Energiekosten „Das ist die größte Unsicherheit in meiner Unternehmerlaufbahn“

Michael Andreae-Jäckering betreibt in Hamm ein Werk zur Produktion von Weizenstärke. Die hohen Gaskosten treffen auch ihn hart, trotzdem ist er optimistisch – und schöpft Hoffnung aus der Geschichte.

Energiekosten

© Javier Zayas Photography/Moment/Getty Images

„Unseren Betrieb gibt es seit mehr als einem Jahrhundert. Aber solche turbulenten Zeiten wie in diesem Herbst hatten wir noch nie. Wir sind ein Mühlenwerk. Vereinfacht gesprochen mahlen wir Weizen und verarbeiten das Mehl zu Stärke für die Papierherstellung. So eine Stärke wird beispielsweise benötigt, um Kartonage, die aus Altpapier hergestellt wird, fester zu machen.

Für die Stärkeproduktion benötigen wir viel Wasser, Strom und Wärme. Dafür haben wir uns schon in den späten neunziger Jahren ein eigenes Kraftwerk mit mittlerweile sieben Motoren gebaut. Der Brennstoff für die Anlage ist Gas, weil es immer eine hohe Verfügbarkeit hat und in den benötigten Mengen gut zu beschaffen war.

Was aus den Umlagen und Entgelten wird? Unklar!

Doch günstig ist in diesem Herbst nichts. Zwar gab es vorige Woche einen Lichtblick: Die Gaspreisumlage wurde wieder gestrichen – und das erspart uns 508.000 Euro zusätzlich. Jeden Monat, wohlgemerkt. Doch die Gesamtkosten sind trotzdem erdrückend. Bisher zahlten wir im Monat zwischen 800.000 und 900.000 Euro für Gas. Für das letzte Quartal dieses Jahres müssen wir mit 1,5 Millionen Euro monatlich fast doppelt so viel ausgeben. Der Grund: Wir kaufen immer nur etwa 75 bis 90 Prozent unseres kalkulierten Gasbedarfs im Voraus am Terminmarkt ein. Die restlichen Mengen beschaffen für uns dann am Spotmarkt. Damit werden Schwankungen in der produktionsabhängigen Abnahme ausgeglichen.

Zur Person

Michael Andreae-Jäckering ist 72 Jahre alt und der dritte Chef der Jäckering Gruppe mit Sitz in Hamm. Gegründet wurde der Betrieb 1910 von Andreae-Jäckerings Großonkel, Hermann Jäckering, als reine Mühle. Dessen Sohn, Günter Jäckering, entwickelte das Unternehmen weiter, Schwerpunkt ist heute das Mühlen- und Nährmittelwerk zur Stärkeherstellung. Weiter gehören zur Gruppe eine Produktion von speziellen Luftwirbelmühlen, die ursprünglich für den Eigenbedarf entwickelt und später weltweit verkauft wurden für viele Anwendungen.

Doch diese Taktik hat sich in diesem Jahr gerächt, der Nachkauf für das letzte Quartal kommt uns teuer zu stehen. Aber wenn es nur dabeibliebe: Denn Wirtschaftsminister Robert Habeck hatte ja kurzerhand auch sämtliche bisher auf Null gesetzten Abgaben wiedereingeführt: Die Bilanzierungsumlage soll uns ab 1. Oktober monatlich 82.000 Euro kosten, die Gasspeicherumlage 12.400 Euro, das Konvertierungsentgelt beträgt 10.000 Euro, die Konvertierungsumlage schlägt mit 8.000 Euro zu Buche. Aktuell wissen wir nicht, ob diese Abgaben nun auch wieder entfallen. Keiner hat bisher Informationen. Ich hoffe, das klärt sich bald im Gespräch mit den Stadtwerken Hamm.

Die Papierindustrie storniert die Aufträge

Die Spitzenleistung unseres Kraftwerks liegt bei etwa 13 Megawatt Strom. Unsere Dauerleistung liegt bei ca. 9,5 bis 10 Megawatt. Und die Anlage läuft 24 Stunden, sieben Tage die Woche – wenn wir sämtliche Stärkemengen verkaufen, die wir produzieren. Aber zurzeit ist der Absatz schwierig. Nicht, weil es uns an Gas mangelt, sondern weil die Papierindustrie die Produktionskapazitäten drosselt. Die Menschen sind neuerdings sparsam, bestellen beispielsweise weniger im Onlinehandel – also werden weniger Pappkartons für den Versand benötigt.

Die Papierindustrie fährt jetzt ihre Produktion aber nicht auf etwa 60 oder 70 Prozent herunter – sondern komplett. Stillstand, für drei, vier, fünf Tage. Solche Entscheidungen werden spontan getroffen. Was für uns wiederum bedeutet, dass Stärkebestellungen von einem auf den anderen Tag storniert werden. Und weil wir jahrelange Kunden nicht verlieren wollen, handeln wir kulant und akzeptieren das.

Der Betrieb läuft nach kurzer Pause wieder langsam an

Diese Stornierungen häufen sich derzeit, deswegen haben wir immer weniger Abnehmer für unsere Stärke. Unsere Silos sind randvoll, wir können nicht mehr weiterproduzieren. Vorige Woche hatten wir deswegen den Betrieb für vier Tage heruntergefahren und eine Handvoll Mitarbeiter in den Urlaub geschickt.

Direkt vor dem Feiertagswochenende ging es dann wieder los, aber nicht einmal mit halber Kraft. Denn wir nutzen die Zeit, um schrittweise die Erweiterung unserer Produktionsanlage in Betrieb zu nehmen. Dafür hatten wir schon vor drei Jahren ein Investment von 100 Millionen Euro beschlossen, wir wollen damit unsere Kapazitäten verdoppeln.

Preise erhöhen? Das funktioniert bei uns nicht

Dieses Investment soll auch unseren 140 Mitarbeitern deutlich machen: Wir glauben an unser Produkt, wir glauben an die Zukunft unseres Unternehmens. So etwas ist überzeugender, als jetzt irgendwelche Durchhalteparolen auszugeben, die die Beschäftigten beruhigen sollen. Wir haben eine schwierige Zeit, aber in der Vergangenheit gut verdient – und deswegen meistern wir diese Krise.

Einer guten Substanz und einem zukunftsfähigen Produkt vertrauen, das ist gerade für uns wichtig. Preise erhöhen? Dieser Reflex greift bei uns nicht. In Deutschland gibt es nur eine Handvoll Betriebe, die ebenfalls Stärke für die Papierindustrie produziert. Ansonsten bewegen wir uns in einem europäischen Wettbewerbsumfeld. Unsere Konkurrenten haben alle zwar dieselben Kosten für den Weizen als Rohstoff: Derzeit liegt der Preis bei etwa 340 Euro pro Tonne. Vor einem dreiviertel Jahr waren es noch 170 Euro.

Aber: Die internationalen Konkurrenten müssen nicht dieselben hohen Preise für Energie zahlen wie wir, und deswegen haben sie geringere Gesamtkosten. Wenn ich nun zu den Papierherstellern gehe und sage, dass wir deswegen die Preise drastisch erhöhen müssen, werden die vielleicht sagen: „Wir haben Verständnis für Ihr Problem. Aber die Belgier und die Österreicher haben die Preise nicht erhöht. Deswegen werden wir jetzt dort kaufen.“ Und wir sind dann schnell aus dem Markt – und schlimmstenfalls wirtschaftlich erledigt.

Ich habe auch Mitleid für Robert Habeck

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die jetzt behaupten, dass sie in der Krise alles besser könnten als Robert Habeck. Ich bewundere den Wirtschaftsminister, gleichzeitig bemitleide ich ihn. Denn er wird es niemals allen recht machen.

Das Problem meines Unternehmens ist leider, dass wir als Stärkeproduzenten nicht im Fokus seines Ministeriums stehen. Da sind andere Branchen offenbar wichtiger, wie die Stahl- und Chemieindustrie, die Glashersteller – und selbstverständlich die Lebensmittelproduzenten. Wir sind eine kleine, spezielle Branche, die mittelständisch und mit internationalen Großunternehmen strukturiert ist und trotzdem enorm energieintensiv. Wir fallen durchs Raster. Die Bundesregierung behauptet immer, energieintensiven Firmen zu helfen, es gibt entsprechende Finanzprogramme. Doch mein Finanzchef hat sie alle geprüft und befunden: Keines ist für uns tauglich. Die meisten Programme greifen bei Firmen, die kurz vor der Pleite stehen. Das trifft aber auf uns nicht zu, denn wir hatten 2021 noch ein ausgeglichenes Ergebnis. Unterm Strich bekommen wir null Hilfe vom Staat und müssen uns darauf einstellen, enorme Mehrkosten zu kompensieren.

Sonnen- und Windenergie würden nicht helfen

Es hat für uns auch keinen Sinn, jetzt auf neue Energieträger umzustellen. Für eine Fotovoltaikanlage haben wir zu wenig Dachflächen. Selbst wenn wir sie hätten, kann so eine Anlage nicht dauerhaft 13 MW oder mehr Leistung liefern. Das gilt auch für eine eigene Windkraftanlage.

Und ein neues Kraftwerk zu bauen, etwa mit Holz als Brennstoff, würde zwei, drei Jahre dauern für Planung, Genehmigung und Bau. Die vernünftigste Option ist für uns Wasserstoff. Hier unterstützen wir eine Initiative der Stadt Hamm, ein entsprechendes Versorgungsnetz zu etablieren. Doch bis das funktionsfähig ist, wird noch eine lange Zeit vergehen.

Die Ölkrise haben wir auch erfolgreich überwunden

Zudem wissen wir alle nicht, welche Auswirkungen der Krieg in der Ukraine noch haben wird. Mit 72 Jahren stehe ich jetzt vor der größten Unsicherheit in meiner Unternehmerlaufbahn.

Ich tröste mich mit den Erlebnissen aus der Ölkrise 1973/74. Damals wurde auch prognostiziert, dass der Ölpreis nie wieder sinken werde. Das Gegenteil war der Fall. Vielleicht ist der Krieg in der Ukraine schneller vorüber, als viele denken. Und vielleicht haben wir dann mit unserem Gas-Kraftwerk wieder die richtige Technik. Zumindest ist Gas der beste Energieträger als Überbrückung bis zu der Zeit, bis genügend regenerative Energiequellen zur Verfügung stehen.

Ich bin optimistisch.“

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