Long Covid Wiedereingliederung
Nebel im Kopf: Wie Sie mit Mitarbeitern umgehen sollten, die unter Long Covid leiden

Long Covid ist die Krankheit nach der Krankheit. Betroffene in den Arbeitsalltag zu integrieren, ist Führungsaufgabe. Tipps von Experten, was Chefs tun können – auch wenn es keine Patentlösung gibt.

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© Dzmitry Dzemidovich / iStock / Getty Images Plus

Wer als Bankangestellter nicht mehr rechnen kann, hat ein Problem. Denn wie will so jemand seinen Beruf ausüben? Und wie will so jemand durch den Alltag kommen? Es sind Fälle wie dieser eines jungen Mannes, über die Claudia Ellert in ihrem Buch „Long Covid – Wege zu neuer Stärke“ berichtet. Long oder Post Covid sind die Krankheiten nach der Krankheit, also nach Covid-19.

Die Gefäßchirurgin Ellert erkrankte selbst im November 2020 daran, der Verlauf war zwar vergleichsweise „milde“ – doch ihr Leben ist seit der „Genesung“ nicht mehr dasselbe wie vorher. Durch das Coronavirus sind Ellerts körperliche wie geistige Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt, sie kann nicht mehr operieren, sie kann keinen Sport mehr treiben – sie leidet unter Post Covid. Davon spricht man, wenn die Beschwerden noch mehr als 12 Wochen nach Beginn der Infektion anhalten. Bei Long Covid sind die Beschwerden noch etwa 4 Wochen nach der Infektion zu spüren.

Wie viele Menschen leiden unter Long oder Post Covid?

Ellert ist einer der prominentesten Fälle von Long oder Post Covid in Deutschland. Wie viele genau betroffen sind, darüber gibt es unterschiedliche Statistiken. In einer US-amerikanischen Studie, welche Anfang 2023 im Wissenschaftsmagazin „Nature Reviews Microbiology“ veröffentlicht wurde, heißt es, dass bei mindestens 10 Prozent der schweren Corona-Infektionen die schwächende Krankheit Long Covid auftritt. Schätzungsweise sollen weltweit 65 Millionen Menschen darunter leiden, in Deutschland sollen es rund 1 Million Menschen sein.

Die Krankenkasse AOK teilte Anfang Mai mit, dass seit Beginn der Pandemie 71.651 deutsche Mitglieder von einer Post-Covid-Erkankung betroffen seien. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der versicherten Arbeitnehmer bei der AOK leiden demnach rund 1 Prozent an Post Covid.

Betrachtet man diese Untersuchungen, dürften in Firmen von 10 bis 100 Mitarbeitern mindestens eine Person von Long oder Post Covid betroffen sein.

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Doch so wie die Begriffe Long und Post Covid unterschiedlich verwendet werden, obwohl es entsprechende Definitionen gibt, gibt es auch verschiedene Zahlen über Krankheitsfälle. „Es gibt hier bisher unterschiedliche Statistiken“, sagt der Lungenfacharzt Professor Rembert Koczulla, Chefarzt im Fachzentrum für Pneumologie in der Schön Klinik in Schönau am Königssee. Koczulla behandelt in seiner Ambulanz auch Long und Post Covid-Patienten.

Seine aktuelle Beobachtung: „Es scheint, als ob das akute Covid-Problem derzeit kleiner werde. Auch die Nachfragen hinsichtlich der Long-Post-Covid-Ambulanz werden weniger, wir sind aber immer noch gut gefüllt mit Patienten mit relevanten Problemen.“ Aktuell seien bei ihm 120 Patienten mit Lungenproblemen sind im Haus. Es gab Phasen, als bei einem Viertel bis einem Drittel Long oder Post Covid die Aufnahmediagnose war, aktuell sind es etwa 20 Prozent. Bei den aufgenommenen Patienten führen vor allem die Atembeschwerden.

Symptome, die Arbeitgeber kennen sollten

Bei allen Versuchen, Long oder Post Covid genauer zu erklären, ist die valide Statistik auch deswegen schwierig, weil das Krankheitsbild komplex ist. Studien, etwa in Deutschland, scheitern an regulatorischen Zwängen (Datenschutz). Immerhin hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach im Januar 100 Millionen Euro Fördergeld in Aussicht gestellt, um Versorgungskonzepte für Long-Covid-Patienten zu erforschen.

Klar ist bisher: Mehr als 200 Symptome mit Auswirkungen auf die Organsysteme sind möglich: Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Magen-Darmtrakt sowie das Immunsystem können betroffen sein.

Diese Hauptbeschwerden haben sich dabei herauskristallisiert:

  • Atemnot
  • Müdigkeit
  • Konzentrationsstörungen / Gedächtnisprobleme
  • Abgeschlagenheit
  • Schlafstörungen
  • Muskelschwäche / Gelenkschmerzen
  • Brain Fog (umnebeltes Gehirn)

Manche Betroffene finden schon nach Wochen, manche erst nach Monaten wieder zu alter Gesundheit zurück – andere sind auch nach Jahren noch nicht ansatzweise genesen. Eine Heilungsprognose ist nach derzeitigem Forschungsstand sehr schwierig. Auch die angebotenen Therapien sind noch ungenügend.

Tipps, wie Arbeitgeber mit Long-Covid-Erkrankten umgehen könnten

Betroffene als Langzeiterkrankte akzeptieren

Vielleicht auch, weil das Krankheitsbild so diffus ist, haben Long oder Post Covid-Patienten vor allem im beruflichen Alltag ein Problem: als solche akzeptiert zu werden. „Wir haben es hier mit Langzeiterkrankten zu tun. Aber das ist in vielen Unternehmen noch nicht durchgedrungen“, sagt Susanne Tiedemann, Chief Officer Business Unit Health & Safety im Fürstenberg Institut, das Unternehmen beim Gesundheitsmanagement unterstützt.

Dazu gehört auch das gesetzlich vorgeschriebene betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die länger als sechs Wochen oder wiederholt arbeitsunfähig sind. In den BEMs gehe es immer mehr auch um Long- oder Post Covid-Patienten, berichtet Tiedemann. Viele der betroffenen Arbeitnehmer müssten sich allerdings rechtfertigen, nicht mehr so leistungsfähig zu sein wie vor der Covid-Erkrankung. „Ihnen wird oft unterstellt, eigentlich nicht krank zu sein. Denn es könne doch nicht sein, dass jemand ein halbes Jahr über Beschwerden klagt“, weiß Gesundheitsberaterin Tiedemann.

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Beim Umgang mit Long oder Post Covid-Patienten müssten Unternehmer demnach ein neues Bewusstsein entwickeln, dass es sich hierbei nicht um die Beschwerden wie nach einer Grippe oder einer Angina handelt. Die oberste Regel für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber lautet also: Mitarbeitende mit Post oder Long Covid ernst nehmen.

Das Team über Erkrankte informieren

Susanne Tiedemann spricht hier von einer Führungsaufgabe, bei der der Unternehmer eine Vorbildfunktion einnehmen muss: Sie empfiehlt Chefs, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über das Problem eines Kollegen zu informieren – mit Einverständnis des Betroffenen. „So ein Kranker hat ja schon ein Problem damit, eine gute medizinische Betreuung zu bekommen: Es gibt immer noch keine Arzneien, die mehr leisten, als die Symptome zu lindern, er fühlt sich oft nicht verstanden. Wenn er dann noch im Betrieb unter Stress gesetzt wird, ist das verheerend.“

Also müsse der Unternehmer alles dafür tun, den kranken Mitarbeiter zu verstehen und ihm bei der Arbeit entgegen zu kommen. „Es ist wichtig, dass die Betriebe hier so flexibel wie möglich reagieren“, betont Susanne Tiedemann.

Jeden Fall individuell betrachten

Und das ist auch schon der einzige pauschale Rat im Umgang mit Long oder Post Covid-Patienten. Der Rest muss immer individuell betrachtet werden, denn jeder Krankheitsfall verläuft unterschiedlich. Den Einen setzen Geräusche und Lärm im Kundenkontakt oder im Großraumbüro unter Stress. Und dann berichtet Susanne Tiedemann aus ihrer Beratungsarbeit von einem Controller, „der gesagt hat, dass das Kindergartenniveau sei, was er noch leisten kann“. Finanzanalysen, Durcharbeiten dicker Zahlenkolonnen – das hatte er alles nicht mehr geschafft.

Zur Not den Arbeitsplatz umgestalten

Daher gilt für den Unternehmer zu prüfen, welche Arbeit der Betroffene zunächst noch leisten kann. Wie viel Zeit benötigt er, um auf seiner vertrauten Stelle wieder voll leistungsfähig zu sein? Wie sehen seine Prognosen hinsichtlich der Gesundung aus? „Wenn dabei festgestellt wird, dass der Beschäftigte sich nicht so schnell oder schlimmstenfalls gar nicht erholen wird, dann muss entweder dessen Arbeitsplatz umgestaltet – oder über eine Umsetzung nachgedacht werden“, sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Tiedemann.

Das kann beispielsweise bedeuten, die Mitarbeiterin von der Werkbank an den Schreibtisch zu versetzen. Oder einem Angestellten dauerhaft zu ermöglichen, wenige Stunden pro Woche aus dem Homeoffice heraus zu arbeiten.

Psychotherapeutische Beratungsangebote vermitteln

Doch gerade wer bisher Leistungsträger war und nun Probleme hat mit einfachen Additionen, oder Gesprächen schnell nicht mehr folgen kann, den plagt oft ein zusätzliches Problem: das Selbstwertgefühl sinkt. Ein früher aktiver Sportler, der jetzt nach zehn Minuten Spaziergang aus der Puste ist, legt an Gewicht zu, sein Körper gefällt ihm bald nicht mehr. Viele fühlen sich schnell nur noch als „halbe Menschen“, was schwer zu akzeptieren ist. Also verursachen Long oder Post Covid auch psychische Erkrankungen, wie Depressionen, die zusätzlich behandelt werden müssen.

Die Experten
Susanne Tiedemann leitet den Geschäftsbereich Arbeits- und Gesundheitsschutz im Fürstenberg Institut. Sie ist Arbeits- und Organisationspsychologin, Therapeutin und systemische Beraterin.
 
Prof. Dr. A. Rembert Koczulla ist Chefarzt des Fachzentrums für Pneumologie der Schön Klinik Berchtesgadener Land und Inhaber einer W3-Professur an der Philipps-Universität Marburg.

„Auch hier kann ein Arbeitgeber unterstützend wirken“, sagt Susanne Tiedemann. Etwa, indem er Betroffenen im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements psychotherapeutische Beratungs- oder Coachingangebote vermittelt.

Sich selbst über Long und Post Covid informieren

Mediziner Koczulla rät Unternehmerinnen und Unternehmern, sich vor dem Umgang mit einem Long oder Post Covid-Patienten intensiv mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen. „Es reicht nicht, Dr. Google zu befragen und zu schauen, welche Selbsthilfegruppe Tipps gibt. Erfahrungsberichte sind gut, wenn man eine Krankheit verstehen will, doch sie ersetzen keinesfalls evidente Studien.“

Nun wird nicht jeder Unternehmer zig medizinische Studien lesen wollen und können, doch es gibt auch andere Informationsmöglichkeiten auf glaubwürdiger, wissenschaftlicher Basis. Der Lungenarzt Koczualla nennt hier die Arzt- und Patientenleitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften als Information für den Umgang mit Long und Post Covid Patienten.

Viele Hilfestellungen bietet auch die private Initiative Long Covid Deutschland, auf deren Online-Plattform sich gut 9.000 Betroffene und deren Angehörige austauschen. Hier engagiert sich auch die Gefäßchirurgin Claudia Ellert.

Anhand dieser Informationen soll jeder Unternehmer einen individuellen Ansatz zur Betreuung für den Betroffenen entwickeln. „Es gibt keinen allgemeinen Rat, der sich in zwei, drei Sätzen zusammenfassen lässt“, betont der Mediziner. „Nicht jeder Patient hat Lungenprobleme, nicht jeder hat Brain Fog. Auch die Anforderungen an die Arbeitsplätze sind unterschiedlich. Hier muss jeder Betroffene gefragt werden, was er schon zu leisten imstande ist, und ob vielleicht ein neuer/anderer Arbeitsplatz gefunden werden muss.“

Wer als Bankangestellter nicht mehr rechnen kann, hat ein Problem. Denn wie will so jemand seinen Beruf ausüben? Und wie will so jemand durch den Alltag kommen? Es sind Fälle wie dieser eines jungen Mannes, über die Claudia Ellert in ihrem Buch „Long Covid – Wege zu neuer Stärke“ berichtet. Long oder Post Covid sind die Krankheiten nach der Krankheit, also nach Covid-19. Die Gefäßchirurgin Ellert erkrankte selbst im November 2020 daran, der Verlauf war zwar vergleichsweise „milde“ – doch ihr Leben ist seit der „Genesung“ nicht mehr dasselbe wie vorher. Durch das Coronavirus sind Ellerts körperliche wie geistige Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt, sie kann nicht mehr operieren, sie kann keinen Sport mehr treiben – sie leidet unter Post Covid. Davon spricht man, wenn die Beschwerden noch mehr als 12 Wochen nach Beginn der Infektion anhalten. Bei Long Covid sind die Beschwerden noch etwa 4 Wochen nach der Infektion zu spüren. Wie viele Menschen leiden unter Long oder Post Covid? Ellert ist einer der prominentesten Fälle von Long oder Post Covid in Deutschland. Wie viele genau betroffen sind, darüber gibt es unterschiedliche Statistiken. In einer US-amerikanischen Studie, welche Anfang 2023 im Wissenschaftsmagazin „Nature Reviews Microbiology“ veröffentlicht wurde, heißt es, dass bei mindestens 10 Prozent der schweren Corona-Infektionen die schwächende Krankheit Long Covid auftritt. Schätzungsweise sollen weltweit 65 Millionen Menschen darunter leiden, in Deutschland sollen es rund 1 Million Menschen sein. Die Krankenkasse AOK teilte Anfang Mai mit, dass seit Beginn der Pandemie 71.651 deutsche Mitglieder von einer Post-Covid-Erkankung betroffen seien. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der versicherten Arbeitnehmer bei der AOK leiden demnach rund 1 Prozent an Post Covid. Betrachtet man diese Untersuchungen, dürften in Firmen von 10 bis 100 Mitarbeitern mindestens eine Person von Long oder Post Covid betroffen sein. Doch so wie die Begriffe Long und Post Covid unterschiedlich verwendet werden, obwohl es entsprechende Definitionen gibt, gibt es auch verschiedene Zahlen über Krankheitsfälle. „Es gibt hier bisher unterschiedliche Statistiken“, sagt der Lungenfacharzt Professor Rembert Koczulla, Chefarzt im Fachzentrum für Pneumologie in der Schön Klinik in Schönau am Königssee. Koczulla behandelt in seiner Ambulanz auch Long und Post Covid-Patienten. Seine aktuelle Beobachtung: „Es scheint, als ob das akute Covid-Problem derzeit kleiner werde. Auch die Nachfragen hinsichtlich der Long-Post-Covid-Ambulanz werden weniger, wir sind aber immer noch gut gefüllt mit Patienten mit relevanten Problemen.“ Aktuell seien bei ihm 120 Patienten mit Lungenproblemen sind im Haus. Es gab Phasen, als bei einem Viertel bis einem Drittel Long oder Post Covid die Aufnahmediagnose war, aktuell sind es etwa 20 Prozent. Bei den aufgenommenen Patienten führen vor allem die Atembeschwerden. Symptome, die Arbeitgeber kennen sollten Bei allen Versuchen, Long oder Post Covid genauer zu erklären, ist die valide Statistik auch deswegen schwierig, weil das Krankheitsbild komplex ist. Studien, etwa in Deutschland, scheitern an regulatorischen Zwängen (Datenschutz). Immerhin hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach im Januar 100 Millionen Euro Fördergeld in Aussicht gestellt, um Versorgungskonzepte für Long-Covid-Patienten zu erforschen. Klar ist bisher: Mehr als 200 Symptome mit Auswirkungen auf die Organsysteme sind möglich: Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Magen-Darmtrakt sowie das Immunsystem können betroffen sein. Diese Hauptbeschwerden haben sich dabei herauskristallisiert: Atemnot Müdigkeit Konzentrationsstörungen / Gedächtnisprobleme Abgeschlagenheit Schlafstörungen Muskelschwäche / Gelenkschmerzen Brain Fog (umnebeltes Gehirn) Manche Betroffene finden schon nach Wochen, manche erst nach Monaten wieder zu alter Gesundheit zurück - andere sind auch nach Jahren noch nicht ansatzweise genesen. Eine Heilungsprognose ist nach derzeitigem Forschungsstand sehr schwierig. Auch die angebotenen Therapien sind noch ungenügend. Tipps, wie Arbeitgeber mit Long-Covid-Erkrankten umgehen könnten Betroffene als Langzeiterkrankte akzeptieren Vielleicht auch, weil das Krankheitsbild so diffus ist, haben Long oder Post Covid-Patienten vor allem im beruflichen Alltag ein Problem: als solche akzeptiert zu werden. „Wir haben es hier mit Langzeiterkrankten zu tun. Aber das ist in vielen Unternehmen noch nicht durchgedrungen“, sagt Susanne Tiedemann, Chief Officer Business Unit Health & Safety im Fürstenberg Institut, das Unternehmen beim Gesundheitsmanagement unterstützt. [mehr-zum-thema] Dazu gehört auch das gesetzlich vorgeschriebene betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die länger als sechs Wochen oder wiederholt arbeitsunfähig sind. In den BEMs gehe es immer mehr auch um Long- oder Post Covid-Patienten, berichtet Tiedemann. Viele der betroffenen Arbeitnehmer müssten sich allerdings rechtfertigen, nicht mehr so leistungsfähig zu sein wie vor der Covid-Erkrankung. „Ihnen wird oft unterstellt, eigentlich nicht krank zu sein. Denn es könne doch nicht sein, dass jemand ein halbes Jahr über Beschwerden klagt“, weiß Gesundheitsberaterin Tiedemann. Beim Umgang mit Long oder Post Covid-Patienten müssten Unternehmer demnach ein neues Bewusstsein entwickeln, dass es sich hierbei nicht um die Beschwerden wie nach einer Grippe oder einer Angina handelt. Die oberste Regel für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber lautet also: Mitarbeitende mit Post oder Long Covid ernst nehmen. Das Team über Erkrankte informieren Susanne Tiedemann spricht hier von einer Führungsaufgabe, bei der der Unternehmer eine Vorbildfunktion einnehmen muss: Sie empfiehlt Chefs, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über das Problem eines Kollegen zu informieren – mit Einverständnis des Betroffenen. „So ein Kranker hat ja schon ein Problem damit, eine gute medizinische Betreuung zu bekommen: Es gibt immer noch keine Arzneien, die mehr leisten, als die Symptome zu lindern, er fühlt sich oft nicht verstanden. Wenn er dann noch im Betrieb unter Stress gesetzt wird, ist das verheerend.“ Also müsse der Unternehmer alles dafür tun, den kranken Mitarbeiter zu verstehen und ihm bei der Arbeit entgegen zu kommen. „Es ist wichtig, dass die Betriebe hier so flexibel wie möglich reagieren“, betont Susanne Tiedemann. Jeden Fall individuell betrachten Und das ist auch schon der einzige pauschale Rat im Umgang mit Long oder Post Covid-Patienten. Der Rest muss immer individuell betrachtet werden, denn jeder Krankheitsfall verläuft unterschiedlich. Den Einen setzen Geräusche und Lärm im Kundenkontakt oder im Großraumbüro unter Stress. Und dann berichtet Susanne Tiedemann aus ihrer Beratungsarbeit von einem Controller, „der gesagt hat, dass das Kindergartenniveau sei, was er noch leisten kann“. Finanzanalysen, Durcharbeiten dicker Zahlenkolonnen – das hatte er alles nicht mehr geschafft. Zur Not den Arbeitsplatz umgestalten Daher gilt für den Unternehmer zu prüfen, welche Arbeit der Betroffene zunächst noch leisten kann. Wie viel Zeit benötigt er, um auf seiner vertrauten Stelle wieder voll leistungsfähig zu sein? Wie sehen seine Prognosen hinsichtlich der Gesundung aus? „Wenn dabei festgestellt wird, dass der Beschäftigte sich nicht so schnell oder schlimmstenfalls gar nicht erholen wird, dann muss entweder dessen Arbeitsplatz umgestaltet – oder über eine Umsetzung nachgedacht werden“, sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Tiedemann. Das kann beispielsweise bedeuten, die Mitarbeiterin von der Werkbank an den Schreibtisch zu versetzen. Oder einem Angestellten dauerhaft zu ermöglichen, wenige Stunden pro Woche aus dem Homeoffice heraus zu arbeiten. Psychotherapeutische Beratungsangebote vermitteln Doch gerade wer bisher Leistungsträger war und nun Probleme hat mit einfachen Additionen, oder Gesprächen schnell nicht mehr folgen kann, den plagt oft ein zusätzliches Problem: das Selbstwertgefühl sinkt. Ein früher aktiver Sportler, der jetzt nach zehn Minuten Spaziergang aus der Puste ist, legt an Gewicht zu, sein Körper gefällt ihm bald nicht mehr. Viele fühlen sich schnell nur noch als „halbe Menschen“, was schwer zu akzeptieren ist. Also verursachen Long oder Post Covid auch psychische Erkrankungen, wie Depressionen, die zusätzlich behandelt werden müssen. [zur-person] „Auch hier kann ein Arbeitgeber unterstützend wirken“, sagt Susanne Tiedemann. Etwa, indem er Betroffenen im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements psychotherapeutische Beratungs- oder Coachingangebote vermittelt. Sich selbst über Long und Post Covid informieren Mediziner Koczulla rät Unternehmerinnen und Unternehmern, sich vor dem Umgang mit einem Long oder Post Covid-Patienten intensiv mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen. „Es reicht nicht, Dr. Google zu befragen und zu schauen, welche Selbsthilfegruppe Tipps gibt. Erfahrungsberichte sind gut, wenn man eine Krankheit verstehen will, doch sie ersetzen keinesfalls evidente Studien.“ Nun wird nicht jeder Unternehmer zig medizinische Studien lesen wollen und können, doch es gibt auch andere Informationsmöglichkeiten auf glaubwürdiger, wissenschaftlicher Basis. Der Lungenarzt Koczualla nennt hier die Arzt- und Patientenleitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften als Information für den Umgang mit Long und Post Covid Patienten. Viele Hilfestellungen bietet auch die private Initiative Long Covid Deutschland, auf deren Online-Plattform sich gut 9.000 Betroffene und deren Angehörige austauschen. Hier engagiert sich auch die Gefäßchirurgin Claudia Ellert. Anhand dieser Informationen soll jeder Unternehmer einen individuellen Ansatz zur Betreuung für den Betroffenen entwickeln. „Es gibt keinen allgemeinen Rat, der sich in zwei, drei Sätzen zusammenfassen lässt“, betont der Mediziner. „Nicht jeder Patient hat Lungenprobleme, nicht jeder hat Brain Fog. Auch die Anforderungen an die Arbeitsplätze sind unterschiedlich. Hier muss jeder Betroffene gefragt werden, was er schon zu leisten imstande ist, und ob vielleicht ein neuer/anderer Arbeitsplatz gefunden werden muss.“
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