Vor einigen Tagen las ich, dass einige Unternehmen sogenannte „Null-Bock-Tage“ eingeführt haben: Merkt ein Teammitglied am Morgen, dass es sich nicht gut fühlt oder eben „null Bock“ hat, kann es sich kurzfristig abmelden – bei vollen Gehalt.
Laut Medienberichten sollen große Tech-Unternehmen wie Microsoft und LinkedIn solche Tage anbieten. Aber auch Firmen in Deutschland, etwa das Berliner Start-up Einhorn, haben Null-Bock-Tage eingeführt.
Einige Berater schwärmen, dass sich dadurch nicht nur die Arbeitgeberattraktivität steigern lasse, sondern auch eine neue Ehrlichkeit einzöge: Die Mitarbeitenden würden ermutigt, ehrlich zu sagen, wenn sie sich mal nicht nach Arbeit fühlten, und einen Tag zum Auftanken bräuchten – statt einfach herumzubummeln und blauzumachen.
Auf die Gefahr hin, hoffnungslos „oldschool“ zu sein: Ich habe null Bock auf Null-Bock-Tage. Das Konzept widerspricht meinen Erfahrungen.
Erfahrung 1: Motivation entsteht oft erst bei der Arbeit – nicht davor
Die meisten kennen das vom Sport: Man hat keine Lust, zu joggen, aber wenn man losgelaufen ist, macht es Spaß. Zu erwarten, dass man jedes Mal Motivation verspürt, BEVOR man mit einer schwierigen Aufgabe anfängt, halte ich daher für eine schlechte Strategie.
Erfahrung 2: Das Selbstwertgefühl steigt, wenn man etwas Wichtiges/Richtiges tut, obwohl man keine Lust hat
Es gibt viele Dinge in meinem Leben, die ich für wichtig halte, auf die ich aber absolut keine Lust habe. Privat sind das zum Beispiel regelmäßige Zahnarztbesuche oder die Steuererklärung. Bei der Arbeit ist es für mich ein Graus, kritische Leserbriefe zu beantworten. Gebe ich meiner Unlust nach (gehe ich etwa nicht zum Zahnarzt oder lasse die Leserbriefe unbeantwortet), mag sich das kurz gut anfühlen. Aber ziemlich schnell setzt Reue ein. Auch Psychologen sagen: Das Selbstwertgefühl sinkt, wenn wir es nicht schaffen, uns zu Dingen aufzuraffen, die uns wichtig sind.
Im Umkehrschluss gilt ebenso: Diszipliniert man sich und erledigt die ungeliebte, aber wichtige Aufgabe, fühlt man sich gut.
(Nicht dass wir uns falsch verstehen: Wer grundsätzlich keine Lust auf seine Arbeit hat oder darin keinen Sinn findet, sollte sich unbedingt nach Alternativen umschauen.)
Erfahrung 3: Alle erfolgreichen Menschen sind gut darin, etwas zu tun, obwohl sie keine Lust haben
Etwas zu tun, obwohl man keine Lust darauf hat, ist eine Schlüsselkompetenz. Dabei ist es egal, ob man Superstar werden will oder einfach eine wertvolle und geschätzte Teamkollegin.
(Ich schreibe hier bewusst „alle erfolgreiche Menschen“. Wenn Ihnen irgendwer einfällt, der erfolgreich auf einem Gebiet ist und nur lustgetrieben etwas tut, dann schreiben Sie mir bitte.)
Erfahrung 4: In vielen Unternehmen gibt es bereits die Möglichkeit, kurzfristig frei zunehmen
Bei impulse haben wir zum Beispiel Gleitzeit und die Arbeitszeit wird in Arbeitszeitkonten festgehalten. Dabei gilt die Regel: Wer einen Tag Überstunden abbummeln möchte, muss das nicht mit seiner Führungskraft absprechen. Er oder sie schaut eigenverantwortlich, ob der freie Tag zu Problemen führt, und falls das nicht der Fall ist, informiert er das Team und bleibt zuhause. Und wenn es einem nicht gut geht und man nicht arbeiten kann? Na dann meldet man sich natürlich einfach krank.
