Gleitzeit Flexible Arbeitszeiten ohne Chaos – so funktioniert’s

Tick, tick, tick: Für viele Angestellte gleicht der Weg zur Arbeit einem Wettrennen gegen die Zeit. Stress pur – der sich mit der Einführung einer Gleitzeit leicht reduzieren lässt.

Tick, tick, tick: Für viele Angestellte gleicht der Weg zur Arbeit einem Wettrennen gegen die Zeit. Stress pur – der sich mit der Einführung einer Gleitzeit leicht reduzieren lässt.© CL. / photocase.de

Alle kommen und gehen, wann sie wollen: Dieses Szenario ist ein Traum für Mitarbeiter, doch für viele Chefs ein Alptraum. Eine Gleitzeit kann ein guter Kompromiss sein - wenn man sie klug regelt.

Stau auf der Autobahn, der Zug hat Verspätung und das Kind, das noch zur Kita gebracht werden muss, hatte partout keine Lust, sich anziehen zu lassen. Es gibt zig Gründe, warum es Mitarbeitern schwerfällt, pünktlich zur Arbeit zu kommen. Selbst wenn sie es auf den letzten Drücker noch schaffen, sind sie dann so gestresst, dass sie erst mal fünf Minuten brauchen, um sich zu sammeln. Diese Hetze bringt Stress und schlechte Laune – für alle im Unternehmen. Das Problem lässt sich jedoch leicht lösen – durch Einführung einer Gleitzeit. Wie aber funktioniert das Modell genau? Und worauf müssen Arbeitgeber dabei achten?

Was bedeutet Gleitzeit?

Bei der Gleitzeit überlässt der Arbeitgeber es den Arbeitnehmern, in welchem Zeitfenster sie arbeiten möchten. Manche möchten vielleicht früher kommen, um früher gehen zu können. Andere fangen lieber später an und bleiben dafür länger. Die Gleitzeit räumt Mitarbeitern diesen Spielraum ein. Oft ist es allerdings sinnvoll, auf einer Kernarbeitszeit zu bestehen.

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Was ist eine Kernarbeitszeit?

Wenn jeder kommt und geht, wie es ihm am besten passt, dann könnte es gerade in kleinen Unternehmen passieren, dass es Zeiten gibt, in denen niemand da ist. Und natürlich ist es alles andere als ideal, wenn beispielsweise die Kundenbetreuung erst ab 10.30 Uhr besetzt ist, nur weil die Angestellten gerne lange schlafen. In solchen Fällen ist eine Kernarbeitszeit sinnvoll: ein Zeitraum, in dem alle Angestellten da sein müssen. Wenn es zum Beispiel eine Kernarbeitszeit von 9 bis 15 Uhr gibt, darf niemand nach 9 Uhr kommen oder vor 15 Uhr gehen.

Was sind die Vorteile von Gleitzeit?

Der größte Vorteil der Gleitzeit: Die Mitarbeiter sind zufriedener und leisten darum in der Regel bessere Arbeit. Warum sind sie zufriedener? Weil …

  • … sich Privatleben und Arbeit besser vereinbaren lassen. Ein Vater, der morgens noch die Kinder zur Kita bringen muss, wird dankbar sein, wenn er nicht um Punkt sieben Uhr zur Arbeit antreten muss. Und Frühaufsteher freuen sich, wenn sie zeitig anfangen und dafür früher gehen können.
  • … sich der Arbeitsweg stressfreier gestalten lässt. Pendler, die auf eine bestimmte Zugverbindung angewiesen sind, können ihre Zeit sinnvoller einteilen. Und wer mit dem Auto kommt, ist vielleicht froh, wenn er sich nicht durch die Rush-Hour quälen muss.

Zudem dürften Unternehmen mit einer Gleitzeitregelung für potenzielle Bewerber attraktiver werden. Flexible Arbeitszeiten werden zunehmend wichtiger, wenn es darum geht, sich für einen Arbeitsplatz zu entscheiden.

Was sind die Nachteile von Gleitzeit?

Durch die flexiblen Arbeitszeiten, die die Gleitzeit ermöglicht, können auch Probleme entstehen:

  • Mitarbeiter müssen sich besser absprechen: Was passiert beispielsweise, wenn ein Lieferant nachmittags um 16.30 Uhr vor der Tür steht und niemand ist da? Oder es gibt einen Kundentermin um 8.15 Uhr und alle sind noch auf dem Weg zur Arbeit? So etwas darf natürlich nicht passieren. Deshalb müssen Termine beim Gleitzeitmodell besser geplant und abgesprochen werden.
  • Mehr Aufwand wegen Dokumentation: Die Gleitzeit ist mit einem höheren organisatorischen Aufwand verbunden, denn die geleisteten Arbeitsstunden müssen dokumentiert werden.

Ist bei Gleitzeit eine elektronische Zeiterfassung Pflicht?

„Gesetzlich ist eine elektronische Zeiterfassung nicht vorgeschrieben“, sagt der Fachanwalt für Arbeitsrecht, Martin Fink. Allerdings müsse die tatsächlich geleistete Arbeit für den Mitarbeiter dokumentiert werden. Wie das geschieht, bleibe dem Betrieb überlassen.

Es gebe Chefs, die auf eine Vertrauensarbeitszeit setzen und ihren Mitarbeitern einfach sagen: „Schreibt die Stunden auf, ich glaube euch, dass ihr dabei ehrlich seid.“ Andere wollen genauer kontrollieren und arbeiten mit Stempelkarten. Fink hält es für sinnvoll, mit der Gleitzeit auch ein Arbeitszeitkonto einzuführen.

Was ist ein Arbeitszeitkonto?

Ein Arbeitszeitkonto funktioniert ähnlich wie ein Girokonto: Statt Geld kann man dort Zeit verbuchen. Abweichungen von der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit werden darum auch als Gleitzeitsaldo bezeichnet. So können beispielsweise Überstunden angespart und bei Bedarf abgefeiert werden. Wie das genau funktioniert lesen Sie in unserem Artikel „Arbeitszeitkonto: So setzen Sie die Arbeitszeit Ihrer Mitarbeiter clever ein„.

 

Arbeitsrecht: Darf der Chef Gleitzeit einfach einführen?

Arbeitsrechtlich betrachtet kann die Gleitzeit auf unterschiedlichen Wegen geregelt werden. Sie kann zum Beispiel im Arbeitsvertrag vereinbart werden. Dann bleibt nichts weiter zu tun, als den Gleitzeitrahmen festzulegen.

In Unternehmen ohne Betriebsrat kann der Arbeitgeber von seinem Direktionsrecht Gebrauch machen (§ 106 Gewerbeordnung in Verbindung mit § 315 BGB): Er kann sie also einfach einführen und sie auch wieder abschaffen. Die Details müssen allen Mitarbeitern mitgeteilt werden, zum Beispiel in einem Aushang am schwarzen Brett. Solange es nicht anders im Arbeitsvertrag festgehalten wird, hat ein Angestellter kein Recht auf Gleitzeit.

Gibt es einen Betriebsrat, hat er laut Paragraf 87 Absatz 1, Nummer 2 des Betriebsverfassungsgesetzes ein erzwingbares Mitbestimmungsrecht. Stimmt er zu, kann die Gleitzeit und ihre konkrete Umsetzung in einer Betriebsvereinbarung festgelegt werden. Fink empfiehlt, in dieser Betriebsvereinbarung auf jeden Fall Beginn und Ende der Gleitzeit und eine Kernarbeitszeit festzuhalten. „Ansonsten bleibt beispielsweise kaum noch Zeit für Teambesprechungen oder Ähnliches“, erklärt er.

Für solche Gleitzeitvereinbarungen gebe es auch Muster. Der Arbeitsrechtler rät aber davon ab, sie pauschal zu übernehmen, weil Arbeitgeber sich dann den Spielraum nehmen, die Gleitzeit individuell auszugestalten und den betrieblichen Notwendigkeiten anzupassen.

Was aber passiert, wenn der Betriebsrat gegen die Einführung der Gleitzeit ist? Dann können Arbeitgeber eine Betriebsvereinbarung erzwingen – und zwar über ein Einigungsstellenverfahren. Dafür muss eine betriebliche Einigungsstelle eingerichtet werden, die aus beispielsweise vier, sechs oder acht Beisitzern und einem neutralen, externen Vorsitzenden besteht. Die Beisitzer müssen je zur Hälfte von der Arbeitgeber- und der Betriebsratsseite kommen. Einigen sich Arbeitgeber und Betriebsrat, wird die Einigung in einer Gleitzeitordnung schriftlich festgehalten. Darin werden auch die Details geregelt: Für wen gilt die Gleitzeitordnung, wie sind die Kernarbeitszeiten und so weiter.

Können sich die Beisitzer nicht einigen, muss abgestimmt werden. Scheitert die Abstimmung in der ersten Runde, so darf in der zweiten Runde der Vorsitzende ebenfalls seine Stimme mit abgeben und so eine Entscheidung herbeiführen.

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