Kognitive Flexibilität
5 Übungen, die Ihre geistige Beweglichkeit trainieren

Die Psychologin Elaine Fox hat jahrelang untersucht, was Menschen erfolgreich macht: Die Fähigkeit, flexibel auf Veränderungen zu reagieren. So lässt sich kognitive Flexibilität üben.

19. Juli 2023, 11:30 Uhr, von Julia Müller

Flexibel bleiben
© Svetlana Lavereva / Moment / Getty Images

Wie wichtig es ist, offen für neue Wege zu sein und flexibel nach Lösungen zu suchen, hat Elaine Fox mit 17 selbst erlebt. Fox, die heute als Psychologin und Neurowissenschaftlerin in Oxford und an der Universität Adelaide lehrt, hatte sich damals zunächst gegen ein Studium entschieden. Sie wollte Steuerberaterin werden. Doch schnell wurde ihr klar: Dieser Job macht mich unglücklich.

Sich noch an der Uni einzuschreiben erschien ihr als einziger Ausweg. Leider kam ihr diese Erkenntnis einen Tag, bevor die Einschreibefrist endete. Die zentrale Bewerbungsstelle befand sich Hunderte Kilometer von ihrer Heimatstadt Dublin entfernt. Mit der Post wären die Unterlagen nicht mehr rechtzeitig angekommen. Fox war verzweifelt, als ihre Mutter einen Vorschlag machte: Sie buchte Tickets für den Spätzug und eine Unterkunft. Auf der Fahrt füllte Fox die Formulare aus – und konnte sie am nächsten Tag rechtzeitig einreichen und so einen Studienplatz ergattern.

Wer geistig starr ist, neigt eher zu Stress und Angst

Diese Erfahrung prägte die Psychologin und führte sie schließlich zu ihrem Forschungsschwerpunkt: Flexibilität und Resilienz. Neben ihren Studien coacht sie auch Unternehmer und Spitzensportlerinnen. Ihre wichtigste Erkenntnis aus Wissenschaft und Praxis bringt sie in ihrem Buch „Das Switch-Prinzip“ (dtv, 384 Seiten, 19 Euro) auf den Punkt: „Ein beweglicher Geist verbessert Ihre Chancen auf Erfolg und Glück dramatisch.“ Ebenso konnte sie feststellen, dass ein unflexibler Geist Angst und Stress fördere.

Die gute Nachricht für Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich ständig an neue Gegebenheiten anpassen müssen: Geistige Flexibilität kann man trainieren. Fünf Übungen, die sich leicht in den Alltag einbauen lassen.

Übung 1: Der schnelle Aufgabenwechsel

  1. Notieren Sie drei bis vier Aufgaben, die jeweils nicht länger als 10 bis 15 Minuten dauern. Etwa eine E-Mail schreiben, einen Kunden anrufen oder den Schreibtisch aufräumen.
  2. Überlegen Sie, wie viele Minuten Sie für jede dieser Aufgaben brauchen werden, und schreiben Sie die Zahl auf. Entscheiden Sie dann, in welcher Reihenfolge Sie sie angehen.
  3. Stellen Sie sich einen Wecker auf die Zeit, die Sie sich vorgenommen haben, und beginnen Sie mit der ersten Aufgabe. Sobald die Zeit um ist, hören Sie auf – egal, wie weit Sie mit der Bearbeitung gekommen sind.
  4. Machen Sie eine kurze Pause, dann stellen Sie den Wecker auf die Zeit, die Sie für die nächste Aufgabe eingeplant haben, und legen los. Bis es das nächste Mal klingelt.

Ein schöner Nebeneffekt: Wenn Sie diese Übung regelmäßig machen, werden Sie lernen, den Zeitbedarf für bestimmte Aufgaben besser einzuschätzen. Laut Fox überschätzen die meisten Menschen, wie lange eine einfache Tätigkeit wie das Schreiben einer E-Mail dauert.

Fortgeschrittene können die Übung variieren. Stellen Sie dafür den Wecker so ein, dass er in willkürlichen Intervallen klingelt. Wollen Sie etwa drei Aufgaben in einer halben Stunde erledigen, lassen Sie den Wecker fünf, sechs oder sieben Mal klingeln. Jedes Mal müssen Sie auf der Stelle unterbrechen, was Sie gerade tun, und unverzüglich zur nächsten Aufgabe springen. Das führt dazu, dass Sie die Aufgaben mehrfach bearbeiten, aber nur für jeweils kurze Zeit. Produktivitätsexperten werden an dieser Stelle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, der schnelle Wechsel raubt Energie und ist nicht besonders effizient. Doch das Hin- und Herspringen bewirke wahre Wunder für die Flexibilität des Gehirns, so Fox.

Übung 2: Wofür könnte ich es noch benutzen?

In der Psychologie wird diese Übung der „Unusual Uses Test“ genannt, es geht also um ungewöhnliche Verwendungszwecke. Suchen Sie sich dafür einen Alltagsgegenstand, zum Beispiel eine Tasse, und überlegen Sie fünf Minuten lang: „Wofür könnte ich sie noch benutzen?“ Natürlich zum Trinken. Aber die Tasse könnte auch als Briefbeschwerer, Stifthalter, Blumenvase oder Messbecher zum Kochen dienen – oder Sie könnten mit ihr eine Wespe einfangen.

Diese kleine Übung öffnet den Geist für verschiedene Möglichkeiten und fördert die Kreativität und geistige Beweglichkeit. Probieren Sie sie das nächste Mal im Zug, im Flugzeug oder in einem Wartezimmer aus. Und falls Sie kleine Kinder haben: Machen Sie die Übung doch einmal mit ihnen gemeinsam.

Übung 3: Was könnte noch dahinterstecken?

Wer die Richtung seines Denkens und Handelns situativ verändern kann, geht gelassener mit Krisen und Ärgernissen um. Elaine Fox erklärt in ihrem Buch: „Flexiblere Verbindungen im eigenen Gehirn lassen sich fördern, indem wir bei der Interpretation der Ereignisse um uns herum winzige Justierungen vornehmen.“ Dafür gibt es eine einfache Übung: Achten Sie auf Situationen, die Sie ärgern oder aufregen. Zum Beispiel die Mitarbeiterin, die eine Aufgabe nicht pünktlich erledigt. Ein naheliegender, negativer Gedanke: „Sie ist faul.“ Womöglich denken Sie auch: „Sie nimmt mich nicht ernst, ich habe keine Autorität.“

Wie wäre es, wenn Sie Ihrem Geist nicht erlauben würden, diese offensichtlichen negativen Abkürzungen zu nehmen? Überlegen Sie sich stattdessen, ob Sie die Situation auch ganz anders deuten könnten. Fragen Sie sich also: „Was könnte noch dahinterstecken?“ Vielleicht hat Ihre Mitarbeiterin zu Hause gerade große Sorgen, von denen Sie nichts wissen? Womöglich ist ihr nicht klar, wie wichtig diese Aufgabe für Sie ist? Braucht sie bei der Bearbeitung Hilfe und traut sich nicht, danach zu fragen?

Mit dieser Technik können Sie Ihre reflexartigen Interpretationen hinterfragen. „Wenn Sie diese Übung regelmäßig machen, lockern Sie die Verknüpfungen in Ihrem Gehirn, werden offener und flexibler“, so die Psychologin. Und das wirke sich letztlich auch auf Ihr Handeln aus. Sie werden Ihrem Umfeld mit mehr Offenheit und Verständnis begegnen.

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Übung 4: Der sechsfache Perspektivenwechsel

Ihre geistige Beweglichkeit können Sie auch stärken, indem Sie bewusst die Perspektive wechseln. Dafür nutzt Fox gern eine spielerische Übung. Notieren Sie die Namen von sechs Menschen, die Sie bewundern, und weisen Sie ihnen Zahlen von eins bis sechs zu. Es können Personen sein, die Sie persönlich kennen, Berühmtheiten oder fiktive Charaktere.

Dann wenden Sie sich einer Frage zu, die Sie gerade umtreibt. Zum Beispiel, ob Sie ein bestimmtes Geschäftsfeld ausweiten sollten. Werfen Sie nun einen Würfel, und versuchen Sie, Ihr Problem aus der Perspektive dieser Person zu betrachten. Was würde Harry Potter tun? Wie würde Jürgen Klopp entscheiden? Welchen Weg würde Ihre beste Freundin wählen, welchen Ihre Großmutter? Mit der Zeit, so versichert Fox, gewöhnen Sie sich so daran, Probleme von sehr unterschiedlichen Standpunkten zu betrachten.

Übung 5: Nicht fragen: Warum? Sondern: Wie?

Laut Elaine Fox gibt es eine wissenschaftlich erwiesene Methode, um garantiert unglücklich zu werden: Grübeln Sie darüber nach, warum Ihnen etwas Schlechtes zugestoßen ist. Um diese negative Gedankenspirale gar nicht erst aufkommen zu lassen, können Sie üben, Probleme lösungsorientiert zu betrachten – indem Sie sie in Ihrem Kopf bewusst umformulieren.

Statt sich beispielsweise in den Fragen zu verlieren: „Warum nur haben wir diesen großen Auftrag verloren?“ oder „Warum streite ich ständig mit meiner Partnerin?“, stellen Sie lieber „Wie“- oder „Was“-Fragen: „Wie kann ich die Situation meiner Firma jetzt verbessern?“ oder „Was kann ich konkret tun, damit es uns wieder besser geht?“ Die Art und Weise, wie man sich Fragen stellt, hilft laut Fox schon, flexibel zu denken und sich auf neue Lösungsmöglichkeiten einzulassen.

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