Schwule Unternehmer „Kennen Sie einen bekannten schwulen Unternehmer?“

Die Regenbogenfahne dient als Symbol für Toleranz und Vielfältigkeit. Seit den 70er Jahren ist sie auch ein schwul-lesbisches Symbol.

Die Regenbogenfahne dient als Symbol für Toleranz und Vielfältigkeit. Seit den 70er Jahren ist sie auch ein schwul-lesbisches Symbol.© rosabrille / photocase.de

Ist Schwulsein unter Unternehmern noch ein Tabu? Und ob, sagt René Behr vom Völklinger Kreis, dem Bundesverband schwuler Führungskräfte. Ein Gespräch über Notlügen, sozialen Druck und Apple-Chef Tim Cook.

impulse: Herr Behr, Ihr Verband, der Völklinger Kreis, ist ein Netzwerk für schwule Unternehmer. Ist so ein Verbund im Jahr 2016 wirklich noch nötig?

René Behr: Ja, dringend. Kennen Sie einen bekannten Unternehmer in Deutschland, der sich als schwul geoutet hat? So wie der Politiker Klaus Wowereit oder der Fußballer Thomas Hitzelsberger? 2007 hat sich John Brown, langjähriger CEO von BP, geoutet und gleichzeitig seine Ämter niedergelegt. Zum Karriereende erzählen es immer mehr. Aber aktive Unternehmer gehen diesen Schritt nur selten, 2014 zum Beispiel der Apple-Chef Tim Cook, der sein Coming-out mit der Botschaft verknüpft hat, für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen. Aber in Deutschland gab es das bisher noch nicht.

Anzeige

Woran liegt das?

Der soziale Druck und die subtile Diskriminierung sind omnipräsent, gerade auf dem Land und in kleineren Städten. Da trauen sich Unternehmer oft nicht, sich zu outen, weil sie dann nicht mehr als „der gute Unternehmer“ in den Köpfen von Kunden und Mitarbeitern abgespeichert werden, sondern nur noch als „der schwule Unternehmer“. Das zieht einen Rechtfertigungs- und Erklärungsdruck nach sich. Nach dem Motto: „Sie sind schwul, das hätte ich ja nicht erwartet. Wie kam denn das?“

Subtile Diskriminierung – haben Sie dafür ein Beispiel?

Heterosexuelle Menschen erzählen häufig ganz selbstverständlich von ihren Ehepartnern oder Kindern. Das passiert aus Gewohnheit, ohne dass sie darüber nachdenken, wie es auf das Gegenüber wirken könnte. Ein schwuler Unternehmer oder eine lesbische Führungskraft machen so etwas ganz bewusst – oder lassen es bewusst bleiben. Viele sehen sich durch die Erzählungen Heterosexueller automatisch in der Rolle des Exoten. Um Fragen auszuweichen, basteln sie sich oft Notlügen zurecht. Aus ihrem Mann Martin wird plötzlich Martha. Die bekommen die Mitarbeiter rätselhafterweise aber niemals zu Gesicht. Das Gefährliche an diesen Legenden ist, dass man sich immer weiter verstrickt – und wenn es am Ende doch rauskommt, sind die Angelogenen verärgert.

Warum also nicht offensiv sagen, was Sache ist?

Das ist ebenfalls schwierig. Denn viele haben auch 2016 noch Befürchtungen, mit einem Coming-out Geschäftspartner und Kunden zu verprellen. Ganz von der Hand zu weisen sind diese Ängste nicht. Erst kürzlich hat mir ein schwuler Unternehmer erzählt, dass er einen Kunden massiv verärgert habe, weil er ihn zum Neujahrsempfang unseres Verbands eingeladen hatte. Er sah sich durch die Einladung als schwul verunglimpft. Dabei kommen zu der Veranstaltung auch immer viele Heteros. Die vorher gute Geschäftsbeziehung war damit beendet. Auch 2016 gibt es also noch die Meinung, dass nichts schlimmer wäre, als schwul zu sein. Und es zeigt auch, dass viele Menschen Vorurteile gegen Schwule in sich tragen, ohne sie zu äußern. Schwule gelten als weich, sensibel, unzuverlässig und deswegen ungeeignet als Führungskräfte. Außerdem hat ein Schwuler keine Frau zu Hause, die ihm den Rücken freihält – was bei Heteros oft erwartet wird.

Aber bestimmt ist nicht jede Branche gleich konservativ?

Natürlich tickt jede Branche anders: Der Creative Director aus Berlin wird weniger Probleme haben, sich zu outen, als ein Malermeister in einem Dorf in Ostwestfalen. Häufig wissen auch die Mitarbeiter Bescheid, nicht jedoch die Geschäftspartner und Kunden. Was bei allen gleich ist: die bewusste Entscheidung, wie viel Privates im Arbeitsleben zugelassen wird, während viele Heterosexuelle oft selbstverständlich ihren Kollegen von der eigenen Familie erzählen.

Wie hilft da Ihr Verband?

Der Völklinger Kreis bietet einen Rahmen, in dem sich schwule Unternehmer über unternehmerische Fragen und Pläne auszutauschen können, ohne sich Gedanken über das Schwulsein und Rechtfertigungen zu machen. Und beim Netzwerktreffen kommt der Lebenspartner ganz selbstverständlich mit. Bei anderen Netzwerken ist das anders, denn im heterosexuellen Umfeld sorgt das leider immer noch für Irritationen.

Was würde die Situation schwuler Unternehmer verbessern?

Wir brauchen Vorbilder in Deutschland wie Tim Cook, die ihre Privatheit opfern, um sich für mehr Gleichberechtigung und den Abbau von Vorurteilen einsetzen. Heute ist man im Berufsleben als Schwuler oft allein. Aber mit mehr Offenheit und Gleichberechtigung, mehr Diversity Management in den Unternehmen kann man das ändern. Laut einer aktuellen Studie des Völklinger Kreises legen deutsche Unternehmen bei der Vielfalt am Arbeitsplatz mehr Wert auf unterschiedliches Alter und Geschlecht der Mitarbeiter als auf Religion oder sexuelle Orientierung.

Wie divers sind denn Unternehmen mit schwulen Chefs?

Das wurde in der Studie nicht untersucht. Aus Gesprächen mit diesen Unternehmern weiß ich jedoch, dass viele von ihnen bewusst keine Schwulen in Management oder Geschäftsleitung einstellen, um nicht des Nepotismus verdächtigt zu werden. Am Ende haben die Mitarbeiter dann den Verdacht, dass der Neue nur eingestellt worden ist, weil er schwul ist. Jedoch sind schwule Unternehmer oft mehr für Diversity Management insgesamt sensibilisiert, stellen zum Beispiel häufig Frauen in Führungspositionen und Menschen mit Migrationshintergrund ein.

4 Kommentare
  • B. Rausch 23. September 2016 16:06

    Sehr geehrte Redaktion,
    sehr geehrte Frau / geehrter Herr Grebenstein,
    es tut gut zu hören, dass ich mit meiner Einstellung nicht alleine bin. Wir sollten nicht müde werden, unsere Auffassung zu vertreten und kontrovers mit Andersdenkenden zu diskutieren. Dadurch erhält man nicht zuletzt auch selbst neue Impulse.
    Mit freundlichen Grüßen
    Brigitte Rausch
    HJR Immobilien

  • ingo ullrich 22. September 2016 07:51

    Nun Mrs Colombo kannte auch niemand……

  • B. Rausch 22. September 2016 07:37

    Sehr geehrte Redaktion,
    mittlerweile 58 Jahre alt geworden, muss ich mich über das Verhalten der Deutschen ihren Mitmenschen gegenüber doch sehr wundern. Wie es scheint hat sich seit den frühen 1970iger Jahren nichts mehr weiterentwickelt. Damals stritten wir um Gleichberechtigung der Frauen, was lediglich dazu geführt hat, dass Männer seltener ungewollt schwanger werden und wir heute noch nach gleicher Bezahlung und berufsbezogenen Frauennetzwerken rufen. Bereits in besagten 70igern gab es ganz offiziell lesbische Barbesitzerinnen die Homobars führten aber auch gerne Heteros bedienten – ein lockerer Freizeittreff eben. Kinder berühmter Politiker outeten sich ebenso wie die dazugehörenden „Promis“. Und dann kam eine Welle des Stillstands und der weitverbreiteten Pickelhaubenhörigkeit. Für mich ist es seit damals ganz normal, wenn ein Frauen- oder Herrenpaar über einen sehnlichen Kinderwunsch und dessen Umsetzung spricht und ich freue mich, wenn es klappt. Aber leider sind eingefrorene, starre Strukturen in Deutschland üblich. In unserem Land sollten einfach nur Menschen leben, mit all ihren Fassetten.
    Mit freundlichen Grüßen
    Brigitte Rausch

    • H. Grebenstein abapharm GmbH 22. September 2016 17:26

      Sehr geehrte Redaktion,
      sehr geehrte Frau Rausch,

      vielen Dank für Ihre Worte, Sie sprechen mir aus der Seele. Es wird in unserem Land so getan, als ob wir offener und bunter werden, aber ich fühle, dass das Gegenteil der Fall ist. Dies betrifft nicht nur Ihr dieses Thema, es ist heute in vielen Lebensbereichen anzutreffen. Unserer Mitmenschen tun so „selbstverständlich“ und „ganz normal“, handeln aber anders.
      Wir Menschen werden immer egoistischer, gleichgültiger und unsozialer. Es besteht eine starke Diskrepanz zwischen dem was gesagt wird und dem was getan wird.
      Das fängt bei unseren Politikern an und schließt bestimmt auch einige unserer Freunde mit ein. Wir sollten wieder darauf achten, ob das gesagte auch gelebt wird und dann darauf hinweisen.

      H. Grebenstein abapharm GmbH

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.