Präsentismus
So verhindern Sie, dass sich Mitarbeitende krank zur Arbeit schleppen

An ein bis zwei Tagen im Jahr arbeiten Angestellte, obwohl sie krank sind. Wie dieser Präsentismus dem Team schadet, was er kostet – und wie Sie das Problem eindämmen.

, von

Präsentismus
© go2 / photocase

Definition: Was versteht man unter Präsentismus?

Präsentismus bedeutet: Angestellte arbeiten trotz Krankheit weiter. Schleppen sich also mit Erkältung, Magen-Darm-Grippe oder Migräne ins Büro oder die Produktionshalle, obwohl sie sich eigentlich krankmelden oder krankschreiben lassen könnten.

Wie verbreitet ist Präsentismus?

Laut Fehlzeitenreport gingen Arbeitnehmende im Jahr 2023 an durchschnittlich 1,3 Tagen im Jahr krank zur Arbeit. 2022 waren es zwei Tage, 2021 lag die Zahl bei 1,6 und 2020 bei 2,7 Tagen.

Wie selbstverständlich Präsentismus für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist, zeigte auch eine Befragung von mehr als 10000 Beschäftigten aus dem Jahr 2021: 78 Prozent der Befragten gab an, in den vergangenen zwölf Monaten krank gearbeitet zu haben. Gut jeder Fünfte tat es sogar „häufig“ oder „sehr häufig“. Für 33 Prozent der Befragten waren selbst schwere Krankheitssymptome wie Schüttelfrost oder Fieber kein Grund, der Arbeit fernzubleiben.

In einer weiteren Umfrage aus September 2022 erklärten neun Prozent der Befragten, selbst mit positivem Coronatest noch zur Arbeit zu gehen – und 20 Prozent mit einem „normalen“ ansteckenden Infekt.

Was sind Gründe für Präsentismus?

Es gibt viele verschiedene Ursachen dafür, dass Menschen weiterarbeiten, obwohl sie krank sind. Die folgenden fünf sind die häufigsten.

Persönliche Motive

„Menschen wollen ihre Leistung erbringen, Aufgaben bestmöglich erledigen – und dazu oft vermeiden, dass andere für sie einspringen müssen“, sagt Daniela Lohaus, die als Professorin für Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie an der Hochschule Darmstadt zu Präsentismus forscht. Auch Karriereüberlegungen spielten eine Rolle: „Mitunter arbeiten Menschen krank weiter, um als leistungsstark eingeschätzt zu werden“, sagt Lohaus. Und wieder andere, etwa chronisch Kranke, treibe der Wunsch, sich von den Beschwerden nicht unterkriegen lassen.

Äußere Faktoren

Unklare Prozesse, eine dünne Personaldecke, hoher Zeitdruck, wenig Handlungsspielraum bei der Arbeitsgestaltung und Angst um den Arbeitsplatz sind weitere Faktoren, die Präsentismus befördern: „Es gibt dazu zwar kaum Studien – aber insbesondere Letzteres scheint im Zuge der Coronakrise wieder mehr eine Rolle zu spielen“, sagt Expertin Lohaus.

Führungskräfte als schlechte Vorbilder

Arbeiten Chefs und Chefinnen regelmäßig weiter, führt auch das zu mehr Präsentismus. „Mitarbeitende sehen dann: Mit solch einem Verhalten ist diese Person in eine hohe Position gelangt – und ahmen es nach“, erklärt Arbeitspsychologin Carolin Dietz von der TU Chemnitz. Sie konnte den Vorbildeffekt in einer Studie belegen, für die Daten zum Präsentismusverhalten von Führungskräften und deren Teammitgliedern analysiert wurden.

Was die Studie auch zeigte: Zeitversetzt stiegen die Fehltage bei jenen Angestellten, deren Führungskräfte regelmäßig krank arbeiteten. „Wer sich als Chef oder Chefin krank zur Arbeit schleppt, schadet also nicht nur sich selbst – sondern auch dem Team“, so Wissenschaftlerin Dietz.

Die Experten:
Prisca Brosi ist Professorin für Human Resource Management an der Kuehne Logistics University in Hamburg.
Carolin Dietz ist promovierte Psychologin mit dem Schwerpunkt Präsentismus und wissenschaftliche Mitarbeiterin an TU Chemnitz.
Christina Griesel berät als Diplom-Psychologin und systemische Coachin Führungskräfte unter anderem zum Thema Gesundheitsmanagement.
Daniela Lohaus ist Professorin für Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie an der Hochschule Darmstadt.
Kurt Pärli ist Professor für Soziales Privatrecht an der Universität Basel.

Anwesenheitsprämien

Viele Unternehmen belohnen mit einem Bonus die Teammitglieder, die immer anwesend sind – oder nur sehr selten krank. Doch der Versuch, Mitarbeitende mit einer solchen Anwesenheitsprämie vom Krankfeiern abzuhalten, fördert Experten zufolge Präsentismus in Unternehmen – und erhöht laut einer Studie paradoxerweise zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen blaumachen.

Mehr dazu hier: Anwesenheitsprämie: Alles, was Sie wissen müssen

In eigener Sache
Machen ist wie wollen, nur krasser
Machen ist wie wollen, nur krasser
Die impulse-Mitgliedschaft - Rückenwind für Unternehmerinnen und Unternehmer

Homeoffice-Optionen

Laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat Präsentismus „durch die vermehrte Arbeit von zu Hause aus eine neue Relevanz“ erhalten. Für solchen Präsentismus im Homeoffice gibt es inzwischen ein eigenes Wort: „Workahomeism“, eine Zusammensetzung aus den englischen Begriffen „Work at home“, „Presenteeism“ und „Workaholism“.

„Das Wort beschreibt ein Phänomen, das inzwischen sehr viele Menschen kennen: Ich bin krank daheim, kann eigentlich nicht arbeiten – setze mich aber trotzdem an den Rechner. Weil die Hürde, weiterzuarbeiten so niedrig ist“, sagt Prisca Brosi, die als Professorin für Human Resource Management an der Kuehne Logistics University in Hamburg den Begriff in einer Studie geprägt hat. „Workahomeism“ sei auch deshalb so verbreitet, weil Menschen sich dabei vorgaukeln könnten, etwas für sich zu tun – etwa, weil sie beim Arbeiten mit einem Tee auf dem Sofa lägen.

Welche negativen Folgen hat Präsentismus?

Präsentismus hat viele negative Auswirkungen, sowohl für die Angestellten selbst als auch für die Unternehmen:

1.      Höheres Risiko für Folgeerkrankungen

„Wir wissen aus der Forschung: Das Risiko für längerfristige Krankschreibungen steigt, wenn Menschen immer wieder krank arbeiten“, sagt Professorin Lohaus. So zeigte eine Untersuchung: Wer sechs Mal oder häufiger im Jahr krank arbeitet, hat ein doppelt so hohes Risiko, in den 18 Monaten danach länger als zwei Wochen auszufallen – verglichen mit Beschäftigen, die es höchstens einmal im Jahr tun. Das Risiko für eine zweimonatige Arbeitsunfähigkeit steigt sogar um 74 Prozent.

Auch das Niveau der Erschöpfung, so Lohaus weiter, nehme durch Präsentismus auf lange Sicht zu. Da Erschöpfung eine Komponente von Burn-out sei, steige so auch das Risiko, dass Mitarbeitende damit ausfallen.

2.      Höheres Krankheitsrisiko bei Teammitgliedern

Wer sich krank zur Arbeit schleppt, riskiert damit, andere anzustecken. Wenn beispielsweise ein Angestellter Magen-Darm-Viren ins Unternehmen bringt, können schnell mehrere Teammitglieder auf einen Schlag ausfallen und so die Zahl der Fehltage in die Höhe treiben.

3.      Höhere Fehlerquote

Wer krank weiterarbeitet, ist nicht nur in seiner Leistungsfähigkeit und damit der Produktivität eingeschränkt. „Kranke Menschen arbeiten unter Umständen unkonzentrierter“, erklärt Arbeitspsychologin Lohaus. Das kann die Fehlerquote erhöhen, eine verminderte Produktqualität und mehr Kundenbeschwerden zur Folge haben – und das Risiko für Arbeitsunfälle steigen lassen.

In eigener Sache
Das ChatGPT-Prompt-Handbuch
Das ChatGPT-Prompt-Handbuch
17 Seiten Prompt-Tipps, Anwendungsbeispiele und über 100 Beispiel-Prompts

Was kostet Präsentismus die Unternehmen?

Ist in einem Betrieb Präsentismus stark ausgeprägt, sorgt das für einen deutlichen betriebswirtschaftlichen Schaden. Die Kosten durch Produktivitätsverluste und längerfristige Ausfälle lassen sich jedoch schwerer beziffern als etwa jene durch Fehltage. Vor gut zehn Jahren hat es die Strategieberatung Booz & Company im Auftrag der Felix-Burda-Stiftung dennoch versucht. Ihrer Studie zufolge lagen die Kosten durch Präsentismus damals pro Jahr und Mitarbeiter bei 2400 Euro. Zum Vergleich: Die Kosten durch reine Fehlzeiten lagen bei 1200 Euro.

Was kann man gegen Präsentismus machen?

Ist Präsentismus im Betrieb ein Problem, gibt es den Fachleuten zufolge vor allem drei Stellschrauben, an denen Unternehmer und Unternehmerinnen drehen können.

1. Erwartungen klären

„In vielen Unternehmen wird über Krankheit und den Umgang damit nicht offen geredet“, sagt Christina Griesel, die als Diplom-Psychologin und systemische Coachin Führungskräften hilft, Teams gesund zu leiten. Diese mangelnde Kommunikation sei besonders dann ein großes Problem, wenn in Unternehmen die unausgesprochene Erwartung herrsche, mit der Firma verheiratet zu sein. Und selbst mit Fieber etwa wichtige Projekte zu Ende zu bringen oder Kollegen zumindest zu unterstützen.

Wie geht es besser? Griesel hat fünf Tipps, um als Führungskraft kommunikativ klug mit den Themen Krankheit und Präsentismus umzugehen:

  1. Immer wieder vermitteln, wie wichtig Pausen und Erholungsmöglichkeiten sind, um auf lange Sicht gesund und leistungsfähig zu bleiben – im Arbeitsalltag genauso wie bei Krankheit.
  2. Vorgeben, dass aufgrund der Infektionsgefahr niemand mit ansteckenden Erkrankungen zur Arbeit kommen darf.
  3. Klarmachen, dass innerhalb dieses Rahmens alle selbst entscheiden dürfen, wann und wie sie ihre Arbeit wieder aufnehmen. „Öfter ist es ja so: An Tag vier oder fünf eines Infekts kann und will man wieder ein paar Stunden arbeiten – und das tut einem dann sogar gut. Erlauben es die Abläufe, sollte das flexibel möglich gemacht werden“, so Coachin Griesel. Allerdings müsse dann auch gesichert sein, dass niemand durch Anrufe gestört werde, wenn er oder sie sich in so einem Fall nach zwei Stunden Arbeit wieder hinlegt.
  4. Präsentismus regelmäßig thematisieren und dabei an die Verantwortung der Einzelnen appellieren. Griesel empfiehlt, immer wieder aufzuzeigen, etwa in Teammeetings, welchen Rattenschwanz an Mehrarbeit es etwa verursacht, wenn jemand Fehler macht, weil er trotz Krankheit arbeitet: „Sie müssen im Team ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es eine Frage persönlicher und sozialer Verantwortung ist, wenn ich entscheide, ob ich arbeite oder zu krank dafür bin.“

2. Als Führungskraft zum Vorbild werden

Wer Präsentismus im Unternehmen eindämmen will, sollte den Blick auch auf das eigene Verhalten richten. „Es reicht nicht, als Chefin zu sagen: Ihr dürft nicht krank arbeiten – wenn Sie selbst etwa mit Fieber zwar daheim bleiben, aber trotzdem auf Mails antworten“, sagt Arbeitspsychologin Dietz. Sie rät: „Definieren Sie als ersten Schritt für sich eine Grenze, wann Sie nicht mehr arbeiten. Etwa: ‚Wenn ich Fieber habe, muss ich mir eine Auszeit nehmen.‘“

Außerdem helfe es, sich ehrlich die Frage zu beantworten, wie hoch die Qualität der eigenen Leistung noch sei, wenn man krank arbeite. Sie empfiehlt auch, persönliche negative Konsequenzen von Präsentismus zu bedenken: „Das Risiko, durch Präsentismus etwa eine schwere Herzerkrankung zu bekommen, steigt einer Studie zufolge bereits nach zehn Jahren. Das ist in einem Berufsleben ja keine lange Zeit.“

3. Arbeitsbedingungen anpassen

Ist das Bewusstsein für Präsentismus im Team und bei allen Führungskräften geschärft, gilt es den Fachleuten zufolge, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem Angestellte überhaupt guten Gewissens krank sein können. „Klar ist: Es nützt nichts, wenn Mitarbeitende zwar wissen, dass sie theoretisch krank sein dürfen – sich in der Praxis aber nach einer Woche die Arbeit unendlich stapelt oder sich andere Teammitglieder anstelle der Kranken überlasten müssen. Unter solch einem Druck wird sich niemand erholen“, sagt Gesundheitsmanagerin Griesel.

Um das zu verhindern, helfe es, sich die klassischen Fragen zur Arbeitsorganisation zu stellen – um mögliche Haupttreiber von Präsentismus zu identifizieren und zu reduzieren:

  • Wie dicht ist die Personaldecke? Rechne ich auf Kante – oder ist da auch Luft für Menschen, die erkrankt sind?
  • Gibt es Vertretungslösungen?
  • Wie hoch ist der Zeitdruck?
  • Wie viel Handlungsspielraum haben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, wenn es darum geht, die eigene Arbeit zu organisieren?

Angst, durch entsprechende Anpassungen Blaumachen zu fördern, muss niemand haben – da sind sich die Experten und Expertinnen einig. „Die allermeisten Menschen arbeiten grundsätzlich einfach gern. Das sollte man bei alldem stets im Kopf haben“, sagt Professorin Lohaus.

Wie lässt sich Präsentismus im Homeoffice einschränken?

Dass Angestellte im Homeoffice trotz Krankheit arbeiten, ist ein Problem, das den Fachleuten zufolge nicht allein über eine verbesserte Kommunikation und Arbeitsorganisation zu lösen ist. Denn: „Dahinter stecken vor allem Schuldgefühle, eben weil der Gedanke, andere nicht im Stich lassen zu wollen, ein Hauptmotiv ist, wieso Menschen krank daheim arbeiten. Besonders gefährdet sind dabei all jene, die viel Selbstwert aus der Arbeit ziehen und grundsätzlich eher zu viel arbeiten“, sagt Expertin Brosi.

Um hier etwas zu bewirken, gilt es Brosi zufolge, Teammitglieder in Sachen Homeoffice individuell zu führen. „Besprechen Sie mit den Arbeitnehmenden immer wieder, wie diese das Homeoffice nutzen und wie sie damit klarkommen. Sie müssen als Führungskraft die Bedürfnisse der einzelnen erkennen – und dann darauf eingehen. Für Menschen etwa, die privat und beruflich nicht gut trennen können, sind fixe Strukturen in einem Büro oft besser.“

Homeoffice komplett zu unterbinden, um Workahomeism zu verhindern, sei dagegen keine Lösung. „Unternehmen würden so jene bestrafen, die Homeoffice auf gesunde Art in den Arbeitsalltag integrieren. Und für die mobiles Arbeiten wiederum ein Bedürfnis ist, weil sie etwa von 15 bis 19 Uhr Zeit mit den Kindern verbringen und sich danach noch mal an die Arbeit setzen.“

Mehr zum Thema hier: Homeoffice-Regelung: Das gilt für das mobile Arbeiten

Was müssen Arbeitgeber bezüglich des Arbeitsrechts bei Präsentismus beachten?

Es ist reine Privatsache von Mitarbeitenden, zu entscheiden, wann sie arbeiten können und wann nicht? Mitnichten, sagt Kurt Pärli, Professor für Soziales Privatrecht an der Universität Basel: „Präsentismus berührt die Fürsorgepflicht von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Sie müssen dafür sorgen, dass die Arbeit in Ihrem Unternehmen nicht krank macht, beziehungsweise dafür, dass Angestellte wieder gesund werden können“, so Pärli, der sich in einem Artikel mit dem Thema befasst hat.

Das bedeute für die Praxis: „Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber müssen kranke Angestellte nach Hause schicken. Dank ihres Direktionsrechts dürfen sie das auch. Als letztes Mittel dürften sie sogar Computerzugänge sperren, damit die Leute nicht einfach daheim krank weiterarbeiten.“

Missachteten Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen diese Fürsorgepflicht, könnten sie sogar schadenersatzpflichtig werden. Ein Beispiel für solch einen Extremfall: Eine an Covid-19 erkrankte Mitarbeiterin steckt einen immungeschwächten Kollegen an, schädigt ihn damit schwer – und es lässt sich nachweisen, dass der Arbeitgeber über die Infektion Bescheid wusste, die Angestellte aber nicht nach Hause schickte.

Präsentismus und Absentismus: Wo liegen die Unterschiede?

Absentismus bezeichnet das Phänomen, wenn Menschen gewohnheitsmäßig nicht zur Arbeit gehen, obwohl sie es könnten – etwa aufgrund fehlender Motivation oder mangelnder Leistungsbereitschaft. Dieses wiederholte Blaumachen verursacht Kosten durch Fehlzeiten, die nicht auf Krankheiten zurückzuführen sind. Damit steht Absentismus im Gegensatz zum Präsentismus, wenn Menschen trotz Krankheit weiterhin Leistungen erbringen.

Mehr dazu hier: Krankfeiern: Das dürfen Chefs bei Verdacht auf Blaumachen tun

Extra-Tipp: Allen Bemühungen zum Trotz kommen Teammitglieder weiter krank zur Arbeit und verteilen etwa Erkältungsviren im Büro? Dann wird es Zeit für ein Konfliktgespräch. impulse-Mitgliedern hilft ein Spickzettel zum Download, die richtigen Worte zu finden und das Gespräch souverän und konstruktiv zu führen.

Definition: Was versteht man unter Präsentismus? Präsentismus bedeutet: Angestellte arbeiten trotz Krankheit weiter. Schleppen sich also mit Erkältung, Magen-Darm-Grippe oder Migräne ins Büro oder die Produktionshalle, obwohl sie sich eigentlich krankmelden oder krankschreiben lassen könnten. Wie verbreitet ist Präsentismus? Laut Fehlzeitenreport gingen Arbeitnehmende im Jahr 2023 an durchschnittlich 1,3 Tagen im Jahr krank zur Arbeit. 2022 waren es zwei Tage, 2021 lag die Zahl bei 1,6 und 2020 bei 2,7 Tagen. Wie selbstverständlich Präsentismus für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist, zeigte auch eine Befragung von mehr als 10000 Beschäftigten aus dem Jahr 2021: 78 Prozent der Befragten gab an, in den vergangenen zwölf Monaten krank gearbeitet zu haben. Gut jeder Fünfte tat es sogar „häufig“ oder „sehr häufig“. Für 33 Prozent der Befragten waren selbst schwere Krankheitssymptome wie Schüttelfrost oder Fieber kein Grund, der Arbeit fernzubleiben. In einer weiteren Umfrage aus September 2022 erklärten neun Prozent der Befragten, selbst mit positivem Coronatest noch zur Arbeit zu gehen – und 20 Prozent mit einem „normalen“ ansteckenden Infekt. Was sind Gründe für Präsentismus? Es gibt viele verschiedene Ursachen dafür, dass Menschen weiterarbeiten, obwohl sie krank sind. Die folgenden fünf sind die häufigsten. Persönliche Motive „Menschen wollen ihre Leistung erbringen, Aufgaben bestmöglich erledigen – und dazu oft vermeiden, dass andere für sie einspringen müssen“, sagt Daniela Lohaus, die als Professorin für Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie an der Hochschule Darmstadt zu Präsentismus forscht. Auch Karriereüberlegungen spielten eine Rolle: „Mitunter arbeiten Menschen krank weiter, um als leistungsstark eingeschätzt zu werden“, sagt Lohaus. Und wieder andere, etwa chronisch Kranke, treibe der Wunsch, sich von den Beschwerden nicht unterkriegen lassen. Äußere Faktoren Unklare Prozesse, eine dünne Personaldecke, hoher Zeitdruck, wenig Handlungsspielraum bei der Arbeitsgestaltung und Angst um den Arbeitsplatz sind weitere Faktoren, die Präsentismus befördern: „Es gibt dazu zwar kaum Studien – aber insbesondere Letzteres scheint im Zuge der Coronakrise wieder mehr eine Rolle zu spielen“, sagt Expertin Lohaus. Führungskräfte als schlechte Vorbilder Arbeiten Chefs und Chefinnen regelmäßig weiter, führt auch das zu mehr Präsentismus. „Mitarbeitende sehen dann: Mit solch einem Verhalten ist diese Person in eine hohe Position gelangt – und ahmen es nach“, erklärt Arbeitspsychologin Carolin Dietz von der TU Chemnitz. Sie konnte den Vorbildeffekt in einer Studie belegen, für die Daten zum Präsentismusverhalten von Führungskräften und deren Teammitgliedern analysiert wurden. Was die Studie auch zeigte: Zeitversetzt stiegen die Fehltage bei jenen Angestellten, deren Führungskräfte regelmäßig krank arbeiteten. „Wer sich als Chef oder Chefin krank zur Arbeit schleppt, schadet also nicht nur sich selbst – sondern auch dem Team“, so Wissenschaftlerin Dietz. [zur-person] Anwesenheitsprämien Viele Unternehmen belohnen mit einem Bonus die Teammitglieder, die immer anwesend sind – oder nur sehr selten krank. Doch der Versuch, Mitarbeitende mit einer solchen Anwesenheitsprämie vom Krankfeiern abzuhalten, fördert Experten zufolge Präsentismus in Unternehmen – und erhöht laut einer Studie paradoxerweise zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen blaumachen. Mehr dazu hier: Anwesenheitsprämie: Alles, was Sie wissen müssen Homeoffice-Optionen Laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat Präsentismus „durch die vermehrte Arbeit von zu Hause aus eine neue Relevanz“ erhalten. Für solchen Präsentismus im Homeoffice gibt es inzwischen ein eigenes Wort: „Workahomeism“, eine Zusammensetzung aus den englischen Begriffen „Work at home“, „Presenteeism“ und „Workaholism“. „Das Wort beschreibt ein Phänomen, das inzwischen sehr viele Menschen kennen: Ich bin krank daheim, kann eigentlich nicht arbeiten – setze mich aber trotzdem an den Rechner. Weil die Hürde, weiterzuarbeiten so niedrig ist“, sagt Prisca Brosi, die als Professorin für Human Resource Management an der Kuehne Logistics University in Hamburg den Begriff in einer Studie geprägt hat. „Workahomeism“ sei auch deshalb so verbreitet, weil Menschen sich dabei vorgaukeln könnten, etwas für sich zu tun – etwa, weil sie beim Arbeiten mit einem Tee auf dem Sofa lägen. Welche negativen Folgen hat Präsentismus? Präsentismus hat viele negative Auswirkungen, sowohl für die Angestellten selbst als auch für die Unternehmen: 1.      Höheres Risiko für Folgeerkrankungen „Wir wissen aus der Forschung: Das Risiko für längerfristige Krankschreibungen steigt, wenn Menschen immer wieder krank arbeiten“, sagt Professorin Lohaus. So zeigte eine Untersuchung: Wer sechs Mal oder häufiger im Jahr krank arbeitet, hat ein doppelt so hohes Risiko, in den 18 Monaten danach länger als zwei Wochen auszufallen – verglichen mit Beschäftigen, die es höchstens einmal im Jahr tun. Das Risiko für eine zweimonatige Arbeitsunfähigkeit steigt sogar um 74 Prozent. Auch das Niveau der Erschöpfung, so Lohaus weiter, nehme durch Präsentismus auf lange Sicht zu. Da Erschöpfung eine Komponente von Burn-out sei, steige so auch das Risiko, dass Mitarbeitende damit ausfallen. 2.      Höheres Krankheitsrisiko bei Teammitgliedern Wer sich krank zur Arbeit schleppt, riskiert damit, andere anzustecken. Wenn beispielsweise ein Angestellter Magen-Darm-Viren ins Unternehmen bringt, können schnell mehrere Teammitglieder auf einen Schlag ausfallen und so die Zahl der Fehltage in die Höhe treiben. 3.      Höhere Fehlerquote Wer krank weiterarbeitet, ist nicht nur in seiner Leistungsfähigkeit und damit der Produktivität eingeschränkt. „Kranke Menschen arbeiten unter Umständen unkonzentrierter“, erklärt Arbeitspsychologin Lohaus. Das kann die Fehlerquote erhöhen, eine verminderte Produktqualität und mehr Kundenbeschwerden zur Folge haben – und das Risiko für Arbeitsunfälle steigen lassen. Was kostet Präsentismus die Unternehmen? Ist in einem Betrieb Präsentismus stark ausgeprägt, sorgt das für einen deutlichen betriebswirtschaftlichen Schaden. Die Kosten durch Produktivitätsverluste und längerfristige Ausfälle lassen sich jedoch schwerer beziffern als etwa jene durch Fehltage. Vor gut zehn Jahren hat es die Strategieberatung Booz & Company im Auftrag der Felix-Burda-Stiftung dennoch versucht. Ihrer Studie zufolge lagen die Kosten durch Präsentismus damals pro Jahr und Mitarbeiter bei 2400 Euro. Zum Vergleich: Die Kosten durch reine Fehlzeiten lagen bei 1200 Euro.[mehr-zum-thema] Was kann man gegen Präsentismus machen? Ist Präsentismus im Betrieb ein Problem, gibt es den Fachleuten zufolge vor allem drei Stellschrauben, an denen Unternehmer und Unternehmerinnen drehen können. 1. Erwartungen klären „In vielen Unternehmen wird über Krankheit und den Umgang damit nicht offen geredet“, sagt Christina Griesel, die als Diplom-Psychologin und systemische Coachin Führungskräften hilft, Teams gesund zu leiten. Diese mangelnde Kommunikation sei besonders dann ein großes Problem, wenn in Unternehmen die unausgesprochene Erwartung herrsche, mit der Firma verheiratet zu sein. Und selbst mit Fieber etwa wichtige Projekte zu Ende zu bringen oder Kollegen zumindest zu unterstützen. Wie geht es besser? Griesel hat fünf Tipps, um als Führungskraft kommunikativ klug mit den Themen Krankheit und Präsentismus umzugehen: Immer wieder vermitteln, wie wichtig Pausen und Erholungsmöglichkeiten sind, um auf lange Sicht gesund und leistungsfähig zu bleiben – im Arbeitsalltag genauso wie bei Krankheit. Vorgeben, dass aufgrund der Infektionsgefahr niemand mit ansteckenden Erkrankungen zur Arbeit kommen darf. Klarmachen, dass innerhalb dieses Rahmens alle selbst entscheiden dürfen, wann und wie sie ihre Arbeit wieder aufnehmen. „Öfter ist es ja so: An Tag vier oder fünf eines Infekts kann und will man wieder ein paar Stunden arbeiten – und das tut einem dann sogar gut. Erlauben es die Abläufe, sollte das flexibel möglich gemacht werden“, so Coachin Griesel. Allerdings müsse dann auch gesichert sein, dass niemand durch Anrufe gestört werde, wenn er oder sie sich in so einem Fall nach zwei Stunden Arbeit wieder hinlegt. Präsentismus regelmäßig thematisieren und dabei an die Verantwortung der Einzelnen appellieren. Griesel empfiehlt, immer wieder aufzuzeigen, etwa in Teammeetings, welchen Rattenschwanz an Mehrarbeit es etwa verursacht, wenn jemand Fehler macht, weil er trotz Krankheit arbeitet: „Sie müssen im Team ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es eine Frage persönlicher und sozialer Verantwortung ist, wenn ich entscheide, ob ich arbeite oder zu krank dafür bin.“ 2. Als Führungskraft zum Vorbild werden Wer Präsentismus im Unternehmen eindämmen will, sollte den Blick auch auf das eigene Verhalten richten. „Es reicht nicht, als Chefin zu sagen: Ihr dürft nicht krank arbeiten – wenn Sie selbst etwa mit Fieber zwar daheim bleiben, aber trotzdem auf Mails antworten“, sagt Arbeitspsychologin Dietz. Sie rät: „Definieren Sie als ersten Schritt für sich eine Grenze, wann Sie nicht mehr arbeiten. Etwa: ‚Wenn ich Fieber habe, muss ich mir eine Auszeit nehmen.‘“ Außerdem helfe es, sich ehrlich die Frage zu beantworten, wie hoch die Qualität der eigenen Leistung noch sei, wenn man krank arbeite. Sie empfiehlt auch, persönliche negative Konsequenzen von Präsentismus zu bedenken: „Das Risiko, durch Präsentismus etwa eine schwere Herzerkrankung zu bekommen, steigt einer Studie zufolge bereits nach zehn Jahren. Das ist in einem Berufsleben ja keine lange Zeit.“ 3. Arbeitsbedingungen anpassen Ist das Bewusstsein für Präsentismus im Team und bei allen Führungskräften geschärft, gilt es den Fachleuten zufolge, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem Angestellte überhaupt guten Gewissens krank sein können. „Klar ist: Es nützt nichts, wenn Mitarbeitende zwar wissen, dass sie theoretisch krank sein dürfen – sich in der Praxis aber nach einer Woche die Arbeit unendlich stapelt oder sich andere Teammitglieder anstelle der Kranken überlasten müssen. Unter solch einem Druck wird sich niemand erholen“, sagt Gesundheitsmanagerin Griesel. Um das zu verhindern, helfe es, sich die klassischen Fragen zur Arbeitsorganisation zu stellen – um mögliche Haupttreiber von Präsentismus zu identifizieren und zu reduzieren: Wie dicht ist die Personaldecke? Rechne ich auf Kante – oder ist da auch Luft für Menschen, die erkrankt sind? Gibt es Vertretungslösungen? Wie hoch ist der Zeitdruck? Wie viel Handlungsspielraum haben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, wenn es darum geht, die eigene Arbeit zu organisieren? Angst, durch entsprechende Anpassungen Blaumachen zu fördern, muss niemand haben – da sind sich die Experten und Expertinnen einig. „Die allermeisten Menschen arbeiten grundsätzlich einfach gern. Das sollte man bei alldem stets im Kopf haben“, sagt Professorin Lohaus. Wie lässt sich Präsentismus im Homeoffice einschränken? Dass Angestellte im Homeoffice trotz Krankheit arbeiten, ist ein Problem, das den Fachleuten zufolge nicht allein über eine verbesserte Kommunikation und Arbeitsorganisation zu lösen ist. Denn: „Dahinter stecken vor allem Schuldgefühle, eben weil der Gedanke, andere nicht im Stich lassen zu wollen, ein Hauptmotiv ist, wieso Menschen krank daheim arbeiten. Besonders gefährdet sind dabei all jene, die viel Selbstwert aus der Arbeit ziehen und grundsätzlich eher zu viel arbeiten“, sagt Expertin Brosi. Um hier etwas zu bewirken, gilt es Brosi zufolge, Teammitglieder in Sachen Homeoffice individuell zu führen. „Besprechen Sie mit den Arbeitnehmenden immer wieder, wie diese das Homeoffice nutzen und wie sie damit klarkommen. Sie müssen als Führungskraft die Bedürfnisse der einzelnen erkennen – und dann darauf eingehen. Für Menschen etwa, die privat und beruflich nicht gut trennen können, sind fixe Strukturen in einem Büro oft besser.“ Homeoffice komplett zu unterbinden, um Workahomeism zu verhindern, sei dagegen keine Lösung. „Unternehmen würden so jene bestrafen, die Homeoffice auf gesunde Art in den Arbeitsalltag integrieren. Und für die mobiles Arbeiten wiederum ein Bedürfnis ist, weil sie etwa von 15 bis 19 Uhr Zeit mit den Kindern verbringen und sich danach noch mal an die Arbeit setzen.“ Mehr zum Thema hier: Homeoffice-Regelung: Das gilt für das mobile Arbeiten Was müssen Arbeitgeber bezüglich des Arbeitsrechts bei Präsentismus beachten? Es ist reine Privatsache von Mitarbeitenden, zu entscheiden, wann sie arbeiten können und wann nicht? Mitnichten, sagt Kurt Pärli, Professor für Soziales Privatrecht an der Universität Basel: „Präsentismus berührt die Fürsorgepflicht von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Sie müssen dafür sorgen, dass die Arbeit in Ihrem Unternehmen nicht krank macht, beziehungsweise dafür, dass Angestellte wieder gesund werden können“, so Pärli, der sich in einem Artikel mit dem Thema befasst hat. Das bedeute für die Praxis: „Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber müssen kranke Angestellte nach Hause schicken. Dank ihres Direktionsrechts dürfen sie das auch. Als letztes Mittel dürften sie sogar Computerzugänge sperren, damit die Leute nicht einfach daheim krank weiterarbeiten.“ Missachteten Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen diese Fürsorgepflicht, könnten sie sogar schadenersatzpflichtig werden. Ein Beispiel für solch einen Extremfall: Eine an Covid-19 erkrankte Mitarbeiterin steckt einen immungeschwächten Kollegen an, schädigt ihn damit schwer – und es lässt sich nachweisen, dass der Arbeitgeber über die Infektion Bescheid wusste, die Angestellte aber nicht nach Hause schickte. Präsentismus und Absentismus: Wo liegen die Unterschiede? Absentismus bezeichnet das Phänomen, wenn Menschen gewohnheitsmäßig nicht zur Arbeit gehen, obwohl sie es könnten – etwa aufgrund fehlender Motivation oder mangelnder Leistungsbereitschaft. Dieses wiederholte Blaumachen verursacht Kosten durch Fehlzeiten, die nicht auf Krankheiten zurückzuführen sind. Damit steht Absentismus im Gegensatz zum Präsentismus, wenn Menschen trotz Krankheit weiterhin Leistungen erbringen. Mehr dazu hier: Krankfeiern: Das dürfen Chefs bei Verdacht auf Blaumachen tun Extra-Tipp: Allen Bemühungen zum Trotz kommen Teammitglieder weiter krank zur Arbeit und verteilen etwa Erkältungsviren im Büro? Dann wird es Zeit für ein Konfliktgespräch. impulse-Mitgliedern hilft ein Spickzettel zum Download, die richtigen Worte zu finden und das Gespräch souverän und konstruktiv zu führen.
Mehr lesen über