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Big Data in der Landwirtschaft „Wir sparen vor allem an Sperma“

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Kühe mit Sensor-Halsband: Jeder Schmatzer und jeder Rülpser wird registriert.

Kühe mit Sensor-Halsband: Jeder Schmatzer und jeder Rülpser wird registriert.© SCR

Matthias Ludwig hat seine Kühe digitalisiert, damit sein Hof effizienter läuft. Tatsächlich sorgt Big Data für mehr Profit in der Landwirtschaft - doch es birgt auch eine Gefahr.

Wenn Matthias Ludwig wissen will, was seine Kühe im Stall so treiben, kann er gemütlich in seinem Büro sitzen bleiben. Der 36-jährige Milchbauer schmeißt einfach sein Tablet an. Auf dem Display erscheinen dann die Profile seiner Kühe. Die Tiere geben hier etwa an, wie viel sie wiedergekäut haben. Ob sie gerade hyperaktiv sind. Oder womöglich schlecht geschlafen haben. Ludwigs Kühe sind ähnlich mitteilsam wie manch übereifriger Facebook-Nutzer: Im Sekundentakt sondern sie neue Statusmeldungen ab.

310 Tiere hat der Landwirt aus der Nähe von Bautzen in seinem Stall. Alle tragen einen Sensor um den Hals. Das Halsband hat nicht nur ein Mikrofon, das jeden Schmatzer und jeden Rülpser registriert. In dem Gerät befindet sich auch ein Bewegungssensor. „Ähnlich wie im Handy“, sagt Ludwig. „Mit Smartphones kann man ja auch seine Schritte zählen.“ Mit der App „HealthyCow24“ kann Ludwig auf die Daten zugreifen; „Heatime“ heißt das System eines israelischen Herstellers. Rund 60.000 Euro hat der Milchbauer in das Kuh-Big-Brother gesteckt – und er rechnet sich damit, dass sich die Investition schon in eineinhalb Jahren bezahlt gemacht hat.

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Matthias Ludwig ist kein IT-Nerd, kein Sonderling, noch nicht einmal ein extremer Vorreiter unter den deutschen Bauern. In kaum einer anderen Branche wird Big Data, also die Erzeugung und Nutzung großer Datenmengen, schon so gewinnbringend eingesetzt wie in der Landwirtschaft. Es gibt Traktoren, die – dank Satellitenunterstützung – selbständig das Feld beackern und zentimetergenau wissen, wo es trocken ist und wo nass, wo fruchtbar, wo karg. Kein Quadratmeter wird doppelt eingesät, keine Pflanze doppelt gespritzt.

Big Data in der Landwirtschaft vereint Natur und Profit

Auf anderen Höfen helfen die Daten von Wetterstationen und Blattnässefühlern, die Ausbreitung parasitärer Pilze zu vermeiden – und damit Ernteausfälle und den Einsatz von Chemie zu verringern. Während in anderen Wirtschaftszweigen noch gerätselt wird, was man mit den enormen Datenmengen, die man heute erzeugen kann, überhaupt anstellen könnte, ist die Landwirtschaft schon weiter: Hier macht man sich mit Big Data bereits daran, Fundamentales zu bewegen. Etwa zwei Ziele zumindest ein Stück weit zu vereinen, die sich in den vergangen Jahrzehnten scheinbar unversöhnlich gegenüber standen: anständig mit der Natur umzugehen und Profit zu erwirtschaften.

„Das ist eine der lukrativsten Investitionen, die man so machen kann“, ist sich Milchbauer Matthias Ludwig mit Hinblick auf seine Kuhüberwachungsanlage sicher. Zwischen 3000 und 4000 Euro hat er vor einem halben Jahr für die Antenne und die Software bezahlt, die Sensor-Halsbänder kosten rund 150 Euro pro Kuh. Der weitaus größte Teil der Investition entfällt also auf die Sensoren. Damit passt sich der Preis der Betriebsgröße an; das System wird auch für kleinere Bauernhöfe interessant.

Matthias Ludwigs Hof ist hingegen ein Großbetrieb. Der Vater hatte ihn nach der Wende aus einer LPG, einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, herausgekauft. Damals ermittelten der Landwirt und seine Angestellten noch ohne Technik, ob eine der Milchkühe brünstig war. Welches Tier bewegte sich mehr als sonst? Welche Kuh erschien aufgeregt?

Die Technik ist präziser als der erfahrenste Landwirt

Dreimal täglich wurde die Herde eine halbe Stunde lang beobachtet. Doch zuletzt wurde es immer schwieriger, die Signale der Tiere zu erkennen, denn die Hochleistungskühe von heute sind nur noch wenige Stunden lang brünstig. „Mit dem bloßen Auge kann man vielleicht 55 Prozent der brünstigen Kühe entdecken“, schätzt Hofnachfolger Matthias Ludwig. „Viel passiert ja auch nachts.“

Der neu angeschafften Technik ist das egal. Sie arbeitet 24 Stunden täglich und ist präziser als der erfahrenste Landwirt. Die Sensoren erstellen ganze Bewegungsprofile und ermitteln so den optimalen Zeitpunkt für die Besamungsspritze. „Wir sparen dadurch unheimlich an Sperma“, erklärt der Landwirt.

Eine Portion Sperma kostet – je nach Zuchtmaterial – zwischen zehn und mehreren hundert Euro. Früher brauchte es im Schnitt 2,5 Besamungen, bis eine Kuh trächtig war. „Jetzt sind wir schon unter zwei im Schnitt“, sagt Ludwig. „Und das Ziel ist ein Index von 1,6 bis 1,8.“

Gerade kleine Höfe investieren massiv in High Tech

Durch die genaue Überwachung der Tiere so gut wie weggefallen ist auch die Gabe von Gelbkörperhormonen, die die Brunst künstlich hervorrufen. „Da haben wir schon sehr viel gespart“, sagt Ludwig. Weil die Besamung nun mit höherer Wahrscheinlichkeit klappt, kann der Betrieb jetzt auch teureres Material einsetzen. Etwa gesextes Sperma. Das ist zwar nicht so fruchtbar, bringt aber fast nur weibliche Kälber hervor.

„Wenn wir Leuten unseren Betrieb zeigen, sind viele sehr beeindruckt, was heute in der Landwirtschaft dazugehört“, erzählt Ludwig. „Dabei sind wir technisch noch gar nicht so hochgerüstet wie manch anderer.“ Gerade die kleinen Höfe in Westdeutschland haben in den letzten Jahren massiv in Hightech investiert, etwa in Roboter, die die Kühe nicht nur melken, streicheln und waschen, sondern beim Melken auch zehn Messdaten in der Minute liefern – pro Zitze.

Big Data darf einen nicht zum Sklaven machen

Ludwigs Sensoren legen den Fokus nicht aufs Euter, sondern auf die Kaumuskulatur. Auf seinem Tablet kann er genau sehen, wie viel eine Kuh wiederkäut – ein wichtiger Indikator dafür, ob es dem Tier gut geht. Ohne Technik müssen die Landwirte bei jedem Tier den Pansen beobachten. Fällt der 100 Liter große Vormagen ein, kann man dies von außen erkennen. Bei Ludwig hingegen geht ein Alarm los, wenn eine Kuh auf einmal keinen Appetit mehr hat, weil sie krank ist oder die Kalbung kurz bevorsteht. „Die Technik ersetzt natürlich nicht die Tierbeobachtung“, erklärt der Landwirt. Sie macht die Arbeit aber effizienter. „Ich kann mir die Kuh jetzt gezielt angucken.“

Nach einem halben Jahr hat er gelernt, mit der Datenflut klarzukommen und die Kurven zu lesen. „Manchmal geht zum Beispiel die Wiederkäukurve erst ganz stark nach oben und fällt dann stark“, sagt Ludwig. „Mittlerweise kann ich schon ungefähr erkennen, was die Kuh haben könnte.“ Die Informationen gehen dann direkt an den Tierarzt.

Auch wenn die Technik die Arbeit erleichtert – der Stress ist nicht weniger geworden. „Man muss aufpassen, dass man nicht zum Sklaven wird und auch noch nachts aufs System guckt“, sagt Matthias Ludwig. „Man muss lernen, abzuschalten.“

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