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Seit Tagen tüftelst du daran, wie du KI in deinen Betrieb integrieren kannst, und verzettelst dich. Hat nicht Kollege Meier von KI-Projekten in seinem letzten Job berichtet? Ihn zu fragen, kommt dir aber nicht in die Tüte. Du willst nicht unsicher wirken, also googelst du stundenlang weiter. Später musst du eine Entscheidung zu einem neuen Angebot treffen. Du bist unschlüssig. Noch eine Meinung einholen? Lieber nicht. Dir gehört schließlich die Firma. Du musst das doch allein schaffen. Oder?
„Um Hilfe zu bitten, ist ein echter Effizienzhebel. Wer es regelmäßig tut, gewinnt an Geschwindigkeit, trifft in der Regel bessere Entscheidungen und vermeidet auch teure Fehler“, sagt Ulrike Bossmann, Diplom-Psychologin und Führungskräftecoachin aus Karlsruhe. Denn: Wer andere Perspektiven und Expertise aus dem Team einholt, vermeidet Betriebsblindheit und kommt schneller auf Lösungen und innovative Ideen.
Aber warum eigentlich fällt es uns so schwer, um Hilfe zu bitten? Was gewinnst du, wenn du es häufiger tust? Und wie formulierst du deine Bitte so, dass du keine Angst haben musst, schwach zu wirken?
Warum fällt es mir so schwer, um Hilfe zu bitten?
Wir alle machen uns zu viele Gedanken darüber, wie wir auf andere wirken, und bremsen uns damit meist selbst aus. Unternehmerinnen und Unternehmer sind da keine Ausnahme. „Sie denken, um Hilfe zu bitten, wirkt so, als hätten sie ihr Business nicht im Griff, als wären sie inkompetent und schwach“, sagt Ulrike Bossmann. Alte Glaubenssätze hindern uns daran, Unterstützung einzufordern, etwa:
Ich habe das aufgebaut, ich muss alles im Griff haben
Um Hilfe zu bitten, setzen viele gleich mit Kontrollverlust: Man gibt Verantwortung ab und trifft keine Entscheidung mehr selbst. Ein Trugschluss, wie Führungskräftetrainer Christian Zufelde aus Hamburg sagt. Er betont: „Das liegt am Ende trotzdem alles beim Chef oder der Chefin. Aber sich vorher so viele Informationen, Meinungen und Perspektiven wie möglich einzuholen und Teammitglieder ins Boot zu holen, die Expertise in den Bereichen mitbringen, in denen ich eben keine habe – das ist die Krux.“
Die anderen denken, ich bin eine Pfeife
Hinter dem Glaubenssatz steckt die Angst, Autorität zu verlieren. „Unternehmerinnen und Unternehmer sind Macher. Sie sind es gewohnt, Dinge voranzutreiben, Probleme zu lösen und Erfolg zu sichern“, sagt Psychologin Bossmann. Sie beobachtet, dass sich dieses Denken auf die gesamte Unternehmenskultur auswirken kann: In manchen Firmen sei es regelrecht verpönt, mal nicht weiter zu wissen. Autorität verliert aber nicht, wer fragt. Sondern wer aus Angst vor der Frage die falsche Entscheidung trifft – und damit Vertrauen im Team verspielt. Wer als Führungskraft offen um Unterstützung bittet, schafft ein Umfeld, in dem Hürden frühzeitig angesprochen werden, bevor daraus große Probleme entstehen.
Ich bin die Führungskraft – ich muss alle Antworten haben
„Viele Chefinnen und Chefs fühlen sich allein durch ihren Titel und gesellschaftliche Erwartungen verpflichtet, alles zusammenzuhalten und keine Schwäche zeigen zu dürfen“, sagt Zufelde. Das Selbstbild sei oft geprägt von Leistungsdruck und der Ansicht, alles selbst machen und sich permanent behaupten zu müssen. Dabei ist laut Psychologin Bossmann längst bewiesen: Unternehmen profitieren vor allem davon, wenn unterschiedliche Perspektiven, Expertisen und Meinungen zusammenkommen. Niemand ist allwissend.
Viele dieser Überzeugungen laufen seit Jahren auf Autopilot. Um sie zu erkennen, hilft ein Blick nach innen: Was macht für mich gutes Unternehmertum aus? Bossmann empfiehlt auch einen schnellen Selbst-Check: Wie leicht (oder schwer) fällt es mir auf einer Skala von 1 bis 10, wenn ich jetzt jemanden um Hilfe bitten müsste?
Wie bringt es mich und mein Unternehmen weiter, wenn ich um Hilfe bitte?
Bevor du dir den Kopf über perfekte Formulierungen zerbrichst, hilft ein Perspektivwechsel. Bossmann: „Wir müssen das Scheinwerferlicht weg von dieser eigenen Angst lenken hin zu der Frage: Was gewinne ich eigentlich, wenn ich um Hilfe frage? Und was gewinnt mein Team?“ Dazu gehört:
1. Du entlastest dich sofort:
Statt dich in einer gedanklichen Sackgasse festzufahren, verteilst du Aufgaben und holst dir gezielt Fachwissen aus dem Team. Doppelter Gewinn: Dein Kopf – und deine To-do-Liste – wird frei für strategische Arbeit.
2. Du stärkst psychologische Sicherheit im Team:
Wer um Hilfe bittet, zeigt sich auch verletzlich, so Bossmann. Das erfordere Mut, sende aber ein wichtiges Signal ans Team: Ihr dürft das auch! Damit zeigen Führungskräfte, dass Ratlosigkeit nicht als Dummheit gilt, sondern man sich gemeinsam entwickeln darf und jede Meinung zählt. Das wiederum erhöht Motivation und Zufriedenheit im Team und steigert langfristig die Bindung ans Unternehmen.
3. Du sicherst dir einen Wettbewerbsvorteil:
Wer in einem Team von 20 Menschen herumfragt, erhält 20 verschiedene Perspektiven und erkennt eigene blinde Flecken. „Ein großer Hebel für Innovation für jedes Unternehmen“, so Führungskräftetrainer Zufelde.
Wie bitte ich konkret um Hilfe?
Wer verstanden habe, dass er oder sie selbst und das eigene Unternehmen davon profitiere, unterschiedliche Perspektiven und Expertisen einzubringen, schafft eher eine offene Kultur: „Etwa indem ich als Vorbild vorangehe und um Unterstützung bei einem Projekt bitte oder ein Meeting einberufe, um Ideen auszutauschen“, sagt Ulrike Bossmann. „Oder ich frage in der Raucherpause: ‚Jürgen, was hältst du von Idee X?‘ Das ist schon die kleinste Form von um Hilfe bitten.“
Außerdem helfen folgende sieben Tipps dabei, souverän um Hilfe zu bitten:
1. Formuliere simpel: Bossmanns Devise: Es so einfach wie möglich halten. Anstatt sich den Kopf zu zerbrechen, wie man auf andere wirken könnte, einfach benennen, wo man gerade Unterstützung gebrauchen kann („Hey, an dieser Stelle bräuchte ich eure Perspektive“) und zu erklären, warum („Ich habe gerade selbst so viel auf dem Schreibtisch“ oder „Ich glaube, es würde sich lohnen, wenn wir gemeinsam darüber sprechen“).
2. Formuliere konkret: „Wenn ich meinem Mann sage: ,Geh einkaufen‘. Dann fragt er: ,Was denn?‘ Ähnlich verhält es sich beim Hilfeholen“, sagt Bossmann, „Je konkreter ich die Einkaufsliste formuliere, umso eher kriege ich, was ich will.“ Also: Bittest du um Feedback, dann sage konkret, ob du es dir in Form von anonymen Zetteln oder in Einzelgesprächen wünscht. Und: Wie weit soll die Hilfe gehen: Ist es ein einmaliger Gefallen, eine wiederkehrende Aufgabe oder geht es darum, neue Verantwortung im Team zu verteilen? So stellst du sicher, dass Erwartungen auf beiden Seiten geklärt sind.
3. Zeige Wertschätzung: Damit aus deiner Bitte um Hilfe keine beiläufige Anfrage wird, mache deutlich, warum du genau diese Person anfragst, etwa so: „Du kennst dich doch mit X gut aus/Ich schätze deine jahrelange Expertise mit Y. Hast du zehn Minuten Zeit, damit wir über Problem Z sprechen können?“ Wir Menschen sind soziale Wesen und helfen einander gerne. Wer andere um Hilfe bittet, aktiviert automatisch beim Gegenüber das Belohnungssystem, denn die Botschaft dahinter lautet: Ich werde gesehen und geschätzt. Man traut mir was zu.
4. Übe im Alltag: Um Hilfe zu bitten, fühlt sich noch unangenehm oder ungewohnt an? Dann übe im privaten Umfeld, etwa in der Familie oder im Freundeskreis, schlägt Führungskräftetrainer Zufelde vor. Dort kannst du Unsicherheiten zeigen und es gibt ehrliches Feedback.
5. Sei rücksichtsvoll: „Du triffst im besten Fall auf niemanden, der gerade Däumchen dreht. Kläre zunächst, ob die Person Zeit und Kapazitäten hat, eine Aufgabe zu übernehmen“, rät Bossmann. Mache transparent, was Vorrang hat, und stelle Rückfragen, ob bei deinem Gegenüber alles klar ist.
6. Bedanke dich: Nach geleisteter Hilfe reicht laut Experten ein „Danke, dass du dir die Zeit genommen hast“. Auch wenn dir der Input per se gar nicht weitergeholfen hat. Vielleicht hast du andere Stärken oder Denkweisen bei deinem Teammitglied erkannt. „Manchmal ist es auch nur hilfreich zu sehen: Okay, die Person hat ja den gleichen Gedanken gehabt wie ich“, sagt Zufelde.
7. Vermeide Hektik: Unter Stress im Affekt um Hilfe zu bitten, überträgt hochgekochte Emotionen auf Mitarbeitende, so Zufelde. Besser: Kurz sacken lassen und dann klar formulieren, was du von wem an Unterstützung brauchst.
Dr. Ulrike Bossmann ist Diplom-Psychologin, systemische Therapeutin und Coach. Sie begleitet Führungskräfte und Unternehmen bei Veränderungsprozessen und beschäftigt sich mit Resilienz sowie psychischer Gesundheit im Berufsalltag.

