Kritisches Ignorieren
3 Strategien, wie Sie weniger Schrott im Internet lesen

Websites buhlen mit reißerischen Überschriften und emotionalen Apellen um Aufmerksamkeit. Diese drei Gewohnheiten helfen, weniger Zeit an falsche oder minderwertige Informationen zu verschwenden.

29. Dezember 2023, 10:01 Uhr, von Wiebke Harms

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Kritisches Ignorieren
© knallgrün / Photocase

Im Internet kursieren Unmengen von falschen Behauptungen und Videos oder Bildern, die jemand in einen missverständlichen Kontext gestellt hat. 54 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer europaweiten Studie der Bertelsmann-Stiftung gaben 2023 an, dass sie häufig unsicher sind, ob Informationen aus dem Netz wahr sind.

Den meisten Unternehmerinnen und Unternehmern dürfte klar sein, dass sie kritisch hinterfragen sollten, was auf Websites und in sozialen Netzwerken steht. Vor allem, wenn es sich dabei um allzu reißerische Einschätzungen zu Marktentwicklungen oder um politische Themen mit hohem Erregungspotenzial handelt.

Doch im stressigen Alltag fehlt für ausführliche Überprüfungen oft die Zeit. Gleichzeitig nimmt das Scrollen durch soziale Netzwerke, Blogs und Nachrichtenseiten im Leben vieler Menschen weit mehr Zeit ein, als sie sich wünschen. Was tun?

Eine Gruppe Wissenschaftler hat Strategien identifiziert, mit denen Internetnutzerinnen und -nutzer die Informationsflut beherrschen können. Ihren Ansatz nennen die Forscher „Critical Ignoring“ –  kritisches Ignorieren. In einem Aufsatz stellt das Autorenteam drei Kernstrategien vor, die jeder leicht umsetzen kann.

Strategie 1: Ablenkungen und minderwertige Informationen aussperren

Überschriften wie „So machen Sie aus 100 Euro ein Vermögen“ oder „Riesen-Ärger um Idiotenchef: Wie eine Firma 1 Million Euro Umsatz verlor“ machen neugierig. Doch meist halten das Video oder der Artikel nicht, was sie versprechen.

Diese Klickköder würden auf das menschliche Aufmerksamkeitssystem so wirken wie Fast-Food auf die Geschmacksnerven, schreiben die Erfinder des Critical Ignoring.

Sie empfehlen eine Strategie anzuwenden, die hilft, ungesundem Essen zu widerstehen: Wer keine Süßigkeiten während der Arbeit naschen möchte, sollte die Schokolade nicht sichtbar auf dem Schreibtisch liegen haben. Wer der Tiefkühlpizza widerstehen möchte, sollte am besten keine im Haus haben. Die eigene Umgebung so zu gestalten, dass man möglichst wenig in Versuchung gerät, gehört zu dem Vorgehen beim sogenannten Self-Nudging.

Wie  Sie diese Methode im Alltag anwenden, lesen Sie hier: Self-Nudging: 4 Strategien, mit denen Sie Ihren inneren Schweinehund austricksen.

Auch das digitale Umfeld lässt sich so gestalten, dass Selbstkontrolle möglichst einfach gelingt. Diese Tricks helfen dabei, wie Untersuchungen belegen:

Sich selbst die Nutzung erschweren: In einem Experiment mit 115 Teilnehmenden verkürzte sich deren Bildschirmzeit sofort und dauerhaft, nachdem sie ihr Handydisplay auf Graustufen umgestellt hatten. Auch Teilnehmende, die sich mit einer App Zeitlimits für die Nutzung bestimmter Anwendung setzten, hingen in dem 2020 veröffentlichen Experiment weniger am Smartphone.

Accounts abschalten oder Apps löschen: In einer anderen Untersuchung berichteten die Teilnehmenden, im Schnitt jeden Tag 60 Minuten mehr Zeit für Offline-Aktivitäten zu haben, nachdem ihre Facebook-Accounts deaktiviert hatten.

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Spezielle Website-Blocker helfen, Internetseiten zu meiden, die viel Zeit fressen.

Strategie 2: Querlesen, um Falschmeldungen zu enttarnen

Eine Website mag vertrauenswürdig aussehen: seriös gestaltet, mit einem offiziell wirkenden Logo und wissenschaftlich klingenden Texten. Die Seite kann trotzdem vollkommen falsche Thesen verbreiten. Betrüger nutzen diesen Trick genauso wie Stimmungsmacher, die irreführende Informationen in die Welt setzen.

Um ihnen nicht auf den Leim zu gehen, raten die Erfinder des Critical Ignoring: Keine Zeit damit verschwenden, ganze Artikel auf Seiten zu lesen, deren Urheber Sie nicht kennen. Stattdessen lohnt es sich, einen neuen Tab zu öffnen und darin Informationen über die Macher der Seite zu suchen. Dieses „lateral reading“ nutzen auch professionelle Fact Checker, um zu prüfen, ob sie einer Quelle trauen können.

Googeln sie dafür zum Beispiel die im Impressum einer Website genannten Personen oder Vereine. Sie können auch gezielt nach anderen Quellen für Behauptungen suchen, die eine Website aufstellt. Achten Sie dabei darauf, dass Internetseiten mit sehr ähnlichen Thesen nicht von denselben Urhebern stammen. Auch darüber kann schon ein Blick ins Impressum und eine weitere Google-Suche Aufschluss geben – zum Beispiel, wenn dieselbe Adresse genannt wird.

Lesen Sie dazu auch: Fehlentscheidungen erkennen: Kahnemans Checkliste vor großen Entscheidungen

Strategie 3: Trolle und bösartige Akteure ignorieren

Die Warnung „Don’t feed the troll“ haben Sie vielleicht schon einmal gehört. Auf Deutsch heißt das: Gib dem Troll kein Futter. Gemeint sind damit Personen, die in sozialen Netzwerken und Kommentarspalten provozieren, bewusst Unsinn verbreiten oder andere mobben. Experten raten dazu, sie zu ignorieren – sie also nicht weiter mit Aufmerksamkeit zu füttern.

Viele Plattformen wie Youtube oder Marktplätze wie Amazon bieten auch die Möglichkeit, Trolle und Mobber beim Betreiber zu melden.

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Hetzen Trolle in den Kommentaren auf der Firmenseite, kann es schnell so wirken, also gäbe es eine riesige Kontroverse um ein Produkt, zum Beispiel. Dabei stammen die vielen negativen Kommentare alle von einem oder wenigen Usern. Wer in einem solchen Fall immer wieder auf die Angriffe antwortet, erzeugt noch mehr Aufmerksamkeit. Darum kann Ignorieren auch hier das richtige Mittel sein.

Für Unternehmerinnen und Unternehmer ist dabei jedoch besonders wichtig, angebrachte Kundenkritik von Meinungsmache zu unterscheiden. Schließlich kann ein Unternehmen gerade aus negativen Rückmeldungen von Kunden viel lernen.

Lesen Sie mehr dazu: Schlechte Online-Bewertungen: „So ein Scheißladen!“

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