Praktikumsvergütung Mindestlohn oder für lau? Das müssen Arbeitgeber Praktikanten bezahlen
Praktikumsvergütung

Leere Taschen beim Praktikanten? Arbeitgeber müssen nicht jedes Praktikum vergüten.© jpkirakun / iStock / Getty Images Plus / Getty Images

Von unbezahlt bis 1500 Euro: Für die Praktikumsvergütung gelten je nach Art und Dauer der Anstellung verschiedene Regeln. Wann Arbeitgeber Praktikanten bezahlen müssen und wie viel Gehalt üblich ist.

Praktikanten, die für ein paar Wochen oder Monate Unternehmensluft schnuppern, können Firmen bereichern – oder für Frust beim Chef und Kollegen sorgen, weil diese viel Zeit in die Einarbeitung investieren, die Praktikanten letztlich aber nicht zum Erfolg des Unternehmens beitragen.

Verständlich, wenn Arbeitgeber solchen Praktikanten nicht auch noch hohe Gehälter zahlen wollen. Doch auch bei kurzen Praktika wird in manchen Fällen der Mindestlohn fällig. Umso wichtiger, dass Chefs sich rechtzeitig informieren, welche Praktika mindestlohnpflichtig sind und welche nicht.

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Müssen Arbeitgeber überhaupt eine Praktikumsvergütung zahlen, wenn der Mindestlohn nicht gilt?

Sofern der Mindestlohn nicht fällig ist, kann jeder Arbeitgeber individuell festlegen, ob und wie viel Gehalt er einem Praktikanten zahlt. „Es gibt bei Praktikanten, die nicht dem Mindestlohngesetz unterliegen, keine Pflicht, eine Vergütung oder einen Aufwandsersatz zu zahlen“, sagt Ralf-Dietrich Tiesler, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Menold-Bezler. „Man könnte beispielsweise an Fahrtkosten denken, die den Praktikanten entstehen. Aber auch da gibt es keinen automatischen gesetzlichen Anspruch auf Erstattung.“

Die einzige Ausnahme: Praktikanten, die an einer Einstiegsqualifizierung teilnehmen (siehe unten), erhalten immer ein Gehalt – das bekommen Unternehmer allerdings von der Arbeitsagentur erstattet. Auf Antrag hin erstattet die Arbeitsagentur bis zu 231 Euro monatlich, zusätzlich bezuschusst sie die Sozialversicherungsbeiträge mit 116 Euro. Arbeitgebern steht es aber frei, diesen Praktikanten mehr Gehalt zu zahlen.

Grundsätzlich gilt aber: Wer nichts zahlt, sollte sich nicht wundern, wenn vielversprechende Kandidaten zur zahlenden Konkurrenz gehen. Denn in den meisten Branchen ist es üblich, dass Praktikanten ein Gehalt bekommen. Und auch wenn der Mindestlohn gilt, steht es Arbeitgebern selbstverständlich frei, Praktikanten mehr als 9,19 Euro pro Stunde zu zahlen.

Wann gilt der gesetzliche Mindestlohn für Praktikanten und wann nicht?

Der gesetzliche Mindestlohn – seit 1. Januar 2019 liegt er bei 9,19 Euro pro Stunde – gilt grundsätzlich auch für Praktikanten. Das Gesetz zur Regelung eines allgemeinen Mindestlohns (MiLoG, § 22 Absatz 1) nennt jedoch einige Ausnahmen von dieser Regel. In den folgenden Fällen müssen Chefs Praktikanten nicht mit einem Stundenlohn von 9,19 Euro vergüten:

Pflichtpraktikum von Studenten oder Auszubildenden

Absolviert ein Praktikant ein Pflichtpraktikum, das seine Studien-, Schul- oder Ausbildungsordnung vorschreibt, steht ihm kein Mindestlohn zu. Wer also beispielsweise einen Studenten als Praktikanten anstellt, der laut Studienordnung ein sechsmonatiges Praktikum machen muss, muss ihm nicht 9,19 Euro pro Stunde zahlen.

Freiwilliges Praktikum

Bei freiwilligen Praktika ist nicht in allen Fällen eine Praktikumsvergütung vorgeschrieben. „Praktika sind nur dann vom Mindestlohn freigestellt, wenn sie ausbildungsbegleitend sind, zur Orientierung für eine Berufsausbildung oder zur Aufnahme des Studiums dienen“, sagt Tiesler.

Keinen Anspruch auf den Mindestlohn haben Praktikanten, wenn:

  • das Praktikum maximal drei Monate dauert und zur Orientierung für eine Ausbildung oder ein Studium dient. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Abiturient einen Monat lang die Arbeit bei einem Automobilhersteller als Praktikant kennen lernt, weil er überlegt, Maschinenbau zu studieren.
  • das Praktikum maximal drei Monate dauert und eine Ausbildung oder ein Studium begleitet. Sprich: Arbeitgeber müssen Praktikanten keinen Mindestlohn zahlen, wenn diese während ihrer Ausbildung oder ihres Studiums ein Praktikum absolvieren, das einen inhaltlichen Bezug zur Ausbildung hat.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Dauert ein freiwilliges Orientierungspraktikum oder ausbildungs- oder studienbegleitendes Praktikum länger als drei Monate, müssen Chefs den Mindestlohn zahlen. Ebenso wird der Mindestlohn fällig, wenn das Praktikum keinen inhaltlichen Bezug zum Studium oder zur Ausbildung hat; also wenn beispielsweise ein Medizinstudent ein Praktikum bei einem Floristen absolviert. Wer Praktikanten beschäftigt, die ihre Ausbildung oder ihr Studium bereits abgeschlossen haben, muss ihnen in jedem Fall den Mindestlohn zahlen – selbst dann, wenn das Praktikum beispielsweise nur vier Wochen dauert.

Schülerpraktikum und Praktikum von Minderjährigen

Wer Praktikanten beschäftigt, die noch keine 18 Jahre alt sind, muss im Regelfall keinen Mindestlohn zahlen. Hat ein minderjähriger Praktikant allerdings bereits eine Ausbildung abgeschlossen, steht ihm der gesetzliche Mindestlohn zu.

Arbeitet ein volljähriger Schüler neben dem Unterricht als Praktikant in einem Unternehmen und dauert das Praktikum länger als drei Monate, hat er ebenfalls ein Recht auf den gesetzlichen Mindestlohn.

Praktikum von Langzeitarbeitslosen

Chefs, die Langzeitarbeitslose als Praktikanten einstellen, müssen ihnen in den ersten sechs Monaten keinen Mindestlohn zahlen.

Praktikum im Rahmen einer Einstiegsqualifizierung oder Berufsausbildungsvorbereitung

Menschen, die Schwierigkeiten haben, einen Ausbildungsplatz zu finden – etwa weil sie lernbeeinträchtigt oder sozial benachteiligt sind – können nach §54a des Dritten Sozialgesetzbuchs an einer Einstiegsqualifizierung (EQ) oder nach §§ 68 bis 70 des Berufsbildungsgesetzes an einer Berufsausbildungsvorbereitung teilnehmen. Ein sechs- bis zwölfmonatiges Praktikum soll sie auf den Berufseinstieg vorbereiten.

Das Mindestlohngesetz sieht hier für Arbeitgeber eine Ausnahme vor: Sie müssen den Praktikanten keinen Mindestlohn zahlen.

Hospitanz

„Hospitanten sind keine Praktikanten, weil sie keine verwertbare Arbeitsleistung erbringen, sondern nur beobachten“, sagt Tiesler. Wer Hospitanten beschäftigt, muss ihnen daher kein Gehalt zahlen.

Achtung: Arbeitgeber sollten Hospitanten niemals als kostenlose Arbeitskräfte ausnutzen. Denn sobald ein Hospitant eine Tätigkeit ausübt, gilt er als Praktikant. Dann kann er laut Tiesler gegebenenfalls den Mindestlohn einklagen. Hospitanten sollten also immer nur beobachten.

Was gilt, wenn ein Praktikant zum zweiten Mal ein Praktikum im selben Unternehmen macht?

Es ist wohl eher der Ausnahmefall, dass jemand zweimal in der gleichen Firma ein Praktikum absolviert – doch womöglich möchte sich ein ehemaliger Schülerpraktikant noch einmal in einer anderen Abteilung einer Firma orientieren. In diesem Fall müsste die Firma ihm den Mindestlohn zahlen: „Wenn nach einem früheren Praktikum nochmal ein bis zu dreimonatiges berufsbegleitendes Praktikum hinterherkommt, ist der zweite Part mindestlohnpflichtig“, sagt Tiesler.

Was gilt, wenn Chefs ein Praktikum nach drei Monaten verlängern?

Ist ein Praktikum von vornherein für mehr als drei Monate angesetzt, müssen Chefs den gesetzlichen Mindestlohn von 9,19 Euro pro Stunde zahlen (Ausnahmen siehe oben). Wenn aber ein Praktikum ursprünglich für drei oder weniger Monate angesetzt war und der Arbeitgeber es verlängert, wird es knifflig: Ob Chefs den Mindestlohn ab Tag eins des Praktikums rückwirkend zahlen müssen oder erst ab dem vierten Monat, ist laut Tiesler umstritten.

„Einige Autoren sagen, mit Hinweis auf Paragraph 22, Absatz 1 Nr. 3 Mindestlohngesetz, dass dann der Mindestlohn erst ab Beginn des vierten Monats geschuldet werde“, sagt der Rechtsanwalt. Aber: „Dazu gibt es noch keine höchstrichterliche Entscheidung.“

Was gilt, wenn Arbeitgeber ein Praktikum verkürzen?

Wenn Unternehmen ein Praktikum verkürzen, das laut Vertrag für mehr als drei Monate angesetzt und dadurch mindestlohnpflichtig war, ist der Fall klarer: 2016 entschied das Arbeitsgericht Berlin zugunsten eines Praktikanten, der gegen seinen Arbeitgeber geklagt hatte (Az. 28 Ca 2961/16). Das Praktikum war ursprünglich für vier Monate vereinbart gewesen und der Praktikant hätte den Mindestlohn verdienen müssen. Später unterzeichnete er eine neue Vereinbarung, in der der erste Monat als Hospitation festgelegt war und das eigentliche Praktikum auf drei Monate verkürzt wurde.

Der Arbeitgeber zahlte dem Praktikanten eine Aufwandsentschädigung von 100 Euro pro Monat. Der wollte sich damit nicht zufriedengeben und forderte den Mindestlohn: für den gesamten Zeitraum des Praktikums also 4488 Euro brutto. Das Gericht gab ihm recht, denn die ursprüngliche Vereinbarung sei entscheidend.

Verkürzen Arbeitgeber also ein Praktikum, etwa weil der Praktikant keine gute Arbeit leistet, dürfen sie nicht vom Mindestlohn abweichen.

Welche Gehälter sind für Praktikanten üblich?

Arbeitet ein Praktikant beispielsweise in einem Monat 20 Arbeitstage à 8 Stunden, verdient er 1470 Euro brutto.

Besteht kein Anspruch auf den Mindestlohn, unterscheidet sich die Praktikumsvergütung je nach Branche, Unternehmen und dessen Größe. Die HR-Beratungsfirma Clevis Group listet im Future Talents Report 2019 Durchschnittsgehälter von Praktikanten in verschiedenen Branchen auf, an denen Chefs sich orientieren können. Die Firma hat dazu 7664 Praktikanten befragt. Achtung: Zum Zeitpunkt der Befragung galt noch ein anderer Mindestlohn, nämlich 8,84 Euro pro Stunde.

Laut der Studie sind 91 Prozent der Praktika bezahlt – Praktika ohne Vergütung sind also eine Ausnahme. Das Durchschnittsgehalt lag bei 1028 Euro. Dabei zahlten Unternehmen Pflichtpraktikanten im Schnitt 889 Euro im Monat, freiwillige Praktikanten erhielten 1196 Euro.

Konzerne zahlten 1319 Euro – rund 230 Euro mehr als kleine und mittlere Unternehmen. Spitzenreiter bei den Durchschnittsgehältern sind Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfer: Praktikanten verdienten hier durchschnittlich 1354 Euro. Schlusslicht mit 407 Euro Durchschnittsgehalt sind öffentliche Verwaltungen.

Übrigens: Viele Praktikanten haben Anspruch auf ein Praktikumszeugnis. Wann Arbeitgeber ein Zeugnis ausstellen müssen und wie sie es formulieren, lesen Sie in unserem Artikel „Das muss in einem Praktikumszeugnis stehen„.

Ist jedes Praktikum sozialversicherungspflichtig?

Ob Arbeitgeber für Praktikanten Beiträge zur Sozialversicherung abführen müssen, hängt wieder von der Art des Praktikums ab. Nicht sozialversicherungspflichtig sind laut der IKK Südwest Praktikanten, die:

  • während eines Studiums, einer Ausbildung oder in der Schulzeit ein Pflichtpraktikum absolvieren – unabhängig davon, ob sie ein Gehalt bekommen oder nicht.
  • vor, während oder nach dem Studiums ein freiwilliges, unbezahltes Praktikum machen.

Beschäftigen Arbeitgeber Praktikanten, die vor oder nach dem Studium ein vorgeschriebenes Praktikum absolvieren – beispielsweise ein Praktikum, das Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums ist – sind diese in der Regel nicht immatrikuliert. In diesem Fall muss der Arbeitgeber sie zur Sozialversicherung melden. Das Gleiche gilt für freiwillige Praktika während eines Studiums, bei denen das Unternehmen eine Praktikumsvergütung zahlt.

Was Arbeitgeber wissen müssen, wenn sie Studenten aus Aushilfen anstellen, lesen Sie in unserem Artikel „Was Arbeitgeber bei Studentenjobs beachten müssen„.

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