Komplexität reduzieren
Klug weglassen und so Ihr Unternehmen voranbringen – fünf Erfolgsbeispiele

Das Angebot reduzieren, zeitraubende Prozesse und Hierarchiestufen streichen, Aufgabenbereiche straffen: Fünf Unternehmerinnen und Unternehmer zeigen, wie Weglassen Firmen fit für die Zukunft macht.

29. Mai 2024, 08:53 Uhr, von Wiebke Harms und Kathrin Halfwassen

Komplexität reduzieren
Was kann da weg? Wer sich diese Frage nicht regelmäßig stellt, verliert rasch den Durchblick im eigenen Unternehmen.
© Jasmin Merdan / Moment / Getty Images

Wie schafft man es, sich gegen das „Immer mehr“ wehren, dem Menschen nur schwer widerstehen können? Die folgenden fünf Unternehmensbeispiele zeigen es. Die Personen an der Spitze dieser Betrieben haben ganze Produktgruppen gestrichen, radikal Prozesse aussortiert und Mechanismen gegen das Projekt-Messitum etabliert. Und geben damit Inspiration für alle, denen Weglassen (noch) schwerfällt – und die wissen wollen, wie es gelingt, Unnötiges zu identifizieren und klar zu sagen: „Das kann weg!“

Das kann weg 1: unrentable Produkte

„Wir bleiben nie stehen, sondern rollen mit unseren Knödeln nach vorn“, so steht es auf der Homepage des Knödelherstellers Burgis. Lange spielten beim Blick in die Zukunft auch andere Produkte eine Rolle: kleine vorgekochte Kartoffeln etwa, Schupf­nudeln und Bratkartoffeln. Bis sich die Verantwortlichen an der Spitze des 1929 gegründeten Familienunternehmens vor zehn Jahren zu einem drastischen Schritt entschlossen: „Wir haben alles aus dem Sortiment gestrichen, bis auf die Knödel“, erklärt Christina Weiß, die mit ihrem Cousin Timo Burger die Geschäfte leitet.

Auslöser für die Entscheidung war der geplante Umzug aus der alten Molkerei im Zentrum von Neumarkt in der Oberpfalz – an den Stadtrand zum Kartoffelweg 1. „Während wir den Neubau planten, haben wir uns mit jeder Sparte des Sortiments beschäftigt. Und überlegt, welche Maschinen wir mitnehmen. Dabei kam schnell der Gedanke auf: Was wäre eigentlich, wenn wir die Linie mit den Kartoffel­produkten komplett weglassen würden?“

Christina Weiß und Timo Burger
© Burgis Knödelliebe Christina Weiß und ihr Cousin Timo Burger haben die Produktpalette beim Knödelhersteller „Burgis“ gestrafft.

Als Burger und Weiß sich eine Welt vorstellten, in der ihr Unternehmen nichts als Knödel herstellt, lagen plötzlich Vorteile offen da, die die Tradition zuvor verdeckt hatte. Zum einen einfachere Prozesse. „Die kleinen, vorgegarten Kartoffeln etwa machten gerade einmal 8 Prozent des Umsatzes aus, verursachten aber ­locker ein Viertel des Aufwands in der Produktion“, erinnert sich Weiß.

Beispielsweise hatten die Landwirte, die Burgis belieferten, den Pflanzabstand verringern müssen, um so mehr kleine Kartoffeln ziehen zu können. Und weil sich für die vorgegarten Knollen eher eine früh im Jahr zu erntende Sorte eignete, musste das Unternehmen viel Lagerplatz vorhalten, um das Produkt ganzjährig anbieten zu können.

Hinzu kam: Da nur makellose ganze Kartoffeln, in Folie verpackt, die Kundschaft überzeugten, war die Schälanlage auf dieses Produkt eingestellt. Auch die Kartoffeln, die für ­andere Produkte später zerkleinert wurden und nicht so dick hätten geschält werden müssen, liefen durch diese Maschine. Die Folge: ein
5 Prozent höherer Materialverlust. Eine zweite Schälmaschine? Wäre noch teurer gewesen.

Neben dem geringeren Aufwand sprach die günstigere Marktsituation bei den Knödeln ­dafür, alles andere wegzulassen. „Wir waren damals als erstes Unternehmen mit vorgeformten, abgepackten Knödeln gestartet – und das sehr erfolgreich“, sagt Weiß. „Bei Bratkartoffeln, Schupfnudeln und allem anderen gab es viel mehr Wettbewerber. Wir mussten an sechs Tagen in der Woche in drei Schichten produzieren, um ausreichend große Mengen herzustellen und so trotz der kleinen Margen genug Erträge zu bekommen“, so Weiß weiter. Und Burger ergänzt: „Von oben draufgeschaut war klar, dass wir im Grunde schon ein Knödelspezialist waren. Und nie ein Kartoffelspezialist werden würden – wir besaßen ja nicht mal einen Acker!“

Kleineres Sortiment, klare Abläufe

Ein gutes halbes Jahr vor dem Umzug Ende ­Juli 2018 stellt Burgis die Produktion der Kartoffelspezialitäten ein – und ändert das Logo: Aus „Burgis. Feinste Kartoffelspezialitäten“ wird „Burgis. Knödelliebe“. Im Zentrum der Produktion steht nun wieder der Kloßteig aus ­rohen Kartoffeln im Beutel, jenes Produkt, mit dem die Urgroßmutter von Burger und Weiß 1963 das erste Mal an den Markt gegangen ist. Dazu gibt es die vorgeformten Knödel, eine kleine Variante („Knödelinos“) und Semmelknödel. „In der Produktion und im Einkauf ­haben alle ausgeschnauft, als wir gesagt haben, wir machen nur noch das“, so Weiß. „Denn die neue Betriebshalle war damit viel einfacher zu planen, die Struktur der Produktion und die Abläufe sind seitdem viel klarer.“

Auch das Marketing wird leichter: „Wenn man sich ­spitzer positioniert, versteht einen der Kunde besser. Und Social Media war plötzlich eine Riesenchance: Wir konnten Food-Influencer leichter überzeugen, für uns zu werben – weil diese, so mein Eindruck, Spezialisten mögen“, sagt Burger, der das Marketing verantwortet.

Widerstände im Team und im Handel


Sie möchten weiterlesen?
impulse+ icon Anmelden
impulse-Mitglieder können nach dem Anmelden auf alle impulse+ icon-Inhalte zugreifen.
impulse+ icon impulse-Mitglied werden
  • impulse-Magazin
  • alle impulse+ icon-Inhalte
  • digitales Unternehmer-Forum
  • exklusive Mitglieder-Events
  • und vieles mehr …
Alle Texte der Titelstory

Komplexität als Problem
„Mehr!“ Wie ständiges Hinzufügen Ihrer Firma schadet – und was dagegen hilft
Ideen, Produkte, Prozesse: Wer nur hinzufügt, verliert in der eigenen Firma den Durchblick. Besser: Unnötiges identifizieren und weglassen, um die Komplexität zu reduzieren. Was Sie dazu wissen müssen.

Weglassen üben
Wie Sie souveräner loslassen – und Unsicherheit als Ressource nutzen
Ein Blick auf die eigene Persönlichkeit hilft, Ballast abzuwerfen und erfolgreicher zu sein, meint Thomas Schöller, Psychologe und systemischer Organisationsberater. Wie genau, erklärt er im Interview.

Tipps zur Komplexitätsreduktion
Weglassen wie die Profis: 3 Blitz-Methoden
Komplexität zu reduzieren ist eine schwierige Aufgabe, die irre viel Zeit braucht? Nicht unbedingt! Diese drei Experten-Tipps garantieren schnelle Erfolge beim klugen Ausmisten.

Prozessanalyse
Mit diesen Fragen kommen Sie hakeligen Prozessen auf die Spur
Wer die eigenen Geschäftsprozesse optimieren will, sollte zunächst analysieren, wo der Schuh am meisten drückt. Der Fragebogen hilft dabei.

Kommunikationsregeln erstellen
Mit dieser Vorlage sorgen Sie dafür, dass Ihr Team konzentrierter arbeiten kann
Chat-Dauerfeuer, unnötige E-Mails: Ständig unterbrochen zu werden, nervt und schadet der Konzentration. Die Vorlage hilft, im Team Kommunikationsregeln zu erstellen - für weniger Ablenkung.