weg dahin war steinig. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie als Kind immer wieder fiese Sprüche über sich ergehen lassen mussten.

Matthias Berg: Die ersten zehn Jahre in Detmold waren dank meiner Eltern super. Sie haben mich schon als Säugling überall mit hingenommen, so dass sich die Leute an mich gewöhnen konnten. Als mittleres von drei Geschwistern habe ich natürlich gemerkt, dass mit kurzen Armen einiges anders ist, aber kein bisschen schlechter. Und dann sind wir nach Trossingen in Baden-Württemberg gezogen.

Da waren Sie dann der Außenseiter?

Ich hatte quasi eine Dreifach-Behinderung: rote Haare, kurze Arme, kein Schwäbisch. Die anderen Kinder nannten mich Krüppel, Kurzärmle, Kupferdächle. Ich wurde nicht zu Geburtstagen eingeladen, durfte auf dem Schulhof nicht mitspielen, im Sport hat man mich immer als Letzten in eine Mannschaft gewählt, obwohl ich schon immer sehr sportlich war. Es hat mich einige Jahre gekostet, bis ich mich wieder berappeln konnte.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Im Nachhinein betrachtet war das ein beidseitiger Gewöhnungsprozess: Ich musste mich eingewöhnen und die anderen mussten sich an mich gewöhnen. Und mit 15 hatte ich ein Erlebnis auf einer Zugfahrt, das mir gezeigt hat: Wenn ich will, dass es mir besser geht, muss ich selbst aktiv werden und den ersten Schritt machen.

Was passierte damals im Zug?

Ich fuhr damals zweimal im Monat mit der Bahn zur Musikhochschule Freiburg zum Hornunterricht. Bahnfahren fand ich grässlich. Die Leute im Zug haben immer nur auf meine Arme gestarrt, aber schnell weggeguckt, sobald ich sie angeschaut habe. Das war beklemmend, auch, weil niemand mit mir sprach. Und dann beobachtete ich eines Tages aus dem Augenwinkel, wie eine ältere Dame mich lange anschaute. Ich schaute zurück, sie lächelte mich an, ich lächelte zurück, und zack, waren wir im Gespräch. Das war toll und ein enorm wichtiges Erlebnis. Da habe ich beschlossen: Ich probiere, ob das Gleiche klappt, wenn ich Menschen in die Augen schaue und sie anlächle. Es klappte – und dann habe ich das regelrecht trainiert.

Diese kleine Begegnung hat Ihnen also den Umgang mit anderen erleichtert?

Genau. Nicht-behinderte Menschen leben in einer Welt von Nicht-Behinderten. Zwar sind alle verschieden – groß, klein, dick, dünn, mit und ohne Brille. Wenn du aber ziemlich kurze Arme hast, bist du zu verschieden. Dann geht es schon bei der Begrüßung los: Wie gebe ich diesem Typ die Hand? Darf ich da zugreifen wie immer? Wenn aber ich den ersten Schritt mache und meine Hand ausstrecke, klappt das meistens. Und wenn nicht, lockere ich die Szene auf und aus der ersten Hürde wird ein Schmunzler oder gar Lacher.

Als Sie als Kind gehänselt wurden, stellten Sie sich zum ersten Mal die Warum-Frage: „Warum gerade ich? Warum habe ich eine Behinderung?“ Begleitet Sie das noch heute?

Die Frage nach dem Warum holt mich immer wieder mal ein. Zuletzt, als ich vor einigen Jahren mehrere Netzhautablösungen hatte. Ich war vier Jahre lang Stammgast in der Tübinger Uniklinik, wurde mehrfach operiert und gelasert. Und dann hat ein Auge für eine Stunde einfach das Licht ganz ausgeknipst. Da habe ich einen ziemlichen Schreck bekommen. Kurze Arme sind blöd, wenn man blind ist. Bevor ich mit den Händen an der Wand bin, haue ich mit dem Kopf dagegen. Ich musste letztlich sogar meinen Beruf als stellvertretender Landrat aufgeben, weil der Sehnerv das viele Lesen nicht mehr verkraftete. Da kam natürlich die Frage: Warum das jetzt auch noch? Aber mir war schon aus früheren Erfahrungen klar, dass das die falsche Frage ist. Die führt immer in eine Sackgasse. Deswegen stelle ich eine andere Frage: Nämlich „Wozu?“. Wozu könnte das gut sein?

Wozu war es gut?

Ich habe jahrelang gedacht: Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich ein Buch. Sowas nimmt man ja normalerweise mit ins Grab. Wegen meiner Augensache musste ich aufhören, Horn zu spielen, alle geplanten Konzerte und Tourneen absagen. Das war furchtbar. Aber ich hatte plötzlich täglich eine freie Stunde, meine Hornübestunde. Die nutzte ich zum Schreiben. Und nach dem Ausscheiden aus dem Beruf als Verwaltungsjurist stieg ich voll und ganz auf das um, was ich seit rund 20 Jahren schon nebenberuflich getan habe: Ich wurde Coach und Führungskräfte-Trainer.

So haben Sie also einen Rückschlag in etwas Positives umgewandelt.

Es ist etwas erfüllendes Neues draus geworden, aber die unfreiwilligen Abschiede von den Konzerten und dem früheren Beruf waren hart. Ich habe meinen alten Job gerne gemacht. Ich musste fünf Jahre lang mit der Musik pausieren, kann bis heute nicht mehr richtig Sport machen. Aber in persönlichen Krisen habe ich immer am meisten gelernt.

Aus welchen Krisen haben Sie noch gelernt?

Die entscheidende Krise in Sachen Versagen, wieder Aufstehen und Selbststeuerung war im vierten Semester. Mit dem Jura- und Musikstudium und zwei Nationalmannschaften war immer was los. Ich hatte es nicht geschafft, diese vier Dinge gut zu organisieren. Und dann bin ich durch eine Klausur geflogen. Die konnte ich nachholen, aber ich habe dadurch gemerkt: Du fängst an zu versagen.

Als Außenstehender denkt man da: Kein Wunder, wie soll man all das unter einen Hut bekommen? Mussten Sie etwas aufgeben?

Das habe ich überlegt, wollte ich aber nicht. Ich glaube, in mir drin pulsiert eine Art Leistungssportler-Gen. Einfach hinschmeißen und aufgeben war für mich nie eine Alternative.

Sondern?

Ich erkannte, dass ich mich besser organisieren musste, um alles parallel zu schaffen. Ein Bekannter hat mir geholfen, er hat mich mit Fragen gelöchert: Was ist dein Ziel? Wo möchtest du hin? Was ist der Grund dafür, dass du da hinwillst? Im Sport war klar: Ich wollte aufs Treppchen, deshalb habe ich trainiert. In der Musik wollte ich auf die Bühne, deswegen habe ich geübt. Aber in Jura fehlte das Ziel komplett – und einfach so vor mich hinstudieren, das funktionierte natürlich nicht.

Was haben Sie geändert?

Ich habe mit einer ganz einfachen Methode angefangen, die ich bis heute anwende: Immer wenn viel zu tun ist, setze ich mich abends drei bis fünf Minuten hin und schreibe auf, was am nächsten Tag ansteht. Und was ich morgens als Allererstes machen will. Wenn ich am Morgen die Kröte geschluckt habe, gibt mir das Schwung für den ganzen Tag.

Und die Aufgaben des nächsten Tages aufzuschreiben, bringt abends mehr Ruhe.

Definitiv. Ich hatte jahrelang immer wieder 55- bis 60-Stunden-Wochen und wusste: Wenn ich abends die Aufgaben aufschreibe, kann ich nicht nur die echte Bürotür zumachen, sondern auch die in meinem Kopf. Das ist Erholung, die ich brauche, um am nächsten Tag wieder Leistung bringen zu können, Spaß an der Arbeit zu haben und nie überfordert zu sein.

Sie waren Leistungssportler und beraten auch Sportler. Was können Unternehmer von Sportlern lernen?

Zum einen: richtig Pausen machen. Leistungssportler, die ihren Körper überfordern, verletzen sich irgendwann und müssen zwangsläufig pausieren. Das ist als Führungskraft oder Unternehmer nicht anders: Ohne Pausen streikt der Körper irgendwann. Als Führungskraft ist es auch wichtig zu erkennen, dass jeder Mitarbeiter andere Leistungsgrenzen hat. Man muss seine Leute kennen und wissen, was sie leisten können. Und im Zweifelsfall die einen fordern oder auch mal die anderen nach Hause schicken.

Welche Lehren aus dem Sport lassen sich noch übertragen?

Erfolgreiche Leistungssportler haben eine ausgeprägte mentale Stärke und sind dadurch imstande, auch unter widrigen Bedingungen einen klaren Kopf zu behalten und Höchstleistungen zu erbringen. Dafür müssen sie überlegen, was ihre Ziele sind, und mindestens drei konkret beschreiben können: ein sportliches, ein berufliches, ein privates Ziel. Und dann nachdenken, warum sie da hinwollen, wie sie die Ziele miteinander verweben und wann sie welchen Bereich priorisieren. So können Sie einen Trainingsplan entwickeln, einen beruflichen Plan, sich Raum für Privates freihalten. Auch Unternehmer verschwenden mit einem konkreten Ziel vor Augen weniger Zeit mit Nebensächlichkeiten und haben einen klareren Kopf.

Was, glauben Sie, fasziniert viele Menschen an Ihrer Geschichte?

Vielen tut es gut zu hören: Da hatte einer immer wieder massive Probleme, den Widrigkeiten im Leben zu begegnen. Er hat sich aber auf seine Talente verlassen und diese beharrlich weiterverfolgt, als Leistungssportler, als Musiker, als Führungskraft, als Coach. Und letztlich kommt es nicht darauf an, wo das Schicksal dich hinstellt, sondern was du daraus machst.

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