Digitale Erschöpfung „Ich habe keine Lust mehr auf Videokonferenzen“
  • INSIDER
Digitale Erschöpfung ist in Zeiten von Homeoffice und Videokonferenzen nicht selten.

© Lyubchik Prokopchuk / iStock / Getty Images Plus

Ein Videomeeting nach dem anderen, immer wieder spinnt die Technik. Nach Monaten im Homeoffice spüren viele eine digitale Erschöpfung – so auch impulse-Bloggerin Anabel Ternès. Was ihr dagegen hilft.

Freitag, 8 Uhr: der erste Call des Tages, wir treffen uns über das Videosystem Bluejeans

8.30 Uhr: nächstes Meeting über Microsoft Teams

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10 Uhr: GotoMeeting

11 Uhr: ein weiterer Teams-Call

12 Uhr:  Zoom

Der Tag geht ähnlich weiter, später kommt mit Whatsapp-Video ein weiteres Tool hinzu. Nein, ich mache hier keine Werbung für verschiedene Videotelefonie-Anbieter. Das ist einfach momentan mein Alltag. Weil ich neben meinem Unternehmen als Director, Institutsleiterin, Professorin und Beirätin tätig bin, kommen für mich viele Calls und verschiedene Konferenz-Tools zusammen. Das wäre schon genug , würde dabei immer alles glatt laufen. Aber dem ist natürlich nicht so.

Es gibt immer wieder überraschende Probleme

Ich erinnere mich noch, als ich das erste Mal einen Termin für ein Team-Meeting bei Microsoft Teams eingestellt hatte. Bei unserer Einführung sagte man uns, dafür könnte man auch den Button ‚Streamteam‘ nutzen. Und dann habe ich mich eine Viertelstunde vor Beginn des Meetings gewundert, dass mich Personen anschrieben, die ich nicht kannte. Sie wollten wissen, was denn gleich passiert. Und dann wusste ich auch, woher sie von dem Meeting wussten: Wenn man diesen Button verwendet, können alle Nutzer das Meeting sehen und sind auch automatisch dazu eingeladen. In diesem Fall hatten gut 5.000 Leute eine Einladung bekommen. So ärgerlich.

Immer wieder tauchen auch technische Probleme auf: Im gleichen Haushalt sind plötzlich fünf Leute im Internet, dann hakt die Verbindung. Ein Bild ist total verpixelt oder das Video stockt ständig. Oder man ist nur im Abstand von zwei Minuten verständlich zu hören.

Jemand anderes vergisst, sich das entsprechende Tool runterzuladen und kommt viel zu spät ins Meeting. Oder der Klassiker: Eine Person redet, obwohl sie stummgeschaltet ist. Und schafft es nicht, ihr Mikro anzustellen. Dann holt man sie per Telefon dazu und es piept bei allen anderen in den Ohren. Oder einer hat sein Mikro nicht stummgestellt und alle anderen hören, dass im Hintergrund gerade gesaugt wird. Bis derjenige es mitbekommen und geschafft hat, das Mikro stummzustellen, musste das Meeting unterbrochen werden.

Videocalls erschöpfen mich

Das ist so anstrengend. Ich vermisse es, Meetings vor Ort zu haben, einfach mal so zu plaudern, zu stehen, herumzugehen. Einer schreibt an ein Whiteboard und die Aufmerksamkeit aller ist auf diese Fläche gerichtet – kein E-Mail-Schreiben nebenher oder Chatten mit einem Kollegen. Nicht den ganzen Tag vor dem Bildschirm zu sitzen. Jemanden in den Arm zu nehmen. Ich habe manchmal wirklich keine Lust mehr auf Videokonferenzen. Bei Videocalls entfällt vieles, was uns vor Ort hilft, andere besser zu verstehen, Gesagtes zu deuten: Die Gestik, je nach Videoqualität auch die Mimik. Auf Dauer erschöpft das. Ich spüre manchmal eine Art digitale Müdigkeit.

Auch bei meinen Mitarbeitern spüre ich diese Meeting-Müdigkeit. Sie sind davon genervt, wenn ständig jemand rausfliegt, mit dem man gerade noch etwas besprechen wollte. Oder wenn beim Whatsapp-Call plötzlich ein normales Telefonat dazwischenkommt und damit das ganze Meeting zerschießt.

Neben den technischen Problemen kommt dazu, dass fast schon verschiedene Glaubensbekenntnisse hinter den Tools stecken: Die eine Mitarbeiterin arbeitet nur mit Bluejeans. Der andere sagt, Skype ist ihm nicht sicher genug. Eine dritte: „Web-Ex? Dafür muss ich mir den Chrome-Browser runterladen. Damit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht, ich vertraue Google nicht.“ Und der nächste hat keine Lust auf Microsoft, weil er sicher ist, dass Bill Gates die Weltherrschaft anstrebt und hinter den Corona-Lockdown-Bestimmungen steckt.

Was mir gegen die digitale Erschöpfung hilft

Es ist wirklich eine herausfordernde Zeit. Auch für jemanden wie mich, die alle neuen Tools kennt und sich schnell damit zurechtfindet. Andererseits weiß ich: Sich ständig über den digitalen Overkill aufzuregen, macht es nicht weniger anstrengend. Die Situation ist einfach gerade so, daran kann ich nichts ändern. Die Corona-Krise wird irgendwann vorbeigehen. Und bis dahin kann ich versuchen, die Situation als Chance zu begreifen: Diese Zeit bietet uns die Möglichkeit, unsere Krisenfestigkeit zu trainieren. Die vielen hakeligen Video-Calls schulen unseren Umgang mit Scheitern. Und ich kann mich in Fähigkeiten üben, die mir helfen, besser mit der digitalen Müdigkeit zurechtzukommen:

1. Flexibel sein

Bei einem Meeting wollte ich meinen Bildschirm teilen. Leider wurde dann nur die untere Hälfte meines Screens geteilt, die obere sah ich. Entsprechend sahen die Zuschauer mich und meinen Bildschirm nur halb. Dann blieb das Programm hängen, nichts ging mehr, ich konnte mich auch nicht mehr abmelden.

Auch bei Meetings vor Ort gibt es technische Probleme. Etwa wenn der Beamer nicht anspringt, alle sich an ihm versuchen, bis nach 20 Minuten jemand von der IT kommt. Aber da ist man gemeinsam vor Ort und kann noch miteinander sprechen – bei digitalen Meetings ist das anders, wir müssen improvisieren, uns schnell eine Alternative einfallen lassen.

Im beschriebenen Meeting habe ich mir einen Ersatzrechner genommen, um einem Kollegen meine Dateien zu schicken, habe ihn schnell per Telefon instruiert und mit seiner Hilfe die Präsentation weiter gehalten, ohne sie selbst zu sehen.

2. Gelassen bleiben

Wenn solche Probleme auftauchen, bringt es wenig, in Panik zu verfallen und Stress zu verbreiten. Momentan läuft vieles nicht so geordnet, wie wir es gerne hätten. Da gilt es, eine gewisse Ruhe und Ausgeglichenheit im Sturm zu entwickeln. Ich sage mir – und meinem Team – dann: „Das kriegen wir alles irgendwie hin.“

3. Sich achtsam gegenüber anderen verhalten

Wenn ein Gesprächspartner auch nach knapp einem Jahr im Homeoffice immer mal wieder das Video oder den Ton nicht zum Laufen kriegt, reißt einem schon mal die Geduldschnur. Aber es nützt überhaupt nichts, denjenigen dafür niederzumachen. Das führt nur dazu, dass er keine Lust mehr auf Remote-Arbeiten hat.

Auch hier hilft es mir, mich in Gelassenheit zu üben. Und statt zu motzen zu sagen: „Ich verstehe, dass du es gerade probiert hast. Wir versuchen einen anderen Weg.“ Und dann wählt man denjenigen per Telefon ein. Und klärt im Nachhinein, warum er immer wieder Probleme mit der Technik hat und unterstützt ihn.

4. Vorausschauend planen

Weil ich jeden Tag mehrere Videotelefonie-Tools nutze und einige virtuelle Meetings habe, schreibe ich mir in den jeweiligen Termin einige Zusatznotizen zur Vorbereitung und checke vorher: Kenne ich das Tool? Muss ich vorab etwas herunterladen oder mich mit einem neuen Programm vertraut machen? Es lohnt sich, im Vorhinein ein paar Minuten in diese Fragen zu investieren. Dann kann ich direkt ins Meeting starten und muss meinen Gesprächspartner zu Beginn nicht mit technischen Problemen nerven.

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2 Kommentare
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    Kay Jordan 10. Februar 2021 15:56

    @ Bernd Eilbacher: (gleich mit der Bitte, das @ an dieser Stelle zu verzeihen, es ist halt gebräuchlich)
    Genau, so ist es nun mal. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen erstens mit der Situation und den „Remote-Lösungen“ leben und arbeiten. Zweitens müssen wir gerade in diesem Umfeld (der Nutzung digitaler Medien) damit umgehen, dass Anglizismen gebräuchlich sind und es immer mehr werden.

    Und das aus meinem Mund/meiner Tastatur – dabei nutze ich wenn möglich vorrangig meine Muttersprache!
    Schon deshalb weil ich die inflationäre Verwendung von Anglizismen traurig finde. Es gibt tatsächlich Gespräche, in denen ich hartnäckig meine Tochter bitten muss, ein (häufig vorkommendes deutsches) Wort bei Bedarf im Wörterbuch nachzuschlagen, wenn es ihr nur auf Englisch einfällt. Ich möchte dem Verkümmern des reichen Wortschatzes unserer eigenen Sprache nicht auch noch Vorschub leisten.
    Dabei liebe ich Fremdsprachen! Aber meine eigene Sprache eben auch.

    Trotzdem komme ich nicht drumrum, die fachspezifischen Anglizismen zu kennen. Immer dann, wenn ich ein Äquivalent auf Deutsch weiß, spreche ich es aus. Als Ausdruck meiner inneren Rebellion und zur Pflege der Muttersprache im Ohr des Gegenübers. Damit unsere Kinder und Enkel ihre Sprache nicht irgendwann als reduzierte Notlösung ansehen.

    Ich fürchte, mehr ist nicht drin. Sehen wir es als zusätzliche Bildung, wenn wir immer mehr Begriffe auch auf Englisch kennen. Es lebe die Vielfalt!

  • Avatar
    beilbacher@t-online.de 9. Februar 2021 17:02

    Ja so ist nun mal:
    Wenn Ihre Wortwahl bei den “ meetings “ genauso ausfällt wie hier im Artikel ( blog ) wundert mich nichts.
    …Tools und overkill, zoom und teams call… tragen bestimmt dazu bei, dass Sie die Gelassenheit verlieren.

    Schon alleine das Lesen dieses Artikels muß doch zu nicht nur digitaler Erschöpfung führen,
    Sie hätten Ihre kostbare Zeit besser zu einem “ walk “ in der Natur nutzen sollen, vielleicht hätte dies zu einigen netten speaches geführt.

    Es grüßt Sie ganz gelassen

    Bernd Eilbacher

    Dipl. Ing.

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