Schwäche zeigen
„Schweigen gegenüber dem Team bietet Raum für Gerüchte“

Was sage ich meinen Mitarbeitenden, wenn ich persönlich in eine Krise gerate? Wer offen damit umgeht, zeigt Führungsstärke, sagt Coach Tanja Eggers. Doch es gibt auch Grenzen.

29. September 2026, 08:05 Uhr, von Catalina Schröder

Eine Person im gelben Pullover hält sich einen gelben Luftballon vor das Gesicht, auf den ein trauriger Smiley gemalt ist.
© Xavier Lorenzo / Moment / Getty Images

impulse: Frau Eggers, wie soll ich mich dem Team gegenüber verhalten, wenn ich privat in einer Krise stecke?
Tanja Eggers: Grundsätzlich rate ich zur Offenheit. Denn Schweigen bietet Raum für Interpretationen und Gerüchte. Es ist immer besser, in der Selbststeuerung zu bleiben. Meine Erfahrung ist: Offenheit erzeugt Offenheit – und eröffnet neue Räume für den Dialog, auch im geschäftlichen Umfeld.

Schreckt die Vorstellung nicht ab, dem ganzen Team davon zu berichten?
Das verstehe ich. Doch das Team bekommt ohnehin mehr mit, als man denkt. Wer persönlich betroffen ist, steckt oft in einem Tunnel und bemerkt nicht, was sein Umfeld wahrnimmt. Offen mit privaten Krisen umzugehen, heißt nicht automatisch, dass man sich komplett öffnen muss. Es liegt in meiner Hand, was und wie viel ich preisgebe. Die eigene Intuition ist hier ein guter Ratgeber.

Die Expertin
Tanja EggersTanja Eggers, 51, ist systemische Managementberaterin bei Heilbronn. Bevor sie ihre Beratungsfirma gründete, arbeitete sie über 20 Jahre als Führungskraft in der Industrie und im Handel.

Unternehmerinnen und Unternehmer könnten fürchten, dass ihnen Offenheit als Schwäche ausgelegt wird. Was sagen Sie denen?
Mein Eindruck ist, dass unsere Gesellschaft sich weiterentwickelt hat und Offenheit inzwischen eher als Führungsstärke – und nicht als Schwäche – gesehen wird. Hieran arbeite ich, um dies weiter zu stärken. Unternehmerinnen und Unternehmer aus meinem Umfeld berichten mir, dass sie tiefgehende Rückmeldungen von ihren Mitarbeitenden bekommen haben, wenn sie offen mit persönlichen Herausforderungen umgehen. Letztlich sind wir alle Menschen. Offenheit und Professionalität schließen sich nicht aus, im Gegenteil. Es ist aus meiner Sicht die eigentliche Stärke, Menschlichkeit im Unternehmensalltag zu zeigen.

Kommunizieren Frauen und Männer unterschiedlich?
Ja, ich beobachte in der Tendenz durchaus Unterschiede. Frauen fällt es prinzipiell leichter, persönliche Belastungen anzusprechen und sich Unterstützung zu holen. Männer sind dagegen häufiger durch den inneren Antreiber geprägt, stark sein zu müssen. Dies führt oft dazu, Belastungen länger mit sich selbst auszumachen. Gleichzeitig spielt aus meiner Sicht die Generation eine große Rolle.

Inwiefern?
Babyboomer und Generation X sind mit einem starken Leistungs- und Durchhalteprinzip aufgewachsen. Persönliche Krisen wurden eher als Privatsache betrachtet. Die jüngeren Generationen erleben heute eine andere Kultur. Themen wie mentale Gesundheit, Resilienz oder Coaching sind selbstverständlicher geworden. Das erleichtert einen offeneren Umgang. Entscheidend ist am Ende jedoch weder das Geschlecht noch die Generation, sondern die Persönlichkeit, die eigene Haltung und die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

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Gibt es Ihrer Erfahrung nach einen richtigen Zeitpunkt, um dem Team von einer persönlichen Krise zu erzählen?
Den einen richtigen Moment gibt es nicht. Mein Impuls ist: lieber früher als später. Denn je länger man wartet, desto mehr Raum entsteht für Spekulationen und die Unsicherheit wächst.

Welche Form der Kommunikation empfehlen Sie – ein offenes Gespräch mit dem Team? Einzelgespräche? Oder per Mail?
Entscheidend ist die Situation und welche Auswirkungen die persönliche Krise auf das Unternehmen und die Mitarbeitenden hat. Ich bevorzuge das persönliche Gespräch. Bei einer E-Mail liest jeder etwas anderes zwischen den Zeilen. Und ich empfehle, stufenweise vorzugehen: Zuerst das direkt unterstellte Führungsteam einbeziehen und anschließend das gesamte Team informieren – jeweils so offen, wie es für die Zusammenarbeit erforderlich ist. Es geht nicht darum, alles zu erklären, sondern darum, Orientierung und auch in gewissem Maße Sicherheit in unsicheren Zeiten zu geben.

Was heißt das konkret?
Erkläre deinem Team zum Beispiel, falls du als Chefin oder Chef in nächster Zeit eine Auszeit aus den unterschiedlichsten Gründen nehmen wirst: Wer vertritt dich? Wer hat als Stellvertreter welchen Kompetenzspielraum? Klarheit hilft in alle Richtungen – und diese braucht es ganz speziell in Bezug auf die Führung.

Muss ich das Gespräch zwingend selbst führen oder kann ich auch jemanden aus meinem Führungsteam bitten, alle anderen zu informieren?
Selbstbestimmt ist immer die bessere Lösung – wenn es die Lage hergibt und dies der Person möglich ist.

Sie selbst arbeiten mit dem systemischen Ansatz: „Wo ist das Gute im Schlechten?“ Was heißt das konkret?
Diese Frage stelle ich mir nicht mitten in der Krise. Zunächst geht es darum, diese zu bewältigen. Erst mit etwas Abstand entsteht Raum für Reflexion. Krisen prägen und erden uns. Wenn es uns gelungen ist, eine Krise zu überstehen, gehen viele von uns auf eine gewisse Weise gestärkt daraus hervor. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht.

Sie haben das selbst erlebt, als Ihr Mann vor zehn Jahren einen Schlaganfall erlitt.
Keiner braucht Schicksalsschläge dieser Art. Es hat unser Leben verändert – nicht nur durch das, was verloren ging, sondern auch durch das, was wir neu entwickelt haben. Wir haben gelernt, Hilfe anzunehmen, Prioritäten neu zu setzen und das Leben bewusster zu gestalten. Daraus sind Krisenkompetenzen entstanden und ein anderer Blick aufs Leben, mit Demut und Mut. Genau das verstehe ich unter dem systemischen Blick. Nicht das Schwere an sich ist gut. Doch wir können uns fragen: Was hat mich diese Erfahrung gelehrt? Was nehme ich für mein weiteres Leben mit? Dadurch entstehen Krisenkompetenzen, die uns für die Zukunft stärken. Und das ist das Gute daran.