Essay zur Lage in Deutschland
Wer nur kritisiert, raubt sich die Chance auf Veränderung

Läuft in Deutschland eigentlich gar nichts mehr? In vielen Köpfen breitet sich aktuell ein Gefühl der Ohnmacht aus. Doch das können wir uns nicht leisten. Was hilft?

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Nikolaus Förster
Nikolaus Förster ist geschäftsführender Gesellschafter von impulse.
© Alexander Hagmann für impulse

In was für einem Land leben wir eigentlich? Während in der Ukraine und im Nahen Osten Kriege toben, schlagen wir uns mit überbordender Bürokratie und einem sich verschärfenden Fachkräftemangel herum. Arbeitskosten sind hoch, Steuern und Abgaben ebenfalls. Die Infrastruktur ist marode – nicht nur Straßen, Brücken und Schienen; ganze Landstriche haben keine ausreichende Breitbandversorgung, in den Großstädten fehlt es an Wohnraum.

Erste Beobachter erinnern bereits an das berühmte Diktum des britischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ kurz vor der Jahrtausendwende: Deutschland sei „der kranke Mann Europas“.

Ist dieses Land todkrank oder quicklebendig?

In was für einem Land leben wir eigentlich? Innerhalb eines Jahres haben wir uns von russischen Gasimporten unabhängig gemacht; die Speicher sind voll. Es wird massiv in erneuerbare Energien investiert; ihr Anteil an der Stromversorgung überschritt 2023 erstmals die 50-Prozent-Marke. Die Preise für Energie und Lebensmittel sind gesunken; die Inflationsrate lag im November bei nur noch 3,2 Prozent, so niedrig wie zuletzt im Sommer 2021. Der öffentliche Nahverkehr boomt dank Deutschlandticket. Und die Zahl der Erwerbstätigen hat 2023 ein Rekordhoch erreicht.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel sieht die deutsche Wirtschaft 2024 sogar wieder auf Expansionskurs.

Ja, was denn nun? Todkrank oder quicklebendig?

Die Antwort hängt nicht von den Fakten ab, sondern von unserer persönlichen Wahrnehmung, unserer Auswahl und Interpretation, unseren politischen Präferenzen: Welche Punkte erscheinen uns am wichtigsten? Welchen messen wir geringes Gewicht bei? Und welche Schlussfolgerungen ziehen wir daraus?

Zur Person
Nikolaus Förster verfolgte die Entwicklung der Medienbranche lange Zeit als impulse-Chefredakteur äußerst kritisch. 2013 wagte er den Schritt, impulse aus dem Konzern Gruner + Jahr herauszulösen. Seitdem geht er als Unternehmer selbst ins Risiko – weil er lieber handelt, statt nur zu kritisieren.

Dass gerade wir Deutschen gern kritisieren, wundert den Psychologen Michael Thiel, Autor des Buches „Deutschland, einig Jammerland“, nicht. Wir hätten „eine grundsätzliche Unzufriedenheit in uns, eine gewisse Schwere im Alltag“, hat er beobachtet. Auch international genießen die Deutschen den zweifelhaften Ruf, exzellente Nörgler zu sein. Als British Airways einmal Tausende von Fluggästen befragte, was sie am Fliegen stört, konnten die Deutschen im Schnitt 6,2 Dinge aufzählen – mehr als jede andere Nation.

Wir gewichten Negatives stärker als Positives

Was über den Wolken ärgerlich sein mag, aber folgenlos ist, sieht bei politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anders aus. So wichtig Analyse und Kritik auch sind, um produktive Veränderungen anzustoßen, so schnell erschöpfen sie sich im Akt der Kritik – mit doppelt negativen Folgen: Nicht nur vertiefen sich dadurch die politischen Gräben. Es breitet sich auch ein lähmendes Gefühl der Ohnmacht angesichts der beschriebenen Missstände aus.

Das ist fatal. Es raubt Energie und damit die Chance, etwas zum Besseren zu verändern: im eigenen Umfeld, im Betrieb, in der Region – oder darüber hinaus. Statt Energie in konstruktive Lösungen zu stecken, verharren viele in der Rolle des Kritikers oder der Kritikerin, ohne sich aktiv an Veränderungen zu beteiligen.

Sich aus dieser Lethargie zu befreien ist nicht leicht – auch weil wir Menschen dazu neigen, negative Ereignisse sehr viel stärker zu gewichten als positive. Diese Tendenz wird durch emotionale und kognitive Prozesse verstärkt.

Gefühle wie Angst oder Sorge haben einen starken und unmittelbaren Einfluss auf unser Denken und Handeln. Sie können dazu führen, dass wir potenzielle Gefahren überbewerten und zugleich positive Entwicklungen oder Chancen unterschätzen. Dies beeinflusst nicht nur unsere individuelle Wahrnehmung, sondern auch die kollektiven Reaktionen auf gesellschaftliche Ereignisse und Herausforderungen.

In eigener Sache
Machen ist wie wollen, nur krasser
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Die impulse-Mitgliedschaft - Rückenwind für Unternehmerinnen und Unternehmer

Der Grund für die Überbetonung negativer Ereignisse liegt in der Evolution: Um zu überleben, mussten unsere Vorfahren ständig auf der Hut sein. Wer negative Erfahrungen abspeicherte und daraus lernte, war besser gegen Gefahren gewappnet und verringerte die Wahrscheinlichkeit, einem Angriff zum Opfer zu fallen. Was damals hilfreich war, schränkt uns heute in der Wahrnehmung ein.

Erschwerend kommt hinzu, dass wir Negatives nicht nur verstärkt wahrnehmen, sondern auch Meister darin sind, es gedanklich weiterzuspinnen. „Ich habe in meinem Leben so viele Katastrophen erlitten! Die meisten davon sind nie eingetreten“, lautet ein bekanntes Bonmot (das fälschlicherweise Mark Twain zugeschrieben wird).

Viele wollen nichts mehr hören von Krisen, Kriegen und Katastrophen

Die Tendenz, sich vor allem auf schlechte Nachrichten zu konzentrieren, prägt nach wie vor die meisten Medientitel – nach dem Motto: „Good news are bad news, bad news are good news.“ Das liegt nicht nur daran, dass negative Schlagzeilen mehr Aufmerksamkeit erregen und damit höhere Reichweiten und Einschaltquoten versprechen.

Es liegt auch daran, dass die Medien in ihrer demokratischen Rolle als „vierte Gewalt“, als Kontrollinstanz, auf Probleme hinweisen und Missstände anprangern. Angesichts der Fülle negativer Nachrichten eine ausgewogene Sichtweise und eine positive, konstruktive Grundhaltung zu bewahren, ist jedenfalls eine Herausforderung.

Inzwischen ist auch zu beobachten, dass sich viele Menschen angesichts der Fülle negativer Nachrichten abwenden. Sie haben keine Lust mehr, sich von Krisen, Kriegen und Katastrophen herunterziehen zu lassen und konsumieren deshalb Nachrichten nur noch sehr gezielt oder entscheiden sich gar für Medienabstinenz. Das Leibniz-Institut für Medienforschung hat 2023 ermittelt, dass zwei Drittel aller Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich versuchen, den Konsum von Nachrichten bewusst zu vermeiden.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass im Journalismus zuletzt vermehrt Angebote eines „konstruktiven Journalismus“ entstanden sind; auch die impulse-Berichterstattung lässt sich diesem Trend zurechnen. Statt sich auf die Darstellung von Problemen zu konzentrieren, Probleme darzustellen, sollen Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Doch das sind eher Ausnahmen.

Es gibt Wege, sich weniger ohnmächtig zu fühlen

Das Wissen um die psychologischen Mechanismen, wie negative Nachrichten auf uns wirken, kann helfen, eine positive Grundeinstellung zu bewahren. Wir können gegensteuern und bewusst darüber entscheiden, welchen Informationen wir uns aussetzen und wie wir sie interpretieren. Eine ausgewogenere Sichtweise, die auch guten Nachrichten – nachahmenswerten Initiativen und inspirierenden Lösungen – Platz einräumt, kann auf jeden Fall dazu beitragen, dass wir uns weniger ohnmächtig fühlen und motivierter sind, aktiv Veränderungen in unserem Umfeld herbeizuführen.

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Es ist also keine müßige Frage, ob das sprichwörtliche Glas halb voll oder halb leer ist. Es geht um die Haltung, mit der wir die Welt wahrnehmen und interpretieren: wie wir denken, entscheiden und handeln. Statt distanziert und passiv Kritik zu üben, können wir uns auf das konzentrieren, was schon läuft – als Ermutigung, dort weiterzumachen. Und wir können uns auf das konzentrieren, was noch zu tun ist – als Aufforderung, selbst etwas zu unternehmen: Was macht Mut? Was ist nachahmenswert? Und wo können wir unsere eigenen Ideen einbringen?

Zur Redlichkeit gehört aber auch die Einsicht, dass dies keineswegs so einfach ist. Was wir als Eigentümer oder Eigentümerinnen in unseren eigenen Firmen – zumindest theoretisch – können, nämlich durchregieren, also schnell entscheiden und umsetzen, ist in einer Demokratie undenkbar. Dort geht es um einen komplexen, langwierigen Interessenausgleich.

Nicht alles, was ich mir für mein Unternehmen wünsche, ist im Interesse der Allgemeinheit. Da braucht es Geduld und die Fähigkeit zu klugen Kompromissen – Fähigkeiten, die vielen Unternehmerinnen und Unternehmern fehlen und ein Grund dafür sind, warum sie die Politik meiden und in den Parlamenten unterrepräsentiert sind.

Jeder von uns kann dazu beitragen, unsere Gesellschaft zu verbessern

Insofern kann es durchaus hilfreich sein, Interessen zu bündeln und in die Öffentlichkeit zu tragen. Denn natürlich müssen wir uns gerade in Zeiten des Umbruchs verändern, unbürokratischer, schneller und digitaler werden. Was wir aber vor allem brauchen, ist eine Haltung, die nicht beim Analysieren und Kritisieren stehen bleibt, sondern praktische Lösungen vorantreibt – und zwar mit Mut und Zuversicht.

Jeder von uns kann in seinem Umfeld dazu beitragen, unsere Gesellschaft zu verbessern. Gerade Unternehmerinnen und Unternehmer haben hier einen Hebel – über die eigenen Teams, Geschäftspartner und Kunden, aber zum Beispiel auch über Spenden und ein persönliches Engagement. Es geht um beherztes – oder vielleicht besser: unternehmerisches – Handeln. „Mach es!“, lautet der impulse Slogan und die kürzeste Definition von Unternehmertum. „Der Weg zum Erfolg“, hat Walt Disney einmal gesagt, „besteht darin, mit dem Reden aufzuhören und mit dem Tun zu beginnen.“

Statt sich also darüber zu streiten, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, sollte man sich die Zeit nehmen, es zu füllen.

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In was für einem Land leben wir eigentlich? Während in der Ukraine und im Nahen Osten Kriege toben, schlagen wir uns mit überbordender Bürokratie und einem sich verschärfenden Fachkräftemangel herum. Arbeitskosten sind hoch, Steuern und Abgaben ebenfalls. Die Infrastruktur ist marode – nicht nur Straßen, Brücken und Schienen; ganze Landstriche haben keine ausreichende Breitbandversorgung, in den Großstädten fehlt es an Wohnraum. Erste Beobachter erinnern bereits an das berühmte Diktum des britischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ kurz vor der Jahrtausendwende: Deutschland sei „der kranke Mann Europas“. Ist dieses Land todkrank oder quicklebendig? In was für einem Land leben wir eigentlich? Innerhalb eines Jahres haben wir uns von russischen Gasimporten unabhängig gemacht; die Speicher sind voll. Es wird massiv in erneuerbare Energien investiert; ihr Anteil an der Stromversorgung überschritt 2023 erstmals die 50-Prozent-Marke. Die Preise für Energie und Lebensmittel sind gesunken; die Inflationsrate lag im November bei nur noch 3,2 Prozent, so niedrig wie zuletzt im Sommer 2021. Der öffentliche Nahverkehr boomt dank Deutschlandticket. Und die Zahl der Erwerbstätigen hat 2023 ein Rekordhoch erreicht. Bundesbankpräsident Joachim Nagel sieht die deutsche Wirtschaft 2024 sogar wieder auf Expansionskurs. Ja, was denn nun? Todkrank oder quicklebendig? Die Antwort hängt nicht von den Fakten ab, sondern von unserer persönlichen Wahrnehmung, unserer Auswahl und Interpretation, unseren politischen Präferenzen: Welche Punkte erscheinen uns am wichtigsten? Welchen messen wir geringes Gewicht bei? Und welche Schlussfolgerungen ziehen wir daraus? [zur-person] Dass gerade wir Deutschen gern kritisieren, wundert den Psychologen Michael Thiel, Autor des Buches „Deutschland, einig Jammerland“, nicht. Wir hätten „eine grundsätzliche Unzufriedenheit in uns, eine gewisse Schwere im Alltag“, hat er beobachtet. Auch international genießen die Deutschen den zweifelhaften Ruf, exzellente Nörgler zu sein. Als British Airways einmal Tausende von Fluggästen befragte, was sie am Fliegen stört, konnten die Deutschen im Schnitt 6,2 Dinge aufzählen – mehr als jede andere Nation. Wir gewichten Negatives stärker als Positives Was über den Wolken ärgerlich sein mag, aber folgenlos ist, sieht bei politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen anders aus. So wichtig Analyse und Kritik auch sind, um produktive Veränderungen anzustoßen, so schnell erschöpfen sie sich im Akt der Kritik – mit doppelt negativen Folgen: Nicht nur vertiefen sich dadurch die politischen Gräben. Es breitet sich auch ein lähmendes Gefühl der Ohnmacht angesichts der beschriebenen Missstände aus. Das ist fatal. Es raubt Energie und damit die Chance, etwas zum Besseren zu verändern: im eigenen Umfeld, im Betrieb, in der Region – oder darüber hinaus. Statt Energie in konstruktive Lösungen zu stecken, verharren viele in der Rolle des Kritikers oder der Kritikerin, ohne sich aktiv an Veränderungen zu beteiligen. Sich aus dieser Lethargie zu befreien ist nicht leicht – auch weil wir Menschen dazu neigen, negative Ereignisse sehr viel stärker zu gewichten als positive. Diese Tendenz wird durch emotionale und kognitive Prozesse verstärkt. Gefühle wie Angst oder Sorge haben einen starken und unmittelbaren Einfluss auf unser Denken und Handeln. Sie können dazu führen, dass wir potenzielle Gefahren überbewerten und zugleich positive Entwicklungen oder Chancen unterschätzen. Dies beeinflusst nicht nur unsere individuelle Wahrnehmung, sondern auch die kollektiven Reaktionen auf gesellschaftliche Ereignisse und Herausforderungen. Der Grund für die Überbetonung negativer Ereignisse liegt in der Evolution: Um zu überleben, mussten unsere Vorfahren ständig auf der Hut sein. Wer negative Erfahrungen abspeicherte und daraus lernte, war besser gegen Gefahren gewappnet und verringerte die Wahrscheinlichkeit, einem Angriff zum Opfer zu fallen. Was damals hilfreich war, schränkt uns heute in der Wahrnehmung ein. Erschwerend kommt hinzu, dass wir Negatives nicht nur verstärkt wahrnehmen, sondern auch Meister darin sind, es gedanklich weiterzuspinnen. „Ich habe in meinem Leben so viele Katastrophen erlitten! Die meisten davon sind nie eingetreten“, lautet ein bekanntes Bonmot (das fälschlicherweise Mark Twain zugeschrieben wird). Viele wollen nichts mehr hören von Krisen, Kriegen und Katastrophen Die Tendenz, sich vor allem auf schlechte Nachrichten zu konzentrieren, prägt nach wie vor die meisten Medientitel – nach dem Motto: „Good news are bad news, bad news are good news.“ Das liegt nicht nur daran, dass negative Schlagzeilen mehr Aufmerksamkeit erregen und damit höhere Reichweiten und Einschaltquoten versprechen. Es liegt auch daran, dass die Medien in ihrer demokratischen Rolle als „vierte Gewalt“, als Kontrollinstanz, auf Probleme hinweisen und Missstände anprangern. Angesichts der Fülle negativer Nachrichten eine ausgewogene Sichtweise und eine positive, konstruktive Grundhaltung zu bewahren, ist jedenfalls eine Herausforderung. Inzwischen ist auch zu beobachten, dass sich viele Menschen angesichts der Fülle negativer Nachrichten abwenden. Sie haben keine Lust mehr, sich von Krisen, Kriegen und Katastrophen herunterziehen zu lassen und konsumieren deshalb Nachrichten nur noch sehr gezielt oder entscheiden sich gar für Medienabstinenz. Das Leibniz-Institut für Medienforschung hat 2023 ermittelt, dass zwei Drittel aller Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich versuchen, den Konsum von Nachrichten bewusst zu vermeiden. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass im Journalismus zuletzt vermehrt Angebote eines „konstruktiven Journalismus“ entstanden sind; auch die impulse-Berichterstattung lässt sich diesem Trend zurechnen. Statt sich auf die Darstellung von Problemen zu konzentrieren, Probleme darzustellen, sollen Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Doch das sind eher Ausnahmen. Es gibt Wege, sich weniger ohnmächtig zu fühlen Das Wissen um die psychologischen Mechanismen, wie negative Nachrichten auf uns wirken, kann helfen, eine positive Grundeinstellung zu bewahren. Wir können gegensteuern und bewusst darüber entscheiden, welchen Informationen wir uns aussetzen und wie wir sie interpretieren. Eine ausgewogenere Sichtweise, die auch guten Nachrichten – nachahmenswerten Initiativen und inspirierenden Lösungen – Platz einräumt, kann auf jeden Fall dazu beitragen, dass wir uns weniger ohnmächtig fühlen und motivierter sind, aktiv Veränderungen in unserem Umfeld herbeizuführen. [mehr-zum-thema] Es ist also keine müßige Frage, ob das sprichwörtliche Glas halb voll oder halb leer ist. Es geht um die Haltung, mit der wir die Welt wahrnehmen und interpretieren: wie wir denken, entscheiden und handeln. Statt distanziert und passiv Kritik zu üben, können wir uns auf das konzentrieren, was schon läuft – als Ermutigung, dort weiterzumachen. Und wir können uns auf das konzentrieren, was noch zu tun ist – als Aufforderung, selbst etwas zu unternehmen: Was macht Mut? Was ist nachahmenswert? Und wo können wir unsere eigenen Ideen einbringen? Zur Redlichkeit gehört aber auch die Einsicht, dass dies keineswegs so einfach ist. Was wir als Eigentümer oder Eigentümerinnen in unseren eigenen Firmen – zumindest theoretisch – können, nämlich durchregieren, also schnell entscheiden und umsetzen, ist in einer Demokratie undenkbar. Dort geht es um einen komplexen, langwierigen Interessenausgleich. Nicht alles, was ich mir für mein Unternehmen wünsche, ist im Interesse der Allgemeinheit. Da braucht es Geduld und die Fähigkeit zu klugen Kompromissen – Fähigkeiten, die vielen Unternehmerinnen und Unternehmern fehlen und ein Grund dafür sind, warum sie die Politik meiden und in den Parlamenten unterrepräsentiert sind. Jeder von uns kann dazu beitragen, unsere Gesellschaft zu verbessern Insofern kann es durchaus hilfreich sein, Interessen zu bündeln und in die Öffentlichkeit zu tragen. Denn natürlich müssen wir uns gerade in Zeiten des Umbruchs verändern, unbürokratischer, schneller und digitaler werden. Was wir aber vor allem brauchen, ist eine Haltung, die nicht beim Analysieren und Kritisieren stehen bleibt, sondern praktische Lösungen vorantreibt – und zwar mit Mut und Zuversicht. Jeder von uns kann in seinem Umfeld dazu beitragen, unsere Gesellschaft zu verbessern. Gerade Unternehmerinnen und Unternehmer haben hier einen Hebel – über die eigenen Teams, Geschäftspartner und Kunden, aber zum Beispiel auch über Spenden und ein persönliches Engagement. Es geht um beherztes – oder vielleicht besser: unternehmerisches – Handeln. „Mach es!“, lautet der impulse Slogan und die kürzeste Definition von Unternehmertum. „Der Weg zum Erfolg“, hat Walt Disney einmal gesagt, „besteht darin, mit dem Reden aufzuhören und mit dem Tun zu beginnen.“ Statt sich also darüber zu streiten, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, sollte man sich die Zeit nehmen, es zu füllen.
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